Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 10

Chapter 103,507 wordsPublic domain

Es ist wahr: wo immer die Gränzen, die die Natur zwischen den Stämmen gezogen hat, verwischt sind, wo irgend eine der Völkerfamilien Europas, sei es auch die schwächste, die slavische, als solche geschlossen den übrigen entgegentritt, da ist Gefahr vorhanden, wirkliche, drohende Gefahr. Aber glücklicher Weise liegt in dem Organismus der slavischen Völker ein inneres Gegengift. Die Macht, welche sich vermessen wollte in Wahrheit eine slavische zu sein schlechtweg, d. h. eine panslavische, müßte ein Element gefunden haben, welches, erhaben über den Stammesunterschied, die Stämme von selbst aufheben, in welchem als im Familiengeist die Nationalgeister freiwillig zusammenfließen würden. Dieses Element ist nicht im russischen Reiche. Rußland ist panslavisch nur sofern es russisch ist, sofern der russische Charakter den slavischen zur Zeit am kräftigsten ausdrückt. Daher kann Polen wohl unterjocht, niemals vernichtet werden; der polnische Geist widerstrebt dem russischen, weil dieser ihm nur als solcher, nicht unter dem höhern Gesichtspunkte des slavischen, von Anfang erscheinen konnte. Und selbst wenn es gefunden wäre, jenes Element: -- immer noch würde Ungarn in seiner Eigenthümlichkeit entgegenstehn.

Ungarn, mit Slavonien und Kroatien, im weitern Sinne mit Siebenbürgen, bildet, wie schon im Eingange bemerkt, ein besonderes Glied in der slavischen Reihe. Es ist das Mittelland zwischen slavischen, germanischen, und ostromanischen Völkern. Demgemäß zählt man 4 Millionen Slaven (die überwiegende Zahl), 1/2 Mill. Deutsche, 1 Mill. Wlachen, und, als den Kern der Bevölkerung, der Ungarn seinen Charakter verleiht, 3 1/2 Mill. Magyaren. Die Magyaren haben im Laufe von Jahrhunderten über die slavischen Einwohner nicht vermocht, was andern Eroberern in Jahrzehnten gelang: die sonst so schmiegsame slavische Raçe hat ihnen widerstanden. Ihre Bestimmung ist nicht, die Andern zu magyarisiren, einen Urstamm aufzupflanzen in Europa; sie sollen verwachsen mit den andern, aus allen vereinigt soll eine besondere Gattung der östlichen Gruppe entstehen.

Das ist noch nicht geschehen. Ungarn ist in diesem Stücke noch so jung, wie die ostromanischen Völker, erst im Werden begriffen; noch gibt es kein ungarisches Volk. Ja, gerade in unsern Tagen drängt sich der Zwiespalt von Magyaren- und Slaventhum heftiger als jemals hervor. Dieser Zwiespalt ist es, der den Einfluß der Deutschen in Ungarn, ohne Usurpation und Gewalt, von selbst begründet. #Er gibt den Deutschen die natürliche Rolle der Vermittlung.# Wie Italien unter den westromanischen, so ist Ungarn unter den slavischen Völkern durch seine Besonderheit an Deutschland gebunden. Die Magyaren bedürfen, um das slavische Element zu beherrschen, die Slaven um dem magyarischen zu widerstehen, der deutschen Hülfe. Beide in Einklang zu setzen, ein einiges Volk zu schaffen, ist die Aufgabe der deutschen Politik.

Die Vorsehung also, nicht der Zufall hat es gewollt, daß ein deutsches Haus zugleich den ungarschen Thron überkommen hat. Auch in staatlicher Hinsicht erscheint naturgemäß, fast nothwendig die deutsche Einwirkung. Die ungarische Konstitution, die ungarischen Gesetze sind ein rohes mittelalterliches Gebäude; aber die Freiheit hängt daran, und jede Veränderung ist unwillkommen, weil sie die Herrschaft der Großen und das bestehende Verhältniß der Raçen erschüttert. Eine fremde, unparteiische Hand ist nöthig, um den Fortschritt zu leiten, um die untern Klassen zur Emancipation und den Bürgerstand zu germanischer Geltung zu erheben. Und in der That sieht man mit eigenem Gefühl, wie die östreichische Regierung nicht selten als Verfechterin des Fortschritts den mittelalterlichen Ansprüchen entgegentritt.

Weiter aber, auch die ungarische Politik (als solche, nicht als Bestandtheil der östreichischen betrachtet) ist mit der deutschen nach allen Seiten verwebt. So lang die türkische Macht Europa bedrohte, waren Deutsche und Ungarn gegen sie verbündet. Jetzt nachdem sie gefallen, haben beide dasselbige Interesse nach Ostromanien hin. Wenn Ungarn sich selbst versteht, so muß es, wie einst in der Epoche Ludwigs des Großen, auf die südslavischen Länder, auf die Moldau, die Wallachei und Serbien einzuwirken trachten. Seine Lage gebietet ihm, die Emancipation dieser Völker zu fördern, sie sich zu verpflichten, sie dem russischen Arme zu entziehen. Das will auch Deutschland; und nur der innigste Zusammenhang mit Deutschland kann dieser Bewegung nach Süden europäischen Gehalt geben.

Nicht anders ist es mit Polen. Da der slavische Theil von Ungarn, bei wachsender Opposition beider Elemente, von Rußland leicht angezogen werden kann, da die Magyaren nichts sehnlicher wünschen müssen, als ein kräftiges Gegengewicht, so lag die Erhaltung von Polen und liegt jetzt seine Herstellung im tiefsten Wunsche der Magyaren. Die natürliche Sympathie, die alten historischen Bande machen sie mehr oder weniger der ganzen Nation wünschenswerth. Ungarns Politik in Beziehung auf die slavischen Völker kann ja überhaupt keine andere sein, als die Aufrechthaltung des natürlichen Organismus, d. h. die schärfste Opposition gegen Rußland als denjenigen Staat, der durch Ausbreitung einer einzigen, der russischen Tendenz den Organismus zerstört, der in Polen seine Zwecke erreicht hat, der auch Ungarn bedroht. Das Alles verlangt auch, wo nicht die östreichische und preußische, doch die #deutsche# Politik. Die Sympathie der Deutschen war, als Polen fiel, so lebhaft als die ungarische; ihr Interesse gegen Rußland ist noch bedeutender.

Ungarn ist der natürliche Bundesgenosse von Deutschland. Beide sind durch Oestreich verknüpft; und sie würden es selbst dann bleiben (so sehr liegt's in der Natur der Völker), wenn Ungarn von einheimischen Regenten beherrscht würde.

Kapitel VIII.

Polen. Rußland.

Noch existirt die Akte des Wiener Kongresses; noch gibt es ein Königreich Polen. Man hat nicht gewagt, den letzten Schein zu zerstören, und die Einverleibung auszusprechen. Wir, die wir nicht auf das Aeußere der Dinge, sondern auf die innere Wahrheit schauen, glauben auch jetzt noch an ein Dasein von Polen, und reden darnach. Nach wie vor, unzerstörbar so lang die russische besteht, und gleichberechtigt mit ihr, lebt die polnische Raçe. Von ihrer Zukunft ist hier die Rede.

Polens Schicksal kann den Deutschen zeigen, worin ihre Kraft liegt. Die polnische Republik ist denselben Uebeln unterlegen, welche die deutsche untergruben. Ein wählbares Oberhaupt ohne Macht und Kraft, durch steigende Kapitulationen beschränkt, eine Aristokratie voll unbändigen Uebermuths, unaufhörliche Zwietracht, endlose religiöse Parteiungen, überwiegende Einflüsse des Auslandes, Zerstücklung durch mächtige Nachbarn -- das Alles und noch mehr hatten Deutschland und Polen gemein. Es fehlte, um den Untergang ihres Reiches zu überleben, den Polen nur das Eine: der deutsche Bürger- und Bauernstand. Denn während in Deutschland der kleinste Reichsfürst einen Staat beherrschte mit vollkommner Lebenskraft und mit ausgebildeten Gliedern, waren Leibeigene ohne menschliche Geltung das Besitzthum der polnischen Großen. Leibeigenschaft ist allüberall das Zeichen slavischer Völker (vor kurzem sahen wir sie noch in Meklenburg). Die polnischen Edelleute und Freien, mit allem Gefühl für Ehre und Ruhm des Vaterlandes, mit aller Aufopferung, fanden nicht jene breite Unterlage der Volkskraft, um in Zeiten der Noth darauf zu fußen; sie waren zu verwöhnt oder zu klein, um sie auf ihre Kosten zu schaffen. Kosciusko und die letzte Revolution konnten nicht in Jahren ändern, was Jahrhunderte bestanden hatte.

So viel zeigen die blutigen Befreiungsversuche der Polen: ihre Kraft ist unzerstörlich, der nationale Trieb ist unversiegbar, ja nach langem Druck haben sie sich beide Male größer, gereinigter von den Schlacken der slavischen Barbarei wiedererhoben. Verbannung, Verpflanzung, Konfiskation, Hinrichtungen, Verfolgung der polnischen Sprache, Russificiren und Konvertiren -- alle die Mittel, die Rußland mit eherner Konsequenz gebraucht hat und noch braucht, sind unfähig, die Nationalität, dieß wunderbare Ding, zu zerstören. Es bleibt ein inneres, unantastbares Element. Aber freilich, noch einmal die Hülle zu durchsprengen und siegreich ins Leben zu treten, das ist dem Kern des Volkes versagt, wo nicht von außen Hülfe kommt.

Woher soll sie kommen als von Deutschland? Vielleicht kann man sagen: als Opfer seiner germanischen Erziehung (seiner aristokratischen Organisation) ist Polen gefallen. Laßt uns das gefallene aufrichten, und zu neuem Leben erziehen.

Wir Deutsche haben Polen getheilt, Einiges an uns gerissen, das Andere den Armen des Drängers überliefert. Laßt uns die Schuld versöhnen, wie sie einzig gesühnt werden kann. Dieselben Hände, die Polen zerstört, sollen es wieder aufbauen.

So viel sagt uns das Gefühl des Rechts, die Theilnahme für ein unterdrücktes Volk und das Bewußtsein unsrer deutschen Natur, die am Aufbauen ihre Lust hat und mit Scham sich erinnert, einmal zerstört zu haben. Die Politik sagt noch mehr. Polen vernichten, heißt die Grundlagen vernichten, auf denen die Ordnung Europas beruht. Kein Volk in Europa hat für Erhaltung dieser Grundlagen tieferes und wesentlicheres Interesse als das deutsche Volk; denn es bildet den Mittelpunkt des großen Gebäudes. Kein Volk empfindet so schmerzhaft jede Verrückung, jede Erschütterung der organischen Verhältnisse als das deutsche. Deßhalb nennt man uns das konservative Volk, und unsere Mächte die stabilen Mächte -- und in diesem Sinne sind wir's von ganzer Seele. Wie ein Fluch lastet die Theilung von Polen noch heute auf Oestreich und Preußen. Sie hat Rußlands Kräfte verdoppelt, ohne die unsrigen zu stärken; indem wir den Schwachen opferten, beugten wir uns unter das Joch des Starken. Die eroberten Provinzen hängen als schweres Gewicht an den Fersen der deutschen Mächte, die geschehene That hat sie unwiderstehlich in Eine Bahn mit Rußland getrieben -- eine Bahn, worin sie ihm doch nur zu #folgen# vermögen, ohne es zu #erreichen# oder zu #überholen#. Zwei mächtige Vormauern sind Polen und Ungarn zwischen Rußland und Deutschland gelagert. Wir haben die letztere zu wenig benutzt, die erstere mit eignen Händen umgerissen. Die Wunden, die Deutschland sich selbst durch den Fall von Polen geschlagen, wollen geheilt sein. Sie werden es, wie das Elend der Polen selbst, nur durch Restauration. #Von Deutschland erwartet Polen seine Zukunft.#

Die Polen haben Ursache, an ihrem Vaterland zu verzweifeln, wenn sie den Schein der Dinge betrachten. Frankreich hat zweimal, unter Napoleon und unter Louis Philipp, die polnische Sache verrathen; England ist fern, nur von der See her wirksam, egoistisch berechnend; und die deutschen Großmächte, wie sollten sie einer Politik entsagen, die sie seit einem Jahrhundert verfolgt? Aber die Zeit wird kommen, schon bricht sie sich Bahn, wo Oestreich und Preußen einem höheren Zuge folgen, als dem engen, der sie bisher geleitet, wo sie, #deutsche# Mächte ganz und gar, in deutschem Geiste handeln. Die Zeit wird kommen, wo sie einsehn, daß tiefer als das absolutistische Interesse in ihrem eignen Blute ein anderes wurzelt -- das nationale, allumfassende; daß über konservativen und liberalen, absoluten und revolutionären Tendenzen hinaus die #deutsche# Tendenz liegt -- die Tendenz der Gerechtigkeit, der Ordnung und der Wahrheit, jener innern Wahrheit, ohne welche alle Konstruktionen der Politik nur ein Gemächte sind von Staub und Thon, auf Sand gebaut, zum Sturze bestimmt und im Sturze den Erbauer selbst in seine Trümmer begrabend. --

Man wird einwenden, daß die Herstellung Polens den Verlust von Posen und Gallizien bedingt[16]; daß, einem moralischen Bedürfniß zu genügen, kein Staat jemals sich selbst geopfert habe. Es ist wahr, im Angesicht der neuen Geschichte einen so unerhörten Edelmuth zu erwarten, wäre mehr als thöricht. Aber ich spreche nur von einer Politik, die zwei lästige Provinzen einem Nachbar opfern würde, der, wiedererstanden, als Bundesgenosse die deutschen Staaten in ihren Grundfesten kräftigen würde. Es ist von einer Abtretung die Rede, welche dergestalt entschädigt werden kann, daß jedes Opfer, auch das kleinste, verschwindet. In den Ostseeprovinzen liegt Posens Ersatz. Preußen hat den Beruf, diese noch immer deutschen Länder der russischen Herrschaft zu entziehn, sie dem Vaterlande wiederzugeben. Oestreich behält die Buckowina, dringt am Pruth vor, nimmt Bessarabien, besetzt die Donaumündungen und umschlingt die griechisch-slavische Halbinsel. Diese der russischen Hegemonie zu entwinden, ihre Oberleitung zu übernehmen, ist die höchste Aufgabe der östreichischen Politik in unserer Zeit.

Die Polen verhalten sich innerhalb ihres Stammes zu den Russen, wie die Skandinavier zu den Deutschen, oder die Spanier zu den Franzosen. Daher die lebhafteste Rückwirkung zwischen beiden Nationen. Der tiefe Widerstand, der im letzten Kern der slavischen Natur, so bildsam sie sonst ist, gegen den geistigen Andrang des germanischen Princips liegt, ein Widerstand, der immer noch beharrlich im russischen Volksgeiste wurzelt, kann durch Polen allein gebrochen werden. Polen ist durch große Ereignisse, durch mannigfache deutsche Einwirkung, durchs Unglück großgezogen worden, ohne doch den slavischen Charakter irgend verloren zu haben. Von Polen aus kann wahrhafte, die Massen durchdringende slavische Kultur sich nach Rußland ergießen; slavischer Geist erstarkt schneller an slavischem, als am fremden: nur so mag Europa bis in den fernsten Osten europäisirt werden. Polen sei frei -- und auch Rußland wird freier werden.

Soll ich noch des letzten Ueberrestes polnischer Freiheit, der Republik Krakau gedenken? Man staunt über die Dinge, die von dorther berichtet werden; es scheint, als habe man der alten Stadt ihre Freiheit gelassen, um sich an der Erniedrigung zu weiden oder um in kleinerem Bilde den Todeskampf von Polen beständig vor Augen zu sehen. Man freut sich der Rolle, die zwei deutsche Mächte als Protektoren spielen und bewundert ihre Hingebung. --

Ich komme zu Rußland.

Wir sahen in Ungarn und Polen zwei Binnenländer, mit geringen Ausgängen zur See, ohne maritime Anlagen, das eine durch Natur und für immer, das andere durch Geschick und theilweise (wie Italien und Spanien unter den Westromanen) an deutschen Einfluß gebunden. Jetzt ist von einem ausgebreiteten Staate, reich begabt mit kontinentalen und maritimen Elementen, von einem Volke, das in erster Linie, wie Deutschland den germanischen, Frankreich den romanischen, so den slavischen Charakter ausdrückt -- es ist von einer #Großmacht# die Rede. In der Erstlingschaft des slavischen Typus liegt Rußlands kolossale Größe, liegt seine entsetzliche Schwäche. Rußland ist die wundersamste Erscheinung der neuen Geschichte: der modernste Staat Europas und doch der niedrigste unter allen. Versuchen wir, ihn auf das natürliche Maß zurückzuführen, seine Stellung organisch zu bestimmen.

Das Weitumfassende, wie Johannes Müller sagt, war von Anfang an der Charakter des russischen Reiches. Wie schon in uralter Zeit Nowgorod und Kiew, im Nord und Süd, die Wiegen russischer Geschichte gewesen, so erstreckt sich auch heute noch Rußlands natürliche Gränze von der Ostsee zum schwarzen Meere. Aber wie die Natur durch weise Fügung im Norden durch den Sund, im Süden durch den Bosporus die Meere verengt hat, so sind aller slavischen Macht die Gränzen der Ausbreitung schon ursprünglich vorgesteckt, und jeder Uebergriff ins germanisch-romanische Völkertreiben kann nur in unorganischen Entwicklungen seinen Grund finden.

Erstaunlich ist die russische Geschichte durch den plötzlichen Aufschwung, den Iwan zuerst, dann Peter der Große ihrem Volke gegeben. Der Thron der Ruriks, von Normannen aufgerichtet, hatte die Germanisirung von Europa vollendet, hatte vom äußersten Südwest bis zum höchsten Nordost dieselbe Saat in alle Länder gepflanzt: Rußland konnte sich gleichartig mit dem übrigen Europa entwickeln. Da kam der mongolische Einfall, zerstörend und unterbrechend. Ohne ihn mußte Rußland, wo nicht in den lateinisch-kirchlichen Kreis, doch in die europäische Gesammtbildung gezogen werden. In Ungarn und Polen gestaltete das Mittelalter sein eigenthümlich Leben: #in Rußland wurde es übersprungen#. Iwan konnte wenig mehr, als aus der tiefsten Barbarei sein Volk erretten; auf ihn folgte Nacht. Endlich wurde Peter gesandt. Er trieb mit eisernem Willen Rußland in das modern-europäische Wesen hinein: sein Land zur Großmacht zu erheben, war er, wie später Friedrich, berufen; aber während dieser auf tiefe innere Grundlagen baute, eignete Peter die neuesten Resultate des europäischen Verstandes einer Nation ohne Bildung und Geschichte an. In demselben Lande, wo der große Czaar die Thronfolge nicht nach dem Erbrecht, sondern nach der geistigen Befähigung ordnete, wo er die Kirche aufs unmittelbarste dem Staat unterwarf (zwei modern-philosophische Neuerungen), besitzt noch heutzutage der Kaiser 21 Millionen Leibeigene. Dieß schreiende Mißverhältniß zwischen den Maximen der Regierung und dem inneren Kern des Volkes, zwischen Haupt und Gliedern ist es, was nach allen Seiten hin den russischen Staat charakterisirt.

Es ist genug, den hier in Kürze bezeichneten Entwicklungsgang der russischen Geschichte sich scharf vors Auge zu führen, um zu sehen: daß Rußland, wenn es sich selbst wahrhaftig und innerlich bilden will, wieder zurückgehen muß auf die früheren Zeiten, und von neuem beginnen, daß die Scheingröße der Wahrheit weichen, daß das heutige Rußland in Trümmer stürzen muß, damit aus dem Staub sich ein neues erhebe[17].

Es ist nicht nur Widerwille gegen die Despotie, Haß gegen absolutes Regiment, was uns die Weissagung des Unterganges entlockt. Die Despotie war nothwendig in Rußland; sie am leichtesten, wenn sie im Sinne des Volks und für das Volk handelte, konnte Rußland erziehen. Statt dessen hat sie in #ihrem# Sinne, zu #ihrem# Besten mit den Massen gewirthschaftet. Religion, Industrie, Bildung, alle Kulturanstalten sind ihr nur die Hebel der Macht. Sie hat Rußland aus sich herausgetrieben, hat es umgemodelt von außen, hat geerndtet, wo sie säen sollte: und darum trifft sie der Fluch. Rußland muß in sich zurückgehen, um von unten herauf im Kerne des Volks eine Entwicklung zu beginnen, die es langsam aber sicher der europäischen Kulturstufe zuführen kann.

Wie nun die russische Macht, trotz aller innern Schwäche, so groß geworden ist in Europa? Man denke sich eine Regierung mit allen Hülfsmitteln der Gewalt, mit allen Waffen des Geistes, die dem übrigen Europa zu Gebot stehn, und ihr gegenüber zahllose Tausende, so gefügig dem Willen des Herrschers, so bildsam für alle und jede Werke, so formbar wie Thon in des Töpfers Hand -- und das Geheimniß ist gefunden. Militärstaaten sind es ja, die die neuere Zeit in der östlichen Hälfte Europas aufgerichtet hat, und Rußland ist der größte unter ihnen.

Und jene Masse, bei all ihrem Geschick, hat keinen Funken selbsteignen Strebens; während andere Militärmonarchien, mit oder ohne Willen, dem Zuge folgen, der von den Völkern ausgeht, während sie von der Freiheit bewegt werden, wonach in tausend Arten die Menschheit ringt, steht die russische Nation in fremdartiger Barbarei der Bewegung verschlossen. Es gibt aber nur Eine Macht, welche die noch knechtischen Gemüther erheben kann, die Macht der Kirche, wenn sie, erhaben über weltlicher Gewalt und unantastbar, Könige und Bettler vor Einen Richterstuhl stellt. So hat in Wahrheit die katholische Kirche die Völker des Abendlandes in der Freiheit erhalten: die Kirche war Palladium gegen rohe Gewalt, weltliche Hoheit diente, wie die niedrigste Armuth, nur Einem überirdischen Willen. Davon ist Nichts im griechischen Christenthum; die Kirche ist das blinde Werkzeug des Herrschers, der Kaiser der Gott der Erde, und so vermag weder Geist noch Gemüth aus der Nacht der doppelten Sklaverei zu erstehen. Dazu die knechtische Natur der Slaven, der tiefe Aberglaube, worin die griechische Religion, durch keine Reinigung verjüngt, sich selbst überlassen, versunken ist, ihm gegenüber die hohle französische Aufklärung der höheren Stände -- welch eine Nation, ohne Einheit, Leben und Inhalt! Welchem Zuge soll nun die russische Regierung folgen? Vom Volke wird ihr keiner mitgetheilt, als der Zug der Barbarei, der bewußtlose Trieb der Gewalt, derselbige, der Hunnen, Mongolen und andere gestachelt hat, auszugehen, Reiche zu stürzen und aufzurichten nach Willkühr. Dieser Trieb ist es ja, der ihrer Natur nach die russische Regierung beseelen muß: weil in der Knechtschaft das Geheimniß der Macht ruht, weil die Theilnahme an höherer Entwicklung versagt ist, was Anders bleibt ihr, selbst bei edlerem Willen, übrig, als nach gesteigertem Wachsthum in Europa und Asien fort und fort und zügellos zu streben? Unbedingte Machterweiterung, das ist das Princip der russischen Politik; hiefür wirkt sie mit eherner Ausdauer, mit einer Kunst und Energie, worin ihr keine Regierung Europas gleichkommt. Moralische oder geistige Rücksichten können #sie# nicht binden: darin, daß sie kein Mittel zu scheuen, vor keiner Unthat zu zittern hat, darin ruht ihre Stärke[18]. Nicht nur sich gleichermaßen auszubreiten, auch nur ihre Ausbreitung zu hindern, sind andere Mächte zu schwach.

Fraget nicht, wer die Theilung von Polen verschuldet hat. Sie mag in Josephs oder in Friedrichs, in Kaunitzs oder in Heinrichs Kopf entsprungen sein -- Rußland hat sie verschuldet. Die Gewißheit, daß Rußland früher oder später leichten Sinnes das ganze Polen zerstören werde, diese Gewißheit hat Polen getheilt.

Das Princip der Gewalt, unerträglich auch dann, wenn ein großes, mannhaftes Volk, wie das römische, es handhabt, ist fluchwürdig im neuern Europa, welches in allen Stücken nach Begründung und Organismus strebt, in dem jede Macht gehalten ist, sich selbst zu erkennen, und die Gränzen, die ihr Gott gesetzt hat.

So will es die Nemesis der Geschichte. Vor tausend Jahren begann in fanatischem Bekehrungseifer die Unterwerfung der slavischen Völker; Jahrhunderte durch war der Nordosten Deutschlands von slavischem Blute voll. Dieses Blut hat um Rache geschrieen: und jetzt gehen zwei deutsche Mächte, die eine mit, die andere wider Willen, an russischer Hand; Deutschland empfindet russische Einflüsse, und kindische Gemüther ängsten sich unter der Furcht vor dem russischen Joch. Wahr ist es: die größte Macht der Erde hat Rußland in Händen: über Deutschland, Skandinavien, die Türkei, Persien und Ostasien erstreckt sich lastend sein Arm; England allein mag ihn dämmen. Wir fürchten sie nicht, diese Herrschaft. Wenn Deutschland sich selbst versteht, hat es keine Macht der Welt zu fürchten: Ein Jahr, vom Geiste der wahren deutschen Politik beseelt, #Ein Jahr#, mit verändertem System der deutschen Mächte, würde hinreichen, Rußland auf immer zu demüthigen. Das weiß Rußland, und strebt einen geistigen Weg sich zu bahnen in Deutschland, den es im Herzen des Volks nun und nimmermehr finden wird.

Ich wende mich jetzt zur Zukunft, um in ihrem Bilde Rußland zu schauen. Polen ist die westliche, Preußen (durch die Ostseeprovinzen) die nordwestliche, Oestreich (durch Ungarn, Moldau u. s. f.) die südwestliche, der Kaukasus (durch die Tscherkessen) die südöstliche Vormauer gegen Rußland[19]. All diese Gränzen hat Rußland übersprungen, oder ist im Begriff, sie zu überspringen. Maß und Ziel wird ihm unser Jahrhundert setzen.

Von Polen ist gesprochen worden. Ein europäischer Krieg vermag vielleicht allein, auch ohne Mitwirkung deutscher Mächte, Polen zu befreien. Wir wollen die letztere hoffen; aber, wie ihm auch sei, Polen ist ein nagender Wurm in den russischen Eingeweiden, und wenn die Gefahr über Rußland kommt, wenn der Staat erkrankt, so wird die Schlange, die es zertreten zu haben meint, es in die Ferse stechen.