Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft
Part 13
Das alles klingt vortrefflich, und ist doch nur Lug und Trug und Täuschung. Die Wirklichkeit der Dinge spricht den Zahlen Hohn. Sie kennt kein deutsches, kein germanisches, kein west-europäisches Uebergewicht. Sie zeigt uns Ohnmacht, wo wir Stärke; Herrschaft, wo wir Schwäche erwarten.
Es ist nöthig, die Ursachen dieses Uebels zu beleuchten; ehe das geschieht, einen Blick auf Oestreich und Preußen als Großmächte zu werfen. Wenn hier, im Schwerpunkt von Europa sich Gebrechen entdecken, so ist die Erklärung schon halb gegeben. Und der Gebrechen werden um so mehr sein, je schwächer, um so weniger, je kräftiger diese Mächte die Vertretung von Deutschland, an dessen Stelle sie stehn, in Europa handhaben. Es fragt sich: kann Oestreich, kann Preußen eine deutsche Politik verfolgen? Und verfolgen sie dieselbe in Wahrheit? --
Zusammengesetzt aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen, giebt es für Oestreich keine andere Politik und hat, Josephs II. Zeit ausgenommen, niemals eine andere gegeben, als die konservative; das heißt, ein Verfahren, welches die bestehenden Grundlagen heilig hält, Neuerungen abweist, so lang sie nicht unumgänglich und unschädlich anzunehmen sind, alle Nationalitäten und Provinzialismen schont, jeden auftauchenden Einzeltrieb beseitigt, und so das Ganze in fortdauerndem Gleichgewicht erhält[27]. Diese Maximen sind es, die man östreichisch nennen kann; sie werden durch die Conglomeration geboten, in der keines der Elemente den Vorrang behaupten darf. Jede der Tendenzen, zur überwiegenden im Reiche erhoben, würde die andern gegen sich reizen. Und abgesehen davon, worauf sollte z. B. eine slavische Politik (obgleich die slavische Bevölkerung die Mehrzahl bildet) sich stützen? Auf Böhmen und Mähren, die im deutschen auf Croaten, Slaven und Illyrier, die im ungarischen Verbande stehen? Worauf eine magyarische, die nicht einmal für Ungarn unbedingte Geltung hat, wo slavische und magyarische Elemente zur Einheit geführt werden sollen? Worauf eine italienische, bei der Beschränktheit des lombardischen und dalmatischen Gebietes? Alle diese Tendenzen in Einer zu vereinigen, die den einzelnen die gebührende Stellung gibt und sie sämmtlich umfaßt, das ist die Aufgabe von Oestreich. Und wie wird sie gelöst? Nicht selbsteignen Inhalt, eigenthümliche Richtung hat das östreichische System; es ist ein Mittelding zwischen allen Tendenzen, mit feiner Vorsicht allerdings und mit kluger Mäßigung ausgestattet, und soweit geschickt, um sich hinterher ohne Schaden in die Ereignisse zu fügen, aber ohne den Geist, der die Zukunft auffaßt und voraussichtlich die Ereignisse lenkt, und ohne die Energie, Großes und Mächtiges zu leisten.
Joseph II. fühlte das; er wollte die Staatsmaschine mit Einem Willen beseelen. Aber wie ging er zu Werke? Seine Absicht war, die Nationalitäten hinwegzuräumen, und ein Unding von östreichischer Einheit an ihre Stelle zu setzen. Sein Werk mißlang; und die Anhänger der matten Stabilität glauben sich unüberwindlich gerechtfertigt, wenn sie seinen Namen heraufbeschwören.
Und doch gibt es Eine Politik, eine andere als die Josephische, in der jene Verschmelzung von selbst gegeben ist, mit den Vorzügen des östreichischen Systems, ohne seine Schwankungen, höher und lebensvoller: es ist die deutsche. Was den Westslaven frommt, innige und friedsame Durchdringung des deutschen und slavischen Wesens, Erstarkung vor Rußlands ganz slavischen Fortschritten, will es nicht auch die deutsche Politik? Kann sie nicht, um den obigen Zweck zu erreichen, der Sprache, Literatur und Nationalität der Slaven die freieste Entwicklung gestatten? War es nicht dieselbe Zeit, welcher die Böhmen noch heute mit der freudigsten Erinnerung gedenken (die Epoche Karls IV.) und dieselbe, in der deutscher Geist und deutsche Literatur mehr als jemals in Böhmen geblüht hat? Was die Ungarn wollen, liegt es nicht, wie wir gesehn, auch in der deutschen Politik? In Italien will sie, wie die Italiener selbst, eine kräftige, bewußte, ungezwungene Nationalität; ein offenes und furchtloses Verfahren, um den alten Groll zu versöhnen und Liebe zu stiften, wo die Furcht geherrscht hat; und einen Staatenbund, an dessen Spitze das lombardisch-venetianische Königreich gehört. Was endlich die polnischen Unterthanen Oestreichs wünschen müssen, die Herstellung Polens -- auch das ist von der deutschen Politik geboten.
Oestreich, als Großmacht im Allgemeinen, will eine würdige, weder feindliche noch gebundene Stellung zu Frankreich; ein enges Verhältniß zu England, dem alten Bundesgenossen; es sucht in Italien den französischen Einfluß zu paralysiren, an der Donau und im Orient sich steigend, materiell und moralisch auszubreiten; Beherrscher so vieler slavischer Völker, bedarf es der schärfsten Selbstständigkeit gegen Rußland, so vieler deutscher Provinzen, der innigsten Einigung mit Deutschland. Alles dies, liegt es nicht in den Wünschen und Bedürfnissen der deutschen Nation?
Laßt nun sehen, wie weit die östreichische Politik der deutschen gleicht, wie weit Oestreich in deutschem Interesse handelt. Statt der germanischen Allianz mit England finden wir eine prinzipielle Verbrüderung mit Rußland. Die deutschen Provinzen sind geistig und mechanisch von dem übrigen Deutschland abgesperrt. Die Verschmelzung des deutschen und slavischen Elements in Böhmen und Mähren wird eben dadurch verhindert. In Italien ein unsicheres, von losen Stützen getragenes Wesen. Hier, wie in ganz Deutschland erscheint Oestreich als abwehrende, negative, strafende, nicht als wohlthätig wirkende, nationale Macht. Der Geist der Regierung hat längst die Stufe überschritten, auf den der komplicirte Charakter des Staates ihn stellt; er konservirt nicht nur, er fürchtet die Neuerungen auch wenn sie unschädlich, er umgeht sie, auch wenn sie unumgänglich sind. Das materielle Wohl soll den Völkern die geistige Freiheit ersetzen, für welche sie tagtäglich reifer werden. Das patriarchalische Verhältniß der Herrscher zu den Völkern hat aufgehört; die Zeit hat es unterwühlt, aber man denkt nicht daran, ein höheres an die Stelle zu setzen. Der ganze Staat, mit all den reichen Elementen des Lebens, beruht am Ende nur auf der #Waffengewalt#. Wie wird es sein, wenn die Zeit herankommt, in der überall in unserem Welttheil die Materie dem Geist, die militärische Macht, ohnmächtig, einer höheren Kraft wird weichen müssen, wenn dann Oestreich keine tiefere Wurzel geschlagen hat im deutschen Volke? Man wird so lange säumen, der Maschine lebendigeren Odem einzuhauchen, bis es zu spät ist, bis sie verrostet, um zusammenzustürzen im ersten Anlauf der Gefahr.
Eine principielle Verbrüderung mit Rußland, habe ich oben gesagt, und will hierüber noch einige Worte hinzufügen. Obwohl Oestreich gegen den »gemeinsamen Feind im Innern« sich mit Rußland verbündet hat, so rettet es doch anderseits -- und dafür gebührt ihm der Dank des Vaterlandes -- die deutsche Ehre, indem es den russischen Entwürfen, namentlich in der Türkei entgegenarbeitet. Und hier ist es nun doppelt schmerzlich zu sehen, wie die östreichische Politik, auch bei gutem Willen, das Ziel so wenig erreicht. In der unverrückten Erhaltung der Türkei findet sie das Mittel, die russischen Plane zu vereiteln. Die Türkei aber ist dem Tode verfallen; sie trägt ihn in sich und keine Macht der Erde wird sie retten. Statt an die Spitze der auflebenden christlichen Völker zu treten und die Bewegung mit kräftiger Hand zu leiten, verbündet sich Oestreich mit dem Erbfeinde und #zwingt# die Insurgenten, sich in Rußlands Arme zu werfen. Statt dem Zuge der Natur und Geschichte zu folgen, will Oestreich stützen, was nicht mehr zu stützen, und unterdrücken, was nicht mehr zu unterdrücken ist. Oder ist Griechenland weniger frei geworden, weil es Oestreich verhindern wollte? Die Folge des unnatürlichen Systemes ist, daß #Oestreich, dessen südliche Linie in ihrer ganzen Breite die slavisch-griechischen Länder beherrscht, sich zu schwach fühlt#, den russischen Fortschritten allein Einhalt zu thun. »Wenn England,« schreibt Gentz im Jahre 1828, »durch sein Stillschweigen oder durch diplomatische Subtilitäten, die nur Verlegenheit und Unentschlossenheit verrathen, mit den russischen Anmaßungen kapitulirt -- #von welcher Seite soll dann die Hülfe kommen#? #Oestreich#, welches keinen ermunternden Wink Englands unbeachtet lassen würde, #ist leider nicht in der Verfassung, in der es sein müßte, um allein den Fortschritten Rußlands Schranken zu setzen#. Preußen hat nicht die geringste Neigung dazu; wir können uns glücklich preisen, wenn es im entscheidenden Momente nur neutral bleibt.« Man sieht an dieser, nach Oestreichs Lage, Hülfsmitteln und Sympathien fast unglaublichen Schwäche, wohin eine Politik führt, die dem Geist der Geschichte widerstrebt, statt ihn kühnlich zu fassen. Die Moldau und Wallachei, Serbien und Griechenland haben sich emancipirt ohne Oestreichs Zuthun, die ganze Türkei wird sich emancipiren, und wenn Oestreich noch ein Jahrzehnt in demselben System beharrt, so ist sein Einfluß im Orient verloren, und seine Zukunft, die einzige die als europäischer Macht ihm bleibt, vernichtet.
Wird Oestreich das alte System in der kommenden Zeit mit einer deutschen Politik vertauschen? Ich weiß es nicht. So lange nicht die deutschen Provinzen Deutschland angehören mit Herz und Sinn, von innen und außen, so lange drei der edelsten Stämme, Oestreicher, Tyroler und Steiermärker, alle so hoch begabt, so reich an Geist und Gemüth, ausgeschlossen bleiben von dem lebendigen Bande, das die übrigen Deutschen umschlingt, so lange Böhmen und Mähren in der Entfremdung beharren, worein sie seit den blutigen Zeiten der Ferdinande gebannt sind, -- so lange gibt es keine solche Politik. Es ist wahr: die östreichische Monarchie ist von zahlreichen und tiefen Schwierigkeiten umringt; in ganz Europa kein Staat, dessen Leitung verwickelter, gefährlicher und künstlicher ist, und es wäre vermessen, da stets den Willen anzuklagen, wo zum Theil eine schwere Nothwendigkeit herrscht. Das allein schmerzt, diese theilweise Nothwendigkeit von einem bewußten Willen zum höchsten Gesetze erhoben, die natürliche Schwere, welche dem östreichischen Conglomerat anhängt, nicht als leidiges Uebel, sondern als das oberste Princip des Staates betrachtet zu sehen.
Ich komme zu Preußen und bin hier überhoben den nämlichen Beweis zu führen. Preußen besitzt, mit Ausnahme von Posen[28], lauter deutsche Provinzen. Altpreußen, das Stammland seiner Würde, obschon es nicht zum Bunde zählt, ist ganz und gar deutsch durch Geschichte, Natur und Charakter seiner Bewohner. Die Rheinlande, Westphalen und die sächsische Provinz, die es neuerlich beherrscht, sind urdeutsche Gebiete, deren Geschichte so alt ist als die deutsche überhaupt. Deßhalb lebt ein Zug in der preußischen Politik, dem sie kaum widerstehen kann, von dem sie ewig und unabweislich gestachelt wird: der Zug eine #deutsche# Macht zu sein von ganzer Seele. Doch folgt sie nur langsam diesem Zuge; und dergestalt, daß sie oft genug nach außen hin von Rußland geleitet wird, nach innen dem Anstoße gehorcht, der von Oestreich ausgeht. #Steins# kurze Verwaltung und die Jahre des Befreiungskampfes hatten gezeigt, wie Preußen, um groß zu sein, Nichts nöthig habe, als der Natur seines Volkes freieren Spielraum zu eröffnen. Sie hatten gelehrt, daß Ein Jahr im deutschen Geiste gehandelt, Jahrzehnte von wohlgemeinter Schwäche überwiegt. Diese Erfahrungen gingen vorüber. Nochmals kam eine schwere Zeit; da wußte man nimmer zu sichten zwischen den guten und den bösen Geistern. Man erbebte vor jedem lebendigen Gegensatz, man zitterte vor dem Rauschen eines Blattes, man bekämpfte gleich gewappneten Riesen die Windmühlen bethörter und träumerischer Jünglinge; Offenheit, Zutrauen, Männlichkeit waren dahin. Und hiezu das unselige Vermächtniß, daß der große Friedrich im russischen Bunde dem Staat hinterließ. Was er, getrieben von der Noth der Zeit, und mit klarer Ahnung der inliegenden Gefahr geknüpft hatte, wurde Regel des preußischen Systems. Die Nachfolger zogen das unheilvolle Band noch enger zusammen. In der Politik, sagt Friedrich der Große irgendwo -- und dies ist eins seiner schönsten Worte, kenne ich keine andern Verwandten als meine Freunde. Was würde er heute sagen?
Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Es mag weh thun, Oestreich seine eigenen Wege wandeln zu sehen; doch Oestreich herrscht in außerdeutschen Ländern und handelt, wie wir gesehn, in auswärtigen Dingen doch oftmals mit deutscher Intention. Aber Preußen, wie mag seine Politik begriffen werden, welche gehorcht hat, wo sie gebieten[29], gefolgt, wo sie bestimmen, verloren, wo sie erobern konnte -- drei Dinge, die Preußen gegen Rußland, gegen Oestreich und (in geistiger Weise) gegen Deutschland hin an den Tag gelegt.
Preußen ist die beste Bureaukratie Europas, von bewundernswürdiger Maschinerie, und welche der Wissenschaft, den Meinungen und dem Leben so viele Freiheit läßt, als eine Bureaukratie ihrer engen Natur nach es thun kann. Aber wer heißt das? Bureaukratien sind die Meisterstücke des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts, und nicht der moderne Liberalismus oder der Geist der Revolution, sondern der #germanische# Geist, dem sie widersprechen, wird sie unterhöhlen[30].
Wenn Oestreich undeutsch verharrt, so bleibt es wenigstens eine Macht von Bedeutung im Osten. Preußen, wenn es nicht wagen würde, deutsch zu sein, sänke zum Nichts herab, und wie es überhaupt seit dem Wiener Kongreß den pentarchischen Charakter nur in begleitender und zustimmender Weise bewährt hat, so würde es bald auch nominell aus der Reihe der Großmächte schwinden.
So lange Oestreich und Preußen bureaukratische Militärmächte bleiben, werden sie durch ein inneres Band an Rußland gekettet. Und wiederum, so lange sie mit Rußland verbunden bleiben, #so lange werden sie von Rußland beherrscht; denn Rußland ist unter den drei Militärmächten die größeste#. Endlich, so lange solch ein Uebergewicht besteht, kein wahrhaftiges Deutschland, kein geordnetes Europa.
Wir kehren zur Pentarchie zurück. Daß Deutschland weder in innern noch in auswärtigen Dingen genügend vertreten werde, haben wir gesehen. Jetzt werden die tieferen Ursachen dieser schiefen Politik, wie sie in den pentarchischen Verhältnissen liegen, sich enthüllen.
Der Grundzug des politischen Systems von Europa ist, seit dem Untergang der kaiserlich deutschen Macht des Mittelalters, die Idee des Gleichgewichts. Von der Hegemonie, die bis dahin geherrscht hatte, sprang Europa schnell zum äußersten Gegensatz hinüber. Zur Zeit Maximilians schienen eine Menge von Staaten, Oestreich, Frankreich, Spanien, England, Venedig, die Schweiz, sich in gegenseitigem Gleichgewicht zu halten. Bald erhob sich die habsburgische, ihr gegenüber die französische Großmacht, seit Elisabeth trat England, später durch Peter den Großen Rußland, endlich Preußen hinzu. Man war von der europäischen Republik zur Aristokratie gekommen; innerhalb der letzteren wuchs in der neuesten Zeit, nachdem Napoleon die Monarchie versucht hatte, eine Oligarchie heran. Rußland und England (gewissermaßen von Frankreich paralisirt), haben das Uebergewicht errungen.
Die Geschichte selbst hat das Gleichgewicht, in dem unvernünftigen Sinne, indem es uns so oft gepredigt wird, gerichtet. Ein Gleichgewicht hat niemals in Wahrheit bestanden, wird niemals bestehen, und in der That hat niemals ein Staatsmann im Ernste daran geglaubt oder darnach gehandelt. Nicht, daß alle Staaten gleichviel wiegen an Gewicht und Geltung, will Europa: ein organisches Verhältniß will es, der kleineren Staaten zu den mittleren, der mittleren zu den großen, der großen zu den größten. Nicht darauf beruht Friede, Ordnung und Blüthe von Europa, daß in endloser Eifersucht jedwede Macht die andere hemmt und beschränkt, daß der kleinste Uebergriff, der unbedeutendste Zufall den ganzen Organismus bedroht und mondenlang die halbe Welt in die peinlichste Spannung versetzt. In der Familie wie im Staat, im kleinsten Gemeinwesen wie im ganzen Erdtheil liegt Halt, Einheit und Zusammenhang darin, daß jede Natur die Stelle einnimmt, die ihr gebührt, daß das Große groß, das Kleine klein, daß das Ganze über und unter einander geordnet sei nach der ursprünglich harmonischen Verschiedenheit, die ihm Gott eingepflanzt hat. Denn nicht verflachende Gleichheit, sondern unendliche Abstufung ist der Charakter alles Geschaffenen, und wo da herrscht, was herrschen, wo gehorcht, was gehorchen soll, da allein lebt Freiheit, Ordnung und Gesundheit. Gebt allen Staaten Europas, von Portugal bis Rußland, die nämliche Geltung, und ihr werdet finden, daß Eure Gleichheit eben so unselig und verwirrender sein würde, als der römische Despotismus, der die halbe Menschheit geebnet und Ein Ungeheuer an ihre Stelle gesetzt hat. Das Gleichgewicht, ich wiederhole es, ist eine ungeheure Täuschung, geschickt genug gemacht, um selbstsüchtige Tendenzen mit dem Mantel der Theorie zu bedecken, oder umgekehrt, nichtswürdige Schwächen mit dem Scheine der Aufopferung zu verhüllen; verwirklicht auf die Dauer zu keiner Zeit, nicht einmal in unsrer, welche die künstliche Aufrechthaltung der Unnatur sich zur Aufgabe gesetzt hat[31].
Was wir in der Pentarchie suchen, sind die Keime einer höheren Ordnung der Dinge, eines natürlichen Gleichgewichts, wonach die Eine Familie ein Uebergewicht behaupten kann, ohne die andere zu drücken, das Eine Volk in der Familie vorangehen kann, ohne das andere zu knechten. Von den deutlichen Spuren einer germanischen Hegemonie in der pentarchischen Gestaltung sind wir ausgegangen; und wollen sehen, wodurch sie bis zum Unmerklichen verwischt werden.
Während die deutschen Mächte weder den deutschen, noch geschweige den germanischen Willen ausdrücken, vertritt Frankreich in Wahrheit den romanischen Westen, welcher mit ihm Eine religiöse -- den Katholizismus -- Eine politische Tendenz -- den Liberalismus -- theilt.
Aehnlicher Weise hat Rußland die Einheit des Ostens, eine griechisch-absolute Einheit usurpirt; Polen ist von ihm verschlungen, Ungarn durch die östreichische Politik verhindert, sein eigenthümliches Element herauszukehren.
So bildet der Osten, wie der Westen, eine einige geistig geschlossene Macht.
Wie ganz anders Germanien. Oestreich ist katholisch, Preußen protestantisch, England bischöflich; Oestreich absolut, Preußen konservativ, England hat seine Freiheit, wie seine ganze politische Tendenz für sich. Die beiden erstern sind durch keine Verbindung mit England verknüpft. Skandinavien steht allein, und in sich selbst zersplittert. Die mitteldeutschen Staaten sind durch Vielheit schwach, und überdem durch eine politische Kluft -- die konstitutionelle Verfassung -- von den Westmächten geschieden: Belgien und die Schweiz von romanischen Einflüssen durchkreuzt, Holland von selbstsüchtigen Interessen geleitet. Nirgend eine germanische Einheit, nirgend ein germanischer Wille.
Diese Zersplitterung, an sich schon unheilvoll genug, wird es doppelt und dreifach durch die Konjunkturen der Gegenwart.
Es gibt in Europa zwei Bewegungen, unabhängig und ohne Zusammenhang, neben und widereinanderlaufend, deren jede in ihrer Weise die Stellung der Staaten bestimmt. Die eine geht aus dem Territorialinteresse, die andere aus dem Principienkampfe hervor.
Der Principienkampf hat die Quadrupelallianz der Tripelallianz gegenüber gestellt. Das legitime Princip hat Rußland, Oestreich und Preußen, das liberale Frankreich, England, Spanien und Portugal vereinigt.
Diesen Verbindungen widerspricht das Territorialinteresse. In Afrika, im Mittelmeer, im Orient steht die englische Politik der französisch-pyrenäischen feindselig gegenüber; in Polen, in der Türkei und an der Donau läuft das deutsche Interesse dem russischen schnurstraks zuwider.
Die Principienfrage wird auf der rechten Seite in erster Linie von Rußland, auf der linken von Frankreich vertreten; die Revolution, wie die Restauration, die sich wechselnd über Europa ausbreiteten, sind stets von Frankreich oder von Rußland ausgegangen.
Das Territorialinteresse wird in der mächtigsten Ausdehnung einerseits von Rußland, anderseits von England gehandhabt. In allen Theilen von Asien kämpfen Rußland und England um eine Herrschaft, die keine der andern Mächte in Anspruch nimmt.
Rußland also, allein unter allen, ist in doppelter Art an die Spitze gestellt; die principielle und territoriale Hegemonie vereinigt sich in seiner Hand. Während auf der linken Seite Frankreich und England, jedes in seiner Sphäre, sich die Wage halten, sind auf der rechten die deutschen Mächte durch ein zweifaches Joch an die russische Suprematie gebunden. Oestreich und Preußen haben das Territorialinteresse dem Principienbündniß geopfert: ein doppelt unsäglicher Irrthum, der sie ihrer materiellen Kraft beraubt, und die ideelle vernichtet, indem er sie den übrigen deutschen Staaten entfremdet, ja gegenüber stellt.
Die Unnatur, in Deutschland wie in ganz Europa hat den Gipfel erreicht. Die Allianzen der Gegenwart sind hohl und nichtig in sich, das ganze politische System auf Sand gebaut.
#Es beruhen nämlich jene beiden Interessen, das ideelle und das materielle, nur auf Einem Grunde: auf der natürlichen Organisation der Völker. Diese, wie sie jeder Familie Europas einen gemeinsamen Zug der Ausbreitung mittheilt, erzeugt, nach Maaßgabe der Natur, ihre Verfassungen und Principien.#
Daß Eine Territorialbewegung, in und außerhalb Europas, den germanischen, Eine den romanischen Nationen gemein sei, wäre unnöthig noch nachzuweisen; einmal, weil es aus der früheren Betrachtung erhellt, sodann weil in der Politik selbst die Ereignisse tagtäglich mehr darauf hindrängen. Eine Territorialfrage, -- die orientalische -- hat das französisch-englische Bündniß bis in den Grund gelockert, sie hat England der Quadrupelallianz entfremdet. Dieselbe Frage wird je näher sie der Lösung zuschreitet, um so unversöhnlicher das deutsche Interesse im Orient dem russischen gegenüberstellen. Wenn erst die Quadrupelallianz gestürzt ist, wird gleich ihr die Tripelallianz zerfallen. Der nächste europäische Krieg würde England den deutschen Mächten zutreiben, und ein germanisches Bündniß herbeiführen.
Es ist nicht anders mit der Principienfrage. Aus dem romanischen Geiste ist das demokratisch-liberale Princip entsprungen, im slavischen wurzelt das monarchisch-absolute; dem germanischen ist das aristokratische eigen. Die Gleichheit der Franzosen ist ein Unding, wie die despotische Gewalt der Russen: die Wahrheit und Freiheit, wie sie die Zukunft bringen wird, liegt in der Mitte von Europa, in Germanien.
Diese Mitte soll nicht ein Mittelding sein zwischen beiden, ohne eigne Kraft und widerlich schwankend zwischen dem Anstoß, der bald von Osten, bald von Westen kommt, wie es bisher in Deutschland gewesen. Geist und Leben selbst, soll sie ein neues Princip aufpflanzen in Europa, auf den Trümmern der erstorbenen Welt, und in den Wüsten der modernen, welches dem demokratischen Zuge Recht und Geltung verleiht, ohne den monarchischen Trieb, als das letzte bindende Element des Staates, zu untergraben. Ehe nicht solch eine Vermittlung gefunden ist, gibt es keine Ruhe, keinen Frieden, keine Einheit in Europa. --
Warum also, ich wiederhole es, ist weder in Territorial- noch in Principiensachen eine organische Stellung der Völker und Staaten vorhanden? In der ersten Beziehung, weil Deutschland nicht ist, was es sein soll: der einige, geschlossene Vorort der germanischen Nationen. In der zweiten, weil Deutschland noch nicht gefunden hat, was es finden soll: die Versöhnung der widerstrebenden Tendenzen, von denen es selbst in zwei Theile zerrissen wird.