Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 6

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In ihren Locken haftete ein welkes Blatt, Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir, Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn, Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust, Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr, Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.

Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht, Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt. Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah, Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein, Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?

Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk -- Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr, Und überwältigt bebte mir das bange Herz! Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal, Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.

Liebesode.

Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein. Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind, Und unsrer Atemzüge Frieden Trug er hinaus in die helle Mondnacht. --

Und aus dem Garten tastete zagend sich Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett Und gab uns wundervolle Träume, Träume des Rausches -- so reich an Sehnsucht!

Gesang des Lebens.

Groß ist das Leben und reich! Ewige Götter schenkten es uns, Lächelnder Güte voll, Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.

Aber arm ist des Menschen Herz! Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte. Immer wieder mit leeren Händen Sitzt der Bettler an staubiger Straße, Drauf das Glück mit den tönenden Rädern Leuchtend vorbeifuhr.

Im Lande der Torheit.

Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun, Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt. Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort, Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts.

Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab: Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau, Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir Hersehnen aus der Ferne -- deine Hände, die Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt -- Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn.

Denkst du daran ...

Denkst du daran, wie du zum erstenmal Aus deiner Heimatberge düsterm Forst Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes Als Knabe niederschautest in die Ebne? -- Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus. Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers, Entfaltet an den runden, sanften Hügeln -- Und also farbig rings die weite Welt! Und reichlicher und dreimal leuchtender Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten ... Die Welt ist bunt! -- O wär' sie bunt geblieben.

Der Abenteurer.

Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich, Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. -- Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein, Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß -- Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. -- Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut Den Rücken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf, In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt. Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. --

Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein, An Menschenschädel -- mich zu schrecken sind sie wohl Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut? Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg: Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie.

Elegie.

Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du, Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst, O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht Um meine Sinne strömen -- laß Vergessenheit Sich breiten über niegestillte Lust und Qual. Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald, Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg. Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag ... -- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! --

Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint; In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum -- Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein. Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee. Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück, Das leise webt und langsam um uns beide her. Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein, Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.

Kinderköpfchen.

In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschämt -- Hobst du die runden, weißen Arme auf Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd Dein Bild im Spiegel ...

Ich aber stand entfesselt hinter dir Und sah in deinen vollen, blanken Schultern Die beiden Grübchen ...

Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder Zum Kuß ... Es ward mir klar, wie du den Göttern still Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist.

Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund -- Und also lieblich, Menschensinn verwirrend, Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch.

Walter Hasenclever.

Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jüngling 1913. Tod und Auferstehung 1917.

Die Todesanzeige.

Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum, Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum. Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind: »Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.« Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin: Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin. Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank. Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank. Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein, Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein? Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht, Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd. Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd, Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, -- Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld; Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt. Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt. Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt. Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar, Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar; Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort; Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort. Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht: Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht.

Mein Jüngling, du ...

Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen, Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint! Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen; Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint. Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens, Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual, Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens, Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl. Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören! Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein. Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören Will ich dich rufen und will bei dir sein!

Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.

Kleine Schwester Irene, Bei den Cholerakranken; Lila Blumen sanken Auf Abendkähne. Särge wachsen. Sturm. Antreten. Trommel. Tod. Offizier an Grabes Turm Schnarrt Ehre, Gebot. Weißer hinter Hügeln Lemberg, Freude scheint. Automobile flügeln. Baracken blutbeweint. Ärzte ohne Narkose, Beine ab, zerstampft. Kleine Schwester, Rose, Sei den Toten sanft!

Weiß ich, daß Stunden ...

Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten, Pariserinnen sind auf den Boulevards; Daß klein in Zimmern und gequälten, Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars? Ist mir im Park, durch den ich gehe, Ein Gefühl von Rot oder Blau -- Berg und Fluß mit sinkender Nähe, Das Gesicht einer alternden Frau? Bei der Baronin Porzellan und Eise Hypnotisiert mich elektrischer Draht; Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad, Denn es münden in gleiche Kreise Meer und Spur und kindliche Weise, Die man am Abend vernommen hat. Aber keine der funkelnden Gesten Wird mich erhalten, wird mich betrügen; Bin ich ein Vogel, müde von Flügen, Schwebend in der Wolke des Falls: Steigen unten aus Tänzen und Festen Die verschlungenen Kurven des Alls.

Daß von Geheimnissen ...

Daß von Geheimnissen, die uns umtönten, Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt; Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten, Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt. Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt, Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat. Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken, Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer; Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer. Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort, Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden; Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort. Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen? Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt, In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt. Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde, Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus, Es steigen in einer begeisterten Stunde Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus. Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht: Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer, Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.

1917.

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.

Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier, Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.

Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug Einer Mutter, die ihre Kleinen trug

Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht, Das Unglück ist nicht von dir gemacht.

Heran zu dem elenden Leichenschrein, Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.

Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt, Falle nieder, du, sei angeklagt.

Empfange die ungeliebte Qual Aller Verstoßnen in diesem Mal.

Ein letztes Aug', das am Äther trinkt, Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;

Die brennende Wildnis der schreienden Luft, Den rohen Stoß in die kalte Gruft.

Wenn etwas in deiner Seele bebt, Das dies Grauen noch überlebt,

So laß es wachsen, auferstehn Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.

Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!

Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott, Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:

Daß in der Menschen Mord, Verrat Einst wieder leuchte die gute Tat;

Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn Schweb am gestirnten Himmel hin.

Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint, Durch soviel Ströme der Welt geweint,

Gepulst durch unser aller Schlag, Einst wieder strahle gerechtem Tag.

Halte wach den Haß. Halte wach das Leid. Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.

Adolf von Hatzfeld.

Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- »An Gott« 1919.

Die letzte Nacht.

Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht, Empfängt mich endlich meine letzte Nacht. Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit. Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit. Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben, Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben. Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht, Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht. Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht. Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam, Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham. Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht. Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht. Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben. Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben. Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen, Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:

»O Erde, Erde, die du trankst mein Blut, Wie warst du voller Süße und wie gut, Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen, Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen. Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut. Aus allen Poren erschoß mein Blut. Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust, Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust, Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt, Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt. Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest. So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf. Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf. Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch, Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt. O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt, Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat. Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt. Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch, In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.«

Grüner Sommer.

Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt. Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut, Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt. Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe.

So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet. Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus. Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus, Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne Staut schläfrig sich das dunkle Blut. Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort, Wie Bachgelächter hier: »Die Welt ist gut«, Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort.

Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe. Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen. Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen. Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe Und zirpt an ihm vorbei: »Erschrick, erschrick!« Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren, Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick.

Ich wache auf. Der Donner grollt. Mein Blut hat ausgetollt. Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille. Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille.

Frühlingsmond.

Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde Stößt die Erde, die längst den heißen Saft In Millionen Samenkörner preßte, Geburten aus in Mutterleidenschaft Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft, Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.

Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber. Die Sterne stürzen zum Planetenball. In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber Und werfen tausend Kinder in das All. Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen. Die Quellen sind der Täler Blütenlauf. Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen, Und Tage tauen blau zu Blumen auf. Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln Und einem Lächeln, das von selbst begann, Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.

Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste. Vom Horizonte schwebt der junge Mond Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont, Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste. Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste. So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst. Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte, Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.

Abend am See.

Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade Der Wellen leis zur Silberbahn empor. In unsern Herzen schwingt die große Gnade. Wir sitzen seligruhend am Gestade Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr. O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor In meines Lebens Kampf und Qual und Hast, Sieh unser Herz in Demut eingefaßt Und sei der Seelen seltner schöner Gast. Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte So grenzenlos. Andächtig atmen wir. Der Sternenhimmel deiner großen Güte Ist sanft wie sie und leise über mir. Aus wunden Händen haben wir die Ruder Zurückgelegt in das bewegte Boot. Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.

Du Gott.

Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden, Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet. Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden. Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet Mir deine schwere Hand die schönen runden Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet, In jeder Not von tausend Todesstunden Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.

Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein. Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein, Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?

Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein, Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein, Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.

Der Teich.

Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide, Wie die Luft, der Himmel mich beschwert. Bruder Wind, wir flogen einmal beide Durch die Luft und durch den Himmel hin. Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam. Ewige Fernen haben uns genährt. Wasserwolken haben mich getragen, Bis in Regenfunken ewig einsam Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt. Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen, Wie die leichten Wolken meine Seele, Meine schöne Seele, mit.

Max Herrmann.

Geboren am 23. Mai 1886 zu Neiße. -- Verbannung 1919.

Dein Haar hat Lieder ...

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, Und sanfte Abende am Meer -- O glückte mir die Welt! O bliebe Mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen Vertrösten oder wehe tun, Und von den wundersamsten Wegen Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe, Und meine Freuden frieren sehr -- Dein Haar hat Lieder, die ich liebe, Und sanfte Abende am Meer.

Osterlied.

Alle Frühlingsbläue, Jedes frische Feld, Wenn ich ohne Reue Schwärmend mich erfreue An der warmen Welt:

Wird in deinen lichten Gliedern höchstes Glück, Und in himmlisch schlichten, Dämmernden Gedichten Bleibt sein Duft zurück!

Trostlied der bangen Regennacht.

Keine Furcht der Erde Kann uns bange tun: Sieh, wie sanft die Pferde Wang' an Wange ruhn!

Ganz allein gelassen In der bittern Nacht, Wo der Wind die blassen Weiden zittern macht,

Wo ein siecher Regen Bös, sehnsüchtig rinnt, An viel fremden Wegen Bettler flüchtig sind,

Ruhn sie Wang' an Wange, Wie Erlöste ruhn, Keine Furcht kann bange Ihrer Inbrunst tun.

Alles, was sie leiden, Schlummert Haupt an Haupt -- Und die blassen Weiden Stehn wie lenzbelaubt.

Liebe nur kann ewig sein.

Gottes Krallenhand zerreißt den kranken Abendhimmel der verhaßten Stadt, Aus der Sterne welken Rosenranken Schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt.

Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten Alles Licht der Straßen abgewürgt, In den goldnen Augen seiner treusten Türme sich das letzte Dunkel birgt.

Der Paläste fahles Glas erblindet, Und der Park bricht taumelnd in die Knie, Mit entseeltem Todesseufzer schwindet Der zermalmten Plätze Melodie.

Und das Schlüpfrige verfemter Keller Speit sein krüppelhaftes Krächzen aus -- Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus.

Wird zum Streicheln über der Ruine Einer Schädelstätte, die ihn rührt, Daß zum Aufgang seiner Liebesmiene Eines Segnenden Gebärde führt.

Hermann Hesse.

Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik des Einsamen 1915.

Der schwarze Ritter.

Ich reite stumm aus dem Turnier, Ich trage aller Siege Namen. Ich neige mich vor dem Balkon der Damen Tief. Aber keine winkt nach mir.

Ich singe zu der Harfe Ton, Aus der die tiefen Laute steigen. Alle Harfner lauschen und schweigen, Aber die holden Frauen sind entflohn.

In meines Wappens schwarzem Feld Sind hundert Kränze aufgehangen, Die gold von hundert Siegen prangen. Aber der Kranz der Liebe fehlt.

An meinem Sarge werden sich bücken Ritter und Sänger und werden ihn Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin, Aber keine Rose wird ihn schmücken.

Nach Paul Verlaine.

Ich träume wieder von der Unbekannten, Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.

Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.

Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht. Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt --

Wie _eines_ Name, den du Liebling heißt Und den du ferne und verloren weißt.

Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Elisabeth.

Ich soll erzählen, Die Nacht ist schon spät -- Willst du mich quälen, Schöne Elisabeth?

Daran ich dichte Und du dazu, Meine Liebesgeschichte Ist dieser Abend und du.

Du mußt nicht stören, Die Reime verwehn. Bald wirst du sie hören, Hören und nicht verstehn.

Die frühe Stunde.

Silbern überflogen Ruhet das Feld und schweigt, Ein Jäger hebt seinen Bogen, Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.

Der Wald rauscht und eine zweite Steigt auf und fällt. Ein Jäger hebt seine Beute, Und der Tag tritt in die Welt.

Lady Rosa.

Du mit der Stirne voller Licht, Du mit den wunderbaren Braunaugen und den seidnen Haaren, Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.

Du mit dem klaren Angesicht, Du Zarte mit deinen leisen, Fremdländischen, süßen Liederweisen, Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.

Fiesole.

Über mir im Blauen reisen Wolken, die mich heimwärts weisen.

Heimwärts in die namenlose Ferne, In das Land des Friedens und der Sterne.

Heimat! Soll ich deine blauen Schönen Ufer niemals schauen?

Dennoch ist mir, hier im Süden müßten Nah sein und erreichbar deine Küsten.

Georg Heym.

Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16. Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912.

Die Seefahrer.

Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen, Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag, Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.

Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen, Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut, Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.