Deutsche Sagen

Part 10

Chapter 103,947 wordsPublic domain

Ein Mann aus Hudemühlen war einmal sammt andern Arbeits-Leuten und Knechten im Feld und mähte Korn, ohne an etwas unglückliches zu denken. Da kam Hinzelmann zu ihm auf den Acker und rief: “lauf! lauf in aller Eile nach Haus, und hilf deinem jüngsten Söhnlein, das ist eben jetzt mit dem Gesicht ins Feuer gefallen und hat sich sehr verbrennt.” Der Mann legte erschrocken seine Sense nieder und eilte heim, zu sehen, ob Hinzelmann die Wahrheit geredet. Kaum aber war er über die Thürschwelle geschritten, als man ihm schon entgegen lief und das Unglück erzählte, wie er denn auch sein Kind über das ganze Gesicht elendiglich verbrannt sah. Es hatte sich auf einen kleinen Stuhl bei das Feuer gesetzt, wo ein Kessel überhing. Als es nun mit einem Löffel hineinlangen wollte und sich mit dem Stuhl vorwärts überbog, fiel es mit dem Gesicht mitten ins Feuer. Indeß, weil die Mutter in der Nähe war, lief sie herzu und riß es aus den Flammen wieder heraus, also daß es zwar etwas verbrannt war, doch aber dem Tode noch entrissen ward. Merkwürdig ist, daß fast in demselben Augenblick, wo das Unglück geschehen, der Geist es auch schon dem Vater im Felde verkündigte und ihn zur Rettung aufmahnte.

Wen der Geist nicht leiden konnte, den plagte er oder strafte ihn für seine Untugenden. Den Schreiber zu Hudemühlen beschuldigte er gar zu großer Hoffahrt, ward ihm darum gehässig und that ihm Tag und Nacht mancherlei Drangsal an. Einsmals erzählte er ganz fröhlich, er habe dem hochmüthigen Schreiber eine rechtschaffene Ohrfeige gegeben. Als man den Schreiber darum fragte, und ob der Geist bei ihm gewesen, antwortete er: “ja mehr als zu viel ist er bei mir gewesen, er hat mich diese Nacht gequält, daß ich vor ihm nicht zu bleiben wußte.” Er hatte aber eine Liebschaft mit dem Kammer-Mädchen, und als er sich nun einmal Nachts bei ihr zu einem vertraulichen Gespräch eingefunden und sie in größter Lust beisammen saßen und meinten, daß niemand als die vier Wände sie sehen könnte, kam der arglistige Geist, trieb sie aus einander und stöberte den guten Schreiber unsanft zur Thüre hinaus, ja er faßte überdem einen Besenstiel und setzte ihm nach, der über Hals und Kopf nach seiner Kammer eilte und seine Liebe ganz vergaß. Hinzelmann soll ein Spott-Lied auf den unglücklichen Liebhaber gemacht, solches zur Kurzweil oft gesungen und den Durchreisenden unter Lachen vorgesagt haben.

Es war jemand zu Hudemühlen plötzlich gegen Abend von heftigem Magenweh angefallen und eine Magd in den Keller geschickt, einen Trunk Wein zu holen, darin der Kranke die Arznei nehmen sollte. Als nun die Magd vor dem Fasse saß und eben den Wein zapfen wollte, fand sich Hinzelmann neben ihr und sprach: “du wirst dich erinnern, daß du mich vor einigen Tagen gescholten und geschmäht hast, dafür sollst du diese Nacht zur Strafe im Keller sitzen. Mit dem Kranken hat es ohnehin keine Noth, in einer halben Stunde wird all sein Weh vorüber seyn und der Wein, den du ihm brächtest, würde ihm eher schaden, als nützen. Bleib nur hier sitzen, bis der Keller wieder aufgemacht wird.” Der Kranke wartete lang, als der Wein nicht kam, ward eine andere hinabgeschickt, aber sie fand den Keller außen mit einem Häng-Schloß fest verwahrt, und die Magd darin sitzen, die ihr erzählte, daß Hinzelmann sie also eingesperrt habe. Man wollte zwar den Keller öffnen und die Magd heraushaben, aber es war kein Schlüssel zu dem Schloß aufzufinden, so fleißig auch gesucht ward. Folgenden Morgen war der Keller offen und Schloß und Schlüssel lagen vor der Thüre, so daß die Magd wieder herausgehen konnte. Bei dem Kranken hatten, wie der Geist gesagt, nach einer halben Stunde sich alle Schmerzen verloren.

Dem Haus-Herrn zu Hudemühlen hat sich der Geist niemals gezeigt, wenn er ihn bat, er mögte sich, wo er wie ein Mensch gestaltet sey, vor ihm sehen lassen, antwortete er, die Zeit wäre noch nicht gekommen, er solle warten, bis es ihm anständig sey. Als der Herr in einer Nacht schlaflos im Bette lag, merkte er ein Geräusch an der einen Seite der Kammer und vermuthete, es müßte der Geist gegenwärtig seyn. Er sprach demnach: “Hinzelmann, bist du da, so antworte mir.” “Ja ich bin es, erwiederte er, was willst du?” Da eben vom Mondschein die Kammer ziemlich erhellt war, däuchte den Herrn, als ob an dem Orte, wo der Schall herkam, der Schatten einer Kindes-Gestalt zu sehen wäre. Als er nun merkte, daß sich der Geist ganz freundlich und vertraulich anstellte, ließ er sich mit ihm in ein Gespräch ein und sprach endlich: “laß dich doch einmal von mir sehen und anfühlen.” Hinzelmann aber wollte nicht. “So reich mir wenigstens deine Hand, damit ich erkennen kann, ob du Fleisch und Bein hast, wie ein Mensch.” “Nein, sprach Hinzelmann, ich traue dir nicht, du bist ein Schalk, du mögtest mich ergreifen und hernach nicht wieder gehen lassen.” Nach langem Anhalten aber und als er ihm bei Treu und Glauben versprochen, ihn nicht zu halten, sondern alsobald wieder gehen zu lassen, sagte er: “siehe da ist meine Hand!” Wie nun der Herr darnach griff, däuchte ihn, als wenn er die Finger einer kleinen Kinder-Hand fühlte; der Geist aber zog sie gar geschwind wieder zurück. Der Herr begehrte ferner, er sollte ihn nun sein Angesicht fühlen lassen, worin er endlich willigte und wie jener darnach tastete, kam es ihm vor, als ob er gleichsam an Zähne oder an ein fleischloses Todten-Gerippe rührte; das Gesicht aber zog sich ebenfalls im Augenblick zurück, also daß er seine eigentliche Gestalt nicht wahrnehmen konnte; nur bemerkte er, daß es, wie die Hand, kalt und ohne menschliche Lebens-Wärme war.

Die Köchin, welche mit ihm gar vertraulich war, meinte, sie dürfte ihn wohl um etwas bitten, wo es ein anderer unterlassen müßte und als ihr nun die Lust kam, den Hinzelmann, den sie täglich reden hörte, mit Essen und Trinken versorgte, leiblich zu sehen, bat sie ihn inständig, ihr das zu gewähren. Er aber wollte nicht und sagte, dazu wäre jetzt noch nicht die Gelegenheit, nach Ablauf gewisser Zeit wollte er sich von jedermann sehen lassen. Aber durch diese Weigerung ward ihre Lust nur noch heftiger erregt und sie lag ihm je mehr und mehr an, ihr die Bitte nicht zu versagen. Er sagte, sie würde den Vorwitz bereuen, wenn er ihrer Bitte nachgeben wollte, als dies aber nichts fruchtete und sie gar nicht abstehen wollte, sprach er endlich: “Morgen vor Aufgang der Sonne komm in den Keller und trag in jeder Hand einen Eimer voll Wasser, so soll dir deine Bitte gewährt werden.” Die Magd fragte: “wozu soll das Wasser?” “Das wirst du erfahren, antwortete der Geist, ohne das würde dir mein Anblick schädlich seyn.” Am andern Morgen war die Köchin in aller Frühe bereit, nahm in jede Hand einen Eimer mit Wasser und ging in den Keller hinab. Sie sah sich darin um ohne etwas zu erblicken, als sie aber die Augen auf die Erde warf, ward sie vor sich eine Mulde gewahr, worin ein nacktes Kind, der Größe nach etwa von dreien Jahren, lag: in seinem Herzen steckten zwei Messer kreuzweis übereinander und sein ganzer Leib war mit Blut beflossen. Von diesem Anblick erschrak die Magd dermaßen, daß ihr alle Sinne vergingen und sie ohnmächtig zur Erde fiel. Alsbald nahm der Geist das Wasser, das sie mitgebracht und goß es ihr über den Kopf aus, wodurch sie wieder zu sich selber kam. Sie sah sich nach der Mulde um, aber es war alles verschwunden und sie hörte nur Hinzelmanns Stimme, der zu ihr sprach: “siehst du nun, wie nützlich das Wasser dir gewesen, war solches nicht bei der Hand, so wärst du hier im Keller gestorben. Ich hoffe, nun wird deine heiße Begierde, mich zu sehen, abgekühlt seyn.” Er hat hernach die Köchin oft mit diesem Streich geneckt und ihn Fremden mit vielem Lachen erzählt.

Der Prediger Feldmann von Eickelohe schreibt in einem Brief vom 14. December 1597, Hinzelmann habe eine kleine Hand, gleich der eines Knaben oder einer Jungfrau, öfters sehen lassen, sonst aber hätte man nichts von ihm erblicken können.

Unschuldigen, spielenden Kindern hat er sich immer gezeigt. Der Pfarrer Feldmann wußte sich zu besinnen, daß, als er 14 bis 15 Jahr alt gewesen und sich nicht sonderlich um ihn bekümmert, er den Geist in Gestalt eines kleinen Knaben die Treppe gar geschwind hinaufsteigen gesehen. Wenn sich Kinder um das Haus Hudemühlen versammelten und mit einander spielten, fand er sich unter ihnen ein und spielte mit in der Gestalt eines kleinen schönen Kindes, also daß alle anderen Kinder ihn deutlich sahen und hernach daheim ihren Eltern erzählten, wie, wenn sie im Spiel begriffen wären, ein fremdes Kindlein zu ihnen käme und mit ihnen Kurzweil treibe. Dies bekräftigte eine Magd, die einmal in ein Gemach getreten, wo vier oder sechs Kinder mit einander gespielt; unter diesen hat sie ein unbekanntes Knäblein gesehen von schönem Angesicht mit gelben, über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen rothen Sammt-Rock gekleidet, welches, wie sie es recht betrachten wollte, aus dem Haufen sich verlor und verschwand. Auch von einem Narren, der sich dort aufhielt und Claus hieß, hat sich Hinzelmann sehen lassen und allerhand Kurzweil mit ihm getrieben. Wenn man den Narren nirgends finden konnte und hernach befragte, wo er so lange gewesen, antwortete er: “ich war bei dem kleinen Männlein und habe mit ihm gespielt.” Fragte man weiter, wie groß das Männlein gewesen, zeigte er mit der Hand eine Größe, wie etwa eines Kindes von vier Jahren.

Als die Zeit kam, wo der Haus-Geist wieder fortziehen wollte, ging er zu dem Herrn und sprach: “siehe, da will ich dir etwas verehren, das nimm wohl in acht und gedenk meiner dabei.” Damit überreichte er ihm erstlich ein keines +Kreuz+ (es ist ungewiß nach des Verfassers Worten, ob aus Seide oder Saiten) gar artig geflochten. Es war eines Fingers lang, inwendig hohl und gab, wenn man es schüttelte, einen Klang von sich. Zweitens einen +Stroh-Hut+, den er gleichfalls selbst verfertigt hatte und worin, gar künstlich, Gestalten und Bilder durch das bunte Stroh zu sehen waren. Drittens einen ledernen +Handschuh+ mit Perlen besetzt, die wunderbare Figuren bildeten. Dann fügte der Geist die Weißagung hinzu: “so lange diese Stücke unzertheilt bei deinem Hause in guter Verwahrung bleiben, wird das ganze Geschlecht blühen und ihr Glück immer höher steigen. Werden diese Geschenke aber zergliedert, verloren oder verschleudert, so wird euer Geschlecht abnehmen und sinken.” Und als er wahrnahm, daß der Herr keinen sonderlichen Werth auf die Geschenke zu legen schien, sprach er weiter: “ich fürchte, daß du diese Dinge nicht viel achtest und sie abhanden kommen lässest, darum will ich dir rathen, daß du sie deinen beiden Schwestern Anne und Katharine aufzuheben übergibst, die besser dafür sorgen werden.” Darauf gab der Haus-Herr diese Geschenke seinen Schwestern, welche sie annahmen und in guter Verwahrung hielten und nur aus sonderlicher Freundschaft jemand zeigten. Nach ihrem Tode fielen sie auf den Bruder zurück, der sie zu sich nahm und bei dem sie, so lang er lebte, blieben. Dem Pfarrer Feldmann hat er sie bei einer vertraulichen Unterredung auf seine Bitte gezeigt. Als dieser Herr auch starb, kamen sie auf dessen einzige Tochter Adelheid, an L. v. H. verheirathet, mit andern Erbschafts-Sachen und blieben eine Zeitlang in ihrem Besitz. Wo diese Geschenke des Haus-Geistes hernach hingekommen, hat sich der Sohn des Pfarrers Feldmann vielfach erkundigt und erfahren, daß der Strohhut dem Kaiser Ferdinand II. sey verehrt worden, der ihn für etwas gar wunderbares geachtet. Der lederne Handschuh war noch zu seiner Zeit in Verwahrung eines Edelmanns. Er war kurz und reichte genau nur über die Hand, oben über der Hand ist mit Perlen eine Schnecke gestickt. Wohin das kleine Kreuz gekommen, blieb unbekannt.

Der Geist schied freiwillig, nachdem er vier Jahr zu Hudemühlen sich aufgehalten, vom Jahr 1584 bis 1588. Ehe er von dannen gezogen, hat er noch gesagt, er werde einmal wiederkommen, wenn das Geschlecht, in Abnahme gerathe, und dann werde es aufs neue wieder blühen und aufsteigen.

76.

Klopfer.

Fränkische Sage. Reizenstein. Leipz. 1778. I. 76.

Im Schloß zu Flügelau hauste ein guter Geist, der den Mädchen alles zu Gefallen that; sie durften nur sagen: “Klopfer hols!” so wars da. Er trug Briefe weg, wiegte die Kinder und brach das Obst. Aber wie man einmal von ihm haben wollte, er sollte sich sehen lassen, und nicht nachließ, bis ers that, fuhr er feurig durch den Rauchfang hinaus und das ganze Schloß brannte ab, das noch nicht wieder aufgebaut ist. Es ist kurze Zeit vor dem Schwedenkriege geschehn.

77.

Stiefel.

Mündlich.

In dem Schlosse Calenberg hauste ein kleiner Geist Namens +Stiefel+. Er war einmal an einem Bein beschädigt worden und trug seitdem einen großen Stiefel, der ihm das ganze Bein bedeckte, weil er fürchtete, es mögte ihm ausgerissen werden.

78.

Ekerken.

+Weier+ von der Zauberei. VI. 15.

Bei dem Dorf Elten, eine halbe Meile von Emmerich im Herzogthum Cleve, war ein Geist, den die gemeinen Leute +Ekerken+ (Eichhörnchen) zu nennen pflegten. Es sprang auf der Landstraße umher und neckte und plagte die Reisenden auf alle Weise. Etliche schlug es, andere warf er von den Pferden ab, anderen kehrte er Karrn und Wagen unterst zu oberst. Man sah aber mit Augen von ihm nichts, als eine menschlich gestaltete Hand.

79.

Nacht-Geist zu Kendenich.

Mündlich, aus Cöln.

Auf dem alten Rittersitz Kendenich, etwa zwei Stunden von Cöln am Rhein, ist ein mooriger, von Schilf und Erlensträuchen dicht bewachsener Sumpf. Dort sitzt eine Nonne verborgen und keiner mag am Abend an ihr vorübergehen, dem sie nicht auf den Rücken zu springen sucht. Wen sie erreicht, der muß sie tragen, und sie treibt und jagt ihn durch die ganze Nacht, bis er ohnmächtig zur Erde stürzt.

80.

Der Alp.

Mündliche Erzählungen.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 1-40. II. 160-162.

+Bräuner’s+ Curiositäten 126-137.

Wenn gleich vor den Alpen Fenster und Thüre verschlossen werden, so können sie durch die kleinsten Löcher doch hereinkommen, welche sie mit sonderlicher Lust aufsuchen. Man kann in der Stille der Nacht das Geräusch hören, welches sie dabei in der Wand machen. Steht man nun geschwind auf und verstopft das Loch, so müssen sie bleiben, können auch nicht von dannen, selbst wenn Thür und Thor geöffnet würden. Man muß ihnen hierauf das Versprechen abnehmen, daß sie diesen Ort niemals beunruhigen wollen, bevor man sie in Freiheit setzt. Sie haben bei solchen Gelegenheiten erbärmlich geklagt, wie sie zu Haus ihre Kinderchen hätten, die verschmachten müßten, so sie nicht los kämen.

Der Trud oder Alp kommt oft weit her bei seinen nächtlichen Besuchen. Einsmals sind Hirten mitten in der Nacht im Felde gewesen und haben nicht weit von einem Wasser ihrer Herden gewartet. Da kommt ein Alp, steigt in den Kahn, löst ihn vom Ufer ab und rudert mit einer selbst mitgebrachten Schwinge hinüber, steigt alsdann aus, befestiget den Kahn jenseits und verfolgt seinen Weg. Nach einer Weile kehrt er zurück und rudert eben so herüber. Die Hirten aber, nachdem sie solchem mehrere Nächte zugesehen und es geschehen lassen, bereden sich, diesen Kahn wegzunehmen. Wie nun der Alp wiederkommt, so hebt er an kläglich zu winseln und droht den Hirten, den Kahn gleich herüber zu schaffen, wenn sie Frieden haben wollten; welches sie auch thun müssen.

Jemand, um den Alp abzuhalten, legte eine Hechel auf den Leib, aber der Alp drehte sie gleich um und drückte ihm die Spitzen in den Leib. Ein besseres Mittel ist es, die Schuhe vor dem Bette umzukehren, also daß die Hacken das Spannbett am nächsten bei sich haben. Wenn er drückt und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muß er weichen. Nachts reitet er oft die Pferde, so daß man ihnen Morgens anmerkt, wie sie abgemattet sind. Mit Pferdeköpfen kann er auch vertrieben werden. Wer vor dem Schlafengehen seinen Stuhl nicht versetzt, den reitet der Mahr des Nachts. Gern machen sie den Leuten Weichsel-Zöpfe (Schrötleins-Zöpfe, Mahren-Flechten), indem sie das Haar saugen und verflechten. Wenn die Muhme ein Kind windelt, muß sie ein Kreuz machen und einen Zipfel aufschlagen, sonst windelt es der Alp noch einmal.

Sagt man zu dem drückenden Alp:

Trud komm Morgen, so will ich borgen!

weicht er alsbald und kommt am andern Morgen in Gestalt eines Menschen, etwas zu borgen. Oder ruft man ihm nach: “komm Morgen und trink mit mir,” so muß derjenige kommen, der ihn gesandt hat.

Nach Prätorius stoßen seine Augenbraunen in gleichen Linien zusammen, andere erzählen, daß Leute, denen die Augenbraunen auf der Stirne zusammengewachsen sind, andern, wenn sie Zorn oder Haß auf sie haben, den Alp mit bloßen Gedanken zuschicken können. Er kommt dann aus den Augenbraunen, sieht aus wie ein kleiner weißer Schmetterling und setzt sich auf die Brust des andern Schlafenden.

81.

Der Wechselbalg.

+Bräuner’s+ Curiositäten S. 6. 7.

+Prätor.+ Weltbeschr. I. 363. 364.

Zu Heßloch, bei Odernheim im Gau gelegen, hat sichs zugetragen, daß der Kellner eines geistlichen Herrn mit der Köchin wie seiner Ehefrau gelebt, nur daß er sich nicht durfte öffentlich einsegnen lassen. Sie zeugten ein Kind miteinander, aber das wollte nicht wachsen und zunehmen, sondern es schrie Tag und Nacht und verlangte immer zu essen. Endlich hat sich die Frau berathen und wollte es gen Neuhausen auf die Cyriaks-Wiese tragen und wiegen lassen und aus dem Cyriaks-Brunnen ihm zu trinken geben, so mögte es besser mit ihm werden. Denn es war damals Glauben, ein Kind müsse dann nach neun Tagen sich zum Leben oder Tod verändern[4]. Wie nun die Frau bei Westhofen in den Klauer kommt mit dem Kind auf dem Rücken, welches ihr so schwer geworden, daß sie keucht und der Schweis ihr übers Angesicht lauft, begegnet ihr ein fahrender Schüler, der redet sie an: “ei Frau, was tragt ihr da für ein wüstes Geschöpf, es wäre kein Wunder, wenn es euch den Hals eindrückte.” Sie antwortete, es wäre ihr liebes Kind, das wollte nicht gedeihen und zunehmen, daher es zu Neuhausen sollte gewogen werden. Er aber sprach: “das ist nicht euer Kind, es ist der Teufel[5], werft ihn in den Bach!” Als sie aber nicht wollte, sondern beharrte, es wäre ihr Kind und es küßte, sprach er weiter: “euer Kind stehet daheim in der Stuben-Kammer hinter der Arke in einer neuen Wiege, werfet diesen Unhold in den Bach!” da hat sie es mit Weinen und Jammern gethan. Alsobald ist ein Geheul und Gemurmel unter der Brücke, auf der sie stand, gehört worden, gleich wie von Wölfen und Bären. Und als die Mutter heimgekommen, hat sie ihr Kindlein frisch und gesund und lachend in einer neuen Wiege gefunden.

[4] Ein Wechselbalg wird gewöhnlich nicht älter als sieben Jahre; nach andern jedoch sollen sie 18-19 Jahre leben.

[5] Denn der Teufel nimmt die rechten Kinder aus der Wiege, führt sie fort und legt seine dafür hinein. Daher der Name: +Wechselbalg+.

82.

Die Wechselbälge im Wasser.

+Kirchhof’s+ Wendunmuth V. 314. ~Nr.~ 258.

+Bräuner’s+ Curiositäten 9.

+Hildebrand+ Entdeckung der Zauberei S. 109.

+Fischart+ im wilden Teufels Heer.

+Luther’s+ Tisch-Reden 105b. 106a.

Bei Halberstadt hatte ein Bauer einen Kielkropf, der seine Mutter und fünf Muhmen ausgesogen, dabei unmäßig gegessen hatte (denn sie essen mehr, als zehn andere Kinder), und sich so angestellt, daß sie seiner gar müd geworden. Es ward ihm der Rath gegeben, er solle das Kind zur Wallfahrt gen Heckelstadt zur Jungfrau Maria geloben und daselbst wiegen lassen. Diesem Rath folgte der gute Bauer, setzte es in einen Rückkorb und trug es hin. Wie er aber über ein Wasser geht und auf der Brücke ist, rufts unten im Wasser: “Kielkropf! Kielkropf!” Da antwortet das Kind in dem Korbe, das niemals zuvor ein Wort geredet hatte: “ho! ho!” Dessen war der Bauer ungewohnt und sehr erschrocken. Darauf fragte der Teufel im Wasser ferner: “wo willt du hin?” Der Kielkropf oben antwortete: “ick well gen Heckelstadt to unser leven Fruggen:

mik laten wigen dat ick möge gedigen” (gedeihen).

Wie der Bauer hörte, daß der Wechselbalg ordentlich reden konnte, ward er zornig und warf ihn sammt dem Korb ins Wasser. Da sind die zwei Teufel zusammengefahren, haben geschrien: “ho! ho! ha!” mit einander gespielt und sich überworfen und sind darnach verschwunden.

83.

Der Alraun.

+Simplicissimi+ Galgen-Männlein. Im dritten Theil.

+Israel Fronschmidt+ vom Galgen-Männlein.

+Rollenhagen’s+ Indian. Reisen. Magdeb. 1605. S. 271. 272.

+Bräuner’s+ Curiosit. S. 226-235.

+Prätorius+ Weltbeschr. II. 215. 216. Weihnachtsfr. 155. 156.

+Harsdörfer’s+ Mordgeschichten Nr. 45. S. 151.

~+Chr. Gotfr. Roth+ diss. de imagunculis Germanor. magicis, quas Alraunas vocant. Helmst. 1737. 8.~

Es ist Sage, daß, wenn ein Erb-Dieb, dem das Stehlen durch Herkunft aus einem Diebs-Geschlecht angeboren ist, oder dessen Mutter, als sie mit ihm schwanger ging, gestolen, wenigstens groß Gelüsten dazu gehabt, (nach andern, wenn er zwar ein unschuldiger Mensch, in der Tortur aber sich für einen Dieb bekennet) und der ein reiner Jüngling ist, gehenkt wird und das Wasser läßt (~aut sperma in terram effundit~), so wächst an dem Ort der +Alraun+ oder das +Galgen-Männlein+. Oben hat er breite Blätter und gelbe Blumen. Bei der Ausgrabung desselben ist große Gefahr, denn wenn er herausgerissen wird, ächzt, heult und schreit er so entsetzlich, daß der, welcher ihn ausgräbt, alsbald sterben muß. Um ihn daher zu erlangen, muß man am Freitag vor Sonnen-Aufgang, nachdem man die Ohren mit Baumwolle, Wachs oder Pech wohl verstopft, mit einem ganz schwarzen Hund, der keinen andern Flecken am Leib haben darf, hinausgehen, drei Kreuze über den Alraun machen und die Erde rings herum abgraben, so daß die Wurzel nur noch mit kleinen Fasern in der Erde stecken bleibt. Darnach muß man sie mit einer Schnur dem Hund an den Schwanz binden, ihm ein Stück Brot zeigen und eilig davon laufen. Der Hund, nach dem Brot gierig, folgt und zieht die Wurzel heraus, fällt aber, von ihrem ächzenden Geschrei getroffen, alsbald todt hin. Hierauf nimmt man sie auf, wäscht sie mit rothem Wein sauber ab, wickelt sie in weiß und rothes Seiden-Zeug, legt sie in ein Kästlein, badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumond ein neues weißes Hemdlein. Fragt man nun den Alraun, so antwortet er und offenbart zukünftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen. Der Besitzer hat von nun an keine Feinde, kann nicht arm werden und hat er keine Kinder, so kommt Eheseegen. Ein Stück Geld, das man ihm Nachts zulegt, findet man am Morgen doppelt; will man lang seines Dienstes genießen und sicher gehen, damit er nicht abstehe oder sterbe, so überlade man ihn nicht, ein halben Thaler mag man kühnlich alle Nacht ihm zulegen, das höchste ist ein Ducaten, doch nicht immer, sondern nur selten.

Wenn der Besitzer des Galgen-Männleins stirbt, so erbt es der jüngste Sohn, muß aber dem Vater ein Stück Brot und ein Stück Geld in den Sarg legen und mit begraben lassen. Stirbt der Erbe vor dem Vater, so fällt es dem ältesten Sohn anheim, aber der jüngste muß eben so schon mit Brot und Geld begraben werden.

84.

~Spiritus familiaris.~

+Trutz Simplex+ Leben der Landstörzerin Courage. Cap. 18. u. 23.

Der Leipziger Avanturieur. Frkft. u. Lpz. 1756. Th. 2. S. 38-42.

Er wird gemeinlich in einem wohlverschlossenen Gläslein aufbewahrt, sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion, bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer ihn kauft, in dessen Tasche bleibt er, er mag das Fläschlein hinlegen, wohin er will, immer kehrt es von selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat, auch behütet es vor Haft und Gefängniß. Man braucht ihn nicht zu pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgen-Männlein.

Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht anders verkaufen, als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat.