Deutschlands europäische Sendung
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Deutschlands europäische Sendung
Von
Friedrich Lienhard
17. Tausend
Stuttgart 1915
Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer
Ich grüße die Stillen im lauten Land, Sie alle, die in dem brausenden Brand Kraft behielten, stille zu sein -- Sie grüß' ich: haltet aus! bleibt rein!
Bleibt, was ihr seid: bleibt still und stark! Bleibt in den deutschen Bäumen das Mark! Sendet die Kraft in die Wipfel empor: Durch euch nur braust der Wipfel Chor.
Ihr weilt in der Enge, ihr wirkt im Haus, Fernfunken aber sendet ihr aus Zum Helden, der sich im Felde rührt: Gedanken, darin er die Heimat spürt.
Bleibt still und stark, bleibt stark und still! Der über uns waltet, weiß, was er will: Schmieden will er aus Zorn und Zucht Ein Volk der Würde, ein Volk der Wucht!
Oft schon hat der Verfasser der folgenden Kriegsgedanken dichterisch und literarisch den Wunsch geprägt: dem deutschen Reichskörper muß noch eine deutsche Reichsseele geschaffen werden.
Wir waren auf den europäischen Krieg gefaßt; er war in der geistigen Luft vorgezeichnet. Die Spannungen zwischen den Völkern mußten einmal an den Punkt kommen, wo sie sich entluden.
Dieses mächtige Ereignis erleben wir jetzt. Der Krieg ist das europäische Reinigungsgewitter. Der stolze seelische Grund Frankreichs: seinen 1870 vernichteten Waffenruhm wieder herzustellen; der weniger stolze Grund Englands: den Handelsnebenbuhler zu Land und See, das rührige Deutschland, zu ducken; der Versuch Rußlands, den österreichischen Interessen zu Trotz seinen panslawistischen Traum zu erfüllen: -- das kreiste schon lang am politischen Horizont. Nun brach es offen aus. Und die Schlachten werden feststellen, wie die europäische Karte fortan aussehen soll.
Es wird über diese Dinge viel geschrieben. Mich bewegen andre Sorgen. In einem Feldpostbrief waren diese sorgenden Gedanken neulich ausgesprochen. Wie wird Deutschland nach dem hoffentlich zu erwartenden Siege seine geistige Aufgabe erfassen? Werden wir eine andre Luft, verjüngte Herzen, erneuerte Menschen haben? Denn tatsächlich kämpfen unsre Krieger nicht nur so für den materiellen Bestand ihrer deutschen Güter; in ihres Herzens Grunde lebt außerdem ein Idealbegriff der deutschen Heimat. Das ist der geheime, ihnen meist unbewußte, aber wirksamste Kraftquell. Auch in unsrem naturwissenschaftlichen Zeitalter kämpft man letzten Endes nicht für Sachen an sich, sondern für Ideen, die in und hinter den Sachen wirken. Das macht Deutschland so jung, das gibt ihm diesen einmütigen Schwung: wir kämpfen für ein Deutschland, das noch kommen soll. Wir sind von der tiefen, glühenden Empfindung durchatmet, daß Deutschland seine reinste, seine eigentliche Sendung noch nicht angetreten hat. Alle Achtung vor unsren Mörsern, alle Achtung vor unsrem Generalstab und jedem einzelnen unsrer heldenmütigen Soldaten! Aber dieses Große, das wir da um uns an der Arbeit sehen, ist nur Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist
_Deutschlands europäische Sendung_.
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Zu Weihnachten des verflossenen Jahres ging mir aus meinem Leserkreise eine eigenartige Gabe zu. Es war eine schlichte, mit einfachem Eichenholz fest eingerahmte Tafel, die einen großgedruckten Spruch aus meiner Gedichtsammlung »Lichtland« (Stuttgart 1912) enthielt. Dieser Spruch, der nun in der Hauptstadt der Westmark über meinem Stehpult hängt, lautet:
Wenn Deutschland seine Sendung vergißt, Wenn Deutschland, nachdem es die Meere befahren, Den Völkern nicht mehr Führer ist Zum Innenland des Unsichtbaren, Zu Gott und Geist -- Wenn Deutschland versäumt seine heilige Sendung Und nicht mehr vorangeht in Drang nach Vollendung, Wenn es vom Haß, der in Spannung hält Die eiserne Welt, Zu neuer Liebe den Weg nicht weist -- So wisse: dein Glück und dein Reich zerschellt!
Das ist, wenn auch in etwas herber und drohender Form, mein nationales Glaubensbekenntnis.
Und so setzen wir der Flut von Haß und Verleumdung, die aus dem Ausland von Romain Rolland bis Maeterlinck und Verhaeren gegen uns ansprüht, als Söhne Goethes den unerschütterlichen Glauben an Deutschlands heilige Sendung entgegen. »Das Schicksal der Deutschen ist noch nicht erfüllt«, äußerte Goethe im Gespräch mit Luden (1813). »Hätten sie keine andere Aufgabe gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine _große Bestimmung_ haben.«
Eine Bestimmung äußerer und eine Bestimmung innerer Art: »Der Menschheit _Würde_ ist in eure Hand gegeben!«
Damit ist jenes Programm wieder aufgenommen, das einst unser Schiller in die Worte gepreßt hat: »Kann aber wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgendeinem Zweck sich selbst zu versäumen?« Nämlich: seine innere Welt, sein höheres Selbst, den geistigen Leuchtkern in uns. Das zieht sich durch Schillers und Goethes Lebensarbeit. Das geht durch alle Idealisten und Propheten der ganzen Welt. Und es widerspricht keineswegs der äußeren Kriegsarbeit, die von deutschem Geiste jetzt da draußen geleistet wird. Arbeitsteilung! Ein Teil deutscher Geistestruppen muß abkommandiert werden, dieses Programm zu erfüllen -- sobald die europäische Luft durch den Kriegsorkan gereinigt sein wird. Diese Truppen stehen schon im Hintergrunde; sie stellen sich jetzt schon auf ihre künftige Aufgabe ein; sie ermutigen die Mannschaft draußen durch tapfere und großzügige Gedanken. Sie geloben, mit demselben Tatsachensinn, wie er den knapp und klar sprechenden und handelnden Generalstab auszeichnet, nicht im Parteigezänke unterzugehen, sondern das Große und Ganze unverwirrt und unkleinlich im Auge zu behalten. Nämlich: mit dem Aufbau der neuen deutschen Innenwelt
_bei sich selber anzufangen_.
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Gedanken aber haben fernwirkende Kraft. Gute und große Gedanken, in einem echten Menschen lebendig, haben segnende Kraft für die ganze Umwelt. Es ist wie Funkenfernspruch. Cromwells Schwadronen stärkten sich fern vom Feind durch alttestamentarische Zorngedanken; kam das Eisenheer näher, so ritt es schweigend; aber die Kraft sammelte sich in den düstren und harten Psalmensingern, den viel belächelten und noch mehr gefürchteten »Eisenseiten«; und im stürmischen Angriff entlud sich dann, was sich in Gedanken angesammelt hatte. So greifen Gedanken und Taten ineinander. Dieselbe Wucht, die jetzt draußen ein gewaltiges Außenziel zu erreichen bestrebt ist, wird später, auf geistige Ziele gelenkt, gleichfalls nicht versagen.
So bildete unser Friedrich der Große, trotz aller französischen Formen, eine seltsame Einheit zwischen Geist und Tat. Seine Gedichte und Briefe beben von verhaltener Glut und Kraft, sind Begleitakkorde, sind seelische Entladungen: und der strenge Rhythmus seiner Schlachten ist dann die kongeniale dramatische Tat. Ein feines Ohr hört denselben Pulsschlag hier und dort. Und hört den genau geregelten ehernen Marschtritt der Schlachten und der Oden auch im friderizianischen Staatswesen und persönlichen Lebensbegriff.
Genau so braucht heute kein Riß zu klaffen zwischen der dynamischen Entfaltung des äußeren Deutschlands und der Entfaltung der künftigen deutschen Innenwelt -- kurz geformt:
_zwischen Reichskörper und Reichsseele_.
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Kampf hämmert aus den Kämpfenden und aus den hoffend und schaffend Zuschauenden Heldentum zutage. Kampf rüttelt zwar auch die niederen Instinkte empor und die Gefahren haßvoller Verwilderung. Aber in einem gesitteten Volke von Zucht und Maß, zumal wenn es um eine große und gute Sache gegen Übermacht kämpft, ist diese Gefahr gebannt. Und es bleibt als köstlicher Gewinn: Stählung des Willens zum Guten, zum Großen, zum Starken.
Solche Stählung ist Läuterung. Fäulnis wird hinweggeschwemmt. In jeder hochgestiegenen Zivilisation sammelt sich Fäulnis, Luxus, Unnatur. Ist das Volksganze gesund, so bedeutet der Krieg Reinigung. Alle Fratzen fader Witzblätter, alles Kokottentum des Denkens und Empfindens, alle blasse Zweifelei und Spöttelei und Ästhetelei -- hinweggeblasen! Alle Unterschiede der Parteien und Stände -- ausgefegt von dem einen großartigen deutschen Familiengefühl: opferfreudiger Kampf gegen Übermacht! Jetzt kennen wir alle, wie unser so treffsicherer, der Stunde gewachsener Kaiser, keine Parteien mehr: »nur noch deutsche Brüder!« Nicht Haß ist es, was unsere Heere durchpulst, sondern dieser Geist eines tatkräftigen Zusammenhaltens: einer neuen Liebe zu Haus und Heimat!
Jetzt gewinnt Heldenverehrung wieder ihren erzieherischen Wert. Es wird uns jetzt blutvolle Gegenwart, wenn wir uns an Friedrichs des Großen ähnlichen Heldenkampf gegen europäische Übermacht erinnern. Eine ganz gerade Linie führt von ihm zu uns. Ohne Friedrich und seinen Siebenjährigen Krieg kein Bismarck und kein Reich. Auch er ein Diener der Idee, ein Werkzeug der über ihm waltenden Macht: der Macht, die das Deutsche Reich geformt hat, wie sie jetzt die deutsche Reichsseele formen will.
Man beachte das tiefsinnige Zahlenspiel: genau in der Mitte zwischen dem Siebenjährigen Kriege (etwa 1760) und dem Kriege von 1870 ist Bismarck geboren (1815). Fünfundfünfzig Jahre nach rechts und nach links! Mit der Linken reicht er Friedrich dem Großen die Hand, mit der Rechten schmiedet er einem andren edlen Hohenzollern das Deutsche Reich.
Über dieses Reich noch einige Gedanken, ehe wir unsre innere Aufgabe ins Auge fassen!
Zunächst ist unser Kampf Notwehr um des Reiches Bestand. Das hat der Kanzler in seiner Reichstagsrede am 4. August glücklich geprägt; das glüht in des Kaisers Aufruf an das deutsche Volk am 6. August, dem Jahrestag der Schlacht bei Wörth. »Alle offenkundige und heimliche Feindschaft von Ost und West und von jenseits der See haben wir bisher ertragen im Bewußtsein unsrer Verantwortung und Kraft. Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten. Man will nicht dulden, daß wir mit entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren sind ... Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich ... Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß ...« Notwehr um des Reiches Bestand!
Aber Notwehr ist nur die eine Seite dieses schweren Kampfes. Es ist mehr dabei. Es ist das besondere deutsche »moralische Gemüt«, was dem ~Furor teutonicus~ wieder einmal Schwung und Wucht verleiht. Denn Ausgangspunkt der europäischen Verwicklung war ein Meuchelmord. Und meuchelmörderische Pöbelinstinkte sahen wir nicht nur in Serbien aufschäumen; das Wort »belgische Greuel« wird in die Weltgeschichte eingegraben werden. Jetzt tritt das oft in Friedenszeiten als lästig empfundene und verspottete preußisch-deutsche Talent der Zucht und Ordnung in großartige Wirksamkeit. Unser Aufmarsch war ein ganz bedeutendes Schauspiel; die öffentlichen Kundgebungen der jetzt in Deutschland befehlenden Kommandeure sind oft von plastischer Kraft und Kürze; und das Bild, das unsre Truppen gewähren, beweist, wie viel geistvolle Willenskraft hier an der Arbeit gewesen, um das zu leisten, was der Generalstab und alle einzelnen Teile vollbracht haben. Dazu gibt unser Hauptquartier in seinen Berichten vom Schlachtfeld durch knappe Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit ein Vorbild gegenüber den geradezu unglaublichen Lügenphrasen rund herum. Zucht, Wahrheit, Sachlichkeit gegen Tücke, Phrase, Barbarei!
Zu dreien und vieren und fünfen sind sie über uns hergefallen. Einer allein wagte nicht, mit des Reiches Stärke anzubinden. Das Gespenst Eduards und seiner Einkreisungspolitik treibt jetzt seine Dämonen auf uns los. Ahnen sie Deutschlands künftige Bestimmung und wollen uns noch beizeiten ducken? Sie tun unsrem Mut Ehre an, indem sie uns eine so ungeheure Belastungsprobe zutrauen. Recht so! Nur heran! »Hier werden noch Kriegserklärungen entgegengenommen«, hat ein deutscher Spaßvogel an einen Eisenbahnwagen geschrieben.
Wenn die Reiche der Mitte diese Probe bestanden haben, so wird der Beweis erbracht sein, daß der deutsche Geist zur Führung Europas berufen ist.
Wie sich dies äußerlich bekunden wird, das kann nur aus den Ereignissen selbst als Zellengebilde oder kristallinische Bildung emporwachsen. Vorerst haben die Ereignisse das Wort.
Kriege sind im ruhigen Werden und Wachsen der Völker die vulkanischen Ausbrüche: es entladen sich in ihnen Stauungen. Es sind Krisen und Epochen. Die Befreiungskriege 1813/15 schlossen die napoleonische Epoche ab; der Krieg 1870 erfüllte den Kaiser- und Einheitstraum der Deutschen. So empfinden wir alle diesen gegenwärtigen europäischen Krieg als den Abschluß der letzten vierzig Jahre, dieser Blütezeit naturwissenschaftlicher, technischer und kaufmännischer Entwicklung -- einer Entwicklung nach außen.
Wir haben uns nicht aus Haß zum Krieg entschlossen. Alle betonen -- Naumann in seinen trefflichen Gedanken über »Deutschland und Frankreich« ebenso wie Sven Hedin aus seinen Beobachtungen heraus --, daß wir zumal Frankreich nicht hassen. »Keinen einzigen deutschen Offizier traf ich, der mit Härte über Frankreich sprach. Alle ohne Ausnahme hegen für jenes große und schöne Land eine aufrichtige und ehrliche Sympathie« (Sven Hedin). Anders zwar ist es mit England, dessen Neid und Selbstsucht wir als die treibende Ursache dieses Weltbrandes empfinden. Aber auch hier wäre es unsrem Verantwortungsgefühl niemals eingefallen, Krieg zu suchen. Deutschland wächst, schafft, blüht aus innerem Lebensdrang: es wächst ganz von selber seinen europäischen Nachbarn über den Kopf. Die Auseinandersetzung kriegerischer Art mußte endlich, wie eine Krise, wie ein biologischer oder naturgeschichtlicher Vorgang, die ganz von selbst entstandene Elektrizität entladen. Dieser Krieg ist eine europäische Wachstumserscheinung; es finden Sprengungen, Verschiebungen der unruhig und noch nicht gut gelagerten Gebilde statt. Und so wachsen wir nun, von höheren und inneren Mächten gedrängt, hinein in
_Deutschlands europäische Sendung_.
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Ein Wachsen ist es.
Darüber noch ein Wort!
Man schaue einmal zurück auf die Entwicklung der einzelnen Kulturen: wie sich da zerstreute kleinere Gebilde unter Kämpfen der Anziehung und Abstoßung schließlich zu Großgebilden zusammenzogen.
Erst hatten wir Flußkulturen: am Indus, Nil, Euphrat-Tigris, Jordan. Dann erweiterte sich der Ring zu Binnenmeerkulturen: Griechenland, Karthago, Diadochen-Reich, Rom. Dann kamen die großen ozeanischen Kulturen der Gegenwart.
So war Deutschland erst eine Vielheit von Kleinstaaten, ehe es sich zum Großstaat auswuchs. So waren Frankreich, Spanien, Italien zerfahrene Einzelgruppen, ehe sie sich in Monarchien zusammenfaßten. So bestand in jahrhundertelangen Kämpfen zwischen Schottland, England, Irland feindliche Wechselwirkung, bis ein Großbritannien Angelsachsen, Normannen und Kelten einheitlich umspannte. Das ist die Bedeutung der Kriege: es sind Mischungen, neue Gruppierungen.
Ähnlich steht es jetzt zwischen Deutschen und Franzosen: es handelt sich um die Vorherrschaft auf dem Festland. Wie in Britannien wird sie auch hier den triebkräftigen Germanen zufallen, ohne daß dadurch der Kulturwert der gallischen Rasse vernichtet zu werden braucht. Doch ich fürchte: Frankreich wird, wie die anderen Romanen, zu einer politischen Macht zweiten und dritten Ranges herabsinken, weil kein genialer Staatsmann beizeiten den Bazillus der Revanche-Idee aus dem französischen Nationalblut entfernt hat. Sie starrten unser Elsaß an, die Verblendeten, statt im Ganzen der Welt neuen Lebensspielraum zu suchen und mit Deutschland Freundschaft. Die Russen aber: sie werden durch diesen Krieg aufgerüttelt und auf sich selbst zurückgeworfen, um dort endlich ihr eigenes, verwahrlostes Inneres zu kultivieren, wo es wahrlich genug zu bessern gibt -- eine Aufgabe, zu der das Russentum bis jetzt von sich aus nicht fähig war, trotz aller Bomben verzweifelter Nihilisten.
Unser Ziel aber auf dem Festlande wird sein: unter Führung der Zentralmächte ein freies und friedliches
_europäisches Großgebilde_.
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Das ist der äußere Bau. Er ist nicht unsre Sache; wir werden dies der künftigen Staatskunst überlassen.
Ob das Polnische Reich wieder erstehe; ob die baltischen Provinzen von Rußland frei werden; ob von Belfort bis Lüttich und an den Kanal das Reich sich nach Westen schirmen wird, wie ja schon einmal jene Bezirke zum Weltreich Karls ~V.~ gehörten: das ist Sache der Fachleute und der Kriegsentscheidung. Jetzt ist ja noch alles flutende Völkerwandrung.
Unsre Aufgabe in dieser Schrift ist innerlicher Art.
Deutschland ist geographisch Europas Mitte. Deutschland ist, nach Hölderlins schönem Wort, der Völker heilig Herz. Zentralmächte nennt man uns jetzt schon politisch; und so werden wir etwas wie Zentralkräfte in uns entwickeln müssen. Kräfte des »Zentrums«, der Innerlichkeit: Kräfte der Herzensgenialität oder des schöpferischen deutschen Gemütes.
Das ist es also, was ich eingangs dieser Betrachtungen meinte: dem deutschen Reichskörper muß eine deutsche Reichsseele geschmiedet werden.
Des Reiches Krone wurde geprägt in zwei raschen glücklichen Kriegen; die deutsche Seelenkrone ist jetzt zu schmieden im größeren Kampf gegen halb Europa, ja die halbe Welt. Nur Kampf und Not entfalten Seelenkraft. Wir wollen es nicht spielend gewinnen: »Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal, ihr entgegenstünde« (Hölderlin). Unsere seelischen Muskeln, wenn ich so sagen darf, sollen durch Widerstand geübt werden. Jeder Einzuweihende, in Eleusis oder wo es sei, mußte und muß durch Feuer und Wasser hindurch, um seines Geistes und Mutes Schulung und Stärke zu beweisen. Und so machen wir jetzt eine Einweihung durch. Wir dürfen, als eine der vielen Möglichkeiten der Betrachtung, diesen Krieg einschätzen als
_Deutschlands Schulung_.
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Unser Sieg wird eine noch größere Aufgabe eröffnen, als dieser große Krieg.
Wenn unsre Feinde um uns her Deutschlands Kraft und Größe erlebt haben; wenn sie das Schwert aus den Händen legten und nun herhorchen und Deutschlands Vorangehen und Beispiel erwarten: welche _innere Welt_ werden wir diesen entleerten Völkern bieten? Womit werden wir uns, womit werden wir sie auferbauen? Mit welchem Seelengehalt werden wir unsren Reichskörper füllen und adeln?
Genügen da politische und wirtschaftliche Maßnahmen? Haben wir damit Elsaß-Lothringen innerlich erobert? Genügt eine bloß geographische Umgestaltung Europas?
Oder erwarten dann die verbitterten Herzen unerhörte Neugedanken und Neugebilde auf seelischem Gebiet?
Da irgendwo steckt Deutschlands schwerster Beruf.
Wir werden siegen, wenn wir des Sieges würdig sind. Wir werden des Sieges würdig sein, wenn wir nach so viel Außenkultur etwas sehr Wichtiges zu übernehmen fähig sein werden: nämlich
_die seelische Höherführung der Völker_.
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In diesem Sinne wird man von uns Großtaten des Herzens und des Geistes erwarten, kongenial den Großtaten des Krieges. Man wird von Deutschland etwas wie einen Tempelbau erhoffen: eine neue Weihe des durch Mammonismus und Materialismus entweihten Zeitalters.
Das geht wie eine tiefere und tiefste Ahnung durch das jetzige Zeitgemüt, soweit es nicht in seinen Instinkten gebrochen ist durch den Tanz um das Weib oder um das goldene Kalb. Die Gesammelten unter uns spürten da längst ein Pochen in den Tiefen der unbefriedigten modernen Seelen.
Es wird jetzt ein »Haßgesang gegen England« verbreitet (»Drosselnder (!) Haß von siebzig Millionen«), den ich als Zeitstimmung verstehe, in der Form aber ebenso bedaure wie manche andere verfrühte und verzerrte Reimerei der Gegenwart. Wir sollten zu stolz sein, Haß zu »schwören«; was nebenbei unsre Feldgrauen gar nicht nötig haben, denn sie sind auch ohne Racheschwur und derlei Firlefanz gewillt, die Engländer zu hauen. Das berühmte Römerwort vom ~Furor teutonicus~ heißt nicht teutonischer Haß, sondern teutonischer Zorn, mit dem Beigeschmack der Wucht und des Ungestüms -- ein stolzer, heiliger, unwiderstehlicher Zorn, dem aber nachher wieder der heitere blaue Himmel ausgleichend folgt. Undeutsch sind die knirschenden Empfindungen des berüchtigten Rachepsalms (137): »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an den Steinen!« Dagegen gefällt mir ein Wort, das ich neulich in einer Tageszeitung fand (Paul Ernst): »Die Deutschen sind von den größeren Völkern das stolzeste. Sie haben den _großen Stolz_, den, der auf das Seelische geht und oberflächlichen Betrachtern leicht als Demut und Bescheidenheit erscheint. Das unverstandene Gefühl dieses Stolzes hat viele Gegnerschaft gefunden. Noch kürzlich schrieb Karl Peters, daß die Engländer uns verachten, wenn wir ihnen nicht mit gleicher Marke heimzahlen ... Das wird nicht hindern, daß deutsche Art die Welt beherrschen wird und nicht englische Art.«
Ja, so ist es. Und mit edlem Stolz verbindet sich ohne Mühe edle Liebe. Stolz und Liebe ergänzen einander wie Mann und Weib, wie Starkes und Zartes, wie Würde und Anmut. Wenn ich über mein Lebenswerk ein Leitwort setzen möchte, so dürfte es wohl das Wortepaar Stolz und Liebe sein: stolze Liebe, liebender Stolz. So verdienen denn Eugen Kühnemanns schöne Worte »an die deutsche Jugend im Weltkriegsjahr 1914« (Leipzig, K. F. Koehler) wörtliche und warme Zustimmung: »Ihr werdet in der Feindschaft nicht die Liebe für die bessere Seele des Feindes vergessen. Der Sinn des Krieges liegt in dem Frieden, zu dem er führt. Tragt als Krieger den hohen Sinn des kommenden Friedens in euch, daß der Völkerhaß dennoch in einem neuen Reich der Liebe ende! Dies ist die tiefste deutsche Art: in allem, was Menschenantlitz trägt, und in jeder Volksart eine eigene Gestalt der Menschheit und in ihr eine Offenbarung Gottes zu lieben. Das Reich der verstehenden Menschenliebe ist das Reich des deutschen Geistes.«
Vor der Gefahr der Weichmütigkeit ist diese verstehende Menschenliebe bewahrt, sobald sie sich mit Stolz und Würde paart. Denn sie ist wie eine edle Jungfrau, die neben einem wuchtig gepanzerten Ritter leicht und sicher durch den Wald geht.