Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 15

Chapter 153,402 wordsPublic domain

Ja wir dürfen es offen uns selber sagen: die deutsche Individualität, so sehr sie in einzelnen Stücken von den übrigen Völkern erreicht und übertroffen wird, überragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen vermögen: die englische und französische, denn die andern sämmtlich sind trotz eigenthümlicher Vorzüge niedriger gestellt. Mehr Witz, Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das was _Esprit_ heißt, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Stärke, Umfang und Tiefe der deutsche Geist dem französischen hoch überlegen[36]. Die Engländer haben, was man gewöhnlich Charakter nennt, in höherem Grade, aber das englische Gemüth ist härter, egoistischer, unreiner als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Engländer wird von unserer idealen aufgewogen. Ja wäre selbst der französische Geist dem deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich oder überlegen: -- immer noch würde das deutsche Volk einzig, würde es das größte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente, durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemüth, wie sie, die Römer ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese Harmonie ist so groß, daß uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich träfe. Die Tiefe, Pietät, die Stärke, das Langsame, Bedächtige, Durchdringende, die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit -- alles das, und noch mehr, ist beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem Stück gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklärliche Mischung von philosophischer Strenge und religiösem Glauben, spekulativer Kühnheit und kirchlicher Frömmigkeit. Es ist unser Größestes, und was noch niemals in diesem Maße vorhanden gewesen, daß unser Denken keine Gränze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke, wäre sie noch so heilig geglaubt, -- und wir doch bleiben wie die Kinder gottesfürchtig und fromm; daß unser Glaube so maßlos ist in der Hingebung, so ängstlich in der Demuth, -- und dennoch so trotzig den Himmel bestürmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft den höchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth, -- es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische Trieb des vollen Lebens -- es ist der Muth einer höhern Begeisterung, entzündbar nur für die heiligen Güter des Lebens, für die Wahrheit und das Recht, für das geistige und nationale Dasein, unüberwindlich und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem Zusammenhange steht mit höheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so ist's mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allüberall will er eine höhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lässig, uneinig, träge und elend, wo sie ist, kräftig, energisch und groß auch in den kleinsten Dingen. Deßhalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschränkte zu heiligen durch höhere Bande, sind wir geborne Weltbürger, gehen hinaus über den Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhörlich zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht, daß dieser Zug zum Allgemeinen, eines der stärksten Merkmale des deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges Bestreben vernichtet werden könne. Das, was einmal unzerstörlich in der Natur liegt, wäre vergebens ausreißen zu wollen: wohl aber soll unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben. Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn erzeugt hat, wollen wir verklärt wissen durch allumfassende Liebe. #Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit hängt, desto heißer, je weniger, desto schwächer lieben wir's.# Ja es ist bitter zu sagen, und doch ist's geschehen und wird ewig geschehen, sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, -- sobald auch verlassen wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan, -- nicht dem kleinen beschränkten, französischen Volk, sondern dem Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich groß entweder, oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie die andern alle dafür zu opfern weiß, wird ihm dann nur Alles sein, wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen großen herrlichen Zug, dies einzige Geschenk, das der Höchste uns allein unter allen Völkern der Geschichte und für alle verliehen hat[38]. Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen, #so ist es doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Höchsten zu treiben, nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu schwanken# zwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit die uns theuer -- #oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein, und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mögen#. Darum aber, wenn das Letztere geschieht -- wo ist eine Kraft, die sich dieser vergleichen ließe, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der dreifach gegürteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der Gottesliebe in den Staub sänke?

Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen Oberhoheit trägt: so ist sie überdieß im Einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben -- alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun. Politische Gaben habe ich zuvörderst gesagt, und das mit Absicht, weil dem größten und wichtigsten Talente der erste Platz gebührt. Es ist nicht von den diplomatischen Künsten, von dem Spiele der Intriguen die Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Künste. Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die ausgebreitetste Uebersicht, die größte Allseitigkeit, die angeborne Leichtigkeit, sich in alle auswärtigen Verhältnisse und Charaktere zu finden, der höchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Fülle der leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur Politik befähigt; dann gewiß ist kein Volk Europa's dazu in dem Grade befähigt als das deutsche.

Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berührte: das gehaltene Maaß von intentionellem Reize, das unsern Kräften beigegeben ist. Unser Wille überschreitet niemals unsere Kraft; ja vielleicht ist er zu träge für sie. Das hat uns Manches gekostet, darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche charakterisirt wird, darin, daß wir nur durch innere Vorgänge getrieben werden können zu handeln, Großes zu thun, die Kraft zu brauchen, nicht durch äußern Anreiz; und Thoren mögen die Lebhaftigkeit der französischen Intention bewundern, wenn sie beständig hinausgeht über die innere Kraft und beständig wieder zurücksinkt; #uns# ist jene Eigenschaft der Bürge des deutschen Berufs in Europa, der Bürge der Hegemonie. Darin gerade, daß Deutschland niemals die Gränzen seiner Sendung überspringen, niemals erobern und umwälzen, niemals in frevelhaften Versuchen die Welt erschüttern wird, darum findet Europa den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst würden, auch im Besitze der höchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber, nur als die ersten Diener einer höhern Ordnung, als die Priester eines göttlichen Reiches würden sie sich betrachten. Konservativ sind sie, und sollen sie sein im höchsten Sinne des Worts, kein heiliges Verhältniß soll von ihnen betastet, keine Gränzen der Natur verrückt werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals geübt hat, ist Deutschland zum #konstitutionellen Königthum# in dem großen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt. Gleich der fürstlichen Macht im wohlgeordneten Staat, soll das königliche Volk, als die Spitze des germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste Leitung führen, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermäßigen, den Mittelstand beschützen, den Pöbel erziehen, ohne doch die Freiheit Aller zu beschränken.

So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern und äußern Schätzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit königlichen Gaben, #das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt#.

Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben und Würde -- ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem gewissen höchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinne #gar nicht vorhanden in Europa#.

Wäre dies nicht Thatsache, täglich fühlbare Thatsache -- der Verstand des Verständigsten könnte daran zerscheitern. Und er würde es, bliebe nicht eben der Trost, daß die Deutschen nur sehr klein oder sehr groß zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschland #sein kann#, und sollte nun zeigen, was es #ist#. Man erlasse mir den Beweis unserer Nichtigkeit zu führen, den Abstand zu schildern. Sagt mir nichts von Oestreich und Preußen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten, warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus in Europa, warum brüstet sich französische Anmaßung? Wenn sie in außer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehören sie hierher? Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfähig sich lebendig zu bethätigen und zum kräftigen Körper zu gestalten. In dem einzigen Worte »Ohnmacht«, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Außen, kann sich das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. »Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.«

Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet's weniger die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht nothwendig oder der Mühe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochendsten Willen der öffentlichen Stimme. Die Jahre zu berechnen, welche auf dem herkömmlichen Wege hingehen werden, ehe der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe er das Meer und ganz Deutschland umfaßt, ehe er auch dann noch ohne kleinliche Rücksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere Ströme von Zöllen und ihre Mündungen von Lasten entledigt sind, unsere Auswanderung überwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, öffentliche Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthümliche Wehrverfassung haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die außerordentlichen Zeitläufte vorüber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist -- alles das zu berechnen wäre thöricht. Denn da die Nation über die meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der äußern, nur Eine Meinung hat seit Jahren, und dennoch unfähig ist, diese Meinung geltend zu machen, so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. Der #Stader-Zoll# allein, ganz allein wäre hinreichend, den andern Nationen die tiefste Verachtung gegen unsere Erbärmlichkeit einzuflößen.

Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Laßt uns sehen, welche Art von Entwicklung die innern Zustände Deutschlands versprechen.

Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff gegenüber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, daß das erste, obwohl in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugniß, der deutschen Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt sind so alt als das deutsche Volk, und die ständische Verfassung des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes geübt, während die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige Souveränetät gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht müde werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen Männern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint, weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begründung auf deutschen Boden verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen Bestrebungen, die sich vielfältig geoffenbart, trotz so mancher Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Großen die Sache des Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig gefördert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrecht würden sie haben, zu verkennen, daß die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht berechtigen, das absolute zu preisen. #Jenes# ist aus einer Mischung des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus der #Zusammensetzung französischer und englischer Bestandtheile# hervorgegangen, #dieses aus der bureaukratisch-militärischen Monarchie#, welche von #Richelieu und Mazarin gegründet, von Ludwig XIV. vollendet#, nach dem dreißigjährigen Kriege um sich gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten ständischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den romanischen Ursprung, das letztere noch in höherem Grade, und wenn das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhängigkeit von Rußland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das deutschere, und daher unser würdigere sei, darüber kann kein Zweifel sein.

Aber eben so wenig darüber: welches von beiden in der Gegenwart das Uebergewicht behaupte. Die Großmächte, mit andern Worten, das bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der andern maßgebend bestimmen, daß das konstitutionelle System von dem ihm entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.

In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland nun und nimmer verharren. Entweder die östliche Hälfte muß über die westliche oder diese über jene siegen. Da aber das undeutsche Element zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?

Woher soll Euch die öffentliche Meinung kommen, so stark, so allmächtig, daß sie #ganz# Deutschland ergreift von oben bis unten, unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur die verhältnißmäßig größere, sie steht nur als deutschere der minder deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenüber. Und da die Großmächte Deutschlands Beschirmer nach außen, da sie die Horte der Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen -- so haben sie überdieß ein Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwäche ersetzt.

#Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?#

Doch es sei. -- Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben, wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der Deckmantel der Willkühr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle ungehemmt seine Blüthen und Früchte treiben; setzet, der Westen von Deutschland überwände, so gekräftigt, den Osten. Preußen habe seine Stände, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmögliche -- und geht nun mit mir noch einen Schritt weiter. --

Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch nach außen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer mächtiger wird das Nationalgefühl, immer lebendiger die Allmacht des Bundes -- wie nun? Je höher die Einheit, desto größer die Opfer, die das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschränkter die Souveränetät der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern: desto unmöglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. »Das unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschränkung der ständischen Steuerbewilligung in einem der wichtigsten Punkte, der will sagen, Beschränkung der Ausführbarkeit der guten Verfassung.«[40]

Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder Fortschritt nach außen ist für dich ein Rückschritt nach innen, und derselbe Weg, den du im Schweiß des Angesichts zum Ziele der Vollendung gehst, führt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.

Ja, der Staat überhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung von Deutschland. Denn was in früheren Zeiten in ungeordneter Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Ländern übt die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen, Freiheit nach außen und unabhängige Entwickelung; zusammengesetzte Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Völker. Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so daß in der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze beseelt, -- den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung herrscht, da untergräbt die Föderation sich selber. Je mehr die Staaten sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird die Verbindung, je enger die letztere, desto unmöglicher politische und sociale Ausbildung. Das Ganze blüht nur, wenn das Einzelne, das Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.

Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu öffnen, wo die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu verhüllen scheint. Wenn wir die frühere Geschichte betrachten, so zeigt sie uns, daß Deutschland nur in den Zeiten groß und mächtig gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, daß die höchste Blüthe der »germanischen Freiheit« von jeher mit dem tiefsten politischen Elend verschwistert war, und daß die neuere Zeit eine Entwicklung geschaffen hat, durch welche bereits aus den frühern dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreißig geworden; daß endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Maße sich in den deutschen Staaten forterhalten würde, allmählig sie alle in Eins verringern kann. Die Einheit von Deutschland -- wer unter uns wünschte sie nicht, ja, welcher ist von unsern Fürsten, dem sie nicht als das höchste Ziel, als das theuerste Gut erscheinen müßte? Aber wie dazu gelangen?

Unter den Fürsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden. Das erste deutsche Fürstengeschlecht, das #Erzhaus#, hat zeitenweise den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines Einflusses die Deutschen zur Einheit zu führen. Sehr thöricht ist es, wie viele gethan haben, die östreichische Politik um eines Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchführung so großartig und belohnend scheinen müßte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten waren hiefür nicht reif, und wären sie gewesen -- so war die höhere Gefahr vorhanden, daß Deutschland in Oestreich sich verloren haben würde, während Oestreich in Deutschland sich hätte verlieren sollen. Es sollte nicht sein und eine weise Fügung hat es verhindert, welche nicht wollte, daß Großes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer Rechte erzielt werde.

Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane der Art, auch für Süddeutschland (der Norden ist durch Preußen gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, daß sie den innern Gang von Deutschland vorbezeichnen könnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit der großen Monarchie darauf beschränkt sind, den übrigen nachzugehen -- so würde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders ist Preußen gestellt. Preußen kann vorangehn; es ist im Zollverein bereits vorangegangen, und wäre fähig, auch in der innern Politik voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschähe), in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einfluß ist es, der eine materielle Ausbreitung den Preußen so unmöglich macht, als den Oestreichern. Die höchste Idee der preußischen Politik kann lediglich #die# sein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland preußisch zu machen. Wäre dieß nicht an sich schon klar genug: so fühlt man doch, daß jeder äußere Versuch im letzten Grund an Oestreich scheitern würde, und thut wohl, nach diesem Gefühle zu handeln. So wird eine Großmacht durch die andere, und alle übrigen Staaten eben durch die Großmächte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist keine partiale Tendenz vorhanden, welche mächtig genug wäre, das Ganze zu überwältigen.

Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur über Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag, beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten selbst so mächtig von dem Gemeingefühl durchdrungen sind, daß die partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch einfügt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine äußere Revolution, gesetzt auch, sie wäre mächtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und einen Staat zu schaffen, würde unfähig sein, die Verschiedenheit der Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland würde sofort wieder in ähnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form beraubt, worin sie gegossen waren, würden sofort sich neue erschaffen. Wir würden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.