Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 18

Chapter 183,524 wordsPublic domain

Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit unzähliger Völker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil über den andern, die Eine Familie über die andere, das Eine Volk über das andere sich stufenweise erheben wird, also daß Eine Nation auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so muß auch hier hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun) Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einer #Gewalt, welche keine andere Gewalten neben sich duldet#, künftighin gehört werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprüchen verharren.

Mit andern Worten: die Kirche überhaupt unterliegt, so wie das Princip in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden Umwandlung. Die römische, lutherische und reformirte Konfession werden fallen, um Einer allgemeinen (#katholischen#) zu weichen. Wie diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich erscheinen muß) gedenkbar sei -- darüber noch einige Worte.

Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit erklären, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen, indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch die steigende Duldung, als durch innere Vorgänge den #dogmatischen# Unterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist dieß in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemühung, ihre Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begründung zu geben. Die reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren nahe gerückt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben fast einig gegenüberstehende Protestantismns hat wiederum, nach der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berührung. Denn da die große Parteispaltung zwischen rationalistischer und orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit ähnlicher Macht eingedrungen ist: so fühlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annäherung vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des kommenden Princips muß sonach naturgemäßer Weise diejenige sein, daß die Denkgläubigen (welcher Konfession sie angehören mögen,) der Kirche entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche sich zuwenden[69], während alle diejenigen, welche am christlichen #Symbole# (gleichviel, welchem Symbole) und damit an der #Kirche# festhalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder begegnen und finden werden.

Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus, die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.

Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche muß #konstitutionell# werden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein Gleichgewicht finden zwischen dem monarchischen, aristokratischen und demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe, und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, ein #Bekenntniß# aufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten Gewalt der Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine Geltung gegeben wird.

Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen, die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, im Mittelpunkte des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß also die sein, eine #deutsche Nationalkirche# zu schaffen, zunächst um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer umfassenden, europäischen Kircheneinigung.

Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen, civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt, durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die Waffe des Princip[74] unter civilisirten, durch das Christenthum unter wilden Völkern, im höchsten Sinne #des Herrn werden#.

Kapitel XV.

Beschluß.

Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist, obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des Menschengeschlechts.

Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament, in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den unmündigen Kindern erschien -- nur vorbereitend, nur Grundlage für die kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott und den Menschen, so daß #in ihm# und #durch ihn# Alle selig werden konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auch #bewußt# und #frei# dem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].

Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, das zweite den Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern gegeben werden.

Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich's auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung. Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher -- alles war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien -- da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias an's Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte: sie wurden »zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der Welt bis an's andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.«[76]

Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch du bist »ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.« Zwar in einem andern Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des Geistes und Gemüths, am fähigsten #ihn# zu suchen und zu finden, jene durch ein großes #Geschick# begnadigt, während du durch #Natur# es bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neue Ordnung der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat der #materielle# Typus jener wahrhaftigen #geistigen# Staatsordnung, nicht deine mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]? Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif zu werden für deine höchste Hervorbringung?

Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da an #dich# der höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er's entscheiden, ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll: -- oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das arme Menschengeschlecht. Das Alles hat er #dir# anheimgestellt, weil du der Heilung vor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene, deren unseliges Loos es war, »niemals zu sein, was sie hätten sein sollen und sein können?«

Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde, jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde -- ein einiges, starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk, ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir's Gott im Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber sollst ein #Mann# sein und mit #Manneskraft# das Schicksal an dich reißen -- und das ist's gerade, was du bisher so wenig gewesen und so selten gethan hast.

Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe, ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung, deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen, nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit schwätzen und weiter nichts wollen als sich bereichern an deiner Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen, was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu' es ohne Unterlaß und unerschütterlich, es werde was da wolle -- und das ganze Volk soll ihm zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind, deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs freiere Wort, -- alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich vorgesetzt. Und wo sie's nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht zagen oder zweifeln am Erfolg; denn »alle die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.«

Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem, was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen, sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt, daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabe #sie#, mit einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind), und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre Stimme zu meiden, oder mit der Heiligkeit des Thrones ihre Fehler zu bedecken suchen. -- Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und es #wohl zu wägen#, ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn sie aber begonnen werden müssen, #ohne Wanken# mit dem Recht zu stehen und zu fallen. -- Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen. Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn, deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern unter allen Kämpfen nur das #Eine Ziel, die Einigkeit# vor Augen zu haben.

Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.

Vor allem aber, deutsches Volk, #steh' fest auf dir allein# -- schau nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel seh'n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich, es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß, keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du betreten hast.

So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen, die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren. Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren werden, #wenn# du einst sein wirst, wozu du berufen bist, werden sich dir entgegenwerfen, #ehe# du's bist; und um der Erste zu sein in Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer, schwerer Kampf -- und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede; erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.

Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige -- und Gott, der noch nie seine Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie, deutsches Volk, schreib' es dir tief ins Herz und sag' es dir täglich und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine herrliche Zukunft -- wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? »#Es ist hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es zertreten.#«

Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: »#Mache dich auf, und werde Licht#; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht. Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.«

FUSSNOTEN

[1] Man erlaube mir, den »Untergang des Reiches« auf die ganze Dauer der Napoleonischen Kriege auszudehnen.

[2] Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder als #Friedrich#, d. i. als Friedebringer seines Volks.