Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 8

Chapter 83,470 wordsPublic domain

Arno Holz.

Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große »Insel«-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk 1919.

Ein Abschied.

Sein Freund, der Türmer, war noch wach, wie Silber gleißte das Rathausdach, und drüber stand der Mond.

Er wußte kaum, wie schwer er litt, doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt, und das Ränzel drückte ihn.

Die Gasse war so lang, so lang, und dazu noch die Stimme, die über ihm sang: Wann's Mailüfterl weht!

Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun, und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun, stand weiß vor dem Domportal.

Hier stand er eine Weile still und hörte, wie eine Dohle schrill hoch oben ums Turmkreuz pfiff.

Dann löschte links in dem kleinen Haus der Löwenwirt seine Lichter aus, und die Domuhr schlug langsam zehn.

Die Brunnen rauschten wie im Traum, die Nachtigall schlug im Lindenbaum, und alles war wie sonst!

Da riß er die Rose sich aus dem Rock und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock, daß die Funken stoben, und ging.

Das Lämpchen flackerte rot überm Tor, und der Wald, in den sich sein Weg verlor, stand schwarz im Mondlicht da.

Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie, die Farren reichten ihm bis übers Knie, und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte ...

Erst droben auf dem Heiligenstein fiel ihm noch einmal alles ein, als der Weg um die Buche bog.

Die Blätter rauschten, er stand und stand und sah hinunter unverwandt, wo die Dächer funkelten!

Dort stand der Garten und dort das Haus, und jetzt war das aus, und jetzt war das aus, und -- die Dächer funkelten!

Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm: Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm! Doch er kam nie wieder.

Ninon.

Ninon heißt sie. Ihre Mutter handelt nachts mit Apfelsinen an der Weidendammer Brücke. Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.

Stöckelschühchen. Sehr kokett. Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen, das auf ihrem krausen Köpfchen weiß und niedlich balanciert.

Doch der kleine Marmorschlingel, der dem Spiegel visavis grad vor einem Makartstrauß hockt, läßt sich dadurch nicht verblüffen.

Immer, wenn ihr Pfauenwedel ihn frühmorgens abstäubt, lacht er. Ja, die Stutzuhr kann sogar deutlich hören, was er sagt:

»Tu mir den Gefallen, Kind, und kokettiere nicht so viel! Ninon nennt die gnädige Frau dich? Geh, du heißt ja gar nicht so!

Martha heißt du. Dein Papa war der gnädige Herr von Dingsda. Vor drei Wochen in Neuyork starb er als Konditorlehrling.

Deine Mutter lebt. Sie schielt, hinkt und schnupft. Im übrigen handelt sie mit Apfelsinen an der Weidendammer Brücke.«

Aus »Phantasus«.

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne, vom Hof her stampfte die Fabrik. Es war die richtige Mietskaserne mit Flur- und Leiermannsmusik! Im Keller nistete die Ratte, Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier, und bis ins fünfte Stockwerk hatte das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort saß er nachts vor seinem Lichte -- duck nieder, nieder, wilder Hohn! -- und fieberte und schrieb Gedichte, ein Träumer, ein verlorner Sohn! Sein Stübchen konnte grade fassen ein Tischchen und ein schmales Bett; er war so arm und so verlassen, wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne, die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! -- ihm hatte leuchtend auf die Stirne der Genius seinen Kuß gedrückt! Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken, er zitternd Vers an Vers gereiht, dann schien auf ewig ihm versunken die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Bluse, sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot, er aber stammelte: O Muse! und wußte nichts von seiner Not. Er saß nur still vor seinem Lichte, allnächtlich, wenn der Tag entflohn, und fieberte und schrieb Gedichte, ein Träumer, ein verlorner Sohn!

* * *

Die Nacht liegt in den letzten Zügen, der Regen tropft, der Nebel spinnt ... O, daß die Märchen immer lügen, die Märchen, die die Jugend sinnt! Wie lieblich hat sich einst getrunken der Hoffnung goldner Feuerwein! Und jetzt? Erbarmungslos versunken in dieses Elend der Spelunken -- O Sonnenschein! O Sonnenschein!

Nur einmal, einmal noch im Traume laßt mich hinaus, o Gott, hinaus! Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume vor meines Vaters Försterhaus. Der Mond lugt golden um den Giebel, der Vater träumt von Mars-la-Tour, lieb Mütterchen studiert die Bibel, ihr Nestling koloriert die Fibel, und leise, leise tickt die Uhr.

O goldne Lenznacht der Jasminen, o wär ich niemals dir entrückt! Das ewige Rädern der Maschinen hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt! Einst schlich ich aus dem Haus der Väter nachts in die Welt mich, wie ein Dieb, und heut -- drei kurze Jährchen später! -- wie ein geschlagener Missetäter, schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!

Wozu dein armes Hirn zerwühlen? Du grübelst, und die Weltlust lacht! Denn von Gedanken, von Gefühlen hat noch kein Mensch sich satt gemacht! Ja, recht hat, o du süße Mutter, dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust: Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther? Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter erhabner als der ganze Faust!

Vor meinem Fenster ...

Vor meinem Fenster singt ein Vogel.

Still hör ich zu; mein Herz vergeht.

Er singt, was ich als Kind ... so ganz besaß und dann -- vergessen!

Rote Rosen ...

Rote Rosen winden sich um meine düstre Lanze.

Durch weiße Lilienwälder schnaubt mein Hengst.

Aus grünen Seeen, Schilf im Haar, tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.

Ich reite wie aus Erz.

Immer, dicht vor mir, fliegt der Vogel Phönix und singt.

In einem Garten ...

In einem Garten, unter dunklen Bäumen, erwarten wir die Frühlingsnacht. Noch glänzt kein Stern.

Die Büsche schweigen.

Plötzlich, aus einem Fenster, leise, getragen, schwellend, die tiefen, klaren, reinen, lichten, glutend golddurchwirkten Töne einer Geige.

Der Goldregen blinkt, der Flieder duftet, in unseren Herzen -- geht der Mond auf!

Aus weißen Wolken ...

Aus weißen Wolken, schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend, schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß!

Spiegelnde Seeen, selige Wiesen, singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!

In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen wohnen die alten Götter!

Noch immer, abends, wenn die Sonne purpurn sinkt, glühn seine Gärten; vor ihren Wundern bebt mein Herz und lange ... steh ich.

Sehnsüchtig!

Dann naht die Nacht, die Luft verlischt, wie zitterndes Silber blinkt das Meer, und über die ganze Welt hin webt ein Duft ... wie von Rosen!

Ricarda Huch.

Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. -- Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.

Sehnsucht.

Um bei dir zu sein, Trüg' ich Not und Fährde, Ließ' ich Freund und Haus Und die Fülle der Erde.

Mich verlangt nach dir, Wie die Flut nach dem Strande, Wie die Schwalbe im Herbst Nach dem südlichen Lande.

Wie den Alpsohn heim, Wenn er denkt, nachts alleine, An die Berge voll Schnee Im Mondenscheine.

Unersättlich.

Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl, Klang und duftendem Blütenguß Mein verlangendes Herz einmal Füll mir, seliger Überfluß!

Gib mir ewiger Jugend Glanz, Gib mir ewigen Lebens Kraft, Gib im flüchtigen Stundentanz Ewig wirkende Leidenschaft!

Aus dem Meere des Wissens laß Satt mich trinken in tiefem Zug! Gib von Liebe und gib von Haß Meiner Seele einmal genug.

Gib, daß Tau der Erfüllung mir In die Schale des Herzens fließt, Bis sie, selber verschwendend, ihr Überschäumendes Glück ergießt!

Du.

Seit du mir ferne bist, Hab' ich nur Leid, Weiß ich, was Sehnsucht ist Und freudenlose Zeit.

Ich hab' an dich gedacht Ohn' Unterlaß Und weine jede Nacht Nach dir mein Kissen naß.

Und schließt mein Auge zu Des Schlafes Band, So wähn' ich, das tust du Mit deiner weichen Hand.

Heimatlos.

Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe, Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe. Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume, Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume. Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne, Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben! Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben. Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen; Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen. Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen, Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen. Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle, Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle; Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen, Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen. -- »Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter, Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter. An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.« --

Erinnerung.

Einmal vor manchem Jahre War ich ein Baum am Bergesrand, Und meine Birkenhaare Kämmte der Mond mit weißer Hand.

Hoch überm Abgrund hing ich Windebewegt auf schroffem Stein. Tanzende Wolken fing ich Mir als vergänglich Spielzeug ein.

Fühlte nichts im Gemüte Weder von Wonne noch von Leid, Rauschte, verwelkte, blühte, In meinem Schatten schlief die Zeit.

Verstoßen.

Ich weiß, daß ich sterben muß An deinem Lieben. Du hast mich ins Elend getrieben Mit deinem Kuß.

Ich irre verbannt, allein Und ohne Frieden, Seit ich von der Welt mich geschieden, Um dein zu sein.

Nie werd' ich mein Vaterland, Das süße, schauen; Nie wirst du den Herd für uns bauen Mit froher Hand.

Oft streckst du die Arme aus, Wenn ich dir fehle. So fern bin ich; nur meine Seele Irrt um dein Haus.

Herbst.

Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen? Nicht wie die Welkenden fromm Wollen wir beide zu Tode wallen -- Küsse mich, komm!

Wolkenjagd oben in fernen Räumen! Köstlich und wonnevoll Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen, Übermutstoll.

Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen Alles in einem Zug! Größeste Fülle, doch dem Bedürfen Nimmer genug!

Laß uns das weinleere Glas zerschmettern, Komm von dem Gipfel ins Grab, Gleich unverletzlichen ewigen Göttern Lächelnd hinab!

Ankunft im Hades.

In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast. »Sei, Genosse, uns willkommen! Sprich, was du vernommen Auf der Erde schönen Fluren hast.

Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz Und von rosenroten Wangen; Sag, ob fröhlich schwangen Kleine Mücken den geschwinden Tanz.

Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond? Über unsern Leichensteinen Sahst du uns beweinen Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?

Ihnen strömt der Tränen holder Tau, Der befreit und löst die Schmerzen, Wie das Eis im Märzen Frühlingswinde wonnevoll und lau.«

-- »Lenz war droben, da von dannen ich gemußt. Mit hinab in eure Grüfte Nahm ich Veilchendüfte: Diesen vollen Strauß an meiner Brust.« --

Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual Muß auch Tantalus sich wenden; Jäh aus müß'gen Händen Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.

Liebesreime.

I.

Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche Lied Kann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang; Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang, Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied? Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief, O, wie wurde mir dabei die Seele weit; Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief, Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

II.

Ich hatte so viel dir zu berichten, Neuigkeiten, allerhand Geschichten; Aber nun bist du auf einmal so nah Mit diesem Kinn und diesen Wangen, Alle Gedanken sind mir vergangen -- Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde, Nur eine Spanne von meinem Munde, Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!

III.

Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen Über alles schön und herrlich ist geraten: Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen, Mond und Sonne waren seine Paten. Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen: Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen. Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne: Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.

Isolde Kurz.

Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz. -- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.

Südliche Weise.

Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen, Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen, Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.

Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, -- Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel, Ich aber bin einst Ministrant gewesen.

Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten! Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß Einhundert Jährlein in der Hölle braten.

Die erste Nacht.

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab. O, wo ist aller Glanz, der dich umgab? In kalter Erde ist dein Bett gemacht. Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?

Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht, Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht, Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.

Die Stunden schleichen -- schläfst du bis zum Tag? Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag? Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist, Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

Mädchenliebe.

Nächtlich war's am stillen Weiher, Wo ich ihm zur Seite stand, Als im Wind mein langer Schleier Sich um seinen Nacken wand.

Ach, was ließ ich's nur geschehen! Daß er fest den Knoten schlang, Mich an seiner Hand zu gehen, Ein gefangnes Füllen, zwang!

Denn seitdem auf allen Wegen Fühlt' ich unzerreißlich stets Über mich und ihn sich legen Magisch jenes Schleiers Netz.

Seit mich gar sein Arm umwindet, Schwand der Freiheit letzter Rest. Fessel, die uns beide bindet, Liebe Fessel, halte fest!

Die Nicht-Gewesenen.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen, Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen, Tröstet die alles heilende Zeit. Aber die Träume, die nie errungnen, Nie vergeßnen und nie bezwungnen, Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

Else Lasker-Schüler.

Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.

Wir beide.

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße, Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif, Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif, Und wir beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben, Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen, Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen, Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...

Die düstere Erde hing noch grün am Baum.

Mairosen.

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen, Mich nicht zu verführen, Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen, Aber er machte drei Kreuze Und ich glaubte heiß zu erfrieren.

Nun lieg' ich im düstern Nadelwald, Und der Herbst saust kalte Nordostlieder Über meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird, Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ...

Chaos.

Die Sterne fliehen schreckensbleich Vom Himmel meiner Einsamkeit, Und das schwarze Auge der Mitternacht Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder In dieser Todverlassenheit! Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit Zwischen grauer Nacht der Urangst ...

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich Und stürze mich grausam nieder Und riß mich jäh an mich! Und es lege eine Schöpferlust Mich wieder in meine Heimat Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seeleleer, Es blühen dort keine Rosen Im warmen Odem mehr. -- ... Möcht' einen Herzallerliebsten haben! Und mich in seinem Fleisch vergraben.

Die Liebe.

Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide, Wie pochendes Erblühen Über uns beide.

Und ich werde heimwärts Von deinem Atem getragen, Durch verzauberte Märchen, Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt Mit deinen urtiefen Zügen, Und es kommen die Erden Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide -- Der weltalte Traum Segnet uns beide.

Liebesflug.

Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich, Jäh schrien seine Lippen, Wie der geöffnete Erdmund! Und Gärten berauschten am Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände, Die verlöteten wie Ringe sich. Und er sprang mit mir auf die Lüfte Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag Wie eine glückselige Mutter. Und die Mädchen blickten schwärmerisch, Nur meine Seele lag müd' und zag.

Eva.

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt, Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren, Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit Wie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele, O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen, Und du zitterst von Ahnungen Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf deinem Leben, Wie eine tausendstämmige Erinnerung. Und du bist so blindjung, so adamjung ... Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.

Mein Volk.

Der Fels wird morsch, Dem ich entspringe Und meine Gotteslieder singe ... Jäh stürz' ich vom Weg Und riesele ganz in mir Fernab, allein über Klagegestein Dem Meer zu.

Hab' mich so abgeströmt Von meines Blutes Mostvergorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall In mir, Wenn schauerlich gen Ost Das morsche Felsgebein, Mein Volk, Zu Gott schreit.

Mein Liebeslied.

Wie ein heimlicher Brunnen Murmelt mein Blut, Immer von dir, immer von mir. Unter dem taumelnden Mond Tanzen meine nackten, suchenden Träume, Nachtwandelnde, fiebernde Kinder, Leise über düstere Hecken. O, deine Lippen sind sonnig ... Diese Rauschedüfte deiner Lippen ... Und aus blauen Dolden, silberumringt Lächelst du ... du, du. Immer das schlängelnde Geriesel Auf meiner Haut Über die Schultern hinweg -- Ich lausche ... Wie ein heimlicher Brunnen Murmelt mein Blut ...

Mein Wanderlied.

Zwölf Morgenhellen weit Verschallt der Geist der Mitternacht, Und meine Lippen haben ausgedacht In stolzer Linie mit der Ewigkeit.

Torabwärts schreitet das Verflossene, Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht, Ihr tausendheißes, weißes Licht Scheint mir voran ins Ungegossene.

Und ich wachse über all Erinnern weit. So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden, Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

O, meine schmerzliche Lust.

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide Und schmachtet in der Dürre. Wie die Kleider um den Tag brennen ... Alle Lande bäumen sich. Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel Tuuh! Tuuh! Wie die Silberähren Um meine Füße sieden ... O, meine schmerzliche Lust Weint wie ein Kind.

Maienregen.

Du hast deine warme Seele Um mein verwittertes Herz geschlungen, Und all seine dunkeln Töne Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen Mit seiner wilden Wunde, Und wunschlos in deinem Arme Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen, Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum -- Als fiele ein Maienregen Auf meinen greisen Traum.

Weltende.

Es ist ein Weinen in der Welt, Als ob der liebe Gott gestorben wär', Und der bleierne Schatten, der niederfällt, Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen ... Das Leben liegt in Aller Herzen Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen ... Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, An der wir sterben müssen.

Mein Liebeslied.

Auf deinen Wangen liegen Goldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind, Dein Blut rauscht, wie mein Blut --

Süß An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich -- -- Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ich Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen! Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist, Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir, Ich sehe dein Herz sternen.

Schillernde Eidechsen Sind dein Geweide.

Du bist ganz aus Gold -- Alle Lippen halten den Atem an.

Detlev von Liliencron.

Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika, kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er die »Adjutantenritte« schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine früher unter andern Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred. Gute Nacht.

Rückblick.

Eh mir aus der Scheide schoß Blitz und blank der Degen, Ließ noch einmal Mann und Roß Kurzer Rast ich pflegen.

Und die Hand als Augenschild, Meine Lider sanken, Rasch vorbei, ein wechselnd Bild, Flogen die Gedanken.

Kinderland, du Zauberland, Haus und Hof und Hecken. Hinter blauer Wälderwand Spielt die Welt Verstecken.

Weiter nun in bunten Reihn Zog mein wüstes Leben. Wenig Taten, vieler Schein, Windige Spinneweben.

Würfel, Weiber, Wein, Gesang, Jugendrasche Quelle, Und im wilden Wogendrang Schwamm ich mit der Welle ...

Doch Dragoner glänzen hell Dort an jenem Hügel. An die Pferde! Fertig! Schnell Klebt der Sporn am Bügel.

Zügel fest, Fanfarenruf, Donnernd schwappt der Rasen. Bald sind wir mit flüchtigem Huf An den Feind geblasen.

Anprall, Fluch und Stoß und Hieb, Kann den Arm nicht sparen, Wo mir Helm und Handschuh blieb, Hab' ich nicht erfahren.