Part 9
Auf dem alten Schlosse Hudemühlen, das im Lüneburgischen nicht weit von der Aller liegt und von dem nur noch Mauern stehen, hat sich lange Zeit ein wunderlicher Haus-Geist aufgehalten. Zuerst ließ er sich im Jahr 1584 hören, indem er durch bloßes Poltern und Lärmen sich zu erkennen gab. Darnach fing er an bei hellem Tag mit dem Gesinde zu reden, welches sich vor der Stimme, die sich hören ließ, ohne daß jemand zu sehen war, erschreckte, nach und nach aber daran gewöhnte und nicht mehr darauf achtete. Endlich ward er ganz muthig und hub an vor dem Haus-Herrn selbst zu reden und führte Mittags und Abends während der Mahlzeit mit den Anwesenden, fremden und einheimischen, allerhand Gespräche. Als sich nun die Furcht verlor, ward er gar freundlich und zutraulich, sang, lachte und trieb allerlei Kurzweil so lang ihn niemand bös machte; dabei war seine Stimme zart, wie die eines Knaben oder einer Jungfrau. Als er gefragt wurde, woher er sey und was er an diesem Ort zu schaffen habe, sagte er, daß er aus dem böhmischen Gebürg gekommen wäre und im Böhmer-Walde seine Gesellschaft hätte, die wolle ihn nicht leiden; daher sey er nun gezwungen, sich so lang zu entfernen und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sachen wieder besser ständen. Sein Name sey +Hinzelmann+, doch werde er auch +Lüring+ genannt; er habe eine Frau, die heiße +Hille Bingels+. Wann die Zeit gekommen, wolle er sich in seiner wahren Gestalt sehen lassen, jetzt aber wäre es ihm nicht gelegen. Uebrigens wäre er ein guter und ehrlicher Geselle, wie einer.
Der Haus-Herr, als er sah, daß sich der Geist je mehr und mehr zu ihm that, empfand ein Grauen und wußte nicht, wie er ihn los werden sollte. Auf Anrathen seiner Freunde entschloß er sich endlich, sein Schloß auf eine Zeit zu verlassen und nach Hannover zu ziehen. Auf dem Weg bemerkte man eine weiße Feder, die neben dem Wagen herflog, wußte aber nicht, was sie zu bedeuten habe. Als der Edelmann zu Hannover angelangt war, vermißte er eine goldene Kette von Werth, die er um den Hals getragen hatte, und warf Verdacht auf das Gesinde des Haus-Wirths; dieser aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Genugthuung für die ehrenrührige Anklage. Der Edelmann, der nichts beweisen konnte, saß unmuthig in seinem Zimmer und überlegte, wie er sich aus diesem verdrießlichen Handel ziehen könnte, als er auf einmal neben sich Hinzelmanns Stimme hörte, der zu ihm sprach: “warum bist du so traurig? ist dir etwas widerwärtiges begegnet, so entdecke mir’s, ich weiß dir vielleicht Hülfe. Soll ich auf etwas rathen, so sage ich, du bist wegen einer verlorenen Kette verdrießlich.” “Was machst du hier? antwortete der erschrockene Edelmann, warum bist du mir gefolgt? weißt du von der Kette?” Hinzelmann sagte: “freilich bin ich dir gefolgt und habe dir auf der Reise Gesellschaft geleistet und war allzeit gegenwärtig. Hast du mich nicht gesehen? ich war die weiße Feder, die neben deinem Wagen flog. Wo die Kette ist, will ich dir sagen: such nur unter dem Haupt-Kissen in deinem Bett, da wird sie liegen.” Als sie sich da gefunden hatte, ward dem Edelmann der Geist noch ängstlicher und lästiger und er redete ihn heftig an, warum er ihn durch die Kette mit dem Hauswirth in Streit gebracht, da er doch seinetwegen schon die Heimath verlassen. Hinzelmann antwortete: “was weichst du vor mir? ich kann dir ja allenthalben leichtlich folgen und seyn, wo du bist! Es ist besser, daß du in dein Eigenthum zurückkehrst und meinetwegen nicht daraus entweichst. Du siehst wohl, wenn ich wollte, könnte ich das deinige all hinwegnehmen, aber darauf steht mein Sinn nicht.” Der Edelmann besann sich darauf und faßte den Entschluß zurückzugehen und dem Geist, im Vertrauen auf Gott, keinen Fuß breit zu weichen.
Zu Hudemühlen zeigte sich Hinzelmann nun gar zuthätig und fleißig in allerhand Arbeit. In der Küche handthierte er Nachts und wenn die Köchin Abends nach der Mahlzeit Schüssel und Teller unabgewaschen durch einander in einen Haufen hinsetzte, so waren sie Morgens wohl gesäubert, glänzend wie Spiegel, in guter Ordnung hingestellt. Daher sie sich auf ihn verlassen und gleich Abends nach der Mahlzeit ohne Sorgen zu Ruhe legen konnte. Auch verlor sich niemals etwas in der Küche, oder war ja etwas verlegt, so wußte es Hinzelmann gleich in der verborgnen Ecke, wo es steckte, wieder zu finden und gab es seinem Herrn in die Hände. Hatte man fremde Gäste zu erwarten, so ließ sich der Geist sonderlich hören und sein Arbeiten dauerte die ganze Nacht: da scheuerte er die Kessel, wusch die Schüsseln, säuberte Eimer und Zuber. Die Köchin war ihm dafür dankbar, that nicht nur, was er begehrte, sondern bereitete ihm freiwillig seine süße Milch zum Frühstück. Auch übernahm der Geist die Aufsicht über die andern Knechte und Mägde, gab Achtung, was ihre Verrichtung war, und bei der Arbeit ermahnte er sie mit guten Worten fleißig zu seyn. Wenn sich aber jemand daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit die Lehre. Die Mägde warnte er oft vor dem Unwillen ihrer Frau und erinnerte sie an irgend eine Arbeit, die sie nun anfangen sollten. Eben so geschäfftig zeigte sich der Geist auch im Stalle: er wartete der Pferde, striegelte sie fleißig, daß sie glatt anzusehen waren wie ein Aal, auch nahmen sie sichtbarlich zu, wie in keiner Zeit, also daß sich jedermann darüber verwunderte.
Seine Kammer war im obersten Stockwerk zur rechten Seite und sein Hausgeräthe bestand aus drei Stücken. Erstlich aus einem Sessel oder Lehnstuhl, den er selbst von Stroh in allerhand Farben gar kunstreich geflochten, voll zierlicher Figuren und Kreuze, die nicht ohne Verwunderung anzusehen waren. Zweitens aus einem kleinen runden Tisch, der auf sein vielfältiges Bitten verfertigt und dahin gesetzt war. Drittens aus einer zubereiteten Bettstatt, die er gleichfalls verlangt hatte. Man hat nie ein Merkmal gefunden, daß ein Mensch darin geruht, nur fand man ein kleines Grüblein, als ob eine Katze da gelegen. Auch mußte ihm das Gesinde, besonders die Köchin, täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit Brocken von Weißbrot zubereiten und auf sein Tischlein stellen, welche hernach rein ausgegessen war. Zuweilen fand er sich an der Tafel des Hausherrn ein, wo ihm an einer besonderen Stelle Stuhl und Teller gesetzt werden mußte. Wer vorlegte, gab ihm die Speise auf seinen Teller und ward das vergessen, so gerieth der Haus-Geist in Zorn. Das vorgelegte verschwand und ein gefülltes Glas Wein war eine Weile weg und wurde dann leer wieder an seine Stelle gesetzt. Doch fand man die Speisen hernach unter den Bänken oder in einem Winkel des Zimmers liegen.
In der Gesellschaft junger Leute war Hinzelmann lustig, sang und machte Reime, einer der gewöhnlichsten war:
Ortgieß läßt du mick hier gan, Glücke sallst du han; Wultu mick aver verdrieven Unglück warst du kriegen.
wiewohl er auch die Lieder und Sprüche anderer wiederholte zur Kurzweil oder um sie damit aufzuziehen. Als der Pfarrer Feldmann einmal auf Hudemühlen zu Gast geladen war und vor die Thüre kam, hörte er oben im Saal jemand singen, jauchzen und viel Wesens treiben, weshalb er dachte, es wären Abends vorher Fremde angekommen, die oben ihre Zimmer hätten und sich also lustig bezeigten. Er sagte darum zu dem Hofmeier, der auf dem Platz stand und Holz gehackt hatte: “Johann, was habt ihr droben vor Gäste?” Der Hofmeier antwortete: “niemand fremdes, es ist unser Hinzelmann, der sich so lustig stellt, es wird sonst kein lebendiger Mensch im Saal seyn.” Als der Pfarrer nun in den Saal hinaufstieg, sang ihm Hinzelmann entgegen:
“mien Duhme (Daumen), mien Duhme, mien Ellboeg sind twey!”
Der Pfarrer verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Gesang und sprach zu Hinzelmann: “was soll das für eine Musik seyn, damit du nun aufgezogen kommst?” “Ei, antwortete der Geist, das Liedlein hab ich von euch gelernt, denn ihr habt es oft gesungen und ich hab es noch vor etlichen Tagen, als ihr an einem gewissen Ort zur Kindtauf waret, von euch gehört.”
Hinzelmann neckte gern, ohne aber jemand Schaden dabei zu thun. Knechte und Arbeits-Leute, wenn sie Abends beim Trank saßen, brachte er in Handgemeng und sah ihnen dann mit Lust zu. Wenn ihnen der Kopf ein wenig warm geworden war und es ließ einer etwa unter den Tisch etwas fallen und bückte sich darnach, so gab er ihm rückwärts eine gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Da geriethen die beiden an einander, erst mit Worten, dann mit Werken und nun mischten sich die andern hinein, so daß jeder seine Schläge austheilte und erhielt und am andern Morgen die blauen Augen und geschwollenen Gesichter als Wahrzeichen überall zu sehen waren. Daran ergötzte sich Hinzelmann von Herzen und erzählte hernach, wie er es angefangen, um sie hintereinander zu bringen. Doch wußte er es immer so zu stellen, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt. Auf dem fürstlichen Schlosse zu Ahlden wohnte zu der Zeit Otto Aschen von Mandelslohe, Drost und braunschweigischer Rath; diesem spielte Hinzelmann auch zuweilen einen Possen. Als einmal Gäste bei ihm waren, stiftete er einen Zank, so daß sie zornig auffuhren und nach ihren Degen greifen wollten. Keiner aber konnte den seinigen finden und sie mußten es bei ein paar Quer-Hieben mit der dicken Faust bewenden lassen. Dieses Streichs hat sich Hinzelmann gar sehr gefreut und mit vielem Lachen erzählt, daß er Urheber des Zanks gewesen, vorher aber alles tödliche Gewehr versteckt und bei Seite gebracht. Er habe dann zugeschaut, wie ihm sein Anschlag so wohl gelungen wäre, daß sie sich weidlich herum geschmissen.
Zu einer Zeit war ein Edelmann zu Hudemühlen eingetroffen, welcher sich erbot, den Haus-Geist auszutreiben. Als er ihn nun in einem Gemach merkte, dessen Thüren und Fenster überall fest geschlossen waren, ließ er erst diese Kammer, so wie das ganze Haus, mit bewaffneten Leuten besetzen und ging darauf selbst, von einigen begleitet, mit gezogenem Degen hinein. Sie sahen nichts, fingen aber an links und rechts nach allen Seiten zu hauen und zu stechen in der Meinung, den Hinzelmann, wo er nur einen Leib habe, damit gewißlich zu erreichen und zu tödten; indessen fühlten sie nicht, daß ihre Klingen etwas anders, als die leere Luft durchschnitten. Wie sie glaubten, ihre Arbeit vollbracht zu haben und müd von dem vielen Fechten hinausgehen wollten, sahen sie, als sie die Thüre des Gemachs öffneten, eine Gestalt gleich einem schwarzen Marder hinausspringen und hörten die Worte: “ei! ei! wie fein habt ihr mich doch ertappt!” Hernach hat sich Hinzelmann über diese Beleidigung bitterlich beschwert und gesagt: er würde leicht Gelegenheit haben sich zu rächen, wenn er nicht den beiden Fräulein im Hause Verdruß ersparen wollte. Als dieser Edelmann nicht lang darauf in eine leere Kammer des Hauses ging, erblickte er auf einer wüsten Bettstatt eine zusammengeringelte große Schlange liegen, die sogleich verschwand, aber er hörte die Worte des Geistes: “bald hättest du mich erwischt!”
Ein anderer Edelmann hatte viel von Hinzelmann erzählen gehört und war begierig, selbst etwas von ihm zu erfahren. Als er nun nach Hudemühlen kam, ward sein Wunsch erfüllt und der Geist ließ sich in dem Zimmer aus einem Winkel bei einem großen Schrank hören, wo etliche leere Wein-Krüge mit langen Hälsen hingesetzt waren. Weil nun die Stimme zart und fein war und ein wenig heiser, gleich als spräche sie aus einem hohlen Gefäße, so meinte der Edelmann, er sitze vielleicht in einem dieser Krüge, lief hinzu, faßte sie und wollte sie zustopfen, um auf diese Weise den Geist zu erhaschen. Als er damit umging, fing Hinzelmann an überlaut zu lachen und sprach: “hätte ich nicht vorlängst von andern Leuten gehört, daß du ein Narr wärst, so könnte ichs nun selbst mit ansehen, weil du meinst, ich säße in den leeren Krügen und deckst sie mit der Hand zu, als hättest du mich gefangen. Ich achte dich nicht der Mühe werth, sonst wollt ich dich schon witzigen, daß du eine Zeit lang meiner gedenken solltest. Aber ein wenig gebadet wirst du doch bald werden.” Damit schwieg er und ließ sich nicht wieder hören, so lange der Edelmann da war; ob dieser hernach wirklich ins Wasser gefallen, wird nicht gemeldet, doch ists zu vermuthen.
Es kam auch ein Teufels-Banner, ihn auszujagen. Als dieser mit seinen Zauber-Worten die Beschwörung anhub, war Hinzelmann zuerst still und ließ nichts von sich hören, aber wie jener nun die kräftigsten Sprüche gegen ihn ablesen wollte, riß er ihm das Buch aus den Händen, zerstückelte es, daß die Blätter in dem Zimmer herum flogen, packte den Banner dann selbst und drückte und kratzte ihn, daß er voll Angst fortlief. Auch hierüber beklagte er sich und sprach: “ich bin ein Christ, wie ein anderer Mensch und hoffe selig zu werden.” Als er gefragt wurde, ob er die Kobolde und Polter-Geister kenne, antwortete er: “was gehen mich diese an? das sind Teufels-Gespenster, zu welchen ich nicht gehöre. Von mir hat sich niemand Böses, vielmehr alles Gute zu versehen. Laßt mich unangefochten, so werdet ihr überall Glück spüren: das Vieh wird gedeihen, die Güter in Aufnahme kommen und alles wohl von Statten gehen.”
Laster und Untugenden waren ihm zuwider: einen von den Haus-Genossen strafte er wegen seiner Kargheit oft mit harten Worten und sagte den übrigen, daß er ihn um seines Geizes willen gar nicht leiden könnte. Einem andern verwies er seine Hoffahrt, die er von Herzen hasse. Als einmal zu ihm gesagt wurde, wenn er ein guter Christ seyn wolle, so müßte er Gott anrufen und die Gebäte der Christen sprechen, fing er an das Vater unser zu sagen und sprach es bis zur sechsten Bitte, die Worte “erlöse uns von dem Bösen,” murmelte er nur leise. Er sagte auch den christlichen Glauben her, aber zerrissen und stammelnd. Denn als er zu den Worten gelangte: “ich glaube eine Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben,” brachte er sie mit heiserer und undeutlicher Stimme hervor, also daß man ihn nicht recht hören und verstehen konnte. Der Prediger zu Eickelohe, weiland Hr. Marquard Feldmann, berichtet, daß sein Vater um die Zeit der Pfingsten auf Hudemühlen zu Gast gebeten worden; da habe Hinzelmann den schönen Gesang: “nun bitten wir den heiligen Geist” wie eine Jungfrau oder ein junger Knabe mit sehr hoher und nicht unangenehmer Stimme bis ganz zu Ende gesungen. Ja, nicht allein diesen, sondern viele andere geistliche Gesänge, habe er auf Verlangen angestimmt, besonders wenn ihn diejenigen darum begrüßt, die er für seine Freunde gehalten und mit welchen er vertraulich gewesen.
Darum ward der Geist gewaltig bös, wenn man ihn nicht ehrlich und nicht als einen Christen behandelte. Einmal reiste ein Edelmann aus dem Geschlecht von Mandelsloh nach Hudemühlen. Er stand wegen seiner Gelehrsamkeit in großem Ansehen, war Domherr bei dem Stift Verden und Gesandter bei dem Kurfürst von Brandenburg und dem Könige von Dänemark. Als er nun von dem Haus-Geist hörte, und daß er als ein Christ wollte angesehen seyn, sprach er, er könnte nicht glauben, daß es gut mit ihm stehe, er müsse ihn vielmehr für den bösen Feind und den Teufel halten, denn Menschen solcher Art und Gestalt habe Gott nicht erschaffen, die Engel aber lobten Gott ihren Herrn und schirmten und schützten die Menschen; damit stimme das Poltern und Toben und die abentheuerlichen Händel des Geistes nicht überein. Hinzelmann, der während seiner Anwesenheit sich noch nicht hatte hören lassen, machte ein Geräusch und sprach: “was sagst du, Barthold? (also hieß der Edelmann) bin ich der böse Feind? Ich rathe dir, sage nicht zu viel, oder ich werde dir ein anderes zeigen und dir weisen, daß du ein andermal ein besseres Urtheil von mir fällen sollst.” Der Herr entsetzte sich, als er, ohne jemand zu sehen, eine Stimme sprechen hörte, brach die Rede ab und wollte nichts mehr von ihm hören, sondern ihn in seinen Würden lassen. Zu einer andern Zeit kam ein Edelmann, welcher bei Tisch, als er den Stuhl und den Teller für Hinzelmann sah, ihm nicht zutrinken wollte. Darüber beschwerte sich der Geist und sprach: “ich bin ein so ehrlicher und guter Gesell als dieser: warum trinkt er mich vorüber?” Darauf antwortete der Edelmann: “weiche von hinnen und trinke mit deinen höllischen Gesellen, hier hast du nichts zu schaffen!” Als Hinzelmann das hörte, ward er so heftig erbittert, daß er ihn bei dem Schnall-Riemen packte, damit er nach damaliger Sitte seinen Mantel unter dem Halse zugeschnallt hatte, nieder zur Erde zog und also würgte und drückte, daß allen Anwesenden angst wurde, er mögte ihn umbringen und jener, nachdem der Geist von ihm abgelassen, sich erst nach einigen Stunden wieder erholen konnte. Wiederum reiste einmal ein guter Freund des Hausherrn bei Hudemühlen vorbei, trug aber Bedenken wegen des Haus-Geistes, von dessen Schalkheit ihm vieles war erzählt worden, einzukehren und schickte seinen Diener, um zu melden, daß er nicht einsprechen könne. Der Haus-Herr ließ ihn inständig bitten, bei ihm die Mittags-Mahlzeit zu nehmen, aber der Fremde entschuldigte sich höflich damit, daß er sich nicht aufhalten dürfte; doch setzte er hinzu, es errege ihm zu großen Schrecken, mit einem Teufels-Gespenst an einem Tisch zu sitzen, zu essen und zu trinken. Bei dieser Unterredung draußen hatte sich Hinzelmann auch eingefunden, denn man hörte, nachdem sich der Fremde also geweigert, die Worte: “warte, mein guter Geselle, die Rede soll dir schon bezahlt werden!” Als nun der Reisende fortfuhr und auf die Brücke kam, welche über die Meisse geht, stiegen die Pferde mit den vordern Füßen in die Höhe, verwickelten sich ins Geschirr, daß wenig fehlte, so wäre er mit Roß und Wagen ins Wasser gestürzt. Wie alles wieder zurecht gebracht war und der Wagen einen Schuß weit gefahren, wurde er zwischen Eickelohe und Hudemühlen auf ebener Erde in dem Sand umgekehrt, doch ohne daß die darin Sitzenden weiteren Schaden nahmen.
Wie Hinzelmann gern in Gesellschaft und unter Leuten war, so hielt er sich doch am liebsten bei den Frauen auf und war mit ihnen gar freundlich und umgänglich. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna und Katharine, welchen er besonders zugethan war, ihnen klagte er sein Leid, wenn er war erzürnt worden und führte sonst allerhand Gespräche mit ihnen. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder allenthalben. Legten sie sich Nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem Deckbett und man sah am Morgen eine kleine Grube, als ob ein Hündlein da gelegen hätte. Beide Fräulein verheiratheten sich nicht, denn Hinzelmann schreckte alle Freier ab. Manchmal kam es so weit, daß eben die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt, daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er solche Angst, daß er zitterte und bebte. Gemeinlich aber machte er an die gegenüber stehende weiße Wand eine Schrift mit großen goldenen Buchstaben ihnen vor die Augen: “nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer Katharine.” Kam aber einer und wollte sich bei Fräulein Anne beliebt machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene Schrift und lautete umgekehrt: “nimm Jungfer Katharine und laß mir Jungfer Anne.” Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem Vorsatz blieb, und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich aller Heiraths-Gedanken entschlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davon kam. Etliche hat er, wenn sie auf dem Rückweg waren, mit den Pferden über und über geworfen, daß sie Hals und Bein zu brechen meinten und nicht wußten, wie ihnen geschehen. Also blieben die zwei Fräulein unverheirathet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb acht Tagen.
Einmal hatte eine dieser Fräulein von Hudemühlen einen Knecht nach Rethem geschickt, dies und jenes einzukaufen. Während dessen Abwesenheit fing der Geist in dem Gemache der Fräulein plötzlich an wie ein Storch zu klappern und sprach dann: “Jungfer Anne, heut magst du deine Sachen im Mühlen-Graben wieder suchen!” Sie wußte nicht, was das heißen sollte, bald aber trat der Knecht ein und erzählte, daß er auf dem Heimritt unterwegs einen Storch nicht weit von sich sitzen gesehen, auf den er aus langer Weile geschossen. Es habe auch nicht anders geschienen, als ob er ihn getroffen, der Storch aber wäre dennoch sitzen geblieben und, nachdem er angefangen laut zu klappern, endlich fortgeflogen. Nun zeigte sich, daß Hinzelmann das gewußt, bald aber traf auch seine Weißagung ein. Der Knecht, einigermaßen berauscht, wollte sein von Schweiß und Staub bedecktes Pferd rein baden und ritt es in das vor dem Schloß liegende Mühlen-Wasser, verfehlte aber in der Trunkenheit des rechten Orts, gerieth in einen tiefen Abgrund und, da er sich nicht auf dem Pferd erhalten konnte, fiel er hinab und ertrank. Die geholten Sachen hatte er noch nicht abgelegt, daher sie sammt dem Leichnam aus dem Wasser mußten herausgesucht werden.
Auch andern hat Hinzelmann die Zukunft voraus gesagt und sie gewarnt. Es kam ein Oberster nach Hudemühlen, der bei dem König Christian III. von Dänemark in besonderm Ansehen stand und in den Kriegen mit der Stadt Lübeck tapfere Dienste geleistet hatte. Dieser war ein guter Schütze und großer Liebhaber der Jagd, also daß er manche Stunde damit zubrachte, in dem umliegenden Gehölze den Hirschen und wilden Sauen nachzustellen. Als er sich eben wieder zu einer Jagd bereitete, kam Hinzelmann und sprach: “Thomas, (das war sein Name) ich warne dich, daß du im Schießen dich vorsiehst, sonst hast du in kurzem ein Unglück.” Der Oberst achtete nicht darauf und meinte, das hätte nichts zu bedeuten. Wenige Tage hernach, als er auf ein Reh losbrannte, zersprang die Büchse von dem Schuß und schlug ihm den Daumen aus der linken Hand. Wie es geschehen war, fand sich gleich Hinzelmann bei ihm und sprach: “sieh, nun hast du’s, wovor ich dich gewarnt: hättest du dich diese Zeit über des Schießens enthalten, der Unfall wäre dir nicht begegnet.”
Es war ein andermal ein Herr von Falkenberg, auch ein Kriegsmann, zum Besuch auf Hudemühlen angelangt. Da er ein frisches und fröhliches Herz hatte, fing er an, den Hinzelmann zu necken und allerhand kurzweilige Reden zu gebrauchen. Dies wollte dem Geist in die Länge nicht gefallen, sondern er begann sich unwillig zu gebährden und fuhr endlich mit den Worten heraus: “Falkenberg, du machst dich jetzt trefflich lustig über mich, aber komm nur hin vor Magdeburg, da wird man dir die Kappe ausbürsten, daß du deiner Spott-Reden vergessen wirst.” Der Edelmann erschrak, glaubte daß mehr hinter diesen Worten stecke, brach die Unterredung mit Hinzelmann ab und zog bald darauf fort. Nicht lange nachher begann die Belagerung von Magdeburg unter dem Churfürst Moriz; wobei auch dieser Herr von Falkenberg unter einem vornehmen deutschen Fürsten zugegen war. Die Belagerten wehrten sich tapfer und gaben Tag und Nacht mit Doppel-Haken und anderm Geschütz Feuer und es traf sich, daß diesem Falkenberg von einer Falkonett-Kugel das Kinn ganz hinweggeschossen wurde und er drei Tage darauf, nach den größten Schmerzen an dieser Wunde starb.