Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 17

Chapter 173,534 wordsPublic domain

Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, daß sie geleistet, ist sie doch immer #Schule# geblieben, eingeschlossen in die engen Schranken der Form und der Kaste, verständlich nur einem kleinen Kreise des Volkes, gebunden an äußere Bedingungen, ergreifend und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fächer des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, daß der formale Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr überwiegt, daß die Wahrheit selbst, das höchste Ziel des menschlichen Wollens, zum logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik, jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein Zuthun von künstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken der Meister, verliert sich unter den Händen der Schüler, deren größere Masse sich im formalen Gehäuse einnistet, alle Wissenschaften damit bekleidet und sich dann bedünken läßt, sie besitze die Wahrheit, weil sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der Menschen Art liegt, in Allem, was räthselhaft klingt, einen tieferen Sinn zu suchen[54]. So geschieht, daß in neuerer Zeit die systematische Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die Mittelmäßigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Köpfe werden mit Verwirrung, ihre Gemüther mit Schalheit erfüllt; und ein Geschlecht wächst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es, durch jene äußere Fertigkeit verführt, noch weniger gedacht und noch oberflächlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan haben würde. Das ist nun zunächst nicht der Meister Schuld (obwohl Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der heutigen Philosophie überhaupt, d. h. der zunftmäßigen Stellung, die sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.

Endlich gesetzt auch, der dogmatische Gehalt der heutigen Philosophie sei genügend -- was er in keiner Weise ist --: wo ist der Uebergang von der Idee zum Leben? Wo die Brücke zu den socialen und politischen Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft für die Gebrechen, irgend ein Eingriff in die Entwicklung der Zeit? Darin war Fichte ein anderer Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthümlichkeit ein Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen konnte, wie unmöglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder auszuführen, so war doch in #seinem# Geiste die Brücke geschlagen, #sich# wenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, daß ihn als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so war es doch ein großer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten in's Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung. Und das wahrhaftig zum Glück der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn der modernen Schelling'schen Schule oder den alten oder den jungen Hegelianern vergönnt wäre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir würden in neue und tiefere Verwirrung stürzen; die Unklarheit, noch leidlich auf dem Gebiete des Wissens, würde unerträglich, wenn sie als politisches Evangelium erschiene. Doch -- der Hegelianismus selbst hat gefühlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit zu reformiren; einer seiner begabtesten Jünger hat ein ehrliches Bekenntniß der socialen Unfähigkeit abgelegt, und die guten Deutschen für die Gegenwart an die französische Revolution für die Zukunft auf die englische verwiesen[55].

Auch die höchste Philosophie muß in strenger logischer Gebundenheit ihre Sätze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch sie wird zunächst nur den Verstand der Menschen berühren. Aber #ihre# Logik muß, unabhängig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk, jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich, #ihr# Verständniß allen höheren Naturen vergönnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, weß Standes und Berufes sie sein mögen, nach Wahrheit verlangen[56]; #ihre# Wirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so daß die Klarheit, welche geistig über ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemüth erwärmt und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjüngung und Wiedergeburt. Ein tiefes, göttliches Element muß in ihr liegen, welches, auch abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten Naturen bewältigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt; gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.

Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, muß von allen Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die der menschliche Geist durchlaufen mußte, um zum Ziele zu kommen: die größte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied der Kette, Hegel, ist sowohl durch die überall sichtliche Ahnung[57], die theils in seinen, theils in seiner Jünger Ideen lebt, als durch die trostlose Unfähigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brächte, würde unter die Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die Sophisten[58].

Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich größer ist die Zahl der Andern, welche ein solches überhaupt nicht begehren, weil ihnen das Christenthum in seiner Fülle genügend erscheint. Wie weit dieses wahr sei, wie weit nicht, darüber zu rechten, ist hier nicht der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht bedürfen, so kann damit nicht gesagt sein, daß nicht die Zeit im Ganzen eines solchen bedürfe. Ja, sie selbst können, bei vollem Glauben, ein ähnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit Jahrhunderten die Religion untergräbt, zum Abschluß geführt[59] und der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei es zur Versöhnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen und politischen Fragen zu lösen. Der letztere Punkt insonderheit ist es, in dem wir Alle, weß Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das Christenthum ist seiner Natur nach unfähig, über diese Dinge Licht zu geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner größten Merkmale, daß es unabhängig von allen Einrichtungen überall dieselbe Wurzel schlägt. Es ist nicht nur unmöglch, vom christlichen Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum zieht uns von dergleichen Bemühungen ab. Ich komme damit auf einen Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und Bedeutung nicht in sich trägt, erst durch ein anderes, höheres bekömmt. Hier unten ist Sünde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus dem die Seele sich sehnen muß befreit zu werden. Das Christenthum, mit Einem Wort, hat niemals #die Erde# geheiligt. Der Trieb, auf dem die Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprünglich gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwählten um des Himmelreichs willen besiegen können[60]. Wie sollte es nun das menschliche Treiben überhaupt, und die höchste Spitze desselben, #den Staat#, heiligen?

Diese Lehren des Christenthums, so göttlich wirksam in der verderbten, durch Sinnlichkeit untergegangenen römischen Welt und unter den rohen barbarischen Massen, mußten in Widerspruch treten zur menschlichen Ordnung, nachdem das Bekenntniß die allgemeine Herrschaft errungen. Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Körper gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen Mächten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu sich heraufzog und verklärte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie, als Erzieherin, die Weihe geben.

Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag -- da trat der Zwiespalt offen und unversöhnlich hervor. So lange die Gemüthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach allen Kräften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen, er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige Persönlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verändert. Wer heute noch festhält am alten Glauben, der muß die #Vernunft gefangen geben# unter das höhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges Gemüthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie, Wissenschaft, Kunst und Politik, ist für ihn nur mit dem schwarzen Stempel der Sünde gezeichnet; das ganze Naturleben verschließt sich ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrückt ist, in trauriger und tragischer Unnatur.

Diese Erscheinung ist es, welche man gewöhnlich mit dem Namen »Pietismus« bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir Protestanten ins Besondere: der so oft geschmähte, von der Menge so leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61] ergreift auch die edlen und tiefen Gemüther, erfüllt auch höhere Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewußte als bewußte Freiheit des Geistes ein natürliches Gegengewicht hält); er wurzelt heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d. h. in dem Mißverhältnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhören, eine nothwendige Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemüthsleben seine Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.

Aber nicht nur das heutige Mißverhältniß, überhaupt jenen alten Zwiespalt der religiösen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll die Philosophie versöhnen. Sie soll in das flüchtige Dasein einen bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen unvergängliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit versetzt hat. Dem Gemüth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die höhere Weihe. So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstört nicht das ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewärtig, aber auch des Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten fröhlich sein kann, erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten Daseins erfreuen.

Wir wollen nun dem Princip selbst noch näher treten.

Die #Spekulation# soll uns den Grund der Welt, ihre gegenwärtige Bedeutung und ihr Endziel erschließen. Sie soll die #Einheit# des Alls uns beweisen, und aus ihr die #Trennung# Gottes und der Welt, des Schöpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott geben, welcher sein Bewußtsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch für uns ein versönlicher sei, #das heißt mit welchem ein unmittelbar persönliches Verhältniß uns möglich und nothwendig sei#. Sie soll uns mehr als Unvergänglichkeit, sie soll uns die #Unsterblichkeit des Ichs# geben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll den Gedankengang Gottes in der Schöpfung nachweisen, und seine ewig nothwendigen Gesetze. Sie soll #alle# Gegensätze, welche die Welt, (somit auch die #moralische# Welt) bewegen, auf Einen Gegensatz zurückführen und diesen Einen in der Ureinheit auflösen: also daß im ewigen Kampf selbst die Versöhnung liege und die Nothwendigkeit zur Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhältniß der kosmischen Massen zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den Erdgeschöpfen andrerseits zeigen[62].

In ihr muß die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen, der Polytheismus seine Erklärung, der Monotheismus seine Begründung finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das höchste Erzeugniß der #Einen# Seite der menschlichen Seele. Wie diesem mit Nothwendigkeit das Produkt der #andern# folgen mußte, wie beide sich bedingen und ergänzen, in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt sind, muß klar hervorgehn.

Doch -- ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der uns zunächst berührt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch keine Spur vorhanden, ist #die Lehre vom Geiste#, das ist die Kenntniß der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der menschliche, als der höchste beruht[63]. #Die menschliche Seele muß zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden.# Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen außer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.

Aus diesem geht aber einfach hervor #die Wissenschaft von den Individuen#, d. h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und Charaktere, der #verschiedenen Klassen und Abstufungen#, welche Gott in die menschlichen (somit in alle) Geschöpfe gelegt hat, und die Auffassung jeder einzelnen Persönlichkeit als Einer, untheilbaren, urmäßigen Natur.

Der Kenntniß der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen, das ist der Raçen, der Völker, der Nationen, der Stämme, der Familien. Auf der letztern beruht die Völker- und Staatenstellung auf Erden (denn jeder vollkommene Staat ist der Ausdruck eines Gesammtindividuums); auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener entspringt die äußere, aus dieser die innere Politik.

So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen aufschlagen: #sie wird sich kennen lernen#, die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmälig an Selbstkenntniß wächst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt -- den #vollkommenen Staat#.

#Es soll nämlich der Staat sein das Abbild der natürlichen, ewig dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung.# Da, wo die Stände des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen, wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der niedere Stand die niederen Naturen und der Pöbel den innern Pöbel in sich begreift[64]; -- da ist die äußere Ordnung vollendet, weil sie die innere ausdrückt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der göttlichen Stiftung, #da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden#.

Dieses höchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigen Worten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der Menschen gedrungen, zur ausgeprägten Darstellung reifen. Aber genug, wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrücktem Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der psychologischen #Lehre#, wäre sie erst vorhanden, würde für die Gegenwart von unermeßlicher Bedeutung, für die socialen und politischen Fragen schlechthin entscheidend sein.

Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter der menschlichen Natur. Das Königthum (die fürstliche Gewalt) ist gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht als lebendiges, ewig von unten ergänztes, auf und ab wogendes und doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.

Der Geldadel fällt damit in Nichts zurück. Der alte Erbadel bleibt, obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65], weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung, der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die höhere Kenntniß der menschlichen Seele gegründet. Jedes Talent, jeder Charakter kann ungehemmt das Höchste erreichen, dessen er von Natur befähigt ist, so bald der Maßstab der Beurtheilung aus dem äußeren, materiellen, ein inneres geworden. Dem Staate wird möglich, Millionen zu kennen, und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der ihr gebührt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche ja auf tiefem psychologischem Grunde fußt); die Freiheit ist eins mit der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das antiken Gemeinwesen[66].

Nicht minder umfassend würde das psychologische Gesetz die äußere Politik berühren; das Verhältniß der Völker und Reiche von Europa, die Organisation der Erde wäre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und diese wiederum von Völkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts hervorgeht.

Und hierin muß der erste Welttheil den übrigen vorangehen. Die Familien und Nationen Europas müssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein höheres über sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es möglich, die niedern Raçen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe von Civilisation zu führen, welche sie ihrem Wesen nach erlernen können; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkörpers den einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische Stellung zum Ganzen zu geben.

So bleibt jede Nationalität in unverrückter Eigenthümlichkeit an ihrem Platze, während doch Alle Ein großes Band umschlingt; das Bestehende wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich zum Abdruck des innern Völkerorganismus, und die Politik wird (wie wir früher gesagt) die Vollstreckerin der göttlichen Intentionen.

Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhältniß zur Kirche zu ordnen, steht ihr noch ein anderes Hülfsmittel zur Seite. Wenn der Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt, #so eröffnet sich zugleich die Geschichte des großen Individuums, welches Menschheit heißt#. Die erhöhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurück auf die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergießt sich uns ein neues Licht über unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.

Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worüber die Zeit belehrt sein will, unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmäht von den Einen, vergessen von den Andern, mit Nebel umhüllt vor den Augen der Menge, und auch denen noch unenträthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen. Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze Kultur verknüpft ist, auf den Ein ganzes Volk lebendige Weissagung gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtäglich vor unsern Augen wandelt?

#Christus# muß als geschichtliche Individualität begriffen, als #psychologische Persönlichkeit# erläutert werden, ehe wir das Christenthum klar zu fassen vermögen[67]. Der #Menschensohn# muß vor uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Söhnen Gottes sich den Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod für jene Zeit sowohl als für alle Zeiten eine Versöhnung werden mußte. Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes über andere Geister sowohl als über die Natur, wie weit die, niemals vorher in solchem Maße gewesene, niemals ähnlich wiederholte, in ihm und um ihn waltende Steigerung des Gemüthslebens jene Vorgänge erzeugen konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen sind, schlechtweg als Mährchen verworfen werden.

Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma der Dreieinigkeit sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schöpfung zwei ewig nothwendige, uranfänglich gedachte Spitzen enthält, deren Eine er selbst gewesen; wie er #den Geist der Wahrheit# als kommenden geahnt, als wirkenden schon gefühlt und als unerläßlich für den Bestand seiner Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurückgezogen und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.

Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche anerkannt werden als gleich göttliche, ja als höhere Macht. Wollte die Kirche sich dessen weigern: sie würde sich selbst vernichten, wenn sie den Geist verwürfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und nicht anders, #wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der Einzelnen#.