Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 12

Chapter 123,426 wordsPublic domain

Was die erste betrifft, so ist England berufen, die Ansiedlung der Europäer in den zwei neuen Welttheilen, Amerika (wenigstens der nördlichen Hälfte) und Neuholland zu leiten. In diesem Beruf steht ihm Deutschland zur Seite. Die germanische Raçe, hat ein Engländer gesagt, ist bestimmt, die Erde einzunehmen. Ein gleiches Talent der Kolonisation, gleicher Wanderungs- und Ausbreitungstrieb und gleiches Bedürfniß einer Ableitung ist den Deutschen und Engländern eigen. Die tiefe Stufe, worauf die Wilden von Neuholland stehen, und die geringe Anzahl, welche jetzt die Ureinwohner Amerikas theils ursprünglich, theils leider durch europäische Barbarei im Verhältniß zum Lande bilden, gibt ein natürliches Anrecht zur Okkupation. In geregelter Auswanderung und fortgesetzter Kolonisation liegt das einzige Heilmittel gegen die Ueberfülle und den Pauperismus von Europa. Es kann aber ein gesundes Geschlecht und können blühende Staaten nur dann sich entwickeln, wenn neben dem unruhigen englisch-industriellen Element, und #gleichberechtigt mit ihm#, das ackerbauende, stabile, deutsche sich festsetzt; wenn es als Grundlage die übrigen Bestandtheile durchdringt. Das hat gezeigt und zeigt tagtäglich die Geschichte des nordamerikanischen Freistaates, diese entsetzlichste aller Geschichten, die sich lediglich um Aktien, Banken und Papiergeld dreht und so lange drehen wird, bis die dortigen Deutschen aufhören werden, das Erbrecht ihres Stammes unter die englische Raçe zu beugen, und die daheim, ihre ausgewanderten Brüder dem Zufall und dem Betruge zu überlassen. Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Kolonien im Laufe der Zeit der Emancipation entgegengehn; die europäische Politik soll sie pflegen, bis sie einig, konsolidirt und mündig sind, und dann den Regungen der Freiheit weichen: eine enge Verbrüderung des Mutterlandes mit den entlassenen Kindern ist nützlicher als alle Beherrschung der herangewachsenen.

In Asien hat England die Sendung erhalten, die indo-germanischen Völker in den europäischen Kreis zu ziehen. Große Plane verbindet die Vorsehung mit der Eroberung von Indien und der Herrschaft der Europäer in Persien. Die kaukasische Völkergruppe, einst im griechisch-macedonischen, und im römischen Reiche theilweise vereinigt, dann so lange getrennt durch die Ueberfluthung des Muhamedanismus, soll sich wieder vereinigen: die bramanische Weltanschauung, so wunderbar durch ihr Alter, ihre Unverwüstlichkeit, durch die tiefen Keime der modernen Religion und Philosophie, die persische des Zendavesta, einst die Vorläuferin des Christenthums und zum Theil schon mit ihm vermählt, seit lange nur unter wenigen schlummernd -- sie sollen von der europäischen Bildung berührt, so weit sie lebendig geblieben, durch sie zu neuer Ermannung getrieben, so weit sie abgestorben sind, vom Christenthume assimilirt werden. Indien muß aus der leblosen Erstarrung, Persien aus der tiefsten Zerrüttung durch europäische Bedrängniß empor gehoben werden, damit das eine zu gesunder Ruhe, das andere zu politischer Kraft wieder zurückkehren, beide aber durch ein dauerndes Verhältniß an die europäische Gemeinschaft gebunden werden mögen. Was die englischen Eroberer gewollt, war freilich nicht Ausbreitung des Christenthums, der Humanität oder der Civilisation; von geistigem Bewußtsein war nie eine Spur vorhanden: Habsucht, Geiz und die niedrigsten Leidenschaften haben das angloindische Reich errichtet, und werden vielleicht das chinesische stürzen. Die Vorsehung spielt mit den kleinlichen Trieben des Menschen, indem sie ihre großen Werke damit vollführt. Soll aber Englands Mission segensreich wirken für die Menschheit, soll sie nicht in unbefugte Tyrannei sich verkehren, wie die alten Völker und wie bisher das neuere Europa sie geübt, so muß ihm eine europäische Macht zur Seite stehen, kräftig genug, um die Politik der Gerechtigkeit und Humanität, jene Politik, die eine schönere Zukunft uns bringen soll, in und außerhalb Europas zu wehren. Die Zwecke der Vorsehung, einmal erkannt, sollen nicht entheiligt werden: sie zur Klarheit zu bringen, ihre Ausführung zu überwachen, ist die Sache der deutschen Nation. Die Besitzungen, die sich unter den Malayen ein deutscher Stamm gegründet hat, geben ihr im Süden von Indien materielle Anhaltspunkte.

Man hat kaum mehr zu zweifeln, daß der Besitz von Ostindien zur Umwälzung des chinesischen Reiches treiben wird. China ist der Ausschuß der religiösen, wissenschaftlichen und politischen Kultur von Ostasien: das Staaten-Conglomerat, welches seiner Herrschaft gehorcht, gleicht in seinen Spitzen, dem Kaiser und dem Dalai Lama, halbweg der Organisation des Mittelalters. Mit Chinas und Japans Eröffnung fällt die letzte Schranke der Menschheit hinweg; hinfort gibt es keine Klasse mehr, die sich abzuschließen vermöchte, und die Völker gehen einer allgemeinen Verbindung, die Erde der Einheit entgegen[23].

Trauriger ist der Anblick der englischen Politik in Europa. Was England immer vermag, das geschieht, um die industriellen Kräfte der kontinentalen Länder auszusaugen und an sich zu ziehen und die Völker auf den Ackerbau zu beschränken. Eine so drückende Herrschaft hat es im Mittelmeer gegründet, daß Portugal und Sicilien zu Kolonien herabgesunken sind, daß Spanien, Unteritalien und Griechenland der schwersten Anstrengungen bedürfen, um das zu werden, worauf die Natur sie selbst hingewiesen hat. Auch Frankreich hat durch eine verkehrte Politik der englischen Mittelmacht zu viel eingeräumt, um ohne riesenhafte Kämpfe sich selbst, geschweige denn die andern, von der englischen Uebermacht im Mittelmeer befreien zu können. Was aber noch mehr entrüstet, ist die herzlose Gewandtheit, womit England in den obengenannten kleineren Staaten die inneren Gebrechen benützt, die Parteikämpfe ausbeutet, jedes Uebel zu seinem Zwecke zu drehen versteht, um jeden Keim der äußern Blüthe durchs innere Gegengewicht zu zerknicken. Die Behandlung, die ein freies Volk den jonischen Inseln angedeihen läßt, erregt den bittersten Unwillen; man freut sich der Hoffnung, daß eine frühere oder spätere Zukunft die jonischen Griechen befreien wird: denn ohne die Inseln ist nie und nimmer eine griechische Macht gedenkbar. Russische und englische Politik gleichen sich nur allzusehr. Nur in Rußland ist es die Regierung allein, die ein konsequentes System der Machtentwicklung verfolgt; in England ist das ganze Volk, die Kaufleute besonders, von jenem Instinkt beseelt, und den Ministern bleibt Nichts zu thun, als die Grundlagen fortzuführen, die von ihren Landsleuten auf eigne Hand gelegt werden.

Es ist aber die Herrschaft des Mittelmeers eine Lebensfrage für West- und Ostromanen, welche über kurz oder lang geschlichtet sein will; und schon bereitet zwischen England und Frankreich der Kampf sich vor, der in erster Linie die Frage entscheidet. Frankreichs Isolirung in der orientalischen Frage war der erste Schritt: der Nationalinstinkt begriff dunkel, warum es sich handle, und das Ministerium Thiers streckte nach langer Zeit zum ersten Male, gegenüber der englischen Suprematie, mit Klarheit die französisch-romanische Tendenz hervor, obwohl sie ihm nur zur widrigen Komödie diente. -- Um in Indien Herr zu sein, braucht England weder im Mittelmeer allein zu dominiren, noch Aegypten an sich zu ziehen, noch an der arabischen Küste zu herrschen; eine Linie durch Syrien, und von da den Euphrat hinab, erhält dieselbe Verbindung und ist naturgemäßer, weil sie Persien berührt. -- England ist groß und mächtig genug, von der Natur mit hinreichenden Vorzügen begabt um die #erste# Seemacht zu bleiben, ohne die #einzige# sein zu wollen; um den größten Handel der Erde in der Hand zu behalten, bedarf es nicht, der Zerstörung aller andern Industrien nachzujagen.

Die Romanen mögen ihre Sache mit England verfechten; wir haben das Unsrige zu thun. Die neuste Zeit hat in Deutschland eine Opposition gegen die englischen Handelsmaximen hervorgerufen, welche zu wichtigen Dingen die Bahn brechen wird. Deutschland ist aus dem Schlafe erwacht, der Jahrhunderte durch den Holländern und Engländern so süße Früchte getragen; es erinnert sich, was es einst gewesen, was es wiederum werden kann und welch reiche Keime einer ungemeinen merkantilen und industriellen Größe in ihm schlummern. Zwar wird die Opposition so lange sich auf den Federkrieg beschränken, als noch ein deutsches Königreich sich zur englischen Handelsprovinz herabwürdigt, als nicht der Zollverein die sämmtlichen deutschen Staaten und den Vorposten von England, Holland, umfaßt, als noch keine Flotte vorhanden ist, um den Handel zu schützen und unsern Ansprüchen Gewicht zu geben. Aber die Bewegung hat begonnen, und die Agitation wird eher nicht endigen, als bis Deutschland als einige, geschlossene Handelsmacht von neuem Geiste beseelt den Engländern gegenübersteht; bis diese mit eigenen Augen sehen, daß die gutmüthigen und albernen Deutschen, deren Geschichte seit Jahrhunderten es war, von außen und innen überlistet zu werden, einem andern Volke Platz gemacht. Dann erst können wir, ebenbürtig in jeder, auch in materieller Beziehung, Offenheit und die Rücksicht, die dem deutschen Namen gebührt, von den Engländern erzwingen, dann erst kann der große germanische deutsch-englische Bund geschlossen werden.

Denn Hand in Hand, gekettet durch die natürliche Freundschaft der Stämme, verbunden durch die gegenseitige Achtung, verbrüdert für die größesten Weltinteressen, sollen England und Deutschland gehen. Ein großartiges weltgeschichtliches Verhältniß soll das ihrige werden. Ueber die Erde hin europäische Kultur und Gesittung auszubreiten, ist England, als der erste Seestaat, vor allen vom Schicksal erlesen; von innen Europa zu ordnen, die ewigen Gesetze einer organischen Politik zu handhaben, sie allenthalben in mittel- oder unmittelbarer Weise zu bewachen, ist, als erste Kontinentalmacht, Deutschland berufen. Dieses als das gesetzgebende, jenes als das ausübende Princip, stehen sie inmitten Europas; die deutsche Innerlichkeit allein vermag dem kaufmännischen Egoismus der englischen Politik zu steuern, der thatkräftige, praktische Sinn der Engländer den Idealismus der Deutschen heilsam zu beschränken, während Frankreich als ewig anregendes Element mit nie rastender Intention zwischen beide tritt.

Ich weiß wohl, man wird das Meiste von dem, was hier gesagt worden, weitaussehend, träumerisch, lächerlich finden, in einem Augenblicke, wo Deutschland auf so hundertfache Art im Handel und Industrie noch den Engländern gehorcht. Dennoch bin ich der Meinung, daß unter den Engländern selbst diejenigen, welche über Deutschlands Gegenwart und Zukunft nachgedacht, Großes und Ungemeines für möglich erachten. Es herrscht in England ein gewisser Instinkt über deutsche Dinge, wie ihn kein anderes Volk hat; die Engländer wissen, was Deutschland werden und sein könnte, sobald es sich seiner selbst in vollem Maaße bewußt würde. Was an ihnen ist, geschieht, es zu verhindern. Diese argwöhnische Politik ist einigermaßen verzeihlich; denn derselbe Instinkt sagt ihnen, an der deutschen Macht werde der englische Egoismus seinen Richter finden. --

Erquicklich in so schwerer Zeit, erhebend in der Mitte zerfallender oder unterwühlter Gemeinwesen war der Anblick der englischen Freiheit. Sie allein, durch ihr gesundes Mark, bietet die Gewähr, daß Europa trotz unsäglicher organischer Leiden noch Keime des Lebens in sich trägt und der Verjüngung. Aber wie sie den Britten allein gehört, wie weder in ihrem Ursprung noch ihrem Geiste die Kraft liegt, um die Völker zu beseelen, so zeigt sie zugleich, daß, wenn Europa sich in der That verjüngen soll, aus einem andern Stamme, aus dem größten germanischen, die neue Freiheit auftauchen muß. Diese allbeseelende, weltverjüngende Freiheit -- sie wird die Frucht der Wahrheit sein.

Kapitel XI.

Holland, Belgien und die Schweiz.

Wenn ich drei so verschiedene Staaten zugleich in den Kreis der Betrachtung ziehe, so geschieht es, weil sie nur Einem, ihre Zukunft bestimmenden Gesichtspunkte unterliegen. Sie alle waren ehemals Glieder des deutschen Reiches.

Schweizer, Belgier, Holländer mögen ihre Nationalität beweisen, diese mag ihnen bleiben, so weit den Aberben eines großen Stammes der Name gebührt. Durch Lage, Geschichte und Natur -- denn immer liegt Natur der Geschichte zu Grund -- stehen sie dem deutschen Charakter ferner, als irgend eine andere deutsche Provinz. Was aber wollen sie mehr? Wo ist europäische Eigenthümlichkeit? Sollen die Füße, die Hände sich sondern, weil sie am fernsten vom Herzen liegen? Darin liegt ja gerade der wunderbare Reichthum germanischen Lebens, daß die verschiedensten Provinzialismen zu Einem Volke geeinigt sind. Wie wenig scheint der Friese mit dem Oestreicher, der Alemanne mit dem Preußen gemein zu haben; und sind nicht die Holländer den Friesen, die Schweizer den Alemannen verbrüdert? Es sind alle nur die Kinder der Einen Mutter.

Zu der Zeit, da Deutschland sich selbst abgestorben war, da es keinen Gemeingeist gab, sondern nur Provinzialgeister, deren einseitiger Trieb das Einzelne erhöhte, das Ganze untergrub: damals konnte jene Trennung sich ausbilden und Leben gewinnen; ja noch mehr, sie war nothwendig und heilsam. Aber was am dürren Holze geschah, wird nicht am frischen ergehn. Was geboren ward in der Epoche des Siechthums, verfällt von selbst dem Tode in Zeiten der Gesundheit. Deutschland hat das Verhältniß des Provinzialgeistes zum Muttergeist in seinem Bewußtsein wieder gefunden, und je schärfer das Bewußtsein in der Wirklichkeit sich ausprägen wird, desto unaufhaltsamer werden die einzelnen Glieder aufs Neue in die Gemeinschaft zurückgetrieben werden.

Wie das deutsche Reich überhaupt, so ist auch der geographische Gesammtkörper von Deutschland dem ungebundenen Triebe der Freiheit und Selbstständigkeit unterlegen. Er hat in sich selbst den Entwicklungsgang abgespiegelt, den ganz Europa seit Jahrhunderten genommen. Durch eine Reihe von unberechtigten Gestaltungen, von naturwidrigen Conglomeraten, von zusammengewürfelten Monarchien sollte Europa erzogen werden. Das Unorganische mußte zur Spitze getrieben sein, damit Europa zum klaren Bewußtsein der Nationalitäten, zur Erkenntniß des Einzelngeistes, aus denen es besteht, zum wahren Organismus durchzudringen lerne. So sollte auch Deutschland, welches im Mittelalter ohne gerechtfertigten Instinkt, in willkürlichem Drang sich rastlos auszudehnen strebte, in Trümmer zerfallen: aber nur, um herrlicher und gereinigter in Klarheit sich wieder zu fassen. Zerstückelt und zerstreut, mit abgerissenen Gliedern, voll Ueberfülle in den einzelnen Theilen, er selbst ein Leichnam, lag und liegt gewissermaßen noch der germanische Körper in Mitten Europas. Siehe, da regt sich im Innersten ein neues Leben; das Herz fängt wieder an lebendig zu schlagen, und frisches Blut ergießt sich durch die Adern. Die Circulation hat begonnen; werden die Extremitäten sich ihr entziehen können? Wollen sie kalt bleiben und todt? Denn dieß, und nichts anders, würde ihr Schicksal sein.

Holland ist längst nicht mehr was es war[24]. Die Zeit seiner Selbstständigkeit war glorreich aber kurz. Schon im zweiten Viertel des achzehnten Jahrhunderts folgte es, wie Friedrich der Große schreibt, den Engländern, wie die Schaluppe der Spur des Kriegsschiffes woran sie gebunden ist. Später kam die Einverleibung an Frankreich. Neuerdings versuchte man vergebens, es durch die Vereinigung Belgiens zur Mittelmacht zu erheben. Zwischen England und Deutschland, zwischen den ersten Seestaat Europas und die von Tag zu Tag steigende deutsche Handels- und Industriemacht gestellt, hat es keine Wahl als dem Einen oder Andern sich anzuschließen. Und auch von innen, durch den heillosen Zustand seiner Finanzen geht es einer unvermeidlichen Krisis entgegen. Kann die Wahl in Frage stehn? -- Als derjenige Zweig des deutschen Stammes, der durch Natur und Lage für Seefahrt und Handel vor allen geschickt war, sollte Holland einst von Deutschland sich trennen, um unabhängig die Anlagen zu entwickeln, worauf der Reichsverband nur hemmend eingewirkt haben würde. Jetzt wiederum muß es, soll seine Seemacht, sein Handel, sein Kolonialbesitz europäische Bedeutung wiedergewinnen, in den engsten Verband mit Deutschland treten. Die holländische Marine mit einer deutschen verbunden, das heißt mit derjenigen, welche sich in einem Jahrzehent in Deutschland entwickeln ließe, würde bald, (wenn auch nicht an Zahl, doch an Bemannung und seemännischem Geist,) die erste des Kontinents sein; sie könnte in einer fernern Zeit mit der englischen wetteifern.

Seit die unnatürliche Vereinigung Belgiens mit Holland gelöst ist, erneuert sich hier in geistiger Weise der alte, seit den Tagen von Verdun zwischen Germanen und Romanen geführte Streit um Lothringen. Die Elemente friedlich zu sichten, dazu taugt die Konstituirung Belgiens als Königreich -- eine provisorische Maßregel, welche aber der erste europäische Krieg vernichten wird. Belgien war nie mehr, denn eine Provinz mit eigenthümlicher Verfassung. Die Zukunft wird entweder eine Trennung der flämischen und wallonischen Bestandtheile hervorrufen, oder sie wird #ganz# Belgien in den alten, erst seit der Revolution zerrissenen, deutschen Verband zurückführen. Vielleicht wird das Letztere geschehen. Vielleicht wird das erstarkte Gefühl der Einigkeit und das Bewußtsein, wie leicht es den Deutschen ist, jede Eigenthümlichkeit zu schonen, wie unmöglich den Franzosen, die Trennung verhindern.[25]

In der Schweiz hat der den Germanen eigene Freiheits- und Sonderungstrieb, die Abneigung gegen die Centralisation und die ungebundene Mannigfaltigkeit des Einzellebens die höchste Spitze erreicht. Die Eidgenossenschaft, so herrlich und bewundernswerth, so lang sie um Anerkennung kämpfte und sich wachsend verstärkte, sank schneller, je mehr der Eine negative Trieb, der so verschiedene Bestandtheile vereinigt hatte, nach erlangter Selbstständigkeit sich verlor. Den äußern Gefahren des 17ten und 18ten Jahrhunderts konnte sie durch ihre kriegerische Neutralität widerstehen. Als aber mit der französichen Revolution die innern Stürme sich in Europa erhoben, war es um die Einheit geschehen. Die Mediation konnte nur vorübergehend das Frühere und das Neuere vermitteln. Die Restauration führte die alte Zeit zurück; und die Julirevolution stellte beide gegenüber. Seitdem ist die Schweiz in beständigen Zuckungen; die Mannigfaltigkeit ist zur Anarchie geworden, die Kantonalsouverainetät und die Bundesgewalt, das konservative und liberale Princip bekämpften sich ohne Unterlaß, und statt Einer Nation bietet die Schweiz das peinliche Schauspiel unzähliger Autonomien, deren kleinliches Getriebe Europa ermüdet.

Es war natürlich, daß der Principiengeist in einem so buntgestellten Lande, als die Schweiz es ist, die tiefste Zerrüttung erzeugen mußte. Der französische Liberalismus hat auch hier nur zu wühlen und zu zerstören, nicht aufzubauen vermocht. Aber das Schicksal der Schweiz würde ein leichtes gewesen sein, hätte nicht der deutsche Kern sich mit allzuvielen romanischen Bestandtheilen umgeben. Soll die Schweiz verbunden bleiben, so muß das deutsche Element, dasselbe das den Bund geschaffen hat und noch heute die überwiegende Mehrzahl bildet, die übrigen beherrschen und durchdringen.

Die Kraft, die Tendenz, die dazu vonnöthen ist, kann ihm nur von Deutschland aus geliehen werden. Wenn in Deutschland die weltbewegenden Fragen gelöst sein werden, wenn dort ein neues, schaffendes Princip sich erhoben haben wird, dann wird auch die Schweiz Ruhe, Gesundheit und Eintracht wieder finden. Die alten schweizerischen Aristokratien mußten fallen, gleich den deutschen; sie waren überreif geworden, und die französische Gleichheit war das Werkzeug, wodurch sie fielen. Die Reformation, welche von den Deutschen ausgehen soll, wird Dauerndes an ihre Stelle setzen; sie wird bauen, wo die Revolution nur zerstören konnte.

Aber nicht nur in geistiger, auch in politischer Weise wird die Schweiz an Deutschland gebunden werden. Daß eine schweizerische Nationalität, über die deutschen, französischen und italienischen Bestandtheile hinausgehend und sie alle umfassend, nicht vorhanden ist, daß bei der nächsten europäischen Krise die Schweiz sich Frankreich oder Deutschland, getheilt oder ungetheilt, in die Arme werfen muß, daß die ewige Neutralität der Eidgenossenschaft vor der Wirklichkeit zerstieben wird -- das sind Dinge, die die Schweizer sich selbst gestehen müssen. Und #wie# die Wahl dann fallen werde, darüber kann, nach den Vorgängen eines halben Jahrhunderts, kein Zweifel sein.

Ich hoffe, daß die Gestaltung Deutschlands selbst mich von dem Vorwurfe freisprechen wird: als laufe die Zukunft, die hier den Holländern, Belgiern und Schweizern geweissagt wird, in eine Verflachung hinaus, welche über der egoistischen Ausbreitung des deutschen Elements die Besonderheit der Nationalcharaktere untergrabe. Das engste Verhältniß mit Deutschland würde in der Verfassung, der Sprache, den Sitten und der Wesenheit jener Völkerschaften nicht mehr verändern, als durch die Heilung bedingt ist, die ihre Gebrechen erfordern. Der republikanische Geist, wie er in der Schweiz, der konstitutionelle, wie er in Holland und Belgien lebt, widerspricht nicht, er fügt sich in die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens. Auch kann es nicht derselbe Grad von Verbindung sein, der die innersten Theile von Deutschland, und derselbe, der die ausgeprägtesten Provinzialismen umfaßt. #Natur und Verhältnisse erlauben hier eine ungemein feine, jeder Individualität entsprechende Abstufung.#

Das vor allem ist in unserer Anschauung gegeben, daß drei kleine Staaten, kraftlos jeder für sich allein, bei Weltbewegungen der Zerstörung ausgesetzt, getragen von Volksgeistern, die die alte Spannkraft zum Theil verloren, zum Theil wahrhaftige und ureigene nie gewinnen können -- daß diese neues Leben und gedoppelte Kraft erhalten, indem sie dem großem Stamme sich wieder vermählen; daß Deutschland dagegen, stark durch das Bewußtsein seiner gebliebenen, durch die Einigung seiner abgefallenen Kinder, in der natürlichen Fülle seiner Macht der hohen Aufgabe genügen möge, die ihm in Europa bestimmt ist. Ich weiß es wohl, wer immer, sei er Holländer, Belgier oder Schweizer, nur das jetzige Deutschland anschaut, wie es ist, nicht jenes, welches sein kann und sein wird: dem mag die Seele sich sträuben bei dem Gedanken, das theuer erworbene Vorrecht der Ahnen für solchen Preis zu opfern. Wenn aber die deutsche Nation in geistiger und gemüthlicher Wiedergeburt sich verjüngt, wenn sie den Zauber gefunden haben wird, die Wunden der Völker zu heilen, wenn ganz Europa einer großen organischen Einheit entgegengeht, in der der Niedere dem Höheren sich in natürlicher Unterordnung fügt; dann wird es ein ander Ding sein, ins frühere Vaterland zurück zu gehn. Denn die alte Freiheit bleibt und neue Stärke wird gewonnen.

Kapitel XII.

Die Pentarchie.

Wir fanden im Laufe der Betrachtung die westromanischen Völker und die slavischen durch je Eine, die germanischen durch zwei #natürliche Großmächte# vertreten. Wir fanden: wie die germanische Familie überhaupt zum vornehmsten Einfluß berufen sei in Europa, so sollte Deutschland insbesondere, als erstes Glied der Familie, ein doppeltes Gewicht in die Wagschale legen.

Und in der That: die Gegenwart selbst scheint dießmal unsern idealen, aus der tiefern Natur geschöpften Forderungen zu genügen. Die europäische Pentarchie zählt Eine romanische, Eine slavische, #drei# germanische, und unter diesen #zwei deutsche# Mächte.

Wir fanden: der germanisch-romanische Westen von Europa solle das unbedingteste Uebergewicht haben über den slavisch-griechischen Osten, wie der Geist über die Masse.[26] Und wirklich, die westliche Hälfte hat #vier#, die östliche nur Eine Macht in ihrer Mitte. Wir fanden: innerhalb des Westens solle das germanische Princip herrschen übers romanische. Und steht nicht Frankreich allein gegen Oestreich, Preußen und England?