Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 14

Chapter 143,103 wordsPublic domain

Der Kampf der Principien, so furchtbar und hoffnungslos, weil keine Partei zu siegen, keine unterzugehen vermag, raubt Europa die innere, der Zwist der Territorialinteressen raubt ihm die äußere Einheit. Jener hat eine peinliche Unfähigkeit der Staatsverwaltungen (das _Juste-mileu_), dieses die Unvermögenheit der Politik, auswärtige Dinge zu schlichten, (den _Statusquo_) erzeugt. Ohne Einheit ihrer Glieder, zerrissen von schroffen Gegensätzen, ohne politische Intentionen, unklar über das was sie soll, unfähig in dem was sie will: so ist, als Ganzes betrachtet, die europäische Pentarchie.

Und diese Pentarchie vermißt sich, das Schicksal zweier Welttheile, ja im weitern Sinne die Regierung der Erde zu leiten. Die Folgen liegen der Welt vor Augen. Eine Frage taucht auf nach der andern, und von ihr wahrhaftig wird sie nicht geschlichtet, wenn sie nicht in sich selbst die Schlichtung findet. Unendliches Blut ist in Griechenland vergossen worden, weil es den Mächten beliebt hat, #das# erst nach Jahren zu thun, was endlich doch geschehen mußte, und sogleich hätte geschehen sollen. Zahllose Menschenleben sind in Spanien geopfert worden, weil es ihnen genehm war, von beiden Seiten gerade so weit zu interveniren, um den Krieg desto hartnäckiger in die Länge zu ziehen. Welches Princip ist es doch, das Belgien konstituirt und Polen preisgegeben hat, das die Integrität der Türkei verkündigt und dem Pascha von Aegypten die Erblichkeit verleiht? Es sind weder Principien noch Grundsätze, noch auch allgemeine humane Rücksichten vorhanden. So hat man in der orientalischen Sache wohl für Abdul Medschid gearbeitet und für Mehmed Ali, für sie und wider sie hat man hin und hergeredet, geschrieben und gehandelt: der unterdrückten Völker aber ist mit keinem Worte gedacht worden, weder der türkischen noch der ägyptischen. Ueberhaupt, diese Frage des Orients, das schwere Probestück, an dem das heutige Europa sich verbluten wird, um einem neuen zu weichen, sie zeigt allein schon die ganze Hülflosigkeit des diplomatischen Wollens und Thuns. Was war im Orient zu thun? Man wollte, weil ein anderer Ausweg vorerst nicht zu finden, die Erhaltung der Pforte. Mehmed Ali mußte, war seine Macht hiemit vereinbar, belassen, war sie es nicht, unschädlich gemacht werden. Jahre verflossen -- blutige Jahre für die Völker, tödtliche für die Herrscher des türkischen Reiches -- ehe man hierüber zu einigen Begriffen kam. Endlich wird eingeschritten: und keines von beiden geschieht. Nach einer Reihe kriegerischer Großthaten sieht sich die gerettete Pforte in neue und schwerere Verwicklungen gestürzt, ist Mehmed Ali in geheiligtem Besitz des Errungenen und gestärkt durch verdoppelte Mittel der List, der Intrigue und des Verderbens, sind die syrischen Provinzen der furchtbarsten Anarchie, die christlichen Unterthanen der schändlichsten Bedrückung preisgegeben, ist Europa in neue Krisen verwickelt. Wohl gab es einen Mittelweg: trotz der Pforte und trotz des Pascha im Interesse der christlichen Bevölkerung zu handeln. Aber, wie die Protektion der Pforte schon dem Princip nach den christlichen Interessen im Orient zuwiderläuft, so weiß man auch in dieser Beziehung nur zu zögern. Der Mangel an leitenden Ideen ist so groß, daß die Staatsmänner sie in den wichtigsten Dingen von der öffentlichen Meinung erwarten; erst wenn diese sich unabweislich geltend macht, wird gehandelt. Die Pentarchie besitzt die oberleitende Gewalt: statt sie zu handhaben, läßt sie sich von den Ereignissen so lange leiten, bis der höchste Punkt erreicht, der dringendste Augenblick gekommen ist; dann endlich wird geschlichtet, doch nicht um die Sache selbst zu schlichten, sondern sie vorläufig wenigstens so zu wenden, daß keine der fünf Mächte sich beleidigt fühlt. Ein Tribunal der Völker will sie bilden, das über die Zwiste der Nationen entscheidet; und mit der richterlichen Vollmacht verbindet sie die ausübende, um überall den gefällten Spruch in Kraft zu bringen. Nur schade, daß ihr hiezu gerade die zwei Dinge fehlen, worin die Befähigung läge: die Einheit sowohl als die geistigen und sittlichen Regeln, nach denen Recht gesprochen werden soll. Ohne das, wie mag sie zu Gerichte sitzen? Wie anders, als zum Verderben der Völker? In der That, ihre Wirksamkeit sollte darauf beschränkt sein, sich selbst in Ordnung zu halten; denn trotz unablässiger Bemühungen, vermag sie selbst dieses nicht. Die innern Blößen, die zu verdecken sie sechsundzwanzig Jahre vergebens gerungen hat, treten offener als jemals in diesem Augenblicke zur Schau. Und gleichwohl hört man nicht auf, als Vollendung politischer Weisheit eine Diplomatie zu rühmen, deren höchste Kunst in gelungenen Ausflüchten, in vertagenden Maaßregeln besteht.

Doch, warum die menschlichen Schwächen anklagen, wo ein höheres Schicksal schwer und ungeheuer auf den Völkern lastet, vor dem die Weisheit der Regierenden so flüchtig zerrinnt, als die Einfalt der Thörichten? Große Dinge bereiten sich vor an allen Enden der Erde: das semitische, das indische, persische und östliche Asien wird näher und näher in den europäischen Kreis gezogen, um von daher sich frische Kraft zu erholen: Afrika fängt an, sich uns zu erschließen; und wie im Osten eine erstorbene, im Süden eine todte Welt, so harrt im Westen, über dem Ocean, eine jugendliche, kaum geborene der erziehenden Hand, um aus der kindlichen Regellosigkeit, worin sie sich verloren hat, zur Ordnung und Freiheit zu gedeihen. Das alles ist dem kleinen Erdtheil vorbehalten, den die Vorsehung bestimmt hat, an der Spitze der Völker zu stehen: und eben dieser Erdtheil ist von innern Uebeln ohne Zahl, von tödtlichen Wunden zerrissen. Die vor allem müssen geheilt sein -- oder seine Herrschaft gereicht wie bisher so oft, nur zum Fluch und Unsegen der Völker, statt zu ihrem Wohl und Frieden.

Es ist ein großer Gedanke, der dem pentarchischen System zu Grund liegt. Aus den edelsten Völkern, und den vollendetsten Staaten soll eine Macht sich heranbilden, die als höchstes Forum mit Gerechtigkeit und Kraft die Weltangelegenheiten schlichtet. Es ist ein schöner, herrlicher Traum, jene Einheit des Menschengeschlechtes, nach der die edelsten Männer sich von Altersher gesehnt haben, jener ungetrübte Friede, dem in unsern Tagen die Menschheit entgegenzugehen scheint: und vielleicht mehr als Traum. Das alles vermag die Pentarchie nicht zu geben; sie ist das künstlich gestützte, morsche Gebäude, an das die tiefsten Wünsche der Zeitgenossen sich anranken, und nur eben dadurch vor dem Umsturz bewahrt. Aber so weit Harmonie und Friede in der menschlichen Natur überhaupt liegt, so weit jedes Gemeinwesen sie in sich entwickeln kann; so weit kann die ganze Menschheit ihr Ideal erreichen, sobald Europa selbst zu innerer Einheit gelangt sein wird[32]. Dieses geschieht, wenn die Fragen gelöst sein werden, von denen die Welt in ihren tiefsten Tiefen bewegt wird, wenn inmitten slavischer und romanischer Tendenzen ein germanischer Bund die höchste Gewalt übernimmt, wenn ein Volk an die Spitze des Bundes tritt, welches nach großen, leitenden Ideen die Politik von Europa regelt und eine Macht aufrichtet, die unantastbar ist und unvergänglich[33], weil das geistige und sittliche Princip es ist, worauf sie beruht.

Seit Jahrhunderten kennt die europäische Geschichte keine andere Staatskunst, als die Künste des Trugs, der Hinterlist und der Selbstsucht; keine Verträge, als die, so für den Vortheil des Augenblicks ohne Bedenken geschlossen sind, um eben so gewissenlos gebrochen zu werden, keine Allianzen, als vergängliche, haltlose und denen das tiefere Bewußtsein fehlt, keine Kolonisation, als die auf Barbarei und Vertilgung der menschlichen Raçen gegründete. Wie würde es sein, wenn aus dem Schutt so gehäufter Verbrechen eine neue Politik sich erhöbe, mannhaft, offen und edel, ein Abglanz der höhern Weisheit, deren Absichten sie zu erkennen und zu vollstrecken strebte, geheiligt durch die sittliche Würde, von welcher Thoren und Elende sagen, sie sei unvereinbar mit weltlichen Dingen, voll Stärke und Wahrheit, voll Kraft und Gerechtigkeit! So viel ist gewiß; die alte Politik geht ihrem Untergange entgegen; was bis jetzt gedauert, schlägt keine Wurzel mehr hinüber in künftige Jahrhunderte. Denn wie jedwede Kunst, wenn sie zur Künstelei geworden, zurückgehen muß auf die Natur, in welcher allein ursprüngliches und wahrhaftiges Leben liegt: so wird auch die Politik, eben weil sie die höchste Spitze der Unnatur erreicht hat, zu den ewigen Quellen des Rechts und der Wahrheit hinabsteigen, um das zu werden, wozu sie berufen ist: #die Erzieherin des Menschengeschlechts#.

Kapitel XIII.

Deutschland.

Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:

In allen Ländern Europa's, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt das Bewußtsein und der Glaube der Völker, ringt der Instinkt und der Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die Einen zu erschöpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart befähigt, ein Princip zu erzeugen von europäischer Wirkung.

Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und findet sie nur in natürlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja erst entstehen läßt, dem jede andere, sei es englische, französische oder russische zuwiderläuft, weil nur #sie# in den natürlichen Grenzen bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten muß.

Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter, England in dritter Linie sich verbünden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises überwachen soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten gefürchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Völkern verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.

Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird, ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete Schwäche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefühl des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superiorität unvereinbar sei. -- Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken einer deutschen Hegemonie. »Wie, sagt man, in einem Augenblick, wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu leben, und schädlichen Außenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen, Glück, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen Verwirklichung, wäre sie möglich, uns zuletzt nur elend machen würde. Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je für seine Ausführung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der Kräfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke noththut.«

Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach außen zu gehen, Eroberungen nachzujagen, draußen die Größe zu suchen, die daheim nicht ist, nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt: wenn Deutschland #in sich und aus sich# alle die Kräfte entwickelt, die ihm Gott gegeben hat, wenn es #sich selbst# zu der Stufe der Vollkommenheit geführt haben wird, die es erreichen will -- dann ist es im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig, wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so allumfassend sein Einfluß, daß es sich selbst nicht verändern kann, ohne ganz Europa zu verändern. Trachtet nach dem Einen, habe ich gesagt, und #alles andere wird Euch von selbst zufallen#.

Seid einig, wollte ich sagen -- und zwei Großmächte werden von eurem Willen beseelt und es wird nur #eine# Macht sein mit zwei Armen. Seid einig -- und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig -- und Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig -- und England wird euer Bündniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig -- und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig -- und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der Orients. Seid einig -- und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig zu sein. Seid nur ihr selbst -- und ihr seid das erste Volk der Erde.

Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Größe, äußere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich trägt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen natürliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa's, das mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Völkerfamilien zugleich berührt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von Preußen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher Strom, und ist nicht durch unsere Verbrüderung mit Ungarn auch die Donau? und wenn's die Ströme sind, warum sollen nicht auch die Mündungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straßen mit Nothwendigkeit gewiesen?

Das sagt uns die Karte, -- und wenn wir weiter schauen, welch' eine Fülle von Macht liegt nicht in dem einzigen Worte #Zollverein#! Der Zollverein, wenn er erst die sämmtlichen Staaten umfaßt, kann den Holländern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dänemark, Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, daß er uns erlöse vom holländischen und englischen Joch, daß er unsern Handel, unsre Industrie so groß und frei mache, wie vor Zeiten und die gesunkene Achtung des deutschen Namens in fühlbarer Weise den Nationen wieder einpräge: noch höher ist seine Bestimmung, er soll mit den reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, #jenes germanische Bündniß heraufführen#, worauf unsere politische Zukunft beruht.

Und auch der Schöpfer einer Seemacht kann er uns werden, und muß er uns werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit selbst ihn lehren zu schützen. Sie wird ihm zeigen, daß es kein freies Verhältniß, kein selbstständiges Bündniß mit England gibt, #ohne die gleiche Waffe#, daß ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem geringen nautischen Talent, zur See groß geworden sind, wie vielmehr wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Maße angeboren ist. Was uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war die Zersplitterung, und daß die größeren Staaten, die auch einzeln zur See wohl Einiges vermocht hätten (wie Preußen) in unverhältnißmäßiger Militärmacht sich erschöpfen mußten. Jedes Volk, dem die Natur eine lange Küstenstrecke und dazu Talent für Handel und Seefahrt verliehen hat, kann sofort ohne Anstrengung ein #seemächtiges# werden, ja die Römer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist lächerlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft überschreite unser Können, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt entfalten könne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von Deutschland, nicht von Oestreich, Preußen und Hannover ausgehen kann, eine Einheit nach Außen begründen, von der jetzt noch kaum die Ahnung vorhanden ist.

Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohne #Kolonieen#, welche zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unnütz und schwierig, ja fast unmöglich sei. Vielleicht hätten wir bereits eine Anzahl von Kolonieen, die in ihrer Art genügend sein würden, #wenn seit einem Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung überwacht, geleitet und auf gewisse Punkte koncentrirt worden wäre#. Daß dieses künftig geschehe, ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch die Menschlichkeit, welche für die, die das Vaterland verlassen, ein neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervölkerung steuern soll, ohne den Volkscharakter draußen Preis zu geben, endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch außerhalb Europa's zu beschützen und groß zu machen hat. Es ist wahr, für eine gewisse Höhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten des Mutterlandes zu tragen, können wir durch die Auswanderung ihre Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden, daß die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalität in ihrem Wesen unversehrt bleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Töchterstaaten heranwachsen, welche, obwohl unabhängig, und außerhalb des nominellen Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natürliche Freundschaft des Blutes so viel, und noch mehr ersetzen können, als ihm militärische Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Süden von Asien gewährt haben würden. Eine mächtige Grundlage, um Großes darauf zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt. Das allein thut unumgänglich Noth, daß von Deutschland aus Alles nach einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im Stande Kolonieen zu haben, -- und wir werden sie haben.

Nehmet dazu eine #deutsche Heerverfassung#, wie sie nach dem Muster der preußischen in den übrigen Staaten eingeführt werden kann, #eine Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden gemeinsam# ist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],) und die materiellen Bedingungen der Größe sind gegeben. Dem Westen gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militärischer Stärke, sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Stärke in einem Maße vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.

Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche, obwohl verdunkelt und verhüllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte Gott, ich könnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trübe Hülle sie den Augen der Deutschen selbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange von tausend entstellenden Fehlern würde rein und klar ein wunderbares Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den sieht sie nicht, faßt sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht, daß in den geduldigen Gemüthern eine Stärke und Ausdauer wurzelt, die am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blüthen treibt. Man bewundert wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt über die Tiefe der Gedanken und den unermüdlichen Fleiß, der alle Zeiten und Völker an sich zieht; aber welch erschütternder Thatkraft die denkende Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verständniß fähig sei, das ahnen sie nicht.