Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft
Part 16
Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmöglich ist, sich selbst zum Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmöglicher, von unten herauf die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben -- was bleibt uns übrig? Nur das eine, daß beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten selbst ihren beschränkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Maße unterordnen[42], daß der erstere im letzteren verschwindet, und wenn die Völker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewußtsein diesen Proceß beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach außen, durch große Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich werden kann, indem sie die Energie des gewöhnlichen Centralstaates sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs und dreißig Staaten nur die wenigern, d. h. die größeren eine Seite des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als natürlicher Gang, daß die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft, mehr und mehr in die größeren verwachsen, während letztere, indem jeder in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet, sich in Ecksteine des großen Ganzen verwandeln.
Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierenden und den Gehorchenden zugleich einflößen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich für's Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefühl sich erhebt von so gewaltiger Art, wie es in früheren Zeiten gar nicht gewesen ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen Rücksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend? Dieß geschieht nicht auf dem gewöhnlichen, breit getretenen Wege -- nur durch eine unerhörte, harmonische Bewegung der Geister und Gemüther -- auf Thronen wie in Hütten -- durch unzertrennliche Einigkeit des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges Bewußtwerden des Berufs von Deutschland.
#Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der politischen Principien, die äußere durch die unbedingteste Gleichheit des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit erfordert ein deutsches Princip.#
Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger entgegen.
Es ist zunächst die bürgerliche Gesellschaft selbst, und die Schichten des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der tiefsten Besorgniß erfüllt. Zwischen dem Königthum, als Spitze, und der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der Adel und der Mittelstand -- die beiden Stände, welche der bürgerlichen Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches, unentbehrliches Element des Staats -- #eine Mittelmacht zwischen Fürst und Volk#, wie sie früher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen Länder in Deutschland. Im Gefühl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht hat man die Pairien geschaffen -- aber was sind sie?
Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so sehr er sonst sein eigenthümliches Interesse zu wahren hat) verstärkt in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er aufhört, selbständiges Mittelglied zu sein, zerstört er die Harmonie des Staatsgebäudes und schärft den Gegensatz, den zu mildern seine Bestimmung war. Vom bureaukratischen Adel gilt dieß in noch höherem Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.
Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Großmacht der Staaten, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist der #Mittelstand#. Durch Talente, Thätigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese Herrschaft in gleichem Maße und in gleicher Weise, wie bisher sich verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum. Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen -- aber in Wahrheit keiner bessern: dem #Geld-Adel#. Von diesem Gift des Mammons ist jeder Fortschritt der Civilisation getränkt, und je weiter wir der Vervollkommnung uns zu nähern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen die höchsten Güter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte Kraft dem Untergange zu. Alles löst sich auf in der allgemeinen Sucht unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterländischen Entwürfen, die sich an den #Zollverein#, an deutschen Handel und deutsche Industrie knüpft, die ganze sonst so tröstliche Agitation, führt uns nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Götzen des Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.
Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen Troste der übrig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so vielfach gerühmt und als das höchste Zeichen der Zeit gepriesen wird: ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist's gerade dieser Trost, der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn im Gewirr der Principien, im Gewühl der Parteien, in der Fluth der Leidenschaften, ist die #Wahrheit# verloren worden: die Intelligenz eine käufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane -- Alles verstrickt in einem gräulichen Knäuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten kaum mehr zu entwirren vermögen, Alles verwickelt in ein Gewebe von Lügen, das auch die Reinsten unbewußt umfängt. Und mit der Wahrheit, wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil, unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische Schmerzen oder ekle Selbstvergötterung; das Höchste und Heiligste, was Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von Selbstbefleckung entweiht.
Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die Religion, welche früherhin den Geistern ihr Maaß, den Gemüthern ihren Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Gepräge eines gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt dem Einzelnen überlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und ungezügelt seine tausendfältige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine Beste befördert haben würden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile. Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus der er sich entwickeln soll, Frische und Natürlichkeit der Gemüther, zerfressen ist, wenn er sich künstlich steigern muß, um noch Etwas zu sein[45] -- dann ist das höchste Verderben der Civilisation erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur Vernichtung durch eine neue Barbarei.
So herrscht in unsern Tagen entweder die Militärmacht, das ist die #Gewalt# -- oder das #Geld# -- oder die #Lüge#[46]. -- Das ist das fürchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn wir in die Geschichte zurückschauen, die letzten Stadien der größten Epochen zur ewigen Warnung enthüllen. Denn die Lüge der Sophisten und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel; militärische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der Geister und der Hingebung an den Comfort war übermächtig im sinkenden römischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter Leos X.) die Hierarchie dem Untergang überliefert hat. Wer diese Dinge nicht fühlt, dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getränkt, aber wer sie fühlt, (und gewiß sind deren nicht wenige) der wird auch fühlen, daß unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlösung wird er seufzen.
Was ist's also, dessen die bürgerliche Gesellschaft bedarf, um sich zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen, höheren, der zwischen Völkern und Fürsten lebendig vermittle, gegen die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu führen droht, einem höheren Leben diene, gegen die militärische Gewalt das einfache aber unbesiegliche Bewußtsein freier Bürger und gegen die Lüge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien, kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu finden, uns dem Gemüthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen, zehrenden Unruhe überlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, müßte wirklich durch eine Anzahl krankhafter Auswüchse hindurch gehen. Die Ueberbildung führt uns zur Natur zurück. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach er trachtet, erst entledigt der schweren Bürde, die er trägt, kann er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemüth in seine alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her, #und die höchste Kunst ist gleich der höchsten Einfalt#.
#Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu verkünden.#
Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede, seien geheilt. Die bürgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat könne ohne einen höhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt euch Eine Frage zurück, ungelöst und unauflöslich, sie allein gewichtig genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht habet, zu nichte zu machen -- ich meine das #Verhältniß des Staats zur Kirche#. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam, wie es sein soll, dahin reicht kein gewöhnliches Wissen, wenn es noch so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf bevor, denn der Kirche ist unmöglich der Staat als gleich geschweige als überlegen anzuerkennen, so lange sie ihres göttlichen Ursprunges eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstören oder ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, daß sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich dem Tode weiht. Jenes vermögt ihr nicht, ihr müßtet denn die Axt an die Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wäre denn, daß der Glaube der Menschen eine Umwälzung erführe, wovon selbst die ungläubigsten Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fällen, die Kirche mag bleiben oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, eines #geistigen Mittels#, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden. Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl der äußere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten auf beiden Gebieten geführt wird, als vielmehr die tief eingreifende Wirkung, welche das Verhältniß des Staats zur Kirche auf Erziehung, Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausübt.
Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, daß ohne ihr Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit lebendig fortschreiten kann.
Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet, wir wären im Innern befriedigt, nach außen im Besitz einer anerkannten Hegemonie, das glücklichste, freiste und größte Volk -- selbst dann noch müßtet ihr, wenn auch nicht für euch, doch für die Völker, an deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die äußere Macht euch verläßt, und eine tiefere Anziehung vonnöthen ist. Wo nichts ist als die äußere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch ein geistiges Erzeugniß tief und unauslöschlich den Eindruck der Hoheit ihnen einprägt. Noch mehr aber ihr selbst, würdet im Besitze der Macht, ob noch so gemäßigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht. Die Lockungen des Uebermuths, die Gelüste des Despotismus würden auch euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack der Sünde einimpfen. So könnte, was ursprünglich zum Segen der Völker bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schützt euch und sie nur ein Gesetz, welches von höherer Hand geschrieben, unantastbar für euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstößliche Testament an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll. Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht geschaffen werden, daß, wie früher Frankreich, dann England und Rußland eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere Zukunft wäre nicht würdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfaßt zu werden: ein flüchtiger Tagesglanz, in dem weder das Vaterland noch die Menschheit sich sonnen könnte. Die wahre Hegemonie muß von allen, die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein: nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.
So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft, weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames Ziel. Und es wäre thöricht, zu erwarten, daß irgend eines der großen Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den übrigen oder zu theilweiser Genüge lösen ließe. Das bezeichnende Merkmal der heutigen Kultur, ihr höchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben darin, daß unsere sämmtlichen Zustände in wunderbarer Verkettung sich durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Für uns gibt es keine äußere Größe ohne innere Vollendung, keine politische Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blüthe ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergönnt, entweder der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so Großes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt -- oder in elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.
Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was wir können, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen ohne Vollbringen, ohne Halt, Begründung und Einheit. Mitten unter den höchsten Gütern der Kultur, unter den üppigsten Schätzen der Civilisation, umgeben von den lockendsten Früchten der Politik, dulden wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und wir verschmachten vor Durst. »Wir gehen alle in der Irre, wie die Schafe, ein jeglicher seinen Weg.« »Wir tappen nach der Wand wie die Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoßen uns in Mittag als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen Alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; denn wir harren auf das Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.«[48]
In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns überall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe Finsterniß uns umfing.
Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren muß das Wort als der Morgenstern aufgehen in den Herzen der Völker, muß es die Welt erretten als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.
Laßt uns nun in Kürze sehen, von welcher Art es sein müsse. So weit die Eigenthümlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel schließen läßt, so weit können wir errathen, wie etwa das Princip beschaffen sein möge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das unsrige erlösen soll.
Kapitel XIV.
Art und Umfang des Princips.
Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns zuerst die Frage: ob etwas dem ähnliches, was wir suchen, nicht schon vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, daß nur #die deutsche Philosophie# den Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann. Wir Alle glauben, daß die deutsche Forschung, so mühselig sie vorwärts schreitet, so seltsam der unaufhörliche Wechsel auch Manchen bedünken mag, dennoch ihr stilles Werk noch fördern werde, bis sie, der Vollendung genesen, aus der unbeachteten, verborgenen Hütte heraustritt an's Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu durchdringen. Wir alle sind überzeugt, daß keine Macht der Welt im Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, daß die Philosophie, wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht, wäre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, daß endlich die einmal gefundene Wahrheit sich Bahn brechen muß durch tausend und aber tausend Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der Meinung, daß es nur Einem vergönnt sein könne, die höchste Blüthe der Wissenschaft heraufzuführen[49], und daß die Natur und Persönlichkeit dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen müsse, womit er betraut ist.
In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so uneiniger im Einzelnen. Denn während die Einen der Zukunft harren, ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es kurzsichtig, wo nicht sündlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekämpft.
Eine ähnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich; es wäre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares Geschäft: was uns berührt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und die Menschen überhaupt. Die Einigkeit, welche ein deutsches Princip uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und mit ihr die Verwirrung, hat den höchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wäre sonach das, was wir suchen, schon vorhanden: so müßte nothwendig Eines der jetzigen Philosopheme die anderen übersiegen. Dieß könnte vielleicht erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel für uns, wenn nur Hoffnung ist, daß es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das weiß Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als künftighin siegend möglicher Weise gedacht werden können: das Schelling'sche und Hegel'sche. Alle andern sind von diesen beiden überflügelt worden; die früheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu ihren Schülern gezählt sind, als höhere Phasen der großen Entwicklung betrachtet werden[51] die gleichzeitigen und außer jener Reihe in besonderer Eigenthümlichkeit stehenden (z. B. J. J. Wagner, Herbart), weil sie keine Herrschaft in der öffentlichen Meinung, keinen Einfluß auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wäre. An jene beiden also sind wir beschränkt, den Maßstab der Hoffnung anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, dieß zu versuchen, tritt uns eine seltsame Erscheinung entgegen. Das ältere und das neuere Schelling'sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite der Hegel'schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, daß es unmöglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schärfste Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel'schen Rechte mit der antikirchlichen Aufklärung der jüngern zu thun?[52] Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst -- wo ihr Princip -- und kaum gefaßt, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind ja nur #die alten, längst bekannten Gegensätze der Zeit#, die uns hier begegnen.
Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu überwinden, hat die bisherige Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit, #sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die Kämpfe der Zeit zurück#. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen Systeme, #in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu bezwingen ihre Absicht war#; kaum geprägt, verfallen sie demselben zernichtenden Einfluß, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel einer unauflöslichen Zwietracht aufdrückt. Nur zweierlei konnte im Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche um die Weltherrschaft kämpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen. Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooße die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses, was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so gering ist, daß sie selbst im Nu den Gegensätzen unterliegt, die sie vermitteln wollte?
Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die größte, sie kann als solche bewundernswürdig und unsterblich sein, sie kann die Wahrheit stückweise geahndet und die Grundlage für eine höhere Hand gelegt haben -- und sie ist das und hat das in der That -- was wir begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene erlösende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche die Menschheit verlangt -- die hat sie nicht.