Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft
Part 19
[3] Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier vorwiegend die Rede, weil die #deutsche# Entwicklung, weil der #positiv# philosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt, von ihm geleitet worden ist; während die #negative# Philosophie (der Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das reformirte Princip vermittelt wurde.
[4] Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!
[5] Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach ein #romanisch#-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist's bezeichnend, daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen, endlich verschlungen wurde.
[6] Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff, den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.
[7] Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. -- Ich finde im Leben des Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus und Skepticismus, #hat es seine Geschichte bereits geendigt#; denn die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist, #mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor sich#). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlich ist. So erscheint Leibnitz noch gebunden, wenigstens theilweise, von der Autorität der Offenbarung und kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von nun an aufs schärfste, #in ihrer Weise# dieselben Ideen auszusprechen, welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der ungeheure Einfluß der Hegel'schen Ideen in Deutschland, und ihre Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des politischen _status quo_; und die Hegel'sche Versöhnung verhält sich zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen, organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne, bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. --
[8] Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe für die Menschheit.
[9] Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich zurückgezogen hatte.
[10] Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.
[11] Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat, bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.
[12] Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.
[13] Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien, doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag' ich, obwohl jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.
[14] Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht ans #Elsaß#, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die Revolution gezüchtigt; auch »was die Lilien gesündigt«, findet noch seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen wird.
[15] Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt, ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind, in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? -- Das nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den obigen Zeilen freilich ist nicht von #dem# deutschen Volke die Rede, welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen Ländern seine Prinzen lieferte, sondern von #dem#, welches als erste differente Macht auch in Asien einschreiten muß.
[16] Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum hinzuzufügen.
[17] Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem gegenwärtigen Zustande trägt, so geschieht es, weil der Mangel an Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben, daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört.
[18] Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen, ankündigten: sie seien ausgezogen »_propter furorem Teutonicum, sua_ (der Mongolen) _modestia temperandum_«. (Siehe die Briefe des Freiherrn von Stein an den Freiherrn von Gagern _p. 68_).
[19] Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.
[20] Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den Vorrang.
[21] Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde, die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf, #daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung unsrer Tage#.
[22] Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. -- Was die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft, so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet werden? --
[23] Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall, wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.
[24] Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.
[25] Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme widmen, als bisher geschehen ist.
[26] Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten) nicht nur unvollkommen, sondern überhaupt #nicht# vertreten.
[27] Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht die #reformatorische# Tendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt, die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.
[28] Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.
[29] Gebieten -- durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.
[30] Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich, daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben, ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn dieser Staat, #trotz# der Freiheit seiner Gemeinden, #trotz# seiner Provinzialstände, #trotz# seiner germanischen Heerverfassung, und unter dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat, eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt' er sie nicht auch nach 1840 finden? -- Was übrigens die konstitutionellen Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne Oestreich. In #diesem# Sinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß diese zu Deutschland kommen.
[31] Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen, welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung, wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden, die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als Unding erscheinen würde.
[32] »Wäre nur erst,« sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, »Ein Welttheil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.«
(Dämmerungen für Deutschland).
[33] »Unvergänglich« sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.
[34] Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den »Erinnerungen« des ehrwürdigen Arndt _p. 343-348_.
[35] Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen -- dieß ist so allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.
[36] Vom französischen #Charakter# spreche ich nicht, weil seine fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in keiner Art zur Seite stellen läßt.
[37] Daher ist für den Deutschen schon #das bloße Bewußtsein# seines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum ist schon die #Ueberzeugung# von dem Berufe zur Hegemonie, schon der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen. Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.
[38] Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu würdigen gewußt. »Man drohte,« schreibt er in einem zur Zeit der tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, »der Erde schon oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle.«
[39] Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus, wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne, unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so Gott will, noch weiter geben -- zur Freude jedes ehrlichen Mannes in ganz Deutschland.
[40] S. Dahlmann's Politik. Kap. 7. §. 199.
[41] Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat, sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.
[42] Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland, welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.
[43] Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten, natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit, darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich hier als #fränkischer#, #schwäbischer#, #sächsischer# und #bairischer# Typus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische in #Ostfranken# (Maingebiet), in #Westfranken# (Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein) und in #Flamänder#; der schwäbische in #Schwaben#, #Alemannen# und #Schweizer#; der sächsische in #Obersachsen# (Thüringen und Königreich Sachsen), #Niedersachsen# (Hannover, Braunschweig, Westphalen) und #Friesen#; der bairische in #westliche Baiern#, #östliche Baiern# (östreichische Raçe) und #Tyroler#. Wir sahen in Europa, daß je das dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der Beruf der zwei großen Monarchieen.