Deutsche Lyrik seit Liliencron
Chapter 9
Sattelleere, Sturz und Staub, Klingenkreuz und Scharten. Trunken schwenkt die Faust den Raub Flatternd der Standarten.
Täuschend gleicht des Feindes Flucht Tollgehetzten Hammeln. Freudig ruft in Wald und Schlucht Mein Signal zum Sammeln.
Schweiß und Blut an Stirn und Schwert, Laß es tropfen, tropfen. Dankbar muß ich meinem Pferd Hals und Mähne klopfen.
Nächtens dann beim Feuerschein, Nach des Kampfes Mühe, Fielen mir Gedanken ein Aus des Tages Frühe.
Schwamm ich viele Jahre lang Steuerlos im Leben, Hat mir heut der scharfe Gang Wink und Ziel gegeben.
Tod in Ähren.
Im Weizenfeld, in Korn und Mohn, Liegt ein Soldat, unaufgefunden, Zwei Tage schon, zwei Nächte schon, Mit schweren Wunden, unverbunden.
Durstüberquält und fieberwild, Im Todeskampf den Kopf erhoben. Ein letzter Traum, ein letztes Bild, Sein brechend Auge schlägt nach oben.
Die Sense sirrt im Ährenfeld, Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden, Ade, ade, du Heimatwelt -- Und beugt das Haupt, und ist verschieden.
Am Strande.
Der lange Junitag war heiß gewesen, Ich saß im Garten einer Fischerhütte, Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen, Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen In bäurisch buntem Durcheinander prunken. Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage Die Riegel vorzuschieben; stiller ward Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich In hoher Luft; und aus der Nähe schlug Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn. Im Gutenacht der Sonne blinkerten Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel, Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten. Den Strom hinab glitt feierlich und stumm, Gleich einer Königin, voll hoher Würde, Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn. Sie alle winken ihre letzten Grüße Den letzten Streifen ihrer Heimat zu. In manchen Bart mag nun die Mannesträne, So selten sonst, unaufgehalten tropfen. In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß Der Lebenswellen hart und starr geworden, Klingt einmal noch ein altes Kinderlied. Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land! Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen, Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen, Und für sich selbst dem andern. Jeder so Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen, Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht. Geboren werden, leiden dann und sterben, Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben. Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht, Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft, Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden. Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben: Vom sichern Sitze des Amphitheaters In die Arena lächelnd niederschaun, Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird Vom Tigertier der Armut und der Schulden ...
Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel. Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom, Indessen aus der Kegelbahn im Dorf Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen. In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund, Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.
Letzter Gruß.
Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter, Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke, Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken, Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.
Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen, Wir hatten gestern Abschied schon genommen, Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern, Was mußte noch einmal die Marter kommen.
Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken; Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet. Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen, Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.
Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch Und ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen, Ein letzter Gruß von dir, von mir -- vorüber, Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.
Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen, Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet, Die roten Ströme sind zurückgeflossen, Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.
Der Ländler.
Auf die Terrasse war ich hinbefohlen, Der jugendfrischen, schönen, geistvollen, Holdseligen Prinzessin vorzulesen. Ich wählte Tasso. Durch den Sommerabend Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt. Die Sonne war gesunken. Rot Gewölk Stand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen. Der Garten vor uns, tief gelegen, hüllt Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr. Und eine Nachtigall beginnt. Der Diener Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht Nicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt. Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik. Und deutlich aus der Finsternis heraus, Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster. Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.
Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht, Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen. Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen. Ich trage unterdessen weiter vor, Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den Trubel Im Tal an mir vorüberziehen lassend, Und jene Verse hab' ich grad getroffen: »Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein, Der schäumend wallt und brausend überquillt?« Als ich die Lider hob und die Prinzeß, Die säumig ihre Linke dem Geländer Hinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie, Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut, Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtig Hinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.
»Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen, Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?« Und sie, ein Seufzer: »Ach, ich tät's so gern!«
Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben, Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward, Das »so«, das »gern«, wenn ich's nur treffen könnte, Wie sie das sagte: »Ach, ich tät's so gern!«
Wer weiß wo.
Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm, Auf roßzerstampften Sommerhalm Die Sonne schien. Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus, Und mancher kehrte nicht nach Haus Einst von Kolin.
Ein Junker auch, ein Knabe noch, Der heut das erste Pulver roch, Er mußt' dahin. Wie hoch er auch die Fahne schwang, Der Tod in seinen Arm ihn zwang. Er mußt' dahin.
Ihm nahe lag ein frommes Buch, Das stets der Junker bei sich trug, Am Degenknauf. Ein Grenadier von Bevern fand Den kleinen erdbeschmutzten Band Und hob ihn auf.
Und brachte heim mit schnellem Fuß Dem Vater diesen letzten Gruß, Der klang nicht froh. Dann schrieb hinein die Zitterhand: »Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand. Wer weiß wo.«
Und der gesungen dieses Lied, Und der es liest, im Leben zieht Noch frisch und froh. Doch einst bin ich, und bist auch du, Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh', Wer weiß wo.
In einer großen Stadt.
Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt Bald der, bald jener, einer nach dem andern. Ein Blick ins Auge, und vorüber schon. Der Orgeldreher dreht sein Lied.
Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts Bald der, bald jener, einer nach dem andern. Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon. Der Orgeldreher dreht sein Lied.
Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt. Querweg die Menschen, einer nach dem andern. Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon. Der Orgeldreher dreht sein Lied.
Vor Last und Lärm.
Die frühste Sonne legt sich übers Feld, Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen. Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen Bin ich dem Tore schon weitab entrückt. Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen? Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte, Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln. Das linke Knie hat er herangezogen; Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl. Vorüber -- schon verliert sich das Geräusch. Was ist denn das dort rechts am Meilenstein? Ein kleiner, weißer Bologneserhund Mit blutgeröteten Behangesspitzen, Von tauerweichter Erde arg beschmutzt. Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens. Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht? Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt: Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich Im Eingeweide eines toten Fuchses. Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an; Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn, Nur seine Augen folgen meinem Schritt. Vorüber -- lautlos alles noch und ruhig. Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest. Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er, Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet. Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln, Die Hörner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug -- Geschla -- -- -- fen.
Die Straße, die mein Fuß lebendig geht, Zieht sich in schnurgerader Linie hin, Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht. Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt, Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer. Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's! Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus. An meinen Stock knüpf' ich das Banner an, Und an den Sonnenschirm das ihre sie. Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen, Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen. Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf; Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug -- Geschla -- -- -- fen.
Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung, Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt, Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.
Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann, Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile. Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten. Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann --
Indessen brechen Horn und Trommel ab -- Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.
Weite Aussicht.
Steht eine Mühle am Himmelsrand, Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand, Und mahlt immerzu, immerzu.
Hinter der Mühle am Himmelsrand, Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt, Mahlt immerzu, immerzu.
Erinnerung.
Die großen Feuer warfen ihren Schein Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben. Wir Offiziere saßen um den Holzstoß Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt. So manches Wort, das in der Sommernacht Im Flüstern oder laut gesprochen wird, Verweht der Wind, begräbt das stille Feld. Die Musketiere sangen: »Stra -- a -- ßburg. O Stra -- a -- ßburg ...« Da fühlt' ich eine Hand, Die leise sich auf meine Schulter legte. Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer, Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern Quartier gehabt; der nun, verabredet, Mit seinem Töchterchen gekommen war. Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte, Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt. Der Alte mußte neben uns sich setzen, Und während ihm das Glas die Freunde füllten, Führt' ich, von allem ihr Erklärung gebend, Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen. Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund, Ihr lächelnd und ihr staunend großes Auge. Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand, Und rote Funken knisternd uns umtanzten. Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen. Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten, Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken, An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz. Wir traten zögernd dann den Rückweg an, -- Es stahl der Mond sich eben in die Bäume, Und in der Ferne, bei den Doppelposten, Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schuß. -- Wir gingen Hand in Hand, Und so, halb stehend, halb im Weitergehn, Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren. Ich fühlte, wie die jungen Lippen mir Entgegenkamen, und ich seh' noch heut Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ... Als längst der Alte mit ihr weggegangen, Saß ich im Kreise meiner Kameraden Und dachte voller Sehnsucht an das Mädchen, Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken. Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt Und deckte sorgsam mir den Mantel über. Seitdem bin ich durch manches Land gezogen, Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.
Kalter Augusttag.
I.
Wir standen unter alten Riesenulmen, An unseres Gartens Rand. Mein Arm umschlang Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt, Das schöne, blasse, still an meiner Schulter. Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd Zogst fester du das Tuch um deinen Hals. In grauer Luft, unübersehbar, lag Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet. Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten Auf seine Kühe, immer hör' ich noch Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden, Vom Winde hergetragnen Worte trafen. Und eine Öde, nordisch unbehaglich, Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten, Laut krächzend, übern Garten. Schläfrig zog Am Horizont die Mühle ihre Kreise. Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks. Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.
II.
Und wieder stand ich unter unsern Ulmen, Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume, In blauer Luft schaut' ich am Horizont Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn. Und doch, ich sah nur graue Todesnebel, Und teilnahmlos kehrt' ich zurück ins Haus.
Auf dem Deiche.
Es ebbt. Langsam dem Schlamm und Schlick umher Enttauchen alte Wracks und Besenbaken, Und traurig hüllt ein graues Nebellaken Die Hallig ein, die Watten und das Meer.
Der Himmel schweigt, die Welt ist freudenleer. Nachrichten, Teufel, die mich oft erschraken, Sind Engel gegen solchen Widerhaken, Den heut ins Herz mir wühlt ein rauher Speer.
Wie sonderbar! Ich wollte schon verzagen Und mich ergeben ohne Manneswürde, Da blitzt ein Bild empor aus fernen Tagen:
Auf meiner Stute über Heck' und Hürde Weit der Schwadron voran seh' ich mich jagen In Schlacht und Sieg, entlastet aller Bürde.
Sizilianen.
Die Insel der Glücklichen.
Das Hängelämpchen qualmt im warmen Stalle, In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen. Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle, Träumen vom wunderbaren Düngerwühlen. Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle Dem Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen. Und Knaben, Kühe, Hühner lassen alle Getrost den Strom der Welt vorüberspülen.
+Souvenir de la Malmaison.+
Die menschenblasse Rose legte ich Auf deine kalten, überkreuzten Hände, Und strich dein Haar zurück und pflegte dich, Ob ich dein jubelnd Leben wiederfände. Im Zimmer, irrgeflogen, regte sich Ein Schmetterling, die alte Grablegende. Dein Sarg schloß zu, der Kummer fegte mich In fernes Land aus trostlosem Gelände.
Sommernacht.
An ferne Berge schlug die Donnerkeulen Ein rasch verrauschtes Nachmittagsgewitter, Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen, Und singend kehrte Winzervolk und Schnitter. Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen Genügsam himmelan, ein luftig Gitter. Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen, Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
Nach der Hühnerjagd.
Erhitzt und müde, durstig, stark verbrannt, Kehr' ich in meine Waldherberge ein. Gewehr und Mütze häng' ich an die Wand, Den Eimer sucht mein Hund und schlappt ihn rein. Die junge Witwe lehnt am Schenkenstand, Freundarm und stumm, im letzten Abendschein, Dann lächelt sie verstohlen, abgewandt, Der Gäste Aufbruch läßt uns bald allein.
Der Hohenfriedeberger.
Die Instrumente her! daß ihr euch sputet, Wenn einst der Tod macht in mein Buch den Klecks, Den großen Klecks, der alles überflutet. Den Schlachtentrumpfer blast, und nicht perplex! Den Hohenfriedeberger trommelt, tutet, Mit seinen Pauken sei mein Leben ex! Und komm' ich oben an so unvermutet, Aufbrüll' ich: Vivat Fridericus Rex!
Einer Toten.
Ach, daß du lebtest! Tausend schwarze Krähen, Die mich umflatterten auf allen Wegen, Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten, Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit. Daß du noch lebtest! Schwer und kalt bedrängt Die Erde deinen Sarg und hält dich fest. Ich geh' nicht hin, ich finde dich nicht mehr. Und Wiedersehn? Was soll ein Wiedersehn, Wenn wir zusammen Hosianna singen, Und ich dein Lachen nicht mehr hören kann? Dein Lachen, deine Sprache, deinen Trost:
Der Tag ist heut so schön. Wo ist Chasseur? Hol aus dem Schranke deinen Lefaucheux, Und geh ins Feld, die Hühner halten noch. Doch bieg nicht in das Buchenwäldchen ab, Und leg dich nicht ins Moos und träume nicht. Paß auf die Hühner und sei nicht zerstreut, Blamier dich nicht vor deinem Hund, ich bitte. Und alle Orgeldreher heut verwünsch' ich, Die luftgetragnen Ton von fernen Dörfern Dir zusenden, ich seh' dann keine Hühner. Und doch, die braune Heide liegt so still, Dich rührt ihr Zauber, laß dich nur bestricken.
Wir essen heute abend Erbsensuppe, Und der Margaux hat schon die Zimmerwärme; Bring also Hunger mit und gute Laune. Dann liest du mir aus deinen Lieblingsdichtern. Und willst du mehr, wir gehen an den Flügel Und singen Schumann, Robert Franz und Brahms. Die Geldgeschichten lassen wir heut ruhn. Du lieber Himmel, deine Gläubiger Sind keine Teufel, die dich braten können, Und alles wird sich machen. Hier noch eins: Ich tat dir guten Kognak in die Flasche; Grüß Heide mir und Wald und all die Felder, Die abseits liegen, und vergiß die Schulden. Ich seh' indessen in der Küche nach, Daß uns die Erbsensuppe nicht verbrennt.
Daß du noch lebtest! Tausend schwarze Krähen, Die mich umflatterten auf allen Wegen, Entflohen, wenn sich deine Tauben zeigten, Die weißen Tauben deiner Fröhlichkeit. Ach, daß du lebtest!
Gestorbene Liebe.
In nackter Wüste ruht ein Löwenpaar, Das gelbe Fell vom gelben Sand abhebend. Im Schlafe dehnen sich die trägen Glieder. Erwachend, leckt bedächtig eins das andre, Und streckt und reckt sich, gähnt, und schläft von neuem.
Ein zweiter Leuenherr zeigt sich in Fernen. Er nähert sich, er stockt, als die Genossen Er unbekümmert vor sich liegen sieht. Nun peitscht sein Schweif, nach Katzenart, die Erde, Er reißt den Rachen auf wie eine Torfahrt, Und Donner rollt ihm aus dem heißen Schlunde. Er kauert sich, und knurrt, und äugt hinüber.
Schwerfällig wird das Ehepärchen munter, Schwerfällig kommt es endlich auf die Beine. Der zweite Nobel holt zum Sprunge aus, Und springt, und springt dem Weibchen an die Seite. Das Weibchen dann trabt mit dem Seladon Gemütlich einem Felsendache zu. Das Männchen stutzt, will brüllen, schweigt, Und legt sich wieder nieder: Lat ehr lopen.
Der Genius.
Gewitter drückt auf Sanssouci, Ich stand im Park und schaute Zum Schloß hinan, das ein Genie Für seine Seele baute.
Und Nacht: Aus schwarzer Pracht ein Blitz, Vom Himmel jäh gesendet, Und oben steht der Alte Fritz, Wo die Terrasse endet.
Ein Augenblick! Grell, beinernblaß, Den Krückstock schräg zur Erde, Verachtung steint und Menschenhaß Ihm Antlitz und Gebärde.
Einsamer König, mir ein Gott, Ich sah an deinem Munde Den herben Zug von Stolz und Spott Aus deiner Sterbestunde.
Denselben Zug, der streng und hart Verrät die Adelsgeister, Der aus der Totenmaske starrt Bei jedem großen Meister.
Die Spinnerin von Sankt Peter.
Auf der Magdalenenspitze In den Dünen von Sankt Peter Sitzt in hellen Sommernächten Stumm die schöne Frau Maleen.
Ihr zur Seite steht das Spinnrad, Doch die Hände ruhn im Schoße, Ihrer Augen Sehnsuchtsketten Ankern in der wilden See.
Sieht sie einer aus der Ferne, Macht er schaudernd kehrt. Ihr Schatten Bringt ihm noch vor Jahreswende Unglück oder Tod ins Haus.
Gestern in der Julimondluft Sah ich sie aus großer Weite. Plötzlich zog mich toller Fürwitz, In der Nähe sie zu sehn.
Tiefe Ruhe. Flutgewisper. Nur die Düneneule flattert Leise, wie mit Vampirflügeln, Wohlig durch die weiche Nacht.
Nah und näher, immer näher, Zagen Schrittes, offnen Mundes, Mit weitaufgerißnen Augen, Komm' ich endlich zu ihr hin.
Und mich dünkt, die dort ich finde, Ist nicht mehr als eine Puppe, Eine Puppe aus dem Vorstadt- Wachsfigurenkabinett.
Da -- entsetzlich! dreht sie langsam, Lautlos-ruckweis wie ein Uhrwerk, Ihre Stirn nach meiner Stirne: Grinst mich eine Leiche an?
Ohnmächtig brach ich zusammen, Bis der Morgentau mich weckte. Kalt und keusch, unendlich einsam Lag das unbewegte Meer.
Märztag.
Wolkenschatten fliehen über Felder, Blau umdunstet stehen ferne Wälder.
Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen, Kommen schreiend an in Wanderzügen.
Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen Überall ein erstes Frühlingslärmen.
Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder, Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen, Wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen.
Letzter Wunsch.
Den Hengst, den Hengst! Gebt meinen Hengst mir! Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern. Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet. Gebt meinen Hengst mir, Den Hengst, den Hengst!
Mir nach, mir nach! Degen heraus jetzt! Sturmmarsch hör' ich schlagen, höre euer Hurra. In Rauch und Blut seh' ich euch, in Rauch und Flammen. Degen heraus jetzt, Mir nach, mir nach!
Zum Sieg, zum Sieg! Erde, erbebe! Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Wanken. Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Fahnen flattern. Erde, erbebe, Zum Sieg, zum Sieg!
Komm, Tod! komm, Tod! Feind ist erschlagen! Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Auge: Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe! Feind ist erschlagen! Komm, Tod! komm, Tod!
Oskar Loerke.
Geboren am 13. März 1884 zu Jungen im Kreise Schwetz, Westpreußen. -- Wanderschaft 1911. Gedichte 1916.
Frühlingswille.
Bei einer stehn im Fensterrahmen, Im Wechselwort das Herz erschüttern, Und leise fort -- es gibt kein Amen -- Von unsern Müttern Sprechen und der Mütter Müttern Und den Urmüttern ...
Und atmen in die Blust der Kirschen, Gezähmte wilde Enten füttern, Und singen von den weißen Hirschen Und von den Müttern Und der Mütter Müttern Und den Urmüttern ...
Bei gelbem Wein die Nacht verzechen, Nach Ewigkeit umschlungen stöhnen, Und von den Abenteuern sprechen, Die unsren Söhnen Begegnen und den Söhnen Der Enkelsöhne ...
Nirwana.
Das Tal ist wie aus klarem Golde, Es stehn im Tale ohne Hauch Die Bäume schief wie Trunkenbolde An Seen diamantenen Lichts.