Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 6

Chapter 63,498 wordsPublic domain

Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt. Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge in die Welt begleitet ist; die zweite offenbarte die Unfähigkeit des Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit) zu schaffen.

Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit, durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht, gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; -- in der Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges, verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den niedrigsten Ständen sich versenkt hat.

Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit (wenn ganz Europa von einem großen Netze überzogen sein wird) dieser Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen, aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen. Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck, stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. -- Den mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel, Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten, die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich) außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments. Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der Ausschließung auf ihnen lasten.

Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit der Nation, welche beweist, daß sie von Grund aus umgewandelt und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst (nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit) entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen, mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren, als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt, vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen, an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen, hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch auch allein der Fürsten; noch weniger rührt's (wie ich oft habe sagen hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu eng, um wahren Spielraum den Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr; aber um mit Luther zu reden: »was aus der Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk«.

Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit, beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort, ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.

Kapitel VI.

Beschluß.

Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube geschaffen hatte; da kam die Revolution. Zum drittenmal war es, als nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen, repräsentirt.

Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen, als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands Beruf.

Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu erschaffen. #Wie# sie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt, so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden haben.

Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch heute noch »Berge versetzen« und »Reiche bezwingen« kann, Ihr Alle solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen, #was# es denn sei, das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten erst die #kölnischen Wirren# Euch überzeugen, wie tief in den Herzen des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint Ihr, »unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste: die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute, das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch, als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime einer sichtlich wachsenden Besserung!« Trotz alle dem aber (das allein will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau'n? Glaubt mir, es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.

Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat, der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein, als ein innerer Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen, welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle, äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.

Zweiter Theil.

Deutschland und Europa.

Kapitel I.

Grundzüge des europäischen Organismus.

Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage Europa's, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europa's hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen: was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines zufälligen Daseins erscheinen.

In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. -- Ich stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.

Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure, fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche, von der aus das #gesammte# Europa, aus den letzten Ueberbleibseln römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht: so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart als Resultat der Zukunft sich ergeben mag, hat nicht bloß für unsere Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung für #Jahrhunderte, ja für Jahrtausende#.

Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte, #zweite Erlösung der Menschheit#. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.

Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen (Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische, durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. -- Das sei von vorn herein gesagt, um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. --

Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung, nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.

Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein, oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen, Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der chinesischen die Japanesen.

Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien, wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen) Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten, entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten, aus denen (durch drei Religionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.

Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung, die Einheit der Erde.

Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier, Franzosen und Spanier, Russen und Polen, Griechen und Wallachen, sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer, ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern, in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus, nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz, Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark, Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden, ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung, welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.

Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die Engländer, daß die Spanier, die Russen sich konsolidirt haben, die neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhaupt #den Begriff der Nationalitäten# zum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen des vollkommenen Körpers gegeben sind.