Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft
Part 11
Der Heerd der russischen Politik, der Sitz der Kultur, wodurch sie groß geworden, Rußlands Kopf sind die Ostseeprovinzen. Von hieraus zirkulirt das geistige Lebensblut durch die Adern des weiten Reiches; es ist das Band, wodurch Rußland an Deutschland gebunden wird, der Leiter, der die Deutschen überhaupt zur russischen Regierung bringt. Die Münnichs, die Ostermanns, die Nesselrode sind Deutsche; wir selbst haben, seit dem großen Peter, Rußland großgezogen; zu eignem Unheil haben wir gezeigt, was deutscher Geist mit roher Masse auszurichten vermag. Nehmt die Ostseeprovinzen weg, und ihr zwingt Rußland, der fremden Hülfe zu entbehren, mit eignem Gehirne zu arbeiten, in sich selbst zurückzugehen, ihr zwingt es, den Volksgeist gründlicher zu wecken, eine neue segensreichere Bahn zu beginnen. Esthland, Liefland und Kurland sind in Kultur, Sitte und Sprache nach dem Theile der Bevölkerung, der dem Lande den Charakter gibt, unbestreitbar deutsch; ihre Vereinigung mit Rußland ist Unnatur; nur im deutschen Bündniß finden sie Bestand. Deutschland gebührt es, die verlornen Brüder wieder an sich zu ziehn, und Rußland selbst erleichtert das Werk. Lange geschont in ihren Privilegien und im Genuß einer eigenthümlichen Freiheit, fangen diese Provinzen an, allmälig dem Andrang der russificirenden Tendenz zu unterliegen. Sie sind verloren für Rußland, je mehr sie, dadurch gestachelt, sich in die Arme des Mutterlandes zurücksehnen, das sie verschmähten, so lange sie sich so frei, als es in Preußen z. B. nur immer sein konnte, und durch überwiegende Bildung so wichtig und vorragend im russischen Reiche spürten. Wir haben oben bereits erwähnt, wie Preußen, dessen östliche Provinzen durch Natur und Geschichte den russischen so verwandt sind, berufen sei, sie dem deutschen Einfluß zurückzuführen. Es gibt Dinge, die nur aus langer Gewohnheit unglaublich erscheinen, obgleich sie an sich nicht nur glaublich, sondern nothwendig sind. Dahin gehört, daß Preußen seine Politik gegen Rußland im angegebnen Sinn verändere. Zeit und Noth werden Preußen belehren.
Auch davon war oben die Rede, wie leicht es Oestreich vermöchte, die Donau bis zu ihren Mündungen zu beherrschen und die Halbinsel des Hämus zu umgarnen; wie im ungarschen Volksgeist das Bestreben liege, an die Stelle des russischen Einflusses in Ostromanien den eignen zu setzen. Das Meiste ist hier schon gegeben; nur zu sehen, thut Noth, und darnach mit Entschlossenheit zu handeln.
Noch sind die Tscherkessen aus jahrelangen Kämpfen um Freiheit und Vaterland unbesiegt hervorgegangen. Wir widmen den tapfern Stämmen des Kaukasus eine lebhaftere Theilnahme als den arabischen in Algier, und das mit Recht, theils weil dem nomadischen Araber auch nach der Eroberung des Landes immer noch eine Heimat bleibt, theils weil wir mit Vergnügen in dem Charakter, der Verfassung und der Art der Tscherkessen die kräftige Natur unserer Vorältern, freilich in asiatischer Weise, wiederfinden und die Vorsehung bewundern, die in dem Gränzgebirge zwischen Asien und Europa den reinen kaukasischen Urstamm so unversehrt erhalten hat. Es ist zu hoffen, daß die Tscherkessen ausdauern, bis sich den Engländern Gelegenheit bietet, von Südasien aus den Widerstand zu unterstützen und Rußlands Fortschritte zu vereiteln. Ohne den Kaukasus ist für Rußland keine bleibende Stätte in Persien; was jenseits liegt, das ist, wie der indogermanische Orient überhaupt, der germanischen, nicht der slavischen Einwirkung beschieden.
Also auf die Schranken seines natürlichen Daseins zurückgeführt, wie ausgebreitet, welche Großmacht bleibt immer noch Rußland! Die weiten Länder Ostasiens sind ihm zugewiesen: auf Turan, auf die ungeheure mongolische Hochebene soll es wirken. Ein edler Beruf ist es, hunderte von wilden Stämmen zu zähmen, Nomaden an den Ackerbau zu fesseln, christliche Gesittung allmälig (durch verwandte Horden) unter Mongolen und Tataren zu bringen, die bis auf diesen Tag, unberührt von dem Alles umfassenden Arm Europas, die östliche Welt von der westlichen scheiden. Ungemeines hat Rußland hierin schon gethan; von der Krimm bis in den lappischen Norden, von da bis Kamtschatka, wie viele wilde Völker wohnen gehorsam unter seinem Scepter! Diese Tendenz scheint es auch zu sein, die im Geiste des russischen Volkes selbst liegt: ein flüchtiger Abenteurer hat dem Czaar Iwan halb Sibirien erobert.
Jene innere Durchbildung, welche allein Leben statt der Scheinbildung verleihen kann, vermag dem slavischten der Völker nur wieder ein slavisches zu geben. Ein wiedergebornes Polen, ich wiederhole es, stark und frei, ohne Leibeigene, würde auf dem Wege der friedlichen Berührung Rußland verändern, würde es mit der Zeit vielleicht in die lateinisch-kirchliche Gemeinschaft herüberziehen.
Die griechische Kirche, worauf jetzt der russische Staat beruht, hat keine Zukunft vor sich. Was ihr eigenthümlich ist, sind nicht die wenig verschiedenen Dogmen, sondern der völlige Stillstand, in den sie seit Jahrhunderten versunken und der sie, für das Volk wenigstens, in abergläubischen Heiligen- und Götzendienst herabdrückt. Das Christenthum wurde von Byzanz aus den Russen gebracht. Damals und im ganzen Mittelalter gab es zwei Sphären der Kultur, und demgemäß zwei Gestalten des Christenthums: die occidentalische und orientalische. Jetzt gibt es nur Eine Sphäre mehr: die christlich-europäische; ihr gegenüber die arabisch-muhamedanische und indisch-bramanische. Das orientalisch- und russisch-griechische Christenthum, noch immer lebendig im Orient durch die türkische Invasion, in Rußland durch eingewurzelte Tradition, verliert seine letzte Bedeutung, so wie Europa den Orient überschwemmt und den russischen Slavismus durchbrochen haben wird. Nur der Geist kann dem Geist widerstehen; was vermag das längst erstorbene griechische Princip gegen katholisch-protestantisches Leben? Die Einheit der griechischen und lateinischen Kirche, so oft vergebens angestrebt, ist kein leerer Traum. Aber freilich, im Abendlande selbst muß, ehe sie gedeihen kann, der tiefe kirchliche Zwist eine Lösung gefunden haben. Der Westen, der den Osten besiegen soll, muß einigen Geistes sein. -- So führt die Betrachtung russischer Zukunft uns in den Mittelpunkt germanischen Lebens zurück, und auf jene Eine Hoffnung, in der überall das Völkerwohl beschlossen liegt.
Deutschland vor Allen (um das Gesagte in wenige Worte zu fassen) ist berufen, Rußlands falsche Gegenwart zu bekämpfen, seine wahre Zukunft herauszuführen.
Kapitel IX.
Die germanischen Völker. Skandinavien.
Ich betrete jetzt den germanischen Boden, und kann mich kürzer fassen. Alle Beziehungen sind hier einfacher; wir sind wie im Heimatlande.
Unberechenbar ist der Abstand, der die ausgewirkte Freiheit der Stände im germanischen Norden von der slavischen Leibeigenschaft trennt. Nirgend in Europa gilt der Bauer mehr als in Schweden und Norwegen; die alte Freiheit der Gaue hat sich in den skandinavischen Gehöften erhalten. In den slavischen Ländern hat, wie wir sahen, die allen gemeinsame, auf Sklaverei gegründete Magnatenherrschaft dreifach verschiedenen Ausgang genommen: in Rußland ist das Czaarthum zur Despotie herangewachsen, in Ungarn hat sich ein aristokratisch-konstitutionelles Gleichgewicht gebildet, Polen ist das Opfer republikanischer Ungebundenheit geworden. Ein ähnlicher Verlauf zeigt sich, bei ganz andern Grundbedingungen, in den germanischen Ländern. In Deutschland hat (nur nach der germanischen Mannigfaltigkeit in oligarchischer Weise) das monarchische, in England das aristokratische, in Skandinavien das demokratische Princip vorwiegende Geltung[20]. Die ersten beiden gleichen sich in dem Unorganischen ihres Daseins; England und Ungarn erfreuen sich konstitutioneller Befriedigung; Polen und Skandinavien erwarten eine Zukunft.
Diese liegt für das Land, wovon wir sprechen, in einer neuen kalmarischen Union, zu welcher Norwegens frühere Vereinigung mit Dänemark, seine jetzige mit Schweden den Uebergang bildet. Schweden und Norwegen sind zu schwach, zu spärlich bevölkert, um eine wirkliche Macht zu bilden; Dänemark isolirt, verliert sich in Europa. Alle drei in enger Föderation, unter schwedischer Hegemonie, können zu Land und zur See die Bedeutung erhalten, die ihnen geziemt: europäische Bedeutung.
Dazu mitzuwirken, gebietet natürliche Freundschaft so sehr als eignes Interesse dem deutschen Volk. England zur See, Rußland zu Lande sind beständig bereit, so viel an ihnen ist, die Fortschritte Skandinaviens zu lähmen, jede höhere Blüthe zu zerdrücken. Rußlands eiserne Hand lastet schwer auf Schweden und Dänemark; dort leiht es einer wankenden, vom Volkswillen untergrabenen Aristokratie den stützenden Arm, und hemmt die Reformen; hier erträgt die russische Politik lieber die Lasten des Sundzolls, als sie die Einführung einer Konstitution gestattet, welche von der einmüthigen Stimme der Dänen begehrt wird. Glücklicher ist Norwegen in bescheidener Unabhängigkeit, mit eigner Verfassung; nicht die letztere mit ihrer demokratischen Freiheit verdient Bewunderung, sondern der Volksgeist, der sich nach wenigen Jahren in eine Charte eingelebt hat, die andere Völker verwirrt haben würde.
In Skandinavien allein ist das lutherische Bekenntniß zu bestimmter kirchlicher Gestaltung und zu ausschließlicher Herrschaft gediehen. Diese Intoleranz, obgleich sie einerseits lange Zeit hindurch ein einheitlich-religiöses Bewußtsein im Volke erhielt, hat doch andererseits die lebendige innere Theilnahme an der geistigen Kultur Europas auf ähnliche Art geschwächt, wie in Spanien und Portugal, ohne dabei verhindern zu können, daß die französische Aufklärung, besonders in Schweden, die höheren und mittleren Stände, theilweise auch das Volk ergriffen hat. In den Debatten des schwedischen Reichstages erkennt man oft genug das französische Gepräge. In dieser, wie in der obigen Beziehung soll die deutsche Bildung das natürliche und nothwendige Gegengewicht halten.
Man darf glauben, daß der russische Druck in Schweden wenigstens eine Sehnsucht nach der Verbrüderung erweckt hat, welche einst, um der theuersten Güter willen, Skandinavier und Deutsche verband. Jene Völker sind unsre Brüder, Eines Stammes mit uns, sprechen fast dieselbe Sprache; gibt es irgend Bündnisse, welche die Natur selbst an die Hand gibt, so ist es ein #deutsch-skandinavisches#. Deutscher Einfluß ist der Tod des russischen, er sichert vor englischem Neid; er bringt Kraft, Selbstständigkeit und Stärke der äußern, Gehalt und Richtung der innern Politik zurück. Mehr zu sagen, ist überflüssig, wo Gefühl und gesunde Vernunft deutlicher sprechen, als es mit Worten geschehen mag.
Kapitel X.
England.
Durch insularische Lage, durch Geschichte, Bevölkerung und Sprache, nimmt Großbritannien im germanischen Organismus eine gesonderte Stellung ein. Germanisch von Natur und Charakter, spricht es doch die romanische Sprache, und hegt immer noch in Wales und in Irland die celtischen Elemente; obschon zweiten Ranges unter den Völkern seines Stammes, ist es doch die erste Seemacht der Welt, frei und unabhängig durchaus, für sich und in sich gegründet. England bildet das Mittelglied germanischen und romanischen Lebens; vermittelnd, indem sie gibt nach beiden Seiten und von beiden empfängt, ist seine Literatur; vermittelnd seine politische Entwicklung, weil sie mit der germanischen Freiheit moderne Bestandtheile, und mit der Föderation die Centralisation verbindet; ein Mittelding ist selbst die bischöfliche Kirche zwischen katholischem und protestantischem Kirchenthum. Geistig und leiblich, in jeder Beziehung, ist England geborene Großmacht.
Jenes gesunde Gleichgewicht des monarchischen, aristokratischen und demokratischen Princips, wonach andere germanische Völker in so wechselnden Schwingungen hinstreben, worauf das seit Montesquieu so bewunderte richtige Verhältniß zwischen der ausübenden, richterlichen und gesetzgebenden Gewalt beruht, hat die englische Verfassung auf ihre Weise gefunden. Ihr ist es gelungen, ohne Umwälzung den schwierigen Uebergang von der ständischen Gerechtsame zur repräsentativen Volksvertretung zu finden. Während andere Oligarchieen Europas längst verknöchert und dem Tode verfallen sind, erhält sich ewig jung, weil fort und fort ergänzt aus dem Kerne des Volkes, und doch ewig dieselbe, als unerschütterter Mittelpunkt des Gemeinwesens, die englische Grund- und Erbaristokratie. Ihr gegenüber steht immer anregend und treibend, die Aristokratie des Geistes, wie sie, zahlreicher als in irgend einem Lande Europas im Unterhause hervortritt. Die Macht des Staates ist, wie sie sein soll: kräftig genug, um durchzugreifen, duldet sie doch, ohne wie anderwärts alles Leben zu verschlingen, eine Menge von Autonomieen in gesetzlichen Kreisen. Nirgend ist man vor militärischer Regierung, nirgend vor bureaukratischer Willkühr gesicherter als in England. Die öffentliche Freiheit ist so unantastbar als sie immer sein kann, die persönliche findet kaum ihres gleichen. Die Duldung, welche früher den verschiedenen Religionsparteien vergönnt war, fängt an zur Berechtigung zu werden; und doch besteht festgegründet und in altem Einfluß die Staatskirche. Bei einer im Ganzen freien Weltansicht bewahrt das englische Volk jene religiöse Pietät, worauf die Lebenskraft und der Stolz von Altengland beruht. Endlich, wenn heute, was Gott verhüten wolle, der Dämon der Revolution aus der schlummernden Tiefe, worin er verschlossen liegt, zum zweiten Mal entfesselt, sich über Europa ergießen, wenn die Throne des Kontinents wie Spreu im Sturme zerstieben würden: -- der englische könnte ruhig die Geister beschwören; er, wenn denn alle fallen sollten, würde der letzte fallen; #denn er ist auf Freiheit gegründet#[21].
Alles das wird mit Recht an England bewundert; und in der That, seit der römischen Republik kennt die Geschichte keinen Staat, in dem die innere Entwicklung so ebenmäßig und glücklich, und so gleichen Schrittes mit der äußern Macht sich gestaltet hätte. Vergebens aber würde man die englische Freiheit anderwärts nachzuahmen versuchen. Aus einer gesunden Mischung der ursprünglichen, der römischen, der sächsischen, der normannischen Bevölkerung, aus dem eigenthümlichen Charakter der Nation, aus dem republikanischen Sinn, der sich in allen Handelsvölkern entwickelt, aus der isolirten Lage, aus hundert begünstigenden Umständen ist sie hervorgegangen: lauter Dinge, die sich so wie hier nirgend wiederholen. Ebendeßhalb, weil die englische Freiheit nicht auf Principien oder bewußten Wahrheiten beruht, bleibt die englische Humanität auf die Heimat beschränkt. Der Engländer ist auswärts engherzig, rücksichtslos und, wie alle Kaufleute, auf den Vortheil bedacht; so ist auch die englische Politik egoistisch durch und durch: außerhalb England gilt ihr jede Verfassung, ja die Tyrannei gleich, wo sie nur ihrem Zwecke dient; selbst philanthropische Maßregeln, wie die Abschaffung der Sklaverei werden nur dann durchgesetzt, wenn das Staatsinteresse gewinnt[22]. Dem Engländer ist die Freiheit ein Eigenthum, das ihm gerade gehört; von dem Trieb der Franzosen, Alles in ihrem individuellen Lichte zu sehn, ist er so weit entfernt, als von der unbezwinglichen Neigung der Deutschen, sich in geistige Gemeinschaft mit andern Nationen zu setzen: er nimmt die Ausländer, wie er sie findet, und benutzt ihre Schwächen für seinen Zweck.
Ich hebe dieß hervor aus zweierlei Gründen. Erstlich, weil es wichtig und nöthig ist einzusehn, daß das englische Gemeinwesen eine besondere, lokale Erscheinung bildet, ein Ding für sich, welches auf andere Zustände niemals angewandt werden kann; daß wir Deutsche durch Uebertragung englischer Staatsformen (soweit sie nicht im germanischen Wesen überhaupt liegen) so wenig selig werden können, als uns französische gefrommt haben. Sodann, weil Manche der Meinung sind, England habe den Beruf, die socialen Probleme zu lösen, worum die europäische Geschichte sich bewegt, und so Europa zum Frieden und zur Vollendung zu führen. Es ist dieß ein Irrthum, der durch den vermittelnden Charakter erzeugt wird, den England als romanisch-germanisches Land bekleidet. Allerdings vermittelt England, #und zwar in so hohem Grade, daß ein scharfes Auge aus seinen Zügen sich in ahnender Uebersetzung das Bild herausstellen mag, welches einst die wahre europäische Vermittlung bieten soll#; aber immer nur in #seiner#, in ausschließlicher Weise. Die englische Staatskirche ist in der That ein Mittelding zwischen katholischen und protestantischen Elementen: aber wie thöricht würde es sein, in ihr die Versöhnung der Konfessionen erblicken, durch einen Aufbau von ihrer Art den Frieden stiften zu wollen. Eine Ausgleichung zwischen dem alten Feudalismus und dem modernen Staat, zwischen der Erbaristokratie und dem Geistesadel ist in der That in England gewissermaßen gegeben: wer aber würde geneigt sein, sie auf dem Kontinente nachzuahmen oder nachzuschaffen? Impulse kann England geben, fördernd und beschleunigend eingreifen in die Entwicklung des Kontinents: umwandeln seine Bahn oder sie vorzeichnen kann es nicht. Das ist nur den Deutschen und Franzosen beschieden; nur der rein germanische oder der reine romanische Geist trägt jene ureigne und zwingende Kraft in sich, welche, schaffend oder zerstörend, Europa unaufhaltsam überströmt. Die englische Reformation, die englische Revolution, die englische Reform sind auf England beschränkt geblieben; und trotz all seiner Macht, bei all den unendlichen Vorzügen, besitzt England nicht entfernt jenes ideelle Gewicht, das Frankreich noch in seiner Zerrissenheit, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, über Europa ausübt; Deutschlands (eines wahren Deutschlands) nicht zu gedenken. England ist und bleibt eine Insel: genug, wenn es die eignen socialen Probleme lösen, die eigne Zukunft lichten kann. Wir Deutsche, wahrhaftig, sollten endlich gewitzigt sein, nach fremder Hülfe zu schauen; das Schicksal liegt in unsrer Hand; wir selbst, wir allein wollen es schaffen: alles Andere wäre für uns nur Unsegen und Thorheit.
So bewundernswürdig England erscheint, so wahr es ist, daß unter allen Staaten der Gegenwart (mit einziger Ausnahme etwa des kleinen Norwegens) auf ihm allein das Auge mit Lust verweilen, der Geist sich Trostes erholen kann: so düster blickt dennoch seine Zukunft, und so zahlreich sind die Uebel, woran es krankt. Zwar, sie sind nicht alle unheilbar. Die irische Frage läßt sich lösen, wenn die englische Engherzigkeit zu rechter Zeit verstehen wird, was noth thut. Dieß fremde Element kann England mit sich verschmelzen, wenn es durch Gerechtigkeit und Güte die Schulden der früheren Politik entsühnt, einer Politik, die an die russische Behandlung von Polen und an die barbarischen Zeiten erinnert, wo Völker auf Völker drängten und der erobernde Stamm den unterjochten auszurotten oder in Sklaverei zu knechten pflegte. Jeder Fortschritt der irischen Emancipation stärkt die englische Kraft, weil sie die heterogenen Bestandtheile verschwistert, und man kann in diesem Sinne O'Conell Englands Schutzengel nennen. Aber es gibt noch andere, mit der irischen zusammenhängende Fragen. Wie wird der Kampf, welcher jetzt eben gegen die Monopole der großen Grundeigenthümer geführt wird, sich endigen? Wie wird der Mittelklasse, wenn sie als industrielle Aristokratie der erblichen gegenüber tritt, genuggethan werden, ohne doch die Fundamente der Verfassung zu erschüttern? Denn schon nahet die Zeit, und in unsern Tagen bereitet sie sich vor, wo die Worte »Torys und Whigs«, bisher die Bezeichnung zweier Adelsparteien, ihre alte Bedeutung verlieren, wo das Whigthum die bürgerlichen, das Torythum die adeligen Forderungen bezeichnen wird. Wie lange wird die Hochkirche, mit ihren verrosteten Mißbräuchen, mit den ungeheuern Reichthümern, mit der hochmüthigen Beschränktheit dem Andrang des gesunden Verstandes widerstehen? Wo überhaupt und wann wird die demokratische Bewegung, wie sie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen das feudale und kirchliche Mittelalter in England anstürmt, ihr Ende finden? In sich gewiß nicht, und eher nicht, als sie in Europa überhaupt zu Maß und Ziel fixirt sein wird. Und das geschieht nur durch eine ungeheure geistige Macht, durch ein neues, über den Staat und die Menschheit ergossenes Licht, worin die fordernden Klassen sich kennen, aber auch sich fassen lernen. Und dieses Licht wird vom Kontinent auftauchen.
Zu dem kommt noch, als das größeste aller Uebel, der ewige Fluch der Handelsstaaten: der Gegensatz von Luxus und Elend, von Civilisation und Erniedrigung, von Reichthum und Armuth, die tiefe Materialität, worin die auf die Spitze getriebene Industrie die Gemüther versenkt; die Gräuel der Fabriken, deren steigende Vervollkommnung den Menschen, statt ihn zu befreien, bisher noch härter geknechtet hat; und was daraus hervorgeht -- die Menge der Proletarier und die Zuckungen der Ochlokratie. Diese letztere Gefahr ist es, welche der englischen Staatsschuld ihren lebensgefährlichen Charakter gibt. Eine finanzielle Umwälzung würde Millionen von Arbeitern brodlos machen, und die Grundvesten des Staates auf's Spiel setzen. Daher bleibt der englischen Politik nichts übrig, als unaufhörlich, fort und fort den Handel, und was ihn beschützt, die Seemacht und die Okkupationen auszubreiten. Aber schon lauert das Verderben, wo die Politik eines großen Staates von den Verhältnissen statt sie zu leiten wider Willen getrieben wird, wo sie einem Zuge nachjagt, den sie zu beherrschen nimmer vermag. Denn wo ist Ziel und Ende der Ausbreitung? Wann lösen sich die Knoten, die in täglich wachsender Anzahl über alle Punkte der Erde geschürzt werden? Ein einziger starker Schlag: und die Bewegung kann wie ein Lauffeuer in alle Gängen des unermeßlichen Gebäu's sich ergießen. Die Krise, welcher England entgegengeht, ist nicht heute, nicht morgen da, und schwerlich so lange Europa ruhig bleibt; aber wenn sie kommt, so öffnet sie einen Abgrund von Gefahren. Und wehe für England, wenn dann keine stärkeren Bundesgenossen ihm in Europa blühen als die heutigen: oder wenn der einzige wahrhaftige, den es besitzen kann, nicht zu einer andern Macht herangereift als er heute ist. Es könnte die Zeit kommen, wo diese Macht ihre rettende und helfende Hand über's Meer hinüberböte den sinkenden Brüdern.
Ich komme zu den auswärtigen Dingen. Es liegt schon in dem oben berührten Zuge des englischen Charakters, daß die Herrschaft und der Einfluß, den England in einem großen Theile der Erde ausübt, zum Heile der Menschheit, und um gedeihlich zu wirken, bald beschränkt, bald überwacht werden muß. England hat gleich Rußland seine Gränzen überschritten. Beide haben eine ausschließliche, universelle Tendenz gemein, die sie rücksichtslos verfolgen, und welche dort auf der kontinentalen Ausdehnung und physischen Größe, hier auf dem Handel und der Seemacht beruht. Wohl erscheint die Uebermacht, wie sie Abscheu erregt, wenn sie von einer rohen, barbarischen Masse kommt, verzeihlicher, wenn sie von einem großen, freien Volke ausgeht, und ist es auch; aber die gebührende Schranke soll ihr nicht weniger gesetzt werden. Wir haben hier drei Dinge zu unterscheiden: die Kolonisation, die Herrschaft in Asien und die englische Politik in Europa.