Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 7

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Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht, weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das Haupt des Welttheils sein. »Das Volk, sagt Johann von Müller, welches die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein«.

Kapitel II.

Die Revolution und Napoleon.

Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten. Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz Europa, mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.

In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub, zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.

Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an, findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich Glied an Glied.

Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert, welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch des Weltgeistes genannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag. Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr, als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien, Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer, theils äußerer Zerrüttung.

Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter, schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann, wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen, um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.

Dazu war #Napoleon# gesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon den leitenden Plan, der sich durch Karl's mannigfache Unternehmungen hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden Ideen des Zeitalters blieben einem so mächtigen Geiste fremd: von Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus, als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien) darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie, hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung, Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn der _status quo_ ins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer die Nationalitäten geschieden. -- Die Zurückführung seiner Asche nach Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatte ihn verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu nahen und eine neue Epoche beginnt.

Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende Gewalt der Idee.

Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen, afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte. #Romanische Hegemonie#, das hat er auf ewig gelehrt, #widerstreitet der Ordnung von Europa#; um zu herrschen, mußte er den Organismus der Völker zerstören. #Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht ersprießlich, ja nothwendig sei#, wird die Zukunft lehren.

Kapitel III.

Die romanischen Völker.

Frankreich und die pyrenäische Halbinsel.

Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation (gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige, durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr Bewußtsein verrücken mußte, daß endlich der wahre Grund französischer Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichts #gethan# haben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind die französischen Prätensionen, #obwohl falsch und hohl#, doch des vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird, welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten. Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie zu sprechen hat.

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Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt hat.

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Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat; und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil, auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln, an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp; seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege, Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung, ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu, das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt, so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken, in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von Intriguen verschwimmt.

Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche, ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung des Volksgeistes die Principien der »Aufklärung« (der Voltaire'schen Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will auch der Proletarier zum »souveränen Volke« gehören. Wie nun diese Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie, um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen, keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich erheben. -- An dieser Immoralität, an der allgemeinen, wie an der eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt. Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände, daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet, während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine, der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk, ist #Thiers#. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet; in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl, enthält #Keime des Lebens#, die die Zukunft zur Reife bringen kann. Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.

So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung, welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der Welt vor Augen. #Eine neue positive zu schaffen# (d. h. sich selbst zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht, am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei. Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen: #Frankreich hat von Deutschland seine Rettung zu erwarten#. Gleichwie im achtzehnten Jahrhundert die französischen Prinzipien Deutschland überfluthet, wie der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen, ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.

Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation, die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden. Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren, so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen sich emancipiren, in der #ganzen# Nation erwachen. Ich glaube, daß die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit, kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris, unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs, den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum noch föderirt, während unter Ludwig XVI. und von ihm bis Napoleon die Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen (ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch nationale Einheit des #Bewußtseins# dem centralistischen, Frankreich durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.

Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten, statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte, wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren. In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung, sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.

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In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des Kontinents sind, wofür sie sich halten.

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Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon, heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein, sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssen die Sieger zu täuschen (wie im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden); deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert, nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das wäre thörichte Einbildung. #Thaten# allein, große und schwere Thaten vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen, daß sie's mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und hören, mit Sinnen spüren müssen -- und das alberne Geschrei nach der Rheingränze wird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].