Deutschlands europäische Sendung
Part 3
Haben wir 1870 eine sinnlich-sichtbare Krone aus Edelmetall geschmiedet, so handelt es sich jetzt im Jahr 1914 -- unbeschadet aller äußeren Macht, die wir zu behaupten gedenken -- um die Schaffung einer Seelenkrone aus einem noch edleren Stoff: aus _Licht und Geist_. Mit äußerem Blut ist jene Krone gekittet und mit besonnener Begeisterung geschmiedet; wieder mit körperlichen Opfern -- aber noch mehr mit _Herzblut_ wird die neue Krone geschmiedet werden. Denn unsre Prüfungen sind noch lange nicht zu Ende.
Sind wir damals aus einem kleindeutschen zu einem reichsdeutschen Bewußtsein erweitert worden, so wird jetzt eine andere Kraft in uns die Knospe sprengen, noch umfassender, noch geistiger:
_ein kosmisches Bewußtsein_.
* * * * *
Ich erwarte in Deutschland das Wiedererwachen der spirituellen oder metaphysischen Welt. In wem dieses Erleben aufglüht, der ist aus einem schweifenden Kometen ein beruhigter Planet und schließlich Sonne selber geworden: er hat die Wärmequelle oder die Gottheit fortan in seinem eigenen Innern.
So steht der Sonntag -- Sonnen-Tag -- mitten in den sechs Werktagen, die auf ihn zurollen, sich an ihm sonnen und wieder von ihm hinwegfliehen, um immer wieder zu kommen. So bewegen sich die Planeten um ihre Sonne. Und so -- gestatte man uns den Stolz dieses Vergleiches! -- werden sich die Völker Europas um den Sonntag und die Sonne Deutschland bewegen. Und die jetzt unsere Feinde sind, werden einst eines starken, nicht mehr michelhaft weichmütigen, sondern reifen, charaktervollen, gütigen Deutschlands Gäste und Freunde sein. Wahre Liebe ist nicht weichlich; der Sonnengott ist auch Drachentöter.
Die Erde wartet wieder auf einen Feiertag. Die Donner des Krieges sind das Rasseln der Pforten, die ihn auftun. Die Sendung eines Christus ist noch lange nicht erfüllt. Es ist zu erwarten, daß die in ihm wirkende kosmische Macht der gestaltenden Liebe immer wieder wirksam wird, wenn die Dämonen ihr Werk getan haben. Jetzt sind die Geister der Kraft und des Hasses an der Reihe; nachher treten die Genien der Güte hervor, die bereits zwischen den Schlachten ihre stille Arbeit verrichten. Durch die Menschheit geht jetzt ein dröhnendes »Wir«, ein Gesang der Massen; nachher wird man, nicht in egoistischem, sondern in ewigem Sinne, wieder sein unvergänglich »Ich« erleben als etwas unendlich Seliges und Kostbares. Das höhere Ich ist im Heiligtum des Menschen das Innerste, wie etwa die Ampel über dem Hochaltar der katholischen Kirche. So ist Deutschland das innerste Land: wo der Mensch zum Bewußtsein seines unvergänglichen Ich und damit zu einer Neugeburt seines ganzen Wesens gelangen kann.
Man wagt jetzt wieder, den Namen Gott auszusprechen und etwas dabei zu empfinden. Man weiß wieder, unter unseres Kaisers Vorantritt, was die Gedankenwucht des Gebetes heißt: man weiß, daß hier eine Macht des liebenden Herzens am Werk ist, fürbittende Gedanken, die wie ein Opfer zum Meister aller Schicksale emporrauchen: »Bewahre mein Liebstes! Und muß geschieden sein, so gib Kraft und Größe ihm und mir!« Jetzt ist das Sterben eine landläufige Sache geworden; Ewigkeit dröhnt in den Alltag herein. Wir spüren den Odem einer unfaßbaren Gewalt, die wir Schicksal, Vorsehung, Gott nennen -- die kein Mechanismus sein kann, sondern etwas überaus Lebendiges, das uns und unsre Menschenbrüder durchhaucht. Gott beweist man nicht: man kann ihn nur erleben und erlieben.
Daß diese erhabene Ruhe, Glut und Größe des Lebensgefühls in uns allen wieder eine innermenschliche Macht werde: das ist, deutsches Herz, vielleicht deine schönste
_Aufgabe der Zukunft_.
_Gräfenroda_ (Thür.), 31. Oktober 1914.
Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart
Friedrich Lienhards Werke
Lyrik
=Lebensfrucht.= _Gesammelte Gedichte._ Dritte, auch die Sammlungen »Lichtland« und »Kriegsgedichte« umfassende Gesamtausgabe. 4 Mk., geb. 5 Mk.
=Die Schildbürger.= Frühlingsdichtung in zehn Gesängen. 2. Aufl. Geb. 3 Mk.
Dramatik
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=Parsifal und Zarathustra.= Vortrag. 3. Auflage. 60 Pfennig.
=Deutschlands europäische Sendung.= Kriegsgedanken. 17. Tausend. 50 Pfennig.