Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 5

Chapter 53,499 wordsPublic domain

Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut. Eine Antwort (wenn auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.

Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört; sie sollen aufbau'n. #Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.#

Dieses Princip wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch leere Vermittlung, sondern #durch die =selbsteigene= Fülle seines Inhalts# die Gegensätze versöhnen, woran in hundert Gestalten die Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den Zweifel vernichten; zurückstrahlend auf die Dogmen des Christenthums, wird es die Religion verklären, welche zu ihm sich verhält, wie gemüthliche Ahnung zu bewußter Erkenntniß, wie Anschauung des Gefühls zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und naturgemäß die #Kirche# erwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und sicher der #Staat# sich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen organischer Begründung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar, daß Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf göttlichen Grundlagen, Hand in Hand zu gehen vermögen, diese aber von jenem in demselben Maße geleitet werde, als die Triebe des Gemüths in der menschlichen Seele der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.

Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfüllt ist, um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat, wieder eins werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, daß über dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt, welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, daß Philosophie und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu kämpfen, sich ergänzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere, weil nicht die fürstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].

Alle große Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen Volksgeistes, Aufbau einer höheren Weltordnung, die Hegemonie von Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und außen, Begründung einer unumstößlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolität -- sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre höchste Erfüllung.

Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das größte und glücklichste zu sein unter allen Völkern. Jener geistige Vorgang, den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die Reformation ausgeübt, dessen Hingabe an französische Aufklärung ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns fördern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Fürsten und Völker von Einem Zuge getrieben sind. Das freilich vermag nur ein weltmächtiges Wort, ein Wort voll göttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem tiefsten Streben des Volkes und deßhalb verständlich für Sinn und Herzen des #ganzen# Volkes. --

Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewußtsein gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, öd, leer, hoffnungslos, ohne Ziel und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, groß, ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen auch der äußern Größe. Denn für das höchste Ziel des menschlichen Wollens, für die Lösung der uralten Räthsel, konnten und mußten wohl die höchsten Opfer, Untergang der äußern Hoheit und Einheit, ja Verlust der höchsten Güter des Lebens, die ein Volk besitzen kann -- um diesen Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts, sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen liegt, so mußte Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von französischem, englischem Wesen, ja überhaupt vom europäischen, zubereitet und umgeschmolzen durch kosmopolitische Einflüsse. Jetzt wiederum, wenn das große Wort gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekämpft hat für alle europäischen Völker, die Fülle seines Segens ausströmen über ganz Europa.

Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerniß, den Andern eine Thorheit. Wie kann ein Wort so große Dinge thun? Wie kann ein Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation anders als ein Princip, so wissen sie dieß und jenes zu erwiedern: daß diese Zeiten vorüber seien, daß die jetzige Zeit sich von selbst (wie, ist nicht abzusehen) helfen werde, daß das deutsche Volk, ohne zum Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, daß es übrigens eine achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt von aller Superiorität, welche ja allem Gleichgewicht widerspräche, daß leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlöschen werde, um so weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen würde, daß übrigens dergleichen sanguinische Tröstungen dazu allein tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d. h. in ihrer verderblichen Unkenntniß des reellen Lebens zu bestärken. Wenn diese Leute eines Trostes bedürfen (und wie Viele gibt es nicht, die eine so aufgeklärte Zeit, wie die unsrige, für gesund halten an Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, daß das Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntniß von Tag zu Tag vernünftiger werden wird, oder wohl auch, daß der Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europäischen Völker von selbst erreicht wird, ohne daß es hiezu des deutschen Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber die Politik und die socialen Verhältnisse betrifft, so halten sie Deutschland berufen, französische und englische Elemente, freilich in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmählig zu politischer Mündigkeit zu gelangen.

Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in höherem Lichte betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und deren Seele bewußt oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt, der von Deutschland aus die düstern Wolken der Zeit durchbrechen soll. Solchen dünkt es kein Phantom, daß der Kampf des Christenthums mit der Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche seit Jahrhunderten gekämpft wird, der Kampf der alten Weltordnung mit einer neuen ist, daß Deutschland allein ihn auszukämpfen vermag, daß Deutschland, wie auch der Ausgang sein möge, der Mittelpunkt der Weltordnung bleiben muß. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt seit den Tagen der Reformation.

Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen; geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die Fülle seiner Kraft: plötzlich erhebt er sich, erlöset vom langen Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfältige Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes Charakter, wenn auch unwandelbar begründet in der Natur, ändert sich nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht, soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder die Thatkraft in richtigem Verhältnisse zum Geiste, weil gebannt und unterdrückt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stückwerk, freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen Geiste.

Und warum ist an der ganzen Entfaltung europäischer Größe nach außen hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich leidet, nach außen getrieben werden, das deutsche Volk war nach außen beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die Bahn des Welthandels verändert; der deutsche Handel, die deutsche Seemacht, über alle Meere noch ausgebreitet zu Karls V. Zeit, gingen zu Grabe. Die Ungunst des Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es, wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berührung mit der europäischen Civilisation, nicht eines Ausgehens über andere Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte. Ueberdieß aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land, an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob überhaupt maritimes Geschick den Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob außerhalb Europa keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mächtige Keime gelegt: aber zunächst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die andern Weltgeschicke einzugreifen.

Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung uns so mächtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflächlicher als der deutsche, aber eben deßhalb schneller und gewandter, verwandelt mit eigenthümlicher Leichtigkeit innere Vorgänge in äußere, und indem er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt, unermüdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und äußern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den äußern Anstoß mit Macht zu geben, und durch beständige Experimentation das große Werk zu beschleunigen. #Fichte#, in den Reden an die deutsche Nation, hat dieß in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte. Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung; später erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch seine Abgeschlossenheit eine Anwendung auf staatliche Verhältnisse am schnellsten hervorrufen mußte, einen republikanischen Ausbruch, der ganz verschieden von der französischen Revolution, nur aus einer übertrieben religiösen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religiöse Grundlage, worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Engländer sind geneigt zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche dem Deutschen jede philosophische Frage zur #Lebensfrage# umgestaltet.

Wäre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre -- was soll uns ein Princip für den Augenblick? Was soll es uns für Nationalmacht, für staatlichen Fortschritt, für die Gefahren einer Krise? Denn kein Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja Jahrhunderten, und eh' es nicht allmählig von oben nach unten die Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?

Ich antworte nur so viel: einig, mächtig und stark vermag nur dann eine Nation zu sein, wenn ihr Bewußtsein auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, während Guelfen und Ghibellinen die Einigkeit zerstörten, war Deutschland, trotz zahlloser Parteiungen, groß und mächtig, weil der Glaube des Volks nur in Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da zwischen religiösen und philosophischen, zwischen katholischen und protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa. Da hilft es nicht (wie man wohl möchte), deutsch zu sein, was man auch immer sonst sei: deutsch sein, heißt eben zwieträchtig sein, wenn der Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig und heilsam erachtet fürs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe, in welcher der Glaube des Einen, die Wünsche des Andern sich einigen, wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht sein, -- und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der Wolkensäule in der Wüste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den wir verlassen haben über den vielen Göttern, und mit ihm die Kraft, alle Zwietracht, so viel auch noch übrig bleiben möge, hintanzusetzen, wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.

In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.

Kapitel V.

Die neueste Zeit.

Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der Napoleonischen Zeit (denn ich gehöre, wie gesagt, nicht zu denen, die in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte römische Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, daß wir's heute noch hätten, wär's nicht von Fremden zerstört; es wiegt uns fort und fort in die alten Träume, es zog uns mit süßen Banden in's Mittelalter zurück, während rings um uns die neue Zeit hereinschlug. Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft; die Augen sind geöffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach außen ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten), doch anders geworden. Früher waren wir der Völker Spott und den Hunden gleich; jetzt eine Nation von anständiger Art, die man, obwohl sie nicht Stimme hat in den europäischen Sachen, doch zu verletzen nicht wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Völkern inwohnt.

Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als ein Reich mit zahllosen Territorien. Früher hielt man sich stark, mächtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute weckt das Gefühl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit -- und die ist, wir mögen nach außen so oder so gestellt sein, der Grund aller Größe. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung, und die sind Thoren, welche in dem unser Unglück sehen, was uns zum Besten gereicht. Nämlich, wie von Alters her der deutsche Geist aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne Stämme gespalten war, so konnt' er die höchste Ausbildung nur in der schärfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je kräftiger diese gedeihen, desto mehr muß der ganze Leib erstarken. Dazu war nun zweierlei vonnöthen: einmal, daß nicht die Spaltung also geschehe, daß die einzelnen Urstämme sich von einander sonderten und am Ende gar zu getrennten Völkern heranwuchsen; andrerseits, daß die gemischten Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch, sondern scheinbar zufällig aus; hierzu wurden die Urstämme (die Franken, Sachsen, Schwaben, Thüringer) zersplittert, als in denen der deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und slavischen Stämme in größere Reiche (Oestreich und Preußen) vereinigt. Auf so wundersamen Wege wußte die Vorsehung, trotz allem Elend, das Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu stärken, so doch, daß die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mußte.

Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichte anstrebt. Also mußten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten Urstämme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen werden, daß keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte. Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewürfel von Tausch, Entschädigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende Hand in den selbstsüchtigen Entwürfen, die das Partikularinteresse dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls scheinen konnte, ist heutzutage Bürgschaft der Einheit, Merkmal der unauslöschlichen deutschen Nationalität. Wie, wenn im Laufe der Territorialbildungen ein schwäbisches, sächsisches, fränkisches, rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener Kongreßakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstücke des deutschen Charakters hervorgegangen wären? Und doch ist Zusammenfassung der Stämme von Vielen gewünscht, Verschmelzung aller kleinern Territorien zu Mächten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet worden, als die Coalition der größten mit den winzigsten Territorien. Die Vorsehung, die auch nach dem Erlöschen nomineller Einheit auf die innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt. Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern, Würtemberg und Baden, die Rheinländer nach Preußen und Baiern, die Sachsen unter hannöversches und preußisches Regiment geworfen, die Hessen, die Sachsen, die Thüringer mannigfach zersplittert, überhaupt eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint. Denn, Art läßt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben müssen, ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berührung die deutsche Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurückgezogene, der mächtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert hiefür den klarsten Beleg. Weil es den östreichischen, den böhmischen, den mährischen Stamm, alle unzerstückelt, ohne Vermischung mit den andern deutschen Stämmen, in organischer Ganzheit beherrscht -- ebendeßhalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung ist die Menge der souveränen Herzogthümer und Fürstenthümer; sie sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das zum Zeichen, daß ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.

Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzähligen Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht -- wenn alles das den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflößen vermag, so sind sie eines Nationalgefühls überhaupt nicht und niemals fähig.

In der That hat sich der Sinn für Nationalehre -- mit Zuversicht kann es gesagt werden -- seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren die Deutschen in Allem, was hieher gehört, ein lächerliches Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares, mächtiges Deutschland; man wehrt sich gegen ausländische Anmaßung, man spricht und predigt, man denkt und fühlt sich deutsch. Aber die sind im Irrthum, welche hierin eine Bürgschaft für kommende Gefahr, eine Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflüssen gegenüber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt; er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer Geschöpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige, den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgänglich erfordert), er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das zu bewirken, was des Vaterlandes würdig ist. Dazu gehört ein volles Bewußtsein, eine gesättigte Tendenz des Nationalwillens.

* * * * *

Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche Patriotismus seit fünf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der Stoff, daß man ins Mittelalter, wie überhaupt in andre Kulturepochen zurückzugehen, seine Herrlichkeit zurückzuersehnen, seine Organismen anzuempfehlen, getrieben war. Höchst verdienstlich war es, dem lange verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine erbärmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat für das Verständniß, nicht nur des Mittelalters, sondern der ältesten, wie der neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener versuchten Joseph Görres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege, durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens, die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen Most in alte Schläuche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu flicken?

* * * * *