Deutschlands europäische Sendung

Part 2

Chapter 23,456 wordsPublic domain

Wenn wir mit diesem Stolz den jetzigen englischen Geist ablehnen, so sind wir von gutem Instinkt beraten. Denn dort drüben hat seit vielen Jahrzehnten, von Propheten wie Ruskin oder Carlyle mit zorniger Sorge umsonst gebrandmarkt, eine Landverödung und Seelenverödung Hand in Hand mit rücksichtsloser Politik des Geldmachens gearbeitet, so daß endlich einmal die Katastrophe kommen mußte. Die Grundlage einer guten Volkswirtschaft war je und je das gesunde Verhältnis zwischen Handel und Landbau: zwischen dem Beweglichen und dem Steten im Volkskörper. Nimmt die heute allgemeine Gefahr der Landflucht und des Massenandrangs in Fabriken und Großstädten weiter zu; vermehrt sich in Deutschland der östliche Zudrang einer polnisch-galizischen Unterschicht, die nach und nach in unser Volkstum hineinwächst: so werden Mächte über Deutschland die Oberhand bekommen, die den deutschen Charakter zum Unguten verändern werden. Bis jetzt ist noch jene Anekdote bezeichnend, die neulich durch die Blätter ging: ein Engländer äußerte, falls dies und das geschehe, würde England kämpfen bis zum letzten Penny. »Und Deutschland bis zum letzten Blutstropfen«, versetzte der Deutsche schlagfertig. Dort Penny -- hier Blut; dort Söldner -- hier Volk; dort Geschäft -- hier Erlebnis! Das ist der Unterschied zwischen englischer und deutscher Kriegsauffassung.

Der Deutsch-Engländer Houston Stewart Chamberlain, ein Geist von europäischer Spannweite, der sich äußerlich und innerlich in Wagners Welt eingebürgert hat, schrieb in diesen Tagen einige herbe Aufsätze über englische Art (Tägl. Rundschau, 252 ff.). Wir alle kennen und lieben an Shakespeares Dramen und Scotts Romanen das »~merry old England~«, das heitere Alt-England aus den Zeiten etwa der Königin Elisabeth. Aber mit zunehmender Schiffahrt (Sklaven- und Opiumhandel!) nebst Begleiterscheinungen seeräuberischer Art und einseitig zunehmender Industrie ist das fröhliche Alt-England zugrunde gegangen. »Heute ist die letzte Spur zertreten: man trifft in England keine Behäbigkeit, keinen breiten, _gütigen_ Humor, keine _Heiterkeit_ an; alles -- soweit das öffentliche Leben in Betracht kommt -- ist Hast, Geld, Lärm, Pomp, Protzentum, Vulgarität, Arroganz, Mißmut, Neid. Man erinnert sich des schönen altenglischen Weihnachtsfestes mit dem Schmuck von fruchttragenden Stechpalmen und den Mispelzweigen, unter denen unschuldige Küsse gestohlen wurden; am wenigsten an diesem Tage war, selbst noch vor dreißig Jahren, in ganz England auch nur ein Mensch aus seinem Heim zu locken; heute sind die Säle aller Riesengasthäuser Londons schon wochenlang vorher ausvermietet; an tausend Tischen sitzt Familie an Familie, ißt und zecht und lärmt, bis dann um Mitternacht das gemeinsame Abbrüllen trivialer Gassenhauer im Stile des widerlichen ›~for he's a jolly good fellow~‹ anhebt, nach welcher Verbrüderungsfeier die Tische schnell abgeräumt werden und nun alle diese Jünglinge und Mädchen, die sich vorher nicht kannten, sich dem Genusse von Negertänzen hingeben, während die Gesetzteren in Nebenräumen Karten spielen: so wird heute die Geburt unseres Heilandes Jesus Christus in England gefeiert!«

Wir andren, die wir uns nur wenige Wochen oder Monate in England und Schottland aufgehalten haben, können hier natürlich nicht mitreden. Aber ergänzend und verallgemeinernd darf man doch hinzufügen: die hier geschilderte seelische Verrohung -- der bis in den höchsten Adel hinauf ein rücksichtsloses Geldmachen entspricht -- ist vielleicht nicht nur eine englische Zeiterscheinung. Sie scheint uns der Stimmung der jetzt ablaufenden Erdepoche überhaupt zu entsprechen. Gerade dieser Zeitgeist soll künftig durch ein erneuertes Deutschland -- durch die werdende deutsche Reichsseele -- überwunden werden: auch in uns selber. Und so haben die obigen Feststellungen auch für unser Deutschland den hohen Wert der anschaulichen Warnung.

Unser stolzer Denker Fichte, der einst in schwerer Zeit seine mutigen Reden an die deutsche Nation gewagt hat, wird jetzt wieder zeitgemäß. Er ist ein Beweis, wie gut sich Stolz und Liebe in Tat und Denken paaren. In seinen Vorlesungen »Anweisung zum seligen Leben« betont er: »Der Mittelpunkt des Lebens ist allemal die Liebe. Was du liebst, das lebest du.« Das Herz baut von innen heraus; und so wird die Reichsseele von innen heraus Zelle an Zelle setzen vermöge der gestaltenden Kraft der Liebe.

Aber Liebe wozu?

Da erhebt sich nun die ganze Würde unserer deutschen Sendung. Unsre großen Denker und Dichter haben uns die heute -- im Zeitalter einseitiger Sinnlichkeit -- leider beschattete und getrübte Antwort längst in Klarheit erteilt. »Das wahrhaftige Leben liebet das Eine, Unveränderliche und Ewige« (Fichte). Es ist eine stolze Antwort; und sie muß immer wieder lauten:

_Liebe zum Ewigen in den Dingen_.

* * * * *

Der Krieg mußte kommen. Die elektrische Entladung der europäischen Luft war eine Lebensnotwendigkeit. Wir hatten keinen Sauerstoff, keinen Himmel mehr; wir drohten im sinnlichen Dunst und im Kleinmenschlichen zu ersticken.

Ein junger Grieche, der in Jena studierte, sprach einmal zu einem meiner Verwandten ein ernstes Wort. »Wissen Sie, weshalb trotz aller Fortschritte in Industrie und Technik so viel Unbefriedigung in der modernen Welt ist? Weil Deutschland nicht mehr vorangeht. Worin vorangeht? In dem, was man ehedem deutschen Idealismus genannt hat. Wir Ausländer kommen hieher und suchen das Geistesland eines Goethe, Schiller und Kant, eines Beethoven und Mozart -- und machen die Entdeckung, daß ihr in dem rasenden Wettbewerb um zeitliche und sinnliche Dinge ebenso mitmacht wie alle andren.«

Wie alle andren -- ja, aber in den Tiefen haben die Besten von uns unsäglich gelitten. Ernst Horneffer gibt einer verbreiteten Stimmung Ausdruck, wenn er in seinem Schriftchen »Der Krieg« (München, Reinhard) ausführt: »Das Volk der Denker und Dichter war gar nicht mehr wiedererkennbar. Die Seele mit ihren zarteren Regungen und innigeren Bedürfnissen kam zu kurz« -- denn unsre Väter, das Reich ausbauend, waren notwendigerweise »ganz hingegeben den drängenden Arbeiten des äußeren Lebens in Wirtschaft und Staat. Aber wenn nun das Herrliche wirklich geschieht: nach dem großen Kriege der große Sieg -- dann müssen wir nachholen, was der rauhe Pflichtdienst unsren Vätern versagte; ein Reich des Geistes, der Wahrheit und Schönheit, ein hehres, edles, inneres Reich müssen wir in das machtvoll herrschende äußere Reich einbauen«.

Man hört hier denselben Klang wie oben bei Kühnemann. Und so war eins der markantesten Bücher der letzten Jahre Rudolf Euckens »Sammlung der Geister«, das von derselben Sorge durchbebt ist.

Wir saßen einmal, wenige Monate vor dem Kriege, in Darmstadt beisammen, etwa fünfzig Herren mit einigen Damen, und berieten in Anknüpfung an Euckens zeitgemäßes Buch: wie können die Menschen, die irgendwie auf idealistische Weltanschauung gestimmt sind, mehr untereinander Fühlung und auf den Zeitgeist Einfluß gewinnen? Unversehens war man mitten im Gründen eines Vereins und einer Zeitschrift, wie das ja bei Deutschen nicht leicht anders möglich ist. Da erhob sich einer und sprach aus dem Unmittelbaren heraus: »Ich bin hiehergekommen aus einer seelischen Not; ich will vor allem mich selber aufrichten im Verkehr mit Gleichgestimmten; lassen wir also zunächst dieses Hinauswirken, denken wir an unsre gemeinsame innere Not!« Das Wort fand Widerhall. Die Erörterung verflüchtigte sich dann freilich; und es ist wohl selbstverständlich, daß kein bestgeleiteter Verein, keine Methoden, nichts, aber auch nichts -- die Arbeit hätte verrichten können, wie sie nun der seelenaufrüttelnde Krieg vollbringt.

Die Stimmung war ungefähr so, wie sie der tempelhaft dunkle Lyriker Stefan George in zahlreichen Zeitgedichten geprägt hat, z. B. in folgendem (Der Stern des Bundes, Berlin 1914):

Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn: »Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk. Siech ist der Geist, tot ist die Tat! Nur sie, die nach dem heiligen Bezirk Geflüchtet sind auf goldenen Triremen, Die meine Harfe spielen und im Tempel Die Opfer tun -- und die, den Weg noch suchend, Brünstig die Arme in den Abend strecken: Nur deren Schritten folg' ich noch mit Huld. Und aller Rest ist Nacht und Nichts.«

Wir können nicht untersuchen, woran diese dumpf-sinnliche Verfilzung des Zeitgeistes lag; wir haben aber am eigenen Leib gespürt, wie weh sie auf uns gewirkt hat. Wenn Raabe oder Feuerbach, Grillparzer, Böcklin, Thoma und manche andre bis zum heftigen Naturell Nietzsches, der bekanntlich kurz vor seinem Wahnsinn überhaupt keinen Verleger mehr gefunden hat -- wenn diese und ähnliche geistigen und künstlerischen Mächte spät oder bei Lebzeiten gar nicht zur Wirkung gelangt sind: lag es wirklich an einer boshaften Versippung der Mittelmäßigen? Herr im Himmel, was für fade Ästheten des Auslandes hat man bei uns verhimmelt! Ist es bezeichnend für das verflossene Jahrhundert, daß an seinem Anfang sich Kleist erschoß und an seinem Ausgang Nietzsche irrsinnig wurde? Hat der bittere Abseiter Bleibtreu recht, wenn er in einer Schweizer Zeitschrift ausruft: »Man hat das beklemmende Schauspiel, wie verzweifelt und ohnmächtig die öffentliche Meinung Deutschlands als Presse sich unter internationaler Verleumdungsmache windet, wie alles Wahrheitreden brutal unter die Füße gestampft wird und die vorgefaßte Meinung sich einfach nicht bekehren lassen will. Welche Tücke, welche Bosheit! schreit die deutsche Presse. Ja wohl, nie würdet _ihr_ so das _Ausland_ verleumden: wohl aber eure Landsleute im Inland, wenn sie euch unbequem sind!«

Wahrlich, wieviel gehässige Spannungen zwischen den einzelnen Menschen, welches planmäßige Verachten oder Totschweigen zwischen literarischen Gruppen: zwischen Parteien, Konfessionen, Rassen und Klassen! Wieviel geheime Tragik! Als Schriftsteller hat man, durch mannigfache Reisen oder durch vertrauensvolle Briefe, manche Möglichkeit des Einblicks in das stille Hinsiechen edler, brutal zertretener Seelen, während die feiste Roheit gedeiht. Wer sich da nicht einstellen kann auf das Ewige in den Dingen, wer nicht durch fortwährende Übung und Trainierung das Sonnige in sich zu erzeugen und wachzuhalten vermag: der wird in diesen Kleinmenschlichkeiten zerrieben. Kein »Wille zur Macht« erlöst uns von diesem Zeitgeist, sondern nur -- wie ich einmal ausführte (»Parsifal und Zarathustra«) -- der Wille zur schöpferischen Liebe. Es ist Herbst in Europa: wir frieren und hungern in dieser verfluchten Nützlichkeits-Weltanschauung. Wo strömt denn noch drängende Fülle des Herzens, wo belebt uns noch sprudelnde Melodie überreicher Menschen? Wo sind sie denn? Uns vertrocknete ja in dieser Verständelei der magnetische Strom, der Herzen mit Herzen verbindet, jenes Überschäumen genialster Art, wie es in mittelalterlichen Formen einst ein Franz von Assisi in den erkalteten Zeitgeist geworfen hat. Nicht neue Richtungen, wie diese schauerlichen Ismen Futurismus, Kubismus, nicht sinnliche Fratzen noch erotische Tänze, wir haben genug von dem wüsten Zeug! Eine tapfere neue _Liebesmacht_ überweltlicher Art muß durch unsre Herzen brausen wie ein alles überschwemmender, alles ausfüllender und erfüllender Strom.

Vorerst haben wir jenen feilen Geist noch nicht aus seiner Hochburg, dem Theater und dem Kabarett, hinweggespült. Nach den empörten Stimmen ernster Kritiker wagt er sich auch an unsre Verwundeten heran, die dann mit schlecht verhehlter Enttäuschung solche aufgezwungenen Unterhaltungsabende verlassen. Alles Nationale haben jene Burschen als Epigonentum verhöhnt; jetzt machen sie es als Mode mit, von der Wucht der Stunde gezwungen, und verzerren es zugleich. Mehrfach ruft man jetzt sogar nach Wildenbruch, dem man das Leben verbittert hat!

Da erheben uns ganz anders Kriegserlebnisse, unmittelbar und ergreifend, fernab von den einst so wichtig genommenen Brünsteleien der Kunst. Aufs Geratewohl sei aus dem vielen herausgegriffen, was z. B. ein Nürnberger Stadtpfarrer in einem Flugblatt mitteilt:

»Im verdunkelten Zimmer liegt ein Schwerverwundeter auf dem Sterbelager. Die schöne, jugendkräftige, durchschossene Gestalt hingestreckt in Todesnot. Er betet mit mir in lauten Worten die alten Lieder aus dem Dreißigjährigen Kriege, die uralten Kernsprüche aus der Heiligen Schrift für die Not aller Zeiten. Sie haben an Kraft nicht eingebüßt. Wie ihm das alles gegenwärtig ist: ›Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir‹, bis hin zu dem Friedenswort: ›Wer so stirbt, der stirbt wohl‹, wie ihm das heilige Bild des Helden und Retters von Golgatha zum Schilde wird im letzten Kampf! Dann sagt er mir seinen letzten Willen. Ich schreibe die schlichten, stoßweisen Worte auf: ›Die Meinen sollen glauben ihr Leben lang, daß Gott uns nicht verläßt, darum sollen auch wir ihn nie verlassen. Von den Schrecken des Krieges und meinen Leiden soll vor ihnen _geschwiegen_ werden.‹ Noch einmal ein Aufflackern der Kraft und dann ein Sinken in Gottes Arme, der unsere Zeit in seinen Händen hat.«

Und ein zweites:

»Gedenke daran, daß, wenn dein Mann fällt, du eines Helden Weib gewesen bist«, so las ich auf der Feldpostkarte eines _Arbeiters_ an seine Frau. Er ist gefallen. Auch sein letzter Wille war: »Faßt unsern Tod _groß_ auf!«

Groß! Da liegt es. Das europäische Dichten hatte wohl noch viel Sinnlichkeit und Verstand: aber keine wahre _Herzensgröße_. Leid und Heldentum kommen jetzt bis in die ärmste Hütte und bis in den reichsten Palast. Und jeder, der einmal an einem Sterbebett geliebter Wesen oder an ihrem Grab gesessen und gesonnen hat, fühlt das Gezänk des Geschmäcklerwesens in Wissenschaft und Literatur weit, weitab verkläffen: er sitzt an Mimirs Born und lauscht mitfühlend dem Leben selber.

Da irgendwohin will nun die Lebensentwicklung der Gegenwart eine Wende machen. Für diesen neuen Geist opfert sich unsre prachtvolle Jugend draußen in der Herbstnässe. Was ist denn jene seelische Not, aus der wir dort in Darmstadt zusammengekommen sind? Was suchten all die stillen Gralsucher in Deutschland -- etwa die vielen neugermanischen Verbände und Logen, die Anhänger eines Müller-Mainberg, die Theosophen um Steiner, die christlichen Gruppen, die Vegetarier, die Reformer, und wie das alles heißen mag: -- was ist da für eine geheime Unruhe im religiös-philosophischen deutschen Gemüt der Gegenwart? Pocht da irgend etwas im Bergwerk? Ist eine neue Zeitstimmung an der unterirdischen Arbeit?

Sie ist uns willkommen, wenn sie einen frommen und doch freien Menschentypus schafft wie Schiller oder Walther von der Vogelweide. Ging nicht auch die Witterung eines Nietzsche nach einem »Übermenschen« jenseits des jetzigen Menschenmaßes? Mag sein »Antichrist« kommen: wir erwarten aber noch sicherer und sieghafter die kommende Christus-Güte.

Hier harrt unser eine Heldenaufgabe, die den Kämpfen draußen im Schützengraben ebenbürtig ist.

Allem Vereinfachen des Monismus zu Trotz ist der Mensch ein vielfältig Gebilde, mindestens eine elektrische Spannung _zweier_ widerstreitender Kräfte: es ist in uns eine Polarität zwischen ~animal~ und ~anima~, zwischen Tier und Geist, zwischen Schwerkraft und Schwungkraft. Dehmel, der jetzt trotz seiner mehr als fünfzig Jahre die Flinte trägt, hat diesen Zwiespalt oft geformt; er, dessen Geist immer mit einer Dumpfheit des Trieblebens rang, scheint sich nun dem Krieg wie einem Befreier vom Individualismus in die Arme zu werfen, froh des Anschlusses an sein Volk, froh der würdigen und großen Aufgabe. Nur im kämpfend zu erringenden Ausgleich oder Gleichgewicht zwischen jenen polaren Kräften ist der Idealzustand starken und edlen Menschtums erreichbar. Es ist wie die elektrische Spannung zwischen Sonne und Erde: eine Zweiheit, auf der letzten Endes das Geheimnis der Lebensflamme beruht.

Der oben genannte Chamberlain beginnt in seinem »Goethe« (München 1912) ein Kapitel mit folgenden Worten: »Es ist keine Redeblume, wenn ich behaupte, in diesem ersten antinomischen Widerstreit zwischen Maß und Ungemessenem, zwischen Schranke und Schrankenlosem, zwischen Teil und Ganzem liege der Grundstein zu Goethes Weisheit eingemauert« (S. 573). So ist es in der Tat auch meiner Überzeugung nach (vgl. Wege nach Weimar, Bd. ~VI~). Alles Geniale des Geistes und alles Große des Herzens wird nur herausgeschlagen durch Widerstreit und Wechselwirkung der Kräfte. Liegt hier vielleicht für alle vornehmen Naturen ein seelischer Hauptwert dieses Krieges? »Denn wir ahnen die furchtbaren Bedingungen, unter welchen allein sich selbst das entschiedenste Naturell zum Letztmöglichen des Gelingens erheben kann«, äußerte Goethe vor Meisterwerken des scheinbar so mühelos und sonnig schaffenden Raffael.

So wird denn auch die deutsche Reichsseele nicht so einfach von außen erkämpft und uns dann bequem geschenkt oder verabreicht, sondern dieses Werden findet jetzt in uns allen statt. Diese Reichsseele, von der hier wiederholt gesprochen wurde, ist eine gemütserschütternde Geburt oder Errungenschaft; alle, denen es ernst ist, arbeiten an ihrer Gestaltung. Dieses Gottesreich ist kein fertiges Gebilde, das irgendwo wartet: es kann nur durch uns, in uns und an uns erlebt und durch Erlebnis gestaltet werden. Unser Seelisches arbeitet jetzt an diesem noch unfertigen Ideal. Fertig ist vorerst nur, vorhanden und wach die durch den Krieg großzügig und glutvoll belebte

_schöpferische Stimmung_.

* * * * *

Auf diese jetzt arbeitende schöpferische Stimmung setzen wir unsre Hoffnung. Und unsre Bitte sei diese: daß uns fortan nicht mehr »der klügelnde Sinn« bewegt, sondern daß uns »beflügelnde Liebe trägt«. Es gibt neue Reiche zu erobern, deutsche Jünglinge, sobald Kanonen und Gewehre ihre jetzige Arbeit getan haben! Nämlich Reiche der Innenwelt. Dieselbe Tapferkeit, die jetzt unser Außenreich verteidigt, wird auch das Innenreich nicht in Träumerei betreten, sondern in Eroberungsdrang. Aber mit Beherzigung der obersten aller Kräfte: der Ehrfurcht vor dem, was in und über uns, um und unter uns ist (Goethe). Jünglinge werden sich gegenseitig stärken als gute Kameraden in diesem Kriegszug nach dem unentdeckten Lande: nach dem Lande der Seelenschönheit, der Herzensgüte, des Menschenadels.

Wir sind das innerlichste Volk. Unser Wald ist berühmt durch forstliche Pflege. Wir Deutschen brauchen zur Erholung und Besinnung immer wieder den Wald. Aus dem Urwald ist unsre Zivilisation und Gesittung emporgerodet worden; unsre Ahnen lebten, jagten, beteten im Walde; unser deutsches Dichten ist in erster Linie berühmt durch Natursinn. Der Klang »Teutoburger Wald« steht am Eingang unsrer Geschichte; und wiederum der Klang »Sachsenwald« weckt eine Welt voll vaterländischer Gefühle. Wir lieben des Waldes Innerlichkeit und Tiefe; das Waldweben im »Siegfried« und der Karfreitagszauber in desselben deutschen Meisters »Parsifal« sind jedem gebildeten Deutschen bekannt und lieb. So auch der Osterspaziergang im »Faust«, so Grimms Märchen, Löwes Balladen, Schwinds und Richters Gemütsromantik. Deutsches Gemüt und deutsche Natur, obenan der Wald, gehören zusammen. Böcklin hat uns einen heiligen Hain und fremdartig tiefe Landschaften gemalt. Wohlan, so kann ein seelenvolles Deutschland für Geister und Herzen Europas ein _heiliger Hain_ der Sammlung werden: der Einstellung auf das Ewige.

Diese Stimmung haben feinbesaitete, melodische Sänger und Seher wie Hölderlin und Novalis ersehnt.

»Genius unsres Volks, Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands, Daß ich tiefer mich beuge, Daß die leiseste Saite selbst Mir verstumme vor dir, daß ich beschämt und still, Eine Blume der Nacht, himmlischer Tag, vor dir Enden möge mit Freuden ... Wenn unsere Städte nun Hell und offen und wach, reineren Feuers voll, Und die Berge des deutschen Landes Berge der Musen sind, Wie die herrlichen einst: Pindos und Helikon« ...

So sang Hölderlin im Eingangsjahr des vorigen Jahrhunderts und ersehnte -- er, der im »Hyperion« mit so zorniger Liebe sein Deutschland anklagte -- in demselben Gedicht »rings unter des Vaterlands goldnem Himmel die freie, klare, geistige Freude«.

Wir haben sie längst, die heiligen Stätten und Berge, wir haben Wartburg und Weimar im innersten Deutschland, wir haben Sanssouci, den Kyffhäuser, den Brocken -- und nicht dies allein, denn das sind ja schließlich nur Orientierungspunkte: wir haben aber auch in deutscher Philosophie, Religion, Dichtung, Kunst und Musik eine Fülle von Weistümern, von Tempeln und melodischen Hainen. Politisch und wirtschaftlich mag sich Europa gestalten, wie es eben der Staatskunst der Europäer glücken mag; aber geistig werden sie, so hoffen wir, in unsre reinlichen deutschen Gassen und Haine kommen, wie einst Gäste aus dem ganzen Mittelmeergebiet zu Pythagoras und Plato oder zu den olympischen Spielen gekommen sind.

Dies, und nichts anderes, ist unser eigentlicher »Imperialismus«, der jetzt so viel gescholten wird. Es ist einer unsrer tiefsten und stolzesten deutschen Gedanken: der Reichsgedanke. Einst trug er den weihevollen Namen »das heilige römische Reich deutscher Nation«; es ist die Vorstellung eines mächtigen Friedensreiches auf Erden; selbst im »Zukunftsstaat« der Sozialisten schimmert dieses Ideal hindurch. Durch Geschichte und Dichtung geweiht, liegt auch heute noch Kraft und Zauber in Wendungen wie »des Reiches Krone« oder »des Reiches Herrlichkeit«.

Kant oder Augustin und andere sprechen in Anknüpfung an das Neue Testament von einem »Reich Gottes auf Erden«, von einem »Gottesstaat«, einem »Königreich der Himmel«, und wie die Umschreibungen für ein Neuland der Seele lauten mögen. Am Schluß der Edda ist von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede; und so auch am gewaltigen Schluß der Bibel (Offenbarung Johannis). Hier klingen die schauerlichen Strafgerichte zuletzt in das strahlende, friedensvolle Gesicht einer leuchtenden Stadt aus: der Seher sah diese Stadt Gottes »herniederfahren aus dem Himmel«; und sah darin »keinen Tempel, denn der Herr ist ihr Tempel; und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie«. Ich will hier einen Gedanken formen, der phantastisch scheint und doch dem symbolisch geübten Blick sofort als real einleuchten muß: die Stadt Gottes oder das Idealreich edler Geister und Herzen schwebt allezeit unsichtbar in der geistigen Luft des Erdballs, in deren Schwingungen jeder von uns lebt. Das Gemüt des Sehers und Künstlers fängt Strahlungen von ihr auf; sie leben in ihm als Ideal; das Ideal fein und schimmernd wie die Zinnen und Bäume einer Fata Morgana, ist stets gewillt und bereit, sich herabzulassen in die Sichtbarkeit, sei es in das Herz eines einzelnen, sei es in das Gesamtempfinden eines würdigen, auserwählten Volkes. Dies ist das Herabsteigen des heiligen Grals. So schwebten schon Asgard, Walhalla, Folkwang als wahrhaftige Ideale über und in dem Empfinden der altgermanischen Herzen. Und man darf nicht etwa wähnen, sie seien nur nebelhafte Widerspiegelungen irdischen Denkens: -- ist denn etwa die Sonnenglut bloß eine Widerspiegelung unsrer Herzensglut? Nein, sie ist Tatsache. Und so ist der Geist und das Göttliche absolute Tatsache; wir ehren und erhöhen uns, wenn wir unser Inneres zur Höhe des Ideals in Wechselwirkung setzen -- wie das Auge zur Sonne.

Es ist ein Grundgefühl germanischen Empfindens, die _Tatsächlichkeit_ der geistigen Welt oder des Ideals oder des Himmels oder der Gottheit genau so stark zu erleben, wie die Tatsächlichkeit der Sonne. Ohne diese Grundvoraussetzung ist der ganze »Faust« undenkbar; und ebenso undenkbar Dantes »Comödia«. In beiden Dichtungen sind Vorgänge der geistigen Welt geschildert, in der ein Teil unsres Wesens immerdar lebt. Wir müssen wieder symbolisch denken lernen, so werden wir zugleich geistiger denken und dem Geheimnis des Lebens näherkommen.