Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 5

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Meine Freunde sind schwank wie Rohr, Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz, Keuschheit kennen sie nicht; Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.

Mädchen, das ich liebe, Seele der Seelen du, Auserwählte, Lichtgeschaffene, Nie sahst du mich an, Dein Schoß war nicht bereit, Zu Asche brannte mein Herz.

Ich kenne die Zähne der Hunde, In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, Schimmel freut sich an den Wänden, Gute Ritzen sind für den Regen da.

»Töte dich!« spricht mein Messer zu mir. Im Kote liege ich; Hoch über mir, in Karossen befahren Meine Feinde den Mondregenbogen.

Blind.

Tag um Tag Stirbt -- ich bin? Wo geht meine Zeit denn hin?

Traum versank, Nacht ist Spiel, Schlaf das Gut, Tod das Ziel.

Erde, Stern Klingt nur so, Ort ist Ort, wer weiß wo?

Dunkel.

Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese, Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese, Bravem Schlaf in treuer Bucht. Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht.

Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen? Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges, Kühles Wasser der Forelle, Seelenantlitz einem Mädchen.

Mir nur, daß ich Trän an Träne weine, Eule unter Käuzen werde -- Selig kleine Schottersteine Mütterlich umwärmt sie Erde.

Ratten! Fresset meine Eingeweide! Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt! Was starb ich nicht vor der Geburt? Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.

Franz Evers.

Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva 1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896. Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.

Rosenglut.

An manchem Abend weht mich Sehnsucht an, Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst, Und halberregte Wünsche spür' ich dann Und wie du nach mir bebst. Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen, Weil so das meine klingt und loht, Vor meinem Haus, von allen Bäumen Lockt glühender das Abendrot.

Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen, Will ganz mein Herz nach dir vergehn .. Ich glaube dich über den stillen Rasen Mit lauter Rosen kommen zu sehn ...

Jugend.

Am Schlehdorn, am Schlehdorn -- Wißt ihr, wo der steht? Da sprach der Hirtenknabe Sein Morgengebet. Trieb die Schafe dann auf die Weide Hin durch den sonnigen Raum; Über die blühende Heide Träumte sein junger Traum.

Am Schlehdorn, am Schlehdorn -- Wißt ihr, wo der steht? Da sprach eine junge Dirne Ihr Abendgebet. Und der Wind kam von der Heiden Und küßte ihres Kleides Saum .. Die beiden, die beiden Träumten den ersten Traum.

Abendlied.

Du ferne Flöte Hinter dem Hügel dort, Wie sprichst du glühenden Klangs, Was mein Herz verschweigen muß, Wie bebst du zitternd dahin Über die Apfelblüten im Mondlicht, Daß die Schatten der Bäume Zu schwinden scheinen Und alles in Glanz getauchte Selige Sehnsucht wird, Aus Menschenschmerz leise sich ringend: Selige Lebensglut. Einsame Stimme du Hinter dem Hügel dort, Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.

Ein Gastgeschenk.

Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer; Die Rosen blühten auf; das Fenster klang. Und von den Gärten draußen kam noch immer Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang.

Du hingst an mir, und deine Augen glänzten; Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ... Und Abendlichter, die dich rot umkränzten, Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.

Und nichts als goldne Fülle um uns beide: Die bebenden Hände und der taumelnde Mund ... Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide, Das zitterte von dir und war so wund --

Du aber lächeltest.

Der Künstler.

»Es liegt ein Plan in einem weiten Tal, Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht. Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet, Ist so von ungekanntem Sehnen schwer, Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst. Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken, Von einer Ruhe, die du kaum empfunden, In einem Licht, das Farben voller macht. Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut, Auf daß es doch vertraute Laute wecke, Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad. Denn weich und mild ist nebenan der Rasen, Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft. Inmitten, wo drei alte Rieseneschen Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen, Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen. Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar Und knieen dann. Und wenn es Abend ist, Empfangen sie den Tau der Gnadensonne, Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt, Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden, Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!«

So kündete der alte Sänger mir, Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern; Und heute schon fand ich die klaren Wege. Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen, Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe. Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe, Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet. Der Rasen ruht in weichem Schlummer da. Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land, Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar, Ich bringe meine Menschensehnsucht dar, Und fühle meine Seele ganz erwachen. Und wie die Rosen stärker sich entfachen Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ... Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt, Und was ich schaue, ist der Wunder größtes: Dich, du formender Gott!

Gustav Falke.

Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht 1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899. Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.

Das Mohnfeld.

Es war einmal, ich weiß nicht wann Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum. Ich trat aus einem schwarzen Tann An einen stillen Wiesensaum.

Und auf der stillen Wiese stand Rings Mohn bei Mohn und unbewegt, Und war bis an den fernsten Rand Der rote Teppich hingelegt.

Und auf dem roten Teppich lag, Von tausend Blumen angeblickt, Ein schöner, müder Sommertag, Im ersten Schlummer eingenickt.

Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt Hat er sich tief ins Kraut geduckt, Bis an die Löffel zugedeckt, Nur einer hat herausgeguckt.

Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug Bewegte kaum die Abendluft. Ich sah kaum, wie der Flügel schlug, Ein schwarzer Strich im Dämmerduft.

Es war einmal, ich weiß nicht wo. Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her. Ich seh' nur noch, und immer so, Das stille, rote Blumenmeer.

Märchen.

In deiner lieben Nähe Bin ich so glücklich. Ich mein', Ich müßte wieder der wilde, Selige Knabe sein.

Das macht deiner süßen Jugend Sonniger Frühlingshauch. Ich hab' dich so lieb. Und draußen Blühen die Rosen ja auch.

O Traum der goldenen Tage! Herz, es war einmal. Abendwolken wandern Über mein Jugendtal.

Daß der Tod uns heiter finde.

Laßt uns Blumen pflücken gehn, Letzte Astern, späte Rosen. Morgen werden Stürme tosen Und den bunten Schmuck verwehn.

Auch den Becher holt hervor, Fröhlich laßt uns sein und trinken. Morgen werden Schatten sinken, Und es schweigt der laute Chor.

Wißt ihr wo ein holdes Kind, Teilt mit ihm die letzten Blüten! Die noch heut in Liebe glühten, Morgen sind die Augen blind.

Scherzt und küßt und trinkt und lacht, Eh' wir uns zum Abschied rüsten. Drüben winkt von fremden Küsten Eine sternenlose Nacht.

Horch. Schon meldet sich ihr Wehn. Daß der Tod uns heiter finde! Singend unterm Kranzgewinde Laßt uns ihm entgegengehn.

Stranddistel.

Das Fräulein ging am Meeresstrand Durch weißen, bleichen Sand, bis rot Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot, Sie brach's und warf es aus der Hand.

Und bückte nach der Distel sich, Die rauh und grau daneben stand. Die trotzte ihrer kleinen Hand Und wehrte sich mit scharfem Stich.

Sie brach sie doch und ging und sang Ein müdes Lied mit müdem Mund, Das überm abendschwarzen Sund Im Wind verwehte und verklang.

Das Grab.

Ein frischer Hügel ist's, darauf Drei rote Tulpen flammen. Zwei schwarze Taxusstauden stehn Und stecken die Köpfe zusammen.

Und tuscheln über ein weißes Kreuz, Darauf mit Gold geschrieben Ein Mädchenname, darunter ein Spruch vom himmlischen Lieben.

Wer hat das junge Ding gekannt? Wer zündete die drei roten Flammen über ihr Bettlein an? -- Was kümmern mich die Toten.

Ich hab' zu Haus ein krankes Weib, Der will ich drei Rosen bringen, Drei rote Rosen, und will ihr leis Ein Lied vom Leben singen.

Späte Rosen.

Jahrelang sehnten wir uns, Einen Garten unser zu nennen, Darin eine kühle Laube steht Und rote Rosen brennen.

Nun steht das Gärtchen im ersten Grün, Die Laube in dichten Reben. Und die erste Rose will Uns all ihre Schönheit geben.

Wie sind nun deine Wangen so blaß Und so müde deine Hände. Wenn ich nun aus den Rosen dir Ein rotes Kränzlein bände,

Und setzte es auf dein schwarzes Haar, Wie sollt' ich es ertragen, Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor Zwei stille Augen klagen.

Zwei.

Drüben du, mir deine weiße Rose übers Wasser zeigend, Hüben ich, dir meine dunkle Sehnsüchtig entgegenneigend.

In dem breiten Strome, der uns Scheidet, zittern unsre blassen Schatten, die vergebens suchen Sich zu finden, sich zu fassen.

Und so stehn wir, unser Stammeln Stirbt im Wind, im Wellenrauschen, Und wir können nichts als unsre Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.

Leis, gespenstisch, zwischen unsern Dunklen Ufern schwimmt ein wilder Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken Unsre blassen Spiegelbilder.

Ludwig Finckh.

Geboren am 21. März 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Süße 1900. Rosen 1905.

Einer Frau.

Das dank' ich dir: Ein Lächeln auf dem Munde, Die Rosen da, und hier Die leise Wunde.

Das dank' ich dir, Ein Glück im Todeshauche: Daß ich mich nicht vor mir Zu schämen brauche.

Abendhimmel.

Tiefdunkelroter Scharlachschein Versickerte an Wolkenreihn, Die klar von Silber flossen. Der Himmel war wie roter Wein. Was mochte dort zu feiern sein? Wer hat den Wein vergossen?

Geschenk.

Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.

Zwei weiße Tauben, deren weich Gefieder In einem Tempel Indiens geleuchtet, Und deren Kropf mit edlem Hanf gefüllt war, Den braune Mädchen auf den Feldern pflückten. Sie sangen leise, dachten an den Liebsten. Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall, Bevor er noch die weiße Erde küßte, Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter, Beglücke sie an deiner Wang' zu schlafen, Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder, Und sich im Nest zu träumen in der Heimat. Nimm Wischi und Schiwinda gütig auf. In Simla waren sie der Liebe Götter, Und alles Volk lag täglich auf den Knien Und betete. Sie schnäbelten sich zärtlich. Ich raubte sie, an deine Wange denkend. Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute früh Durch einen braunen Boten, windbeflügelt Und stumm, mit einem Körbchen morgenfrischer Feuriger Küsse. Laß sie dir gut munden.

Cäsar Flaischlen.

Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16. Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnußroi 1891. Von Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.

So regnet es sich langsam ein ...

So regnet es sich langsam ein und immer kürzer wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein. Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen stehn .. gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie uns pflücken gehn .. Es werden wohl die letzten sein!

Hab Sonne ...

Hab Sonne im Herzen, Ob's stürmt oder schneit, Ob der Himmel voll Wolken, Die Erde voll Streit! Hab Sonne im Herzen, Dann komme was mag! Das leuchtet voll Licht dir Den dunkelsten Tag!

Hab ein Lied auf den Lippen, Mit fröhlichem Klang, Und macht auch des Alltags Gedränge dich bang! Hab ein Lied auf den Lippen, Dann komme was mag! Das hilft dir verwinden Den einsamsten Tag!

Hab ein Wort auch für andre In Sorg' und in Pein Und sag, was dich selber So frohgemut läßt sein: Hab ein Lied auf den Lippen, Verlier nie den Mut, Hab Sonne im Herzen, Und alles wird gut!

Ich habe Nächte ...

Ich habe Nächte dafür geopfert, Ich habe Herzblut daran gegeben, Und feige Buben nun kommen und heben Die Hand auf gegen das fertige Werk. -- -- -- Das schmerzt!

Und doch: Glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut! Dann war's nicht echt! Dann glückte mir nicht, was ich wollte ... Und .. ihr .. habt .. recht!

Einem Kinde.

Sei nicht traurig, Sei nicht traurig ... Es ist heute nur So trübe, Es ist heute nur So schwer!

Morgen blitzt die Sonne wieder, Rosen leuchten weiß und rot, Und mit lauter Lerchenliedern Jubelt's in den hellen Morgen, Jubelt's in den blauen Himmel Siegreich über Leid und Not ...

Quillt und schwillt mit jungen Kräften, Quillt und schwillt mit junger Lust Lebenswarm dir in die Brust; Weckt und wappnet deine Seele Glaubensfroh zu neuer Wehr ...

Sei nicht zag drum, Sei nicht traurig ... Es ist heute nur So trübe, Es ist heute nur So schwer!

Februarschnee ...

Februarschnee Tut nicht mehr weh, Denn der März ist in der Näh'! Aber im März Hüte das Herz, Daß es zu früh nicht knospen will! Warte, warte und sei still! Und wär' der sonnigste Sonnenschein, Und wär' es noch so grün auf Erden, Warte, warte und sei still: Es muß erst April gewesen sein, Bevor es Mai kann werden!

Ganz still zuweilen ...

Ganz still zuweilen wie ein Traum Klingt in dir auf ein fernes Lied .. Du weißt nicht, wie es plötzlich kam, Du weißt nicht, was es von dir will ... Und wie ein Traum ganz leis und still Verklingt es wieder, wie es kam ...

Wie plötzlich mitten im Gewühl Der Straße, mitten oft im Winter Ein Hauch von Rosen dich umweht, Oder wie dann und wann ein Bild Aus längstvergessenen Kindertagen Mit fragenden Augen vor dir steht ...

Ganz still und leise, wie ein Traum ... Du weißt nicht, wie es plötzlich kam, Du weißt nicht, was es von dir will, Und wie ein Traum ganz leis und still Verblaßt es wieder, wie es kam.

Spruch.

Lieber auf eigene Rechnung Ein Lump sein, Als ein feiner Herr Auf Pump sein! Dieweil: Wer ein solcher auf Pump ist, Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.

Irene Forbes-Mosse.

Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.

Gehen und Bleiben.

Mancher ist betrübt gegangen In die Winternacht hinaus, Sah mit zehrendem Verlangen Heller Fenster freundlich Prangen, Lichterfülltes, warmes Haus.

Hinter jenen hellen Scheiben Sah ein anderer ihm nach, Starrte in das Flockentreiben ... »Freiheit«, seufzt er, aber »Bleiben, Bleiben« stöhnt das schwere Dach!

Eine Widmung.

Mein Herz so ganz in dir beglückt, Mit Märchenblumen ausgeschmückt, Ein dir geweihter Schrein: Wenn auch die Früchte nicht gereift, Weil sie der Frost zu früh gestreift, Die Blüten waren dein, mein Herz, Die Blüten waren dein.

Die fremde Blume.

So lange blieb sie festgeschlossen, stille, Als wäre alle Kraft in ihr erstorben, Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille, Seit der berühmte Gärtner sie erworben.

Sie stand im Garten rein und wohlgehalten, Ein Paradies mit grünlackierten Kannen, Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen.

Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer, Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen, Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,

Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne, Und rings versank des Lebens Hast und Mühen, Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blühen!

Der Brunnen.

Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde, Und alles Leben schien so blaß und weit, Die Götter träumten um mich in der Runde, Der Brunnen flüsterte: »Trink und gesunde, Ich bin das Wasser der Vergessenheit!«

Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken In jene Tage, da wir froh und jung, Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken: »Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken, Ich bin das Wasser der Erinnerung!«

Madlena.

Das Kind Madlena hat so hell gesungen, Als sie im Haselholz sich Nüsse las, Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras. Das Kind Madlena hörte fremde Zungen, Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß ... Die düstern Gärten haben sie verschlungen, Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!

Leo Greiner.

Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. -- Das Tagebuch 1906.

Liebe.

Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt An einem Eschenbaum zusammentrafen. Wir glitten einsam im entrückten Feld Und suchten späte Herberg, um zu schlafen. Und standen _einen_ tiefen Augenblick Uralt bekannt uns gegenüber Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück. Dann sanken wir hinüber und herüber, Zerfallend in die alte Nacht zurück.

Unter den Menschen.

Ich hab' es nie so tief gewußt, Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen: Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust, Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen, Flutet von euch zurück in meine Brust. Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn, Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt, Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt: Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt, Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt, Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt, Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt. Was ich im Wein vergaß, im Abend litt, Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit. Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.

Leben.

Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...

Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort. Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume, Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort. Und Gärten stehn im abendlichen Land, Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.

Ich aber wandre dunkel fort, im Innern Ein uralt Schattenbild, das leise weint. Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.

Regenabend.

Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt, Der Nebel wankend übern Berg gefunden, Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt, Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt, Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen, Die dunkle Worte rufen über Feld, Das Sterben nicht mit Namen nennen, Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt. Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde, Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde, In einem Becher welkt der kühle Wein, Und alles geht und winkt und schwindet fern, Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.

Der Schatten.

Zwischen mir und meinem trunknen Leben Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut. Wünschend saust mein ungestilltes Blut, Doch er raubt mir schon im Niederschweben Jeden Traum und jedes goldne Gut. Meiner Schätze waren funkelnd viele, Doch ich fühl' an meines Bechers Rand _Seines_ Schattenmundes wilde Kühle Und am Griffe _seine_ Schattenhand. Schritt ich so verloren in die Lande, Ließ mein Wandern keine Spur zurück. _Seine_ Spuren, halb verweht im Sande, Sah mein schauernd rückgewandter Blick. Selbst von meines Schlummers Grunde heben Seine Hände jeden Schatz der Lust: Schlafen muß ich steinern, traumbewußt Zwischen mir und meinem trunknen Leben.

Reife.

Nacht, die aus den Sternen quillt, Schmieg dich fester um mein Leben! Was genommen und gegeben, Ist vollendet und erfüllt.

Wie ein Brunnen ist mein Blick: Alle Eimer, die sich hoben, Kehren überfüllt von oben Mit gekühltem Licht zurück.

Otto Erich Hartleben.

Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+ 1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.

Funkelt dein Auge noch?

Die du so fern bist in der großen Stadt, Ich grüße dich, die mein vergessen hat.

Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht, Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht;

Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund -- Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?

Lili.

... Als ich dann wieder in die Heimat kam -- Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten -- Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- -- Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin Sprach schmunzelnd: »Gott! Die Menschen sind nicht rar. Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer! Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Füßchen. Woll'n Sie sie sehn?« -- -- Und ich erfuhr, wie sie gestorben war. Vor ihren Augen, während sie in Qualen Ohnmächtig dalag, hatten -- ihre Schwestern Begierig ihrer Habe sich bemächtigt: Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche Aus allen Kästen sich hervorgesucht Und umgepackt in einen großen Korb. --

Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut Und hatte .. gelächelt ... -- -- Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!

Die jubelnd nie ...

Die jubelnd nie den überschäumten Becher Gehoben in der heiligen Mitternacht, Und denen nie ein dunkles Mädchenauge, Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht --

Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen Und freudig nie dem Strudel sich vertraut -- O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ... Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!

Ellen.

Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß Und dachte, dachte, bis er müde wurde. Du hattest deine leichte, milde Hand Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen; Und gar ein Zauber schien mir auszugehn Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten Sie nieder in mein Hirn, und allgemach Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn, Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.

Das welke Blatt.