Part 12
Eine Heilige ging am Strand, sah nur zum Himmel und bätete, da kamen die Bewohner des Dorfs Sonntags Nachmittag, ein jeder geputzt in seidenen Kleidern, seinen Schatz im Arm, und spotteten ihrer Frömmigkeit. Sie achtete nicht darauf und bat Gott, daß er ihnen diese Sünde nicht zurechnen wolle. Am andern Morgen aber kamen zwei Ochsen und wühlten mit ihren Hörnern in einem nahgelegenen großen Sandberg bis es Abend war; und in der Nacht kam ein mächtiger Sturmwind und wehte den ganzen aufgelockerten Sandberg über das Dorf hin, so daß es ganz zugedeckt wurde und alles darin, was Athem hatte, verdarb. Wenn die Leute aus benachbarten Dörfern herbeikamen und das verschüttete aufgraben wollten, so war immer, was sie Tags über gearbeitet, Nachts wieder zugeweht. Das dauert bis auf den heutigen Tag.
97.
Die verschütteten Silber-Gruben.
Mündlich, am Harz.
Die reichsten Silberbergwerke am Harz waren die schon seit langen Jahren eingegangenen beiden Gruben: der große Johann und der goldene Altar (bei Andreasberg?). Davon geht folgende Sage. Vorzeiten, als die Gruben noch bebaut wurden, war ein Steiger darüber gesetzt, der hatte einmal, als der Gewinn groß war, ein paar reiche Stufen bei Seite gelegt, um, wenn der Bau schlechter und ärmer seyn würde, damit das fehlende zu ersetzen und immer gleichen Gewinn hervorzubringen. Was er also in guter Absicht gethan, das ward von andern, die es bemerkt hatten, als ein Verbrechen angeklagt, und er zum Tode verurtheilt. Als er nun niederkniete und ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden, da betheuerte und beschwur er nochmals seine Unschuld und sprach: “so gewiß bin ich unschuldig, als mein Blut sich in Milch verwandeln und der Bau der Grube aufhören wird; wann in dem gräflichen Haus, dem diese beiden Bergwerke zugehören, ein Sohn geboren wird mit Glas-Augen und mit Reh-Füßen, und er bleibt am Leben, so wird der Bau wieder beginnen, stirbt er aber nach seiner Geburt, so bleiben sie auf ewig verschüttet.” Als der Scharfrichter den Hieb gethan und das Haupt herabfiel, da sprangen zwei Milchströme statt des Bluts schneeweiß aus dem Rumpf in die Höhe und bezeugten seine Unschuld. Auch die beiden Gruben gingen alsbald ein. Nicht lange nachher ward ein junger Graf mit Glas-Augen und Reh-Füßen geboren, aber er starb gleich nach der Geburt und die Silberbergwerke sind nicht wieder aufgethan, sondern bis auf diesen Tag verschüttet.
98.
Die Fundgrübner.
+Happel+ ~relat. curios. I. 758-760.~
Die reichsten Berggänge pflegen von armen und geringen Grübnern entdeckt zu werden, darüber es mancherlei Sagen hat. In dem böhmischen Bergwerk auf der Eule war ein Bergmann, des Namens +der rothe Leu+, so reich geworden, daß er König Wenzel zu Gast lud, ihm eine Tonne Goldes schenkte, und dem König Carl hundert geharnischte Reuter ausrüstete. Dieser rothe Leu hatte anfangs sein ganzes Vermögen zugesetzt und schon sein Weib ihren Schleier (ihr eingebrachtes) verkaufen müssen. Eines Tags stieß sich die Frau von ungefähr blutrünstig in die Ferse an einem großen Knauer. Der Mann wollte ihn wegstufen und traf auf gediegenes Gold, wodurch er plötzlich reich wurde. Aber Stolz und Hochmuth kamen über ihn, in seinem Hause mußte alles seiden, silbern und golden seyn und das Weib sprach: es wäre Gott unmöglich, daß sie wieder arm werden sollten. Nach und nach wurde der rothe Leu bettelarm und starb auf dem Misthaufen.
Im salzburger Werk zu Gastein und Rauriß lebte ein mächtiger Fundgrübner, genannt +der alte Weitmoser+. In der Stunde, wo er seinen Schuldnern entlaufen wollte und schon in der Thür stand, wurde ihm reicher Ausbruch und Handstein entgegen gebracht. Die hielten Gold und Silber, wurden mit Macht geschüttet und gaben ihm und anderen bald große Reichthümer. Und da ihm auf seinem Sterbebette schöne Handsteine neuerdings aus der Grube getragen wurden, sagte er doch: “der rechte und schönste Gang ist Jesus mein Herr und Heiland, auf dem will ich bald eingehen ins ewige Leben.”
99.
Ein gespenstiger Reuter.
H. +Speidel+ in ~notabil. polit. f.~ 397.
+Prätorius+ im Glückstopf. S. 173. 174.
+Happel+ ~relat. curios. III.~ 521.
Ein unbekannter Mann hat sich gegen das Ende des 17. Jahrhunderts bei einem Grafen von Roggendorf zum Bereiter angegeben und wurde, nach geleisteter Probe, zu Diensten angenommen und ihm eine ehrliche Bestallung gemacht. Es begab sich aber, daß einer von Adel bei Hof anlangte und mit diesem Bereiter an die Tafel gesetzt wurde. Der Fremde ersah ihn mit Erstaunen, war traurig und wollte keine Speise zu sich nehmen, ob ihm wohl der Graf deßwegen freundlichst zugesprochen. Nachdem nun die Tafel aufgehoben war und der Graf den Fremden nochmals nach der Ursache seines Trauerns befragte, erzählte er, daß dieser Bereiter kein natürlicher Mensch, sondern vor Ostende ihm an der Seite erschossen sey, auch von ihm, dem Erzähler, selbst zu Grabe begleitet worden. Er gab auch alle Umstände an: des Todten Vaterland, Namen, Alter und das traf alles mit dem, was der Bereiter von sich selbst gesagt, ein, so daß der Graf daran nicht zweifeln konnte. Er nahm daher Ursach, diesem Gespenst Urlaub zu geben mit Vorwenden, daß seine Einkünfte geringert und er seine Hofhaltung einzuziehen gesonnen. Der Bereiter sagte, daß ihn zwar der Gast verschwätzt, weil aber der Graf nicht Ursache hätte ihn abzuschaffen, und er ihm getreue Dienste geleistet und noch leisten wolle, bitte er ihn ferner an dem Hofe zu erdulden. Der Graf aber beharrte auf dem einmal gegebenen Urlaub. Deßwegen begehrte der Bereiter kein Geld, wie bedingt war, sondern ein Pferd und Narren-Kleid mit silbernen Schellen, welches ihm der Graf gerne geben ließ und noch mehr wollte reichen lassen, das der Bereiter anzunehmen verweigerte.
Es fügte sich aber, daß der Graf nach Ungarn verreiste und bei Raab, auf der Schütt, diesen Bereiter mit vielen Kuppel-Pferden in dem Narren-Kleid antraf, welcher seinen alten Herrn, wie er ihn erblickte, mit großen Freuden begrüßte und ein Pferd zu verehren anbot. Der Graf bedankt sich und will es nicht nehmen, als der Bereiter aber einen Diener ersieht, den er sonst am Hof wohl gekannt, gibt er diesem das Pferd. Der Diener setzt sich mit Freuden drauf, hat es aber kaum bestiegen, so springt das Pferd in die Höh und läßt ihn halb todt auf die Erde fallen. Zugleich ist der Roßtäuscher mit seiner ganzen Kuppel verschwunden.
100.
Der falsche Eid.
~M. +Schneider+ Titius contin. L. 11. sect. 2. cap. 3. p. 416~.
Im Odenwald beim Kloster Schönau liegt ein Ort, genannt +zum falschen Eid+. Da hat auf eine Zeit ein Bauer geschworen, der Acker gehöre sein, alsbald öffnete sich der Erdboden unter seinen Füßen und er versank, daß nichts übrig blieb, als sein Stab und zwei Schuhe. Davon hat die Stelle den Namen erhalten.
Sonst weiß man auch von Meineidigen, daß ihnen die aufgerichten Finger erstarren und nicht mehr gebogen werden mögen, oder daß sie verschwarzen; auch daß sie nach dem Tod der Leute zum Grab herauswachsen.
101.
Zwölf ungerechte Richter.
~+Zeilleri+ epist. 58.~
+Hilscher+ Zungen-Sünde. S. 455.
Nah bei westphälisch Minden liegt ein Grund, davon wird erzählt, zwölf Richter hätten den Boden einem zugesprochen, dem er nicht gehörig, darüber sich die Erde aufgethan und sie bis an die Knie alsbald verschluckt; wie dessen noch Wahrzeichen vorhanden sind.
102.
Die heiligen Quellen.
Morgenblatt. 1808. Nr. 247. S. 987.
Das schweizer Landvolk redet noch von den heiligen Quellen, die im Rütli plötzlich entsprungen, als da der große Eidschwur geschah, und wie einem der Schwörenden, der den Bund verrathen, sogleich Feuer zu Mund und Nase ausgefahren sey, auch sein Haus von selbst angefangen habe zu brennen.
103.
Der quillende Brunnen.
+Happel+ ~relat. curios. V. 43.~ aus ~+Mich. Piccard,+ orat. acad. 4.~
An einem Berge in Franken quillet ein Brunnen, wobei ein vornehmes adliches Geschlecht sein Stammhaus hat. Das ganze Jahr über hat er schönes, lauteres, überflüssiges Wasser, das nicht eher aufhöret, als wenn jemand aus demselbigen Geschlecht soll sterben. Alsdann vertrocknet er so gar, daß man auch fast kein Zeichen oder Spur mehr findet, es sey jemals ein Brunn daselbst gewesen. Als zur Zeit ein alter Herr des gedachten adlichen Stammes in fremden Landen tödlich niederlag, und bereits achtzigjährig seinen baldigen Tod muthmaßte, fertigte er in seine Heimath einen Boten ab, der sich erkundigen sollte: ob der Brunn vertrockne? Bei der Ankunft des Boten war das Wasser versiegt, allein man gebot ihm ernstlich, es dem alten Herrn zu verschweigen, vielmehr zu sagen: der Brunn befinde sich noch richtig und voll Wassers; damit ihm keine traurige Gedanken erweckt würden. Da lachte der Alte und strafte sich selbst, daß er von dem Brunnen abergläubisch zu wissen gesuchet, was im Wohlgefallen Gottes stände, schickte sich zu einem seeligen Abschied an. Plötzlich aber wurde es besser mit seiner Krankheit und nicht lange, so kam er dieses Lagers völlig wieder auf. Damit der Brunnen nicht vergebens versiegte und ihm seine seit langen Jahren eingetroffene Bedeutung bestünde, trug es sich zu, daß des Geschlechts ein Junger von Adel von einem untreuen Pferde abgeworfen, gleich zu der nämlichen Zeit Todes verfuhr.
104.
Hunger-Quelle.
+Dreyhaupt+ Hall. Chronik. I. 1106.
vgl. +Stalder+ Schweiz. Idiot. v. Hunger-Brunnen.
Zu Halle auf dem Markt an dem rothen Thurm ist ein Quell-Brunnen, der an der Mitternacht-Seite zu Tag ausfließet und für eine Hunger-Quelle ausgegeben wird, indem aus dessen starkem oder schwachem Ueberlaufen der gemeine Mann Theurung oder wohlfeile Zeit weißagt.
105.
Der Liebenbach.
Mündlich, aus Hessen.
Die Stadt Spangenberg in Hessen erhält ihr Trinkwasser durch einen Bach, welcher die gute Quelle des gegenüber liegenden Bergs herbeileitet. Von der Entstehung dieses Bachs wird folgendes erzählt. Ein Jüngling und ein Mädchen in der Stadt liebten sich herzlich, aber die Eltern wollten lange nicht zu ihrer Verheirathung einwilligen. Endlich gaben sie nach, unter der Bedingung, daß die Hochzeit erst dann solle gefeiert werden, wenn die zwei Liebenden die gute, frische Quelle von dem gegenüber liegenden Berge ganz allein herüber geleitet hätten: dadurch würde die Stadt Trinkwasser erhalten, woran sie bisher Mangel gelitten. Da fingen beide an, den Bach zu graben und arbeiteten ohn Unterlaß. So haben sie vierzig Jahre gegraben, als sie aber fertig waren, starben sie beide in demselben Augenblick.
106.
Der Helfenstein.
+Grundmann+ Geschichtschule. Görliz. 1677. S. 779-782.
Eine Meile von Trautenau in Böhmen, auf dem Riesenberg, liegt der Helfenstein, ein hoher Fels, auf dem sonst ein Raubschloß gestanden, nachher aber versunken ist und weiß niemand, wo die Menschen, die darin lebten, hingekommen sind. Im Jahr 1614 war, viertelwegs davon, zu Maeschendorf, eine junge Magd, die ging nicht weit von diesem Fels Vieh hüten und hatte noch mehr Kinder bei sich. Zu diesen sprach sie: “kommt, laßt uns hin zum Helfenstein, ob wir ihn vielleicht offen finden und das große Weinfaß sehen.” Da sie hingehen, ist der Felsen offen und eine Eisenthür aufgethan, daran ein Schloß mit vielen Schlüsseln hängt. Aus Neugierde treten sie näher und endlich hinein. Es ist ein ziemlich weites Vorgemach, aber hinten wieder eine Thür. Sie gehen durch, in dem zweiten Gemach liegt allerhand Hausrath, besonders ein groß zehneimerig Faß Wein, davon waren die meisten Tauben abgefallen, allein es hatte sich eine Fingersdicke Haut angesetzt, so daß der Wein nicht herauslaufen konnte. Als sie es alle vier mit Händen angriffen, schlotterte es und gab nach, wie ein Ei mit weichen Schalen. Indem sie nun solches betrachten, kommt ein wohlgeputzter Herr aus einer schönen Stube, rothen Federbusch auf dem Hut, in der Hand eine große zinnerne Kanne, Wein zu holen. Beim Thür-Aufmachen hatten sie gesehen, daß es in der Stube lustig hergehet, an zwei Tischen schöne Manns- und Weibsbilder, haben Musik und sind fröhlig. Der aber den Wein zapft, heißt sie willkommen und in die Stube gehen. Sie erschrecken und wünschen sich weit davon, doch spricht die eine, sie wären zu unsauber und nicht angeschickt, zu so wohlgeputzten Leuten zu gehen. Er bietet ihnen dennoch Trinken an und reicht die Kanne. Wie sie sich entschuldigt, heißt er sie warten, bis er für sie eine andere Kanne geholt. Als er nun weg ist, spricht die Älteste: “laßt uns hinausgehen, es möchte nicht gut werden; man sagt, die Leute seyen in den Bergen hie verfallen.” Da gehen sie eilends heraus, hinter sich hören sie nach wenig Schritten ein Knallen und Fallen, daß sie heftig erschrecken.
Nach einer Stunde sagt die Älteste wieder: “laßt uns noch einmal hin und sehen, was das gewesen ist, das so gekracht hat.” Die andern wollten nicht, da aber die Große so kühn war, allein hinzugehen, folgten die andern nach. Sie sehen aber weder Eingang noch eiserne Thür, der Fels war fest zu. Wie sie das Vieh eingetrieben, erzählen sie alles den Eltern, diese berichten es dem Verwalter; allein der Fels blieb zu, so oft man ihn auch in Augenschein genommen.
107.
Die Wiege aus dem Bäumchen.
Wiener Litter. Zeitung. 1813. Sept. 277.
vgl. +Gottschalk+ Ritterburgen. II. 103-105. aus +Gaheis+ Wanderungen um Wien. 1803.
Bei Baden in Oesterreich stehen die Trümmer des alten Bergschlosses Rauheneck. In diesen soll ein großer Schatz verborgen liegen, den aber nur der heben kann, der als Kind in einer Wiege geschaukelt seyn wird, die aus dem Holz des Baumes gezimmert worden ist, der jetzt nur erst als ein schwaches Reiß aus der Mauer des hohen Thurmes zu Rauheneck sprießt. Verdorrt das Bäumchen oder wird es abgehauen, so muß die Hebung des Schatzes warten, bis es von neuem ausschlägt und wieder wächst.
108.
Hessenthal.
+Münchhausen+ im Freymüthigen. 1806. Nr. 47. S. 186.
Die alte Burg Schellenpyrmont liegt nun in Trümmern, da soll der Sage nach vormals Thusneldens Sitz gewesen seyn. Thusnelde hatte einen Vogel, der reden konnte. Eines Tags kam er aus dem Hessenthal, einem Waldgrunde am Burgberg, herauf und schrie in einem fort:
“Hessenthal blank, Hessenthal blank!”
damit die in dies Thal schon vorgedrungenen Römer in ihren blanken Rüstungen anzudeuten, und die Deutschen gewannen nun Zeit, sich gegen den Ueberfall des Feindes zu rüsten.
109.
Reinstein.
+Happel+ ~relat. curios. III.~ 784.
Unter der uralten Burg Reinstein unweit Blankenburg am Harz liegt ein großes Felsenloch, angefüllt mit allerhand kleinen Steinen, wie man sie sonst nicht auf Gebürgen, sondern blos in Ebenen findet. Wenn jemand von solchen Steinen viel oder wenig nimmt, führt, oder trägt, so kommen sie doch wieder an denselben Ort, da sie sind weggenommen worden, so daß die Höhle immer voll von Steinen bleibt. Es soll aber noch keinem gefrommt haben, dergleichen Steine wegzubringen. Auf dem Fels, sonderlich um die Gegend der Höhle, hört man zur Mittagsstunde oft Schellen läuten, zuweilen auch ein Gehämmer wie von vielen Schmieden.
110.
Der stillstehende Fluß.
+Winkelmann+ Beschr. von Hessen. S. 59.
Von der Fulde heißt es, so oft ein Fürst aus dem Lande Hessen, sonderlich ein regierender Herr oder dessen Gemahlin bald sterben soll, daß sie wider ihren natürlichen Lauf ganz still stehe und gleichsam der Strom seine Trauer zu erkennen gebe. Man hält das für eine sichere Todesanzeige und haben es die Einwohner mehrmals beobachtet.
111.
Arendsee.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 97. aus mündlicher Sage.
Von dem Arendsee in der Altmark wird folgendes erzählt: an der Stelle, wo jetzt der See und der Ort dieses Namens liegt, stand vor Alters ein großes Schloß. Dieses ging urplötzlich unter und nicht mehr kam davon, als ein Mann und ein Weib. Wie die beiden nun fortgingen, sah sich das Weib ungefähr um und ward der schleunigen Veränderung innen. Verwundert brach sie in die Worte aus: “+Arend see!+” (Arend sieh! denn jenes war ihres Mannes Name) und darum gab man nachher dem Städtlein die Benennung, das an dem See auferbaut wurde. In diesem See ragt der feinste, weiße Streusand hervor und wann die Sonne hell scheint, soll man (wie auch beim See Brok neben dem Ossenberg) noch alle Mauern und Gebäude des versunkenen Schlosses sehen. Einige haben einmal vorgehabt, das Wasser zu gründen, und ein Seil eingelassen; wie sie das herauszogen, fand sich ein Zettel dran mit dem Gebote: lasset ab von euerem Unternehmen, sonst wird euerm Orte widerfahren, was diesem geschehen ist.
112.
Der Ochsenberg.
+Prätorius+ Weltbeschr. I. 96. aus mündlicher Erzählung seiner Mutter, die in der Gegend gebürtig war.
In der alten Mark, nicht weit vom zertrümmerten Schloß Alvensleben, liegt ein großes, wacker lustiges, Dorf, mit Namen Ursleben. Einen Büchsenschuß hinter dem Dorf stehet ein großer See, genannt Brock (Bruch), an dessen Stätte war vor alten Zeiten ein schönes Schloß, das hernach unterging und seitdem war das große Wasser aufgekommen. Nämlich es sollen alle Leute drinnen versunken seyn, ausgenommen eine einzige Edeljungfer, die ein Traum kurz vorher warnete. Als nun das Vieh und die Hühner sonderlich traurige Zeichen eines bevorstehenden großen Unglücks laut werden ließen, setzte sich diese Jungfrau auf einen Ochsen und ritt davon. Mit genauer Noth erreichte sie einen dabei gelegenen Hügel, hinter ihr drein sank das Schloß zusammen, und wie sie auf dem Ochsen sitzend sich vom Hügel umsah, war das Gewässer überall aufgestiegen. Davon heißt der Hügel noch +Ossenberg+ bis auf den heutigen Tag.
113.
Die Moor-Jungfern.
+Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. I. 144. II. 36-39.
Auf der Rhöne ist ein Sumpf, genannt das rothe Moor. Nach der Volkssage stand daselbst vorzeiten ein Dorf, Namens +Poppenrode+, das ist nunmehr versunken. Auf der Moorfläche bei Nacht schweben Lichtchen, das sind Moor-Jungfern. An einem andern Ort ebendaselbst liegt auch das schwarze Moor, schon in alten Urkunden so genannt, und die Sage weiß auch hier von einem versunkenen Dorf, von welchem noch ein Pflaster übrig ist, Namens: +die steinerne Brücke+.
114.
Andreas-Nacht.
Mündlich.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus.
+Bräuner’s+ Curiositäten S. 91-93.
+Goldschmid’s+ höll. Morpheus. Hamb. 1698. S. 173. 174.
Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreas-Nacht, Thomas-Nacht, Christ-Nacht und Neujahrs-Nacht seinen zukünftigen Liebsten einladen und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber keine Gabeln dabei seyn. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt, muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es besitzt und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von übermenschlicher Gewalt gelitten und er des Zaubers sich bewußt wird, wodurch großes Unglück entsteht.
Ein schönes Mädchen in Östreich begehrte einmal um Mitternacht, unter den nöthigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster mit einem Dolche daher trat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre nach ihrer Verheirathung ging sie einstmals Sonntags, als die Vesper vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag zur Arbeit vornehmen wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch. Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen, sondern bekennt frei, es sey derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und sprach mit einem fürchterlichen Fluch: “Hur! so bist du die Dirne, die mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!” und stößt ihr damit den Dolch mitten durchs Herz.
Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt. Mündlich: von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu holen und denkt nicht, daß dort das Zauber-Geräth liegt, das er findet und womit er sie tödtet.
115.
Der Liebhaber zum Essen eingeladen.
+Prätorius+ Weihnachtsfratzen. ~prop.~ 53.
+Bräuner’s+ Curiositäten. 97.
+Valvassor+ Ehre von Crain. II. 479.
Zu Saalfeld in Thüringen war eine Schösserin (Steuereinnehmerin), die sich heimlich in ihren Schreiber verliebte. Durch Zauberei aber wollte sie ihn gewinnen, ließ ein frisches Brot backen und steckte mitten in der heiligen Christnacht kreuzweise zwei Messer hinein, indem sie etliche Worte dazu murmelte. Darauf kam der Schreiber aus dem Schlafe ganz nackigt zur Stube hereingesprungen, setzte sich nieder am Tisch und sah sie scharf an. Sie stand auf und lief davon, da zog er beide Messer aus dem Brot und warf sie hinter ihr drein und hätte sie bald sehr verletzet. Hernach ging er wieder zurück; eine Muhme, die in der Stube zugegen war, erschrack so heftig, daß sie etliche Wochen krank niederliegen mußte. Der Schreiber soll den folgenden Tag zu den Hausleuten gesagt haben: er möchte nur gern wissen, welche Frau ihn verwichene Nacht so geängstet habe; er wäre so abgemattet, daß er es kaum sagen könne, denn er hätte sollen mit fortkommen und sich nicht gnugsam erwehren können; er hätte auch bäten mögen, was er gewollt, so wäre er getrieben worden.
Dieselbe alte Frau, die diese Geschichte erzählte, fügte hinzu: auch zu Coburg haben einmal einige Edeljungfrauen von neunerlei Essen etwas aufgehoben und um Mitternacht aufgestellt und sich dabei zu Tische gesetzt. Darauf kamen ihre Liebsten alle, jeder brachte ein Messer mit und wollten sich zu ihnen niederlassen. Darüber entsetzten sich die Jungfrauen und flohen; einer aber nahm das Messer und warf hinterher; sie schaute um, blickte ihn an und hob das Messer auf. Ein andermal soll statt des eingeladenen Buhlen der leibhaftige Tod in die Stube gekommen seyn und sein Stundenglas bei einer niedergesetzt haben, die denn auch das Jahr über verstarb.
In Schlesien haben sich drei Hof-Fräulein in einer heiligen Nacht an einen gedeckten Tisch gesetzt und ihre zukünftige Liebhaber erwartet, deren jedem ein Teller hingestellt war. Sie sind auch auf diese Einladung erschienen, aber nur zweie, die sich zu zwei Jungfrauen gesetzt; der dritte ist ausgeblieben. Als nun die verlassene darüber traurig und ungeduldig geworden, endlich nach langem vergeblichem Warten aufgestanden und sich ans Fenster gestellt, hat sie gegenüber einen Sarg erblickt, darin eine Jungfrau gelegen, ihr ganz gleich gestaltet, worüber sie erkrankte und bald darauf starb. Nach einer mündlichen Erzählung kommt die Todtenlade in die Stube, sie geht darauf zu, die Bretter thun sich auf und sie fällt todt hinein.
116.
Die Christnacht.
+Prätorius+ Weihnachtsfratzen Nr. 60. 61. 64.
Abergläubische Mägde, um Träume von ihren Liebsten zu bekommen, kaufen frühe des Tags vor dem heiligen Abend um einen Pfennig Semmel und zwar das letzte Stößchen, das auf einem Ende zu ist. Weiter schneiden sie ein bischen Rinde unten ab, binden es unter den rechten Arm und gehen fleißig den ganzen Tag damit herum. Hernach beim Schlafengehen legen sie es unter den Kopf in der Christnacht und sprechen dabei:
“jetzt hab ich mich gelegt und Brot bei mir, wenn doch nun mein Feinslieb käme und äße mit mir!”