Deutsche Sagen

Part 11

Chapter 113,873 wordsPublic domain

Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist kennen lernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte fort; als er zu Haus ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf.

Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenig Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der Stadt umher und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab sichs, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück erzählte. Dieser sprach: “seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.” Der Roßtäuscher meinte, das wären leere Worte. “Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht in jenes Haus und fraget nach einer Gesellschaft, die er ihm nannte, der erzählt euern Unfall und bittet um Hilfe.” Der Roßtäuscher folgte dem Rath, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach der Gesellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an und sagten: “dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du niedergeschlagen und nun kommst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hilfe zu suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.” Er mußte sich an einen Neben-Tisch setzen und nach Verlauf weniger Minuten überreichten sie ihm ein Schächtelein mit den Worten: “dies trage bei dir und du wirst von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo du nicht wieder arm werden willst, niemals öffnest.” Der Roßtäuscher fragte, was er für dieses Schächtelein zu zahlen habe, aber die Männer wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim, kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Sack mit dreihundert Ducaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das Schächtlein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder vorzeiten vergraben war, ein hervordringendes Licht, also daß er es leicht heben konnte. Auf diese Weise erhielt er ohne Diebstal und Mord große Schätze zusammen.

Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, erschrack sie und sprach: “du hast etwas böses empfangen, Gott will nicht, daß der Mensch durch solch verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt, im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ich bitte dich um deiner Seeligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurückreisest und der Gesellschaft deine Schachtel zustellst.” Der Mann, von diesen Worten bewogen, entschloß sich und sendete einen Knecht mit dem Schächtelein hin, um es zurückzuliefern, aber der Knecht brachte es wieder mit der Nachricht zurück, daß diese Gesellschaft nicht mehr zu finden sey, auch niemand wisse, wo sie sich gegenwärtig aufhalte. Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtlein hinsetze und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In einer Nacht stand sie auf, zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sumsende Fliege heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel wieder darauf und steckte es an seinen Ort, unbesorgt, wie es ablaufen würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen um oder wurden gestolen. Das Korn auf dem Boden verdarb, das Haus brannte zu dreienmalen ab und der eingesammelte Reichthum verschwand zusehends. Der Mann gerieth in Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf schoß.

85.

Das Vogelnest.

+Michaeler+ Vorrede zum Iwein. Wien 1786. S. 54.

+Simplicissimus+ Springinsfeld ~cap.~ 23.

Noch jetzt herrscht in mehrern Gegenden der Glaube, daß es gewisse Vogelnester (auch Zwissel- und Zeisselnestlein genannt) gebe, die, selbst gewöhnlich unsichtbar, jeden, der sie bei sich trägt, unsichtbar machen. Um sie nun zu finden, muß man sie zufällig in einem Spiegel oder Wasser erblicken. Vermuthlich hängt die Sage mit dem Namen einer Gattung des +Zweiblatts+, ~bifoglio~, zusammen, die in fast allen europäischen Sprachen +Vogelnest+ heißt und etwas alraunhaft zu seyn scheint. Den näheren Verlauf ergibt der angeführte Roman des 17. J.H. am deutlichsten, gewiß aus volksmäßiger Quelle:

Unter solchem Gespräch sah ich am Schatten oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der +Zwickgabel+ liegen, das ich gleichwohl auf dem Baum selbst nicht sehen konnte, solches wies ich meinem Weib Wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, darauf es lag, kletterte sie auf den Baum und holets herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sah ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten (Abbild) wir im Wasser erblickt, in die Hand genommen hatte; allein ich sah noch wohl ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den Baum wieder abkletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielt, das sie vom Zwickast herunter genommen. Ich fragte sie: was sie für ein Vogelnest hätte? Sie hingegen fragte mich: ob ich sie denn sähe? Ich antwortete: “auf dem Baum selbst sehe ich dich nicht, aber wohl deine Gestalt im Wasser.” “Es ist gut, sagte sie, wenn ich herunterkomme, wirst du sehen, was ich habe.” Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib sollte reden hören, die ich doch nicht sah, und noch seltsamer, daß ich ihren Schatten an der Sonne wandeln sah und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konnte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer, daß ich ein kleines Geräusch vernahm, welches sie beides mit ihrem Fußtritt und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als ob ein Gespenst um mich her gewesen wäre; sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand, sobald ich dasselbige empfangen, sah ich sie wiederum, hingegen sie aber mich nicht; solches probirten wir oft mit einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Drauf wickelte sie das Nestlein in ein Nasentüchel, damit der Stein, oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befand und solche Wirkung in sich hatte, nicht herausfallen sollte und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum, wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen; das Nestnastüchel sahen wir nicht, konnten es aber an demjenigen Ort wohl fühlen, wohin sie es geleget hatte.

86.

Der Brutpfenning.

+Happel+ ~relat. curios. I. 522.~

Der Brutpfenning oder Heckegroschen soll auf folgende heillose Weise erlangt werden: die sich dem Teufel verbinden wollen, gehen auf Weihnachts-Abend, so es beginnet zu dunkeln, nach einem Scheideweg unter dem offenbaren Himmel. Mitten auf diesem Flecken legen sie dreißig Pfenninge oder auch Groschen, Thaler, in einem runden Ring der Reihe nach neben einander hin und heben an, die Stücke vorwärts und rückwärts zu zählen. Dies Zählen muß gerade geschehen in der Zeit, wenn man zur Messe läutet. In dem Zählen nun sucht der höllische Geist durch allerhand schreckliche Gesichter von glühenden Ofen, seltsamen Wagen und hauptlosen Menschen irre zu machen, denn wenn der Zählende im geringsten wankt und stolpert, wird ihm der Hals umgedreht. Wofern er aber richtig vor- und nachgezählt, so wirft der Teufel zu den dreißig Stücken das ein und dreißigste in gleicher Münze hin. Dieser ein und dreißigste Pfenning hat die Eigenschaft, daß er alle und jede Nacht einen gleichen ausbrütet.

Eine Bäuerin zu Pantschdorf bei Wittenberg, die einen solchen Brutpfenning hatte, wurde auf diese Art als Hexe kund gemacht: sie mußte einmal nothwendig ausgehen und hieß die Magd, die Milch von der gemelkten Kuh (eh sie die andern melkte) alsbald sieden, auf weiß Brot in einer dastehenden Schüssel gießen und in eine gewisse Kiste setzen, welche sie ihr zeigte. Die Dienstmagd vergaß das entweder oder dachte, es wäre gleichviel, ob sie die Milch vor oder nach dem Melken der anderen Kühe aufkochte, und that also erst ihre ganze Arbeit. Nachher nahm sie die siedende Milch vom Feuer und in der einen Hand den Topf haltend, mit der andern im Begriff, die bezeichnete Kiste zu öffnen, sah sie in dieser ein pechschwarz Kalb sitzen, das den Mund aufsperrte. Vor Schrecken goß sie die gesottene Milch in seinen Rachen und in selbem Augenblick floh das Kalb davon und steckte das ganze Haus in Brand. Die Frau wurde eingezogen und bekannte; ihren Brutpfenning haben die Bauern noch lange Zeit in der gemeinen Cassa aufbewahret.

87.

Wechselkind mit Ruthen gestrichen.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 365. 366.

Im Jahr 1580. hat sich folgende wahrhaftige Geschichte begeben: nahe bei Breslau wohnet ein nahmhaftiger Edelmann, der hat im Sommer viel Heu und Grummet aufzumachen, dazu ihm seine Unterthanen fröhnen müssen. Unter diesen ward auch berufen eine Kindbetterin, so kaum acht Tage im Kindbett gelegen. Wie sie nun siehet, daß es der Junker haben wollte und sie sich nicht weigern kann, nimmt sie ihr Kind mit ihr hinaus, legt es auf ein Häuflein Gras, geht von ihm und wartet dem Heumachen ab. Als sie ein gute Weile gearbeitet, und ihr Kindlein zu säugen gehet, siehet sie es an, schreiet heftig und schlägt die Hände überm Kopf zusammen, und klaget männiglich, dies sey nicht ihr Kind, weil es geizig ihr die Milch entziehe und so unmenschlich heule, das sie an ihrem Kinde nicht gewohnt sey. Wie dem allen, so behielt sie es etlich Tag über, das hielt sich so ungebührlich, daß die gute Frau gar nahe zu Grund gerichtet wäre. Solches klaget sie dem Junker, der sagt zu ihr: “Frau, wenn es euch bedünket, daß dies nicht euer Kind, so thut eins und tragt es auf die Wiese, da ihr das vorige Kind hingeleget habt, und streichet es mit der Ruthe heftig, so werdet ihr Wunder sehen.”

Die Frau folget dem Junker, ging hinaus und strich das Wechselkind mit der Ruthe, daß es sehr geschrien hat; da brachte der Teufel ihr gestolen Kind und sprach: “da hasts!” und mit dem nahm er sein Kind hinweg.

Diese Geschicht ist lautbar und beiden Jung und Alten in derselbigen Gegend um und in Breslau landkündig.

88.

Das Schauen auf die Kinder.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 124.

Ein glaubwürdiger Bürger aus Leipzig erzählte: als sein erstes Kind schon etliche Wochen alt gewesen, habe man es zu drei unterschiedlichen Nächten in der Wiege aufgedeckt und in der Quer liegend gefunden, da doch die Wiege hart vor dem Wochenbette der Mutter gestanden. Der Vater nahm sich also vor, in der vierten Nacht aufzubleiben und auf sein Kind gute Acht zu haben. Er harrte eine lange Weile und wachte stetig bis nach Mitternacht, da war dem Kinde noch nichts begegnet, deswegen, weil er +es selber betrachtet und angeschauet hatte+. Aber indem fielen ihm die Augen ein wenig zu und als die Mutter kurz darauf erwachte und sich umsah, war das Kind wieder in die Quer gezogen und das Deckbett von der Wiege mitten über ihr Bett geworfen, da sie es sonsten nur immer aufzuschlagen und zu Füßen des Kinds in der Wiege zu legen pflegen, nach allgemeinem Gebrauche. Denke einer in so geschwinder Eile, daß sich alle verwundern mußten. Aber weiter hatte das Ungethüm keine Macht zum Kinde gehabt.

89.

Die Roggen-Muhme.

+Tharsander (G.W. Wegner)+ Schauplatz I. 433. 434.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 125. 126.

In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von der Roggen-Muhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich hineinzugehen fürchten.

Im Jahr 1662 erzählte auch die saalfelder Frau dem Prätorius: ein dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Unterthanen gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges, säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu fördern, zu Boden. Ueber eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wanns Zeit wäre. Die Frau meinte, er thäte so der fleißigeren Arbeit wegen und fügte sich mit großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam die +Roggen-Mutter+ von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit angesehen, rief er der Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten zu zwingen.

90.

Die zwei unterirdischen Weiber.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 123. 124.

Folgende Begebenheit hat Prätorius von einem Studenten erfahren, dessen Mutter gesagt hatte, sie sey zu Dessau geschehen.

Nachdem eine Frau ein Kind zur Welt gebracht, hat sie es bei sich gelegt und ist noch vor dessen Taufe in einen tiefen Schlaf verfallen. Zur Mitternacht sind zwei +unterirdische Weiber+ gekommen, haben Feuer auf dem Hausheerde gemacht, einen Kessel voll Wasser übergesetzet, ihr mitgebrachtes Kind darin gebadet und abgewaschen, solches hernach in die Stube getragen und mit dem andern schlafenden Kind ausgetauschet. Hierauf sind sie damit weggegangen, bei dem nächsten Berg aber um das Kind in Streit gerathen, darüber es eine der andern zugeworfen und gleichsam damit geballet haben, bis das Kind darüber geschrien und die Magd im Hause erwachet. Als sie der Frauen Kind angeblickt und die Verwechselung gemerkt, ist sie vors Haus gelaufen und hat die Weiber noch also mit dem gestohlenen Kind handthieren gefunden, darauf sie hinzugetreten und hat mit gefangen, sobald sie aber das Kind in ihre Arme bekommen, ist sie eilends nach Haus gelaufen und hat die Wechselbutte vor die Thür geleget, welche darauf die Bergfrauen wieder zu sich genommen.

91.

König Grünewald.

Hess. Denkwürdigk. IV. 2, 295-297. vom Prof. +Schwarz+ aus der Sage alter Leute aufgenommen.

Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor Alters ein König und stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal sein Feind, ein König, der hieß +Grünewald+ und belagerte ihn in seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem König im Schlosse seine Tochter immer noch Muth ein. Das währte bis zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war und sagte ihrem Vater:

Vater gebt euch gefangen, der grüne Wald kommt gegangen!

Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie ihren eigenen Vater, packte ihn drauf sammt ihren besten Schätzen und zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fortgegangen waren, sprach die Königstochter: “hier +wollemer+ ruhen!” Daher hat ein Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg, in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg, bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter: “+hier hat’s Feld!+” und da blieben sie und bauten ein Schloß und nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die Ueberbleibsel und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen. (Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier Stunden vom Christenberge westlich).

92.

Blümelis-Alp.

+Scheuchzer+ Naturgesch. der Schweiz. Zürich 1746. II. 83.

+Wyß+ Volkssagen. Bern 1815. aus mündl. Ueberlieferung.

Mehr als eine Gegend der Schweiz erzählt die Sage von einer jetzt in Eis und Felstrümmern überschütteten, vor alten Zeiten aber beblümten, herrlichen und fruchtbaren Alpe. Zumal im Berner Oberland wird sie von den Klariden (einem Gebirg) berichtet:

Ehmals war hier die Alpweide reichlich und herrlich, das Vieh gedieh über alle Maaßen, jede Kuh wurde des Tages dreimal gemolken und jedesmal gab sie zwei Eimer Milch, den Eimer von dritthalb Maas. Dazumal lebte am Berg ein reicher, wohlhabender Hirte, und hob an, stolz zu werden und die alte einfache Sitte des Lands zu verhöhnen. Seine Hütte ließ er sich stattlicher einrichten und buhlte mit Cathrine, einer schönen Magd, und im Uebermuth baute er eine Treppe ins Haus aus seinen Käsen und die Käse legte er aus mit Butter und wusch die Tritte sauber mit Milch. Ueber diese Treppe gingen Cathrine, seine Liebste, und Brändel, seine Kuh, und Rhyn, sein Hund, aus und ein.

Seine fromme Mutter wußte aber nichts von dem Frevel und eines Sonntags im Sommer wollte sie die Senne ihres Sohns besuchen. Vom Weg ermüdet ruhte sie oben aus und bat um einen Labetrunk. Da verleitete den Hirten die Dirne, daß er ein Milchfaß nahm, saure Milch hineinthat und Sand darauf streute, das reichte er seiner Mutter. Die Mutter aber, erstaunt über die ruchlose That, ging rasch den Berg hinab und unten wandte sie sich, stand still und verfluchte die Gottlosen, daß sie Gott strafen mögte.

Plötzlich erhob sich ein Sturm und ein Gewitter verheerte die gesegneten Fluren. Senne und Hütte wurden verschüttet, Menschen und Thiere verdarben. Des Hirten Geist, sammt seinem Hausgesinde, sind verdammt, so lange, bis sie wieder erlöst worden, auf dem Gebirg umzugehen, “ich und min Hund Rhyn, und mi Chuh Brandli und mine Kathry, müssen ewig uf Klaride syn!” Die Erlösung hangt aber daran, daß ein Senner auf Charfreitag die Kuh, deren Euter Dornen umgeben, stillschweigend ausmelke. Weil aber die Kuh, der stechenden Dörner wegen, wild ist und nicht still hält, so ist das eine schwere Sache. Einmal hatte einer schon den halben Eimer vollgemolken, als ihm plötzlich ein Mann auf die Schulter klopfte und fragte: “schäumts auch wacker?” Der Melker aber vergaß sich und antwortete: “o ja!” da war alles vorbei und Brändlein, die Kuh, verschwand aus seinen Augen.

93.

Die Lilie.

+Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei. Bl. 14. u. 15.

Im Land zu H. war ein Edelmann, A. v. Th. genannt, der konnte Köpfe abhauen und wieder aufsetzen. Er hatte bei sich beschlossen, hinfort des teuflischen, gefährlichen Dings müßig zu gehen, eh er einmal darüber in ein Unglück geriethe, wie dann doch geschahe. Bei einer Gasterei ließ er sich von guten Gesellen überreden, diese Ergötzlichkeit ihnen noch einmal zu guter Letzt zu zeigen. Nur wollte, wie leicht zu erachten, niemand gern seinen Kopf dazu leihen; letztlich ließ sich der Haus-Knecht dazu brauchen, doch mit dem gewissen Geding, daß ihm sein Kopf wieder fest gemacht würde. Nun hieb ihm der Edelmann den Kopf ab, aber das Wieder-Aufsetzen wollte nicht gehen. Da sprach er zu den Gästen: “es ist einer unter euch, der mich verhindert, den will ich vermahnt haben und gewarnt, daß er es nicht thue.” Darauf versuchte ers abermal, konnte aber nichts ausrichten. Da vermahnte und dräute er zum andernmal, ihn unverhindert zu lassen. Da das auch nicht half und er beim drittenmal den Kopf nicht wieder aufsetzen konnte, ließ er auf dem Tisch eine Lilie wachsen, der hieb er das Haupt und die Blume oben ab. Alsbald fiel einer von den Gästen hinter sich von der Bank und war ihm der Kopf ab. Nun setzte er dem Haus-Knecht den seinen wieder auf und flohe aus dem Lande, bis die Sache vertragen ward und er Verzeihung erhielt.

94.

Johann von Passau.

+Luther’s+ Tisch-Reden. 105.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 357. 358.

Wendunmuth. V. 312. Nr. 256.

Doctor Martinus Luther erzählt: ein Edelmann hatte ein schön jung Weib gehabt, die war ihm gestorben, und auch begraben worden. Nicht lange darnach, da liegt der Herr und der Knecht in einer Kammer beieinander, da kommt des Nachts die verstorbene Frau und lehnet sich über des Herren Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sah, daß solches zweimal nach einander geschah, fraget er den Junkherrn, was es doch sey, daß alle Nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern vor sein Bett komme, da saget er nein, er schlafe die ganze Nacht aus, und sehe nichts. Als es nun wieder Nacht ward, gibt der Junker auch acht drauf und wachet im Bette, da kömmt die Frau wieder vor das Bett, der Junker fraget: wer sie sey und was sie wolle? Sie antwortet: sie sey seine Hausfrau. Er spricht: “bist du doch gestorben und begraben!” Da antwortet sie: “ja, ich habe deines Fluchens halben und um deiner Sünden willen sterben müssen, willst du mich aber wieder zu dir haben, so will ich wieder deine Hausfrau werden.” Er spricht: “ja, wenns nur seyn könnte;” aber sie bedingt aus und vermahnet ihn, er müsse nicht fluchen, wie er denn einen sonderlichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn sonst würde sie bald wieder sterben; dieses sagt ihr der Mann zu, da blieb die verstorbene Frau bei ihm, regierte im Haus, schlief bei ihm, aß und trank mit ihm und zeugete Kinder.

Nun begibt sichs, daß einmal der Edelmann Gäste kriegt und nach gehaltener Mahlzeit auf den Abend das Weib einen Pfefferkuchen zum Obst aus einem Kasten holen soll und bleibet lange außen. Da wird der Mann scheltig und fluchet den gewöhnlichen Fluch, da verschwindet die Frau von Stund an und war mit ihr aus. Da sie nun nicht wieder kommt, gehen sie hinauf in die Kammer, zu sehen, wo die Frau bliebe. Da liegt ihr Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermeln in dem Kasten, das ander Theil aber heraußen, wie sich das Weib hatte in den Kasten gebücket, und war das Weib verschwunden und sider der Zeit nicht gesehen worden.

95.

Das Hündlein von Bretta.

Mündlich.

In der Rheinpfalz, besonders im Kraichgau, geht unter den Leuten das Sprichwort um, wenn von übel belohnter Treue die Rede ist: “es geschieht dir, wie dem Hündchen zu Bretten.” Die Volkssage davon muß schon alt seyn und namentlich spielt auch Fischart an zwei verschiedenen Stellen darauf an.

In dem Städtchen Bretten lebte vorzeiten ein Mann, welcher ein treues und zu mancherlei Dienst abgerichtetes Hündlein hatte, das pflegte er auszuschicken, gab ihm einen Korb ins Maul, worin ein beschriebener Zettel mit dem nöthigen Gelde lag, und so langte es Fleisch und Bratwurst beim Metzger, ohne je einen Bissen davon anzurühren. Einmal aber sandte es sein Herr, der evangelisch war, an einem Freitag zu einem Metzger, der catholisch war und streng auf die Fasten hielt. Als nun der Metzger auf dem Zettel eine Wurst bestellt fand, hielt er das Hündlein fest, haute ihm den Schwanz ab und legte den in den Korb mit den Worten: “da hast du Fleisch!” Das Hündlein aber, beschimpft und verwundet, trug den Korb treulich über die Gasse nach Haus, legte sich nieder und verstarb. Die ganze Stadt trauerte und das Bild eines Hündleins ohne Schwanz wurde in Stein ausgehauen übers Stadtthor gesetzt.

Andere erzählen so: es habe seinem armen Herrn Fleisch und Würste gestohlen zugetragen, bis es endlich ein Fleischer ertappt und mit dem Verlust des Schwanzes gestraft.

96.

Das Dorf am Meer.

Mündlich, aus Holstein.