Deutsche Lyrik seit Liliencron
Chapter 7
Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere. Unsere Hände brannten wie Kerzen an. Und wir sahen die Adern darin, und das schwere Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.
Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus. Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen, In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange, Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum, Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
Alle Landschaften haben ...
Alle Landschaften haben Sich mit Blau erfüllt. Alle Büsche und Bäume des Stromes, Der weit in den Norden schwillt.
Leichte Geschwader, Wolken, Weiße Segel dicht, Die Gestade des Himmels dahinter Zergehen in Wind und Licht.
Wenn die Abende sinken Und wir schlafen ein, Gehen die Träume, die schönen, Mit leichten Füßen herein.
Zimbeln lassen sie klingen In den Händen licht. Manche flüstern und halten Kerzen vor ihr Gesicht.
Ophelia.
I.
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, Und die beringten Hände auf der Flut Wie Flossen, also treibt sie durch die Schatten Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. Warum sie starb? Warum sie so allein Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht Wie eine Hand die Fledermäuse auf. Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht, Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
II.
Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. Der Felder gelbe Winde schlafen still. Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab. Und bei der Sensen blanken Melodien Träumt sie von eines Kusses Karmoisin Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen, Glocken und Geläut. Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien. Last schwerer Brücken, die darüber ziehn Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit, Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht Der westlich hohe Tag des Sommers spät, Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, Durch manchen Winters trauervollen Port. Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, Davon der Horizont wie Feuer raucht.
Deine Wimpern, die langen ...
Deine Wimpern, die langen, Deiner Augen dunkle Wasser, Laß mich tauchen darein, Laß mich zur Tiefe gehn.
Steigt der Bergmann zum Schacht Und schwankt seine trübe Lampe Über der Erze Tor, Hoch an der Schattenwand,
Sieh, ich steige hinab, In deinem Schoß zu vergessen, Fern was von oben dröhnt, Helle und Qual und Tag.
An den Feldern verwächst, Wo der Wind steht, trunken vom Korn, Hoher Dorn, hoch und krank Gegen das Himmelsblau.
Gib mir die Hand, Wir wollen einander verwachsen, Einem Wind Beute, Einsamer Vögel Flug,
Hören im Sommer Die Orgel der matten Gewitter, Baden in Herbsteslicht, Am Ufer des blauen Tags.
Manchmal wollen wir stehn Am Rand des dunklen Brunnens, Tief in die Stille zu sehn, Unsere Liebe zu suchen.
Oder wir treten hinaus Vom Schatten der goldenen Wälder, Groß in ein Abendrot, Das dir berührt sanft die Stirn.
Göttliche Trauer, Schweige der ewigen Liebe. Hebe den Krug herauf, Trinke den Schlaf.
Einmal am Ende zu stehen, Wo Meer in gelblichen Flecken Leise schwimmt schon herein Zu der September Bucht.
Oben zu ruhn Im Hause der dürftigen Blumen, Über die Felsen hinab Singt und zittert der Wind.
Doch von der Pappel, Die ragt im Ewigen Blauen, Fällt schon ein braunes Blatt, Ruht auf dem Nacken dir aus.
Peter Hille.
Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904.
Maienwind.
Mutwillige Mädchenwünsche Haben Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen. Wie Tauben sind sie weitergeflogen, Mit Wangen, wilden und heißen.
Hoch in warmen, schelmischen Händen Haschender Sonne Geschwungene Strahlen. Hellbehende Wonne Weißer Kleider Weht.
Mutwillige Mädchenwünsche Haben sich Flieder Niedergebogen, Blauen und weißen, -- Sind weitergezogen ...
Brautseele.
Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe, Wie tief im Hain Das Herz des Frühlings zittert. Ja, du mein heftiges Herz, Wir haben Frühling! Auf einmal ist nun alles Blühen da! Meine freudigen Wangen Sind aufgegangen Fromm nach deinen Küssen. Gefährlich bist du, o Frühling, Und verwirrt; Wie von heftiger Süße Prangenden Weines Pocht meine Seele. Wie er so sinnend mich streichelt Mit seinen Strahlen allen, Und schlafen möchte ich Immerzu. So träume ich vom eigenen Blute Und bin so wach Von mir, So erschrocken, Wie man wohl aufhorcht Im flüsternden Herzen der Nacht. Wie Sterne, die nicht schlafen können, Stehn meine Augen! Und bin doch so müde, So sonderbar müde. Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde Um diese Zeit? Das macht, du bist um uns, Du bist ein Zauberer. In Bäumen und Menschen Zauberst du Ein Sehnen und Dehnen, Ein müdes, verlangendes Gähnen.
Ja, ja, ihr Gespielinnen, Der kennt euch! Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen, Er ist ja Weib wie ihr Und eine heimliche, schelmische Stärke. Frühling, sag, was machst du mit uns, Daß wir alle so sprossend müde sind? Wir fühlen dich ganz in uns. Du durchtönst uns, Tust mit uns ganz das Leben! Ja, wir beben Leben! Fromm atmet in uns eine Andacht, Und wohlig will es werden Rings auf der sprossenden Erden. Wie wir uns regen, Da ist immer ein heimliches Bewegen. Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, Der uns erquickt und uns darreicht, Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle, Und immer wird uns leise Süß von uns; So zeigt es uns, verrät es uns, Wie süß wir sind Für den einen, andern.
O komm! Ich bin ja so süß Nach dir! O komm! Ich bin ja so schön Nach dir! Ich, deine lebendige, Deine wartende Zier, Vergehe nach dir! Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, -- O komm! Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!
Ein Sehnen geht in allen Blumen Und will dich holen mit Farben und Duft, Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese, Ist nur aus Sehnen und Liebe schön. Lieblich schlau Üben wir Schönheit So lange vor euch, Bis daß ihr kommt! Schüchtern, schelmisch Spielt sich unsere arme Lodernde Seele Hin vor euch!
Dann, dann! Dann kommen zwei lodernde Sonnen In meinen Tag; Du mein doppelter Tag Mit deinen beiden Sonnen! Du! du! Und deine Hand! Meines Mundes duftende Blüte Vergeht vor deiner Güte. Und meine Wangen Sind aufgegangen, Wie meine Flechten Vor deiner Rechten! Ja, du hast recht, glätte sie nur, Du meine wirrglühende Sonne!
Rufe, locke alles heraus Aus deiner Erde, du mein Lenz! Du hast ja gleich zwei Sonnen, Und eine brauchen wir nur am Himmel. Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir Wie du aufgewachsen und wo du Gewachsen für mich! Wie der heilige Wein Palästinas Den Heiland mir ansagt, Sein Seelenfrühlicht, Sein wärmendes Wandeln. O, wie da alles aufsteht! Feierlich, rauschend! Vorbereitend!
O komm! Ich bin ja so schön nach dir! O laß mich weinen Tränen der Braut, Tränen, du Böser, Daß ich so lange warten mußte auf dich! Das tut so wohl! Meine Seele badet. Dann kommt sie zu dir. Ja?
Waldesstimme.
Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, Wald, du mosiger Träumer! Wie deine Gedanken dunkeln, Einsiedel, schwer von Leben, Saftseufzender Tagesversäumer!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Wie's Atem holt und voller wogt und braust Und weiter zieht -- und stille wird -- und saust.
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Hoch droben steht ein ernster Ton, Dem lauschten tausend Jahre schon Und werden tausend Jahre lauschen ... Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
An Gott.
Deine Himmel sind mir viel zu süß: Gib mir, mit freier Brust zu ragen, Mit dir die Welten zu ertragen, Wo du bist!
Abbild.
Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du. Zwei flinke Fittiche weißer Möwen Deine beiden Füße. Und dir im lieben Blute auf Steigt ein blauer Hauch Und sind die Dinge darin Alle ein Wunder.
Prometheus.
Entgegengeschmiedet Auf schroffem Fels Den Pfeilen der Sonne, Dem Hagelgeprassel, Trotz' ich, Olympier, dir. Der wiederwachsenden Leber Zuckende Fibern Hackt mir des Geiers Biß Aus klaffender Wunde.
Ein Wimmern, glaubtest, Olympier, du, Würden die rauschenden Winde Ins hochaufhorchende Ohr dir tragen? Nicht reut mich der Mensch, Der Leben und Feuer mir dankt, Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir.
Jahrhunderte will ich Felsentrotzig durchdauern, Jahrtausende, Wenn dir die Lust nicht schwindet, Wenn der Trotzende nicht Zu glücklich dir scheint.
Abendröte.
Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel! Die Wangen der Nacht In Scharlach und Purpurpracht.
Nun ist da droben Hochzeit: Die Königskinder des Himmelreiches.
Strenge Augen erster Schönheit, Frieden frierend, Wie vor kämpfend heißen Rosen Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate, Des Samtes tiefenweiches Blut, Gebettet in des Schnees nachtgeflammte, Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin.
Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab Und heben Bechertau an ihres Lebens Rötlich reine Kelche, Und verwunden Die Verklärung Saftigherber Früchte.
Des strengen Lagers scheue Falten warten ..
Wie entsetzlich ist Schönheit! ..
Wie eine Siegesfahne hält Der Himmel Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht. Der Sieger sinkt. Die Nacht fällt in den Wein.
Selige Grüße.
Bläulicher Flieder. Ist das ein Grüßen! Wirbelnde Lieder Wehen herüber, -- Stürben lieber. Seligsein -- und das heißt büßen.
Hugo von Hofmannsthal.
Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907.
Vorfrühling.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten,
Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt,
Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei,
Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte mit Neigen Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehen Blasse Schatten
Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern nacht.
Die Beiden.
Sie trug den Becher in der Hand, Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand. So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
So leicht und fest war seine Hand: Er saß auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand.
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte.
Ballade des äußeren Lebens.
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihrer Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder Vernehmen wir und reden viele Worte Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen Und drohende, und totenhaft verdorrte ...
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen Einander nie? und sind unzählig viele? Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele, Die wir doch groß und ewig einsam sind Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt, Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Manche freilich ...
Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Terzinen über Vergänglichkeit.
Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, daß diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: Daß alles gleitet und vorüberrinnt
Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, Herüberglitt aus einem kleinen Kind, Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war, Und meine Ahnen, die im Totenhemd, Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.
So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
Erlebnis.
Mit silbergrauem Dufte war das Tal Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales Verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem webenden Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Blumen waren da, Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze War angefüllt mit einem tiefen Schwellen Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich, Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, Verwandt der tiefsten Schwermut. Aber seltsam! Ein namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer -- Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
Dein Antlitz ...
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf!
Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war, Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
Terzinen.
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen, Und Träume schlagen so die Augen auf Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf Der Vollmond anhebt durch die große Nacht. .. Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht, Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
Das Innerste ist offen ihrem Weben, Wie Geisterhände in versperrtem Raum Sind sie in uns und haben immer Leben.
Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
Der Jüngling in der Landschaft.
Die Gärtner legten ihre Beete frei, Und viele Bettler waren überall, Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken, Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen, Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
Die nackten Bäume ließen alles frei: Man sah den Fluß hinab und sah den Markt Und viele Kinder spielen längs den Teichen. Durch diese Landschaft ging er langsam hin Und fühlte ihre Macht und wußte, daß Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
Auf jene fremden Kinder ging er zu Und war bereit, an unbekannter Schwelle Ein neues Leben dienend hinzubringen. Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele, Die frühern Wege und Erinnerung Verschlungner Finger und getauschter Seelen Für mehr als nichtigen Besitz zu achten. Der Duft der Blumen redete ihm nur Von fremder Schönheit, und die neue Luft Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht: Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
Aus »Der Tod des Tizian«.
_Gianino_ spricht:
Mir war, als ginge durch die blaue Nacht, Die atmende, ein rätselhaftes Rufen. Und nirgends war ein Schlaf in der Natur. Mit Atemholen tief und feuchten Lippen, So lag sie, horchend in das große Dunkel, Und lauschte auf geheimer Dinge Spur. Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel Hernieder auf die weiche, wache Flur. Und alle Früchte schweren Blutes schwollen Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen, Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn, Und es erwachten schwere Harmonien. Und wo die Wolkenschatten hastig glitten, War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ... Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt -- Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen, Als hörte man die Flöte leise stöhnen, Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht, Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet. Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten; Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten, Wo sich die offenen Granaten wiegen, Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen, Und viele saugen, auf das Rot gesunken, Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken. Und wie des Dunkels leiser Atemzug Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug, Da schien es mir wie das Vorüberschweifen Von einem weichen, wogenden Gewand Und die Berührung einer warmen Hand. In weißen, seidig weißen Mondesstreifen War liebestoller Mücken dichter Tanz, Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz Und plätscherte und blinkte auf und nieder. Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren, Ob badender Najaden weiße Glieder, Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren Vermischte sich dem Duft der Aloe ... Und was da war, ist mir in eins verflossen: In eine überstarke, schwere Pracht, Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.
Aus »Der Abenteurer und die Sängerin«.
Der _Baron_ spricht:
Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen, Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen! Vergoldete Delphine stell vors Tor, Die roten Wein ins grüne Wasser spein! Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf Und schaff Livreen. An den Treppen sollen Drei Gondeln hängen voller Musikanten In meinen Farben. Ich will den Kampanile um und um In Rosen und Narzissen wickeln. Droben Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl, Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen. Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer, Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln, Daß sich die Fische angstvoll in den Grund Des Meeres bohren, daß Europa sich Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht In einem dunkleren Gemach versteckt Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt! Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab Den Veronese und den Aretin, Spann Greise vor, bau eine Pyramide Aus Leibern junger Mädchen, welche singen! Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust! Die oben liegen in den bleiernen Kammern Und ihre Nägel bohren in die Wand, Die sollen innehalten und schon meinen, Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel Mit rosenen Händen und dem wilden Duft Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! ...
* * *
_Derselbe_ spricht:
O hättest du gelernt wie ich zu leben, Dir wäre wohl. Ich achte diese Welt nach ihrem Wert, Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen So lange werfen soll, als Tag' und Nächte Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen. Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen Und sich zusammenziehen wie ein Igel, Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben! Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm Die Welt einsaugen, über Berge hin! Die Städte drunten, funkeln wie die Augen! Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste! Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen Im Spitzenbette weinen lassen und Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?
Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres Als hier im Zimmer auf und nieder gehn, Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen Und draußen an der Tür den wilden Atem Von _einem_ gehen hören oder _einer_, Die lauert und in der geballten Faust Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! ...