Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 4

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Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß, Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus. Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen, Und leicht schwebt über der goldenen Helle Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle. Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß, Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus.

Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein.

Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen, Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein; Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen, Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen. Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein, Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen. Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.

Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.

Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht: Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht. Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf, Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf. Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan, Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann.

Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten Vom Tag und von Gedanken und von Taten. Und alle Dinge sind stumm und verblichen, Als wären sie verstohlen ausgewichen. Sie alle haben nur verschwinden müssen, Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen.

Der Mond ist wie eine feurige Ros'.

Der Mond geht groß aus dem Abend hervor, Steht über dem Schloß und dem Gartentor Und läßt sanft glühend die Erde los. Der Mond ist wie eine feurige Ros', Die meine Liebste im Garten verlor.

Mein Schatten an den steinernen Wänden Geht hinter mir wie ein dienender Mohr. Ich werde den Mohren hinsenden, Er hebe die Rose vorsichtig auf Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.

Nachtstürme reiten die Bäume krumm.

Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen, Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen. Am Himmel gehen Nebel und Nässe um, Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm.

Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren, Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren. Die Geliebte ging weit in den Nebel fort, Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.

Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?

Wer hat die Wolken zerbeult? Wer heult vom Berg wie von einem Turm? Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm? Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier? Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß? Wem ist seine Qual hell wütend Genuß? Und wer verflucht sich finster und stier? Ist es die Nacht? Oder ein Stück Schatten von mir?

Die Berge werden wie dunkle Kissen.

In der gelben und grünlichen Abendhelle Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle. Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle.

Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen. Sie kommen und gehen in kurzen Pausen, Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.

Die Berge werden wie dunkle Kissen, Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen. Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.

Jakob Julius David.

Geboren am 6. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, studierte deutsche Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20. November 1906. -- Gedichte 1892.

Mein Lied.

Ich weiß, mein Lied wird nie gesungen Von jungen Stimmen hell im Chor; Doch sagt's, vom Dämmern lind bezwungen, Vielleicht ein Träumer gern sich vor. Ob vieles zur Vollendung fehle, Er hört, in Lauten trüb und bang, Das Atmen einer müden Seele, Die hart um Licht und Leben rang.

Es dunkelt. Und wenn lind und leise So Form wie Farbe rings verschwimmt, Erklingt in meiner Brust die Weise, So dämmerfroh und unbestimmt. Und wenn dann, tief in seinem Innern, Ein Abglanz meines Leids ersteht, Soll er des Dichters sich erinnern, Des Name längst im Wind verweht ...

Im Volkston.

Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest, Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest; Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld, Ich hab' kein Heimat auf der Welt. Am Himmel selbst der Schauerstrich, Den fürchten sie nicht so wie mich; Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht -- Und so, gerade so ist's recht ...

Nacht.

Schon deckt beschattend dein Gefieder Des Tages Licht, du nahst mit Macht. Auf starken Schwingen steigst du nieder, Du meine Mutter, stolze Nacht! Nun öffnen sich der Seele Pforten, So streng geschlossen kaum zuvor, Und meinem Weh und seinen Worten Leihst du dein mir geneigtes Ohr.

Nun stehn die Gassen öd' und düster Und, wie in ewig regem Leid, Haucht sein verhallendes Geflüster Dein Wind durch deine Einsamkeit; Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier -- Den Blick beirrt' es kaum zuvor -- Doch riesenhaft und ungeheuer Wächst wahrhaft Großes nun empor.

Ich liebe dich, bin dir entsprungen, Und feind dem Tag, so laut und dreist! Das Wenige, das mir gelungen, Du gabst es dem verwandten Geist; Dein Anhauch ist es, der zur Lohe Der Seele trübes Licht entfacht -- Sei mir willkommen, ernste hohe, Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht!

Richard Dehmel.

Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg. Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie, Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8. Februar 1920. -- Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter 1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903. Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.

Die Harfe.

Unruhig steht der hohe Kiefernforst; Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen. Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst; Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen, Und dumpfer tönt mein Schritt.

Hier über diese Hügel ging ich schon, Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte, Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton Die Arme hob und ins Erhabne spannte, Ihr Riesenstämme rings.

In großen Zwischenräumen, kaum bewegt, Erheben sich die graugewordnen Schäfte; Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte Wie damals.

Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand In fünf gewaltige Finger hochgespalten; Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand Und langt noch höher als die starren alten Einsamen Stämme.

Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf, Als wollten sie sich aneinanderzwängen; Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf, Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen Einer verwunschnen Harfe.

Und von der Harfe kommt ein Himmelston Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen. Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon: Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen: Komm, Sturm, erhöre mich!

Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt, Die mächtig ganz in meine würde passen! Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt! Die ganze Hand, die konnte niemand fassen! Da ballt' ich sie zur Faust.

Ich habe mit Inbrünsten jeder Art Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt: Nur _eine_ Inbrunst läßt sich treu ertragen: Zur ganzen Welt.

Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst! Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben. In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst; Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben, Welt! --

Sommerabend.

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton, Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde; Im stillen Walde steht die Dämmrung schon, Der Hirte sammelt seine satte Herde.

Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden!

Aus banger Brust.

Die Rosen leuchten immer noch, Die dunkeln Blätter zittern sacht; Ich bin im Grase aufgewacht, O kämst du doch, Es ist so tiefe Mitternacht.

Den Mond verdeckt das Gartentor, Sein Licht fließt über in den See, Die Weiden warten still empor, Mein Nacken wühlt im feuchten Klee; So liebt' ich dich noch nie zuvor!

So hab' ich es noch nie gewußt, So oft ich deinen Hals umschloß Und blind dein Innerstes genoß, Warum du so aus banger Brust Aufstöhntest, wenn ich überfloß.

O jetzt, o hättest du gesehn, Wie dort das Glühwurmpärchen kroch! Ich will nie wieder von dir gehn! O kämst du doch! Die Rosen leuchten immer noch.

Ein Stelldichein.

So war's auch damals schon. So lautlos Verhing die dumpfe Luft das Land, Und unterm Dach der Trauerbuche Verfingen sich am Gartenrand Die Blütendünste des Holunders; Stumm nahm sie meine schwüle Hand, Stumm vor Glück.

Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld! Du blasses Licht da drüben im Geschwele, Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch -- Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele! Was starrst du mich so gottesäugig an? Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle Ich mich mit fremdem Unglück ab ...

Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken, Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch, Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken. Still hängt das Laub am feuchten Strauch, Als hätten alle Blätter Gift getrunken; So still liegt sie nun auch. Ich wünsche mir den Tod.

Ein Grab.

Das sind die Abende, die bleich verfrühten. Die Georginen, die im Sonnenscheine Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten, Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine. Der Nebel klebt an unsern Hüten.

Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz Umgittert _eine_, die zu früh verblich. Komm heim; mich friert. Sie liebte mich. Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Stiller Gang.

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. Vorbei.

Die stille Stadt.

Liegt eine Stadt im Tale, Ein blasser Tag vergeht; Es wird nicht lange dauern mehr, Bis weder Mond noch Sterne, Nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt; Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute, Da ging ein Lichtlein auf im Grund; Und durch den Rauch und Nebel Begann ein leiser Lobgesang Aus Kindermund.

Manche Nacht.

Wenn die Felder sich verdunkeln, Fühl' ich, wird mein Auge heller; Schon versucht ein Stern zu funkeln, Und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher, Das Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher, Jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten, Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.

Geheimnis.

In die dunkle Bergschlucht Kehrt der Mond zurück. Eine Stimme singt am Wassersturz: O Geliebtes, Deine höchste Wonne Und dein tiefster Schmerz Sind mein Glück --

Morgenstunde.

Ob du wohl auch so schlaflos liegst Und dich in wachen Träumen wiegst, Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt? Ich starr ins dunkle Firmament: Der Morgenstern, in großem Bogen, Ist langsam längst heraufgezogen Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.

Vor meinen schwachen Augen -- Nun weiß ich doch, zu was sie taugen -- Strahlt er, je höher her, je flimmernder. Weihnächtig glänzt die graue Stille. O zögre, Alltag! Ohne Brille Sieht man die Welt unendlich schimmernder.

Schon aber glitzert sein Gezitter blasser; Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser, Die du mir gestern heimlich brachtest. Und wenn du mich dafür auslachtest: Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte Und leg' sie auf mein warmes Bette Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.

Erhebung.

Gib mir nur die Hand, Nur den Finger, dann Seh' ich diesen ganzen Erdkreis Als mein Eigen an!

O, wie blüht mein Land! Sieh dir's doch nur an, Daß es mit uns über die Wolken In die Sonne kann!

Bewegte See.

Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm: Das Segel knatterte, die Schiffer schrien, Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm, Ich fühlte deine Angst in meinen Knien Und sah dein stolz und fremd Gesicht.

Noch einmal wollte mir dein Auge drohn, Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde, Doch in den Wellen rang ein Ton Wie das Gewein von einem Kinde -- Da wehrtest du mir nicht:

Um meine Lippen lag dein naß wild Haar, Um deine Schulter lag mein Arm gezogen, Und unsern Kuß versüßte wunderbar Der Schaum der salzigen Sturzwogen -- Da schrie ich laut vor Freude auf.

Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt, Hast du denn Furcht vorm offnen Meere! Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald! Im Hafennebel tanzt die Fähre -- Hinaus! hinauf!

Nachtgebet der Braut.

O mein Geliebter -- in die Kissen Bet' ich nach dir, ins Firmament! O könnt' ich sagen, dürft' er wissen, Wie meine Einsamkeit mich brennt!

O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! O laß ihn mir im Traume nahn, Mich wie die Erde um ihn schwingen Und seinen Sonnenkuß empfahn

Und seine Flammenkräfte trinken, Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, O Welt, bis wir zusammensinken In überirdischem Erglühn!

O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! O Traum der Erde: Sonne, Sonne! O mein Geliebter -- mein Gemahl --

Ideale Landschaft.

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, Und eine hohe Abendklarheit war, Und sahst nur immer weg von mir, Ins Licht, ins Licht -- Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.

Aus »Zwei Menschen«.

I, 1.

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; Der Mond läuft mit, sie schaun hinein. Der Mond läuft über hohe Eichen; Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht, In das die schwarzen Zacken reichen. Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag' ein Kind, und nit von dir, Ich geh' in Sünde neben dir. Ich hab' mich schwer an mir vergangen. Ich glaubte nicht mehr an ein Glück Und hatte doch ein schwer Verlangen Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück Und Pflicht; da hab' ich mich erfrecht, Da ließ ich schaudernd mein Geschlecht Von einem fremden Mann umfangen, Und hab' mich noch dafür gesegnet. Nun hat das Leben sich gerächt: Nun bin ich dir, o dir, begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt. Sie schaut empor; der Mond läuft mit. Ihr dunkler Blick ertrinkt im Licht. Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das du empfangen hast, Sei deiner Seele keine Last, O sieh, wie klar das Weltall schimmert! Es ist ein Glanz um alles her; Du treibst mit mir auf kaltem Meer, Doch eine eigne Wärme flimmert Von dir in mich, von mir in dich. Die wird das fremde Kind verklären, Du wirst es mir, von mir gebären. Du hast den Glanz in mich gebracht, Du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er faßt sie um die starken Hüften. Ihr Atem küßt sich in den Lüften. Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

I, 16.

Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel. Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel: Ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin. Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel. Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel.

Jetzt reckt er das Kinn: Lea! seit meinen Jugendjahren Bin ich nicht so im Fluge gefahren, So rasend noch nie. Aber noch rasender war's gestern morgen, Als ich im Sturm deinen Namen schrie Und, als wäre mein Gott drin verborgen, Mit ihm rang um dich, Knie an Knie: Schleife mich, Sturmgott, um die Erde, Sei sie unrein, sei sie rein! Gönne mir nur kein Glück am Herde, Hingerissen will ich sein! -- Sage mir, du, ich frage dich: schreit _Dein Gott auch so meinen_ Namen? Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen? Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!

Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon. Die Zügel schlackern; die Bügel bäumen schon. Das Weib umschlingt ihn fallbereit:

Nenn's nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn! Lukas! ich hab' in manchen furchtbaren Wochen Dagelegen wie zerbrochen Und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen! Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen! Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste, Als ob es die Sonne blind machen müßte! Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche, Und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche, Ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen --

Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel. Zwei Menschen glauben sich im Himmel.

I, 23.

Kaminfeuer und Morgenrotschimmer Schmücken ein hohes Damenzimmer. Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide Ihre nackten Arme beide Vor einem Mann breit in die Luft Und lacht, umschwebt von Mandelduft:

Ich glaub', ich bin noch immer schön; Mein Kind hat mir nichts weggenommen. Und hättst mich eben baden sehn, Du wärst mit mir gen Himmel geschwommen! Was stehst denn wieder wie im Schlaf? O Lux, was bist du für ein -- Schaf!

Er lächelt eigen, sie merkt es nicht: Er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht. Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell. Er fragt halbhell:

Schönheit? -- das ist mir nichts als Hülle Um irgend eine Liebreizfülle. Der Reiz zur Liebe und zum Leben, Wenn den die Reize einer Gestalt Mir wie aus eigner Seele eingeben, Dann bin ich -- schön in ihrer Gewalt; Sonst sind sie angeflogne Schäume, Nachwehen toter Künstlerträume. Du würdest ja Raffael nicht entzücken: Du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen. Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen. Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken Taugen zu keiner klassischen Ode, Und dein klassisch Kinn ist gar nit mehr Mode. Aber -- jetzt will ich die Augen zudrücken, Will nichts mehr fühlen als deinen Bann, Nichts küssen als deine Wildkatzenstirne; Und wärst du die durchtriebenste Dirne, Du wirst mir eine Heilige dann --

Prüfend blicken zwei Seelen einander an.

II, 28.

Und es rauscht nur und weht. Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen; Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen, Die blaue Glut, die stumm und stet Die Dünen umschlingt. Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden. Die Seele eines Weibes singt:

O laß mich still so liegen, An deiner Brust, die Augen zu. Ich sehe zwei Wolken fliegen, Die eine Sonne wiegen; Wo sind wir, du? --

Und es rauscht und weht. Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern. Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern, Der über den bleichen wilden Hügeln steht Und golden schwingt. Die Seele eines Mannes singt:

Still, laß uns weiterfliegen, Beide die Augen zu. Ich sehe zwei Meere liegen, Die einen Himmel wiegen. O du --

Es rauscht, es weht; Über die heißen Höhenzüge geht Höher und höher der goldne Schein Ins Blaue hinein, Wo das Dunkel schwebt. Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen, Kommt die Einsamkeit gezogen. Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt, Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden, Die will uns wohl endlich leibeigen werden: Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen, Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen --

Adolph Donath.

Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. -- Tage und Nächte 1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.

Tränen.

Wenn ich leide, wenn ich dulde, Wandern meine kranken Tränen Fort in meine ferne Heimat, Wo die gute Mutter wohnt.

Und die gute Mutter öffnet Ihre kleinen weichen Hände, Betet für den schwachen Dulder, Der die Tränen heimgesandt.

Segnend legt sie dann die kranken In ein stilles, feines Kästchen, Das aus Seele sie gezimmert, Das nur sie erschließen kann,

Und sie pflegt die kranken Tränen Wie ein Gärtner, der sein Leben, Seine edle, stumme Güte Zarten Blütenknospen weiht ...

Wenn ich einst in Freudestunden Zitternd nach den Tränen frage, Küßt mir meine gute Mutter Schnell den Dank vom Herzen weg.

Albert Ehrenstein.

Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weiße Zeit, 1914. Der Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918. Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.

Auf der hartherzigen Erde.

Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu, Mich freut der weiße Tanz der Gestirne, Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes, Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn, Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache, Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig. Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde, Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.

Ich zertrat das Gebot: »Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!« Düster umwandle ich mich, Vermeidend die Mädchen und Männer, Seit mein weiches, bluttränendes Herz Im Staube zerstießen, die ich verehrte. Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte. Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch. Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.

Verzweiflung.

Wochen, Wochen sprach ich kein Wort; Ich lebe einsam, verdorrt. Am Himmel zwitschert kein Stern. Ich stürbe so gern.

Meine Augen betrübt die Enge, Ich verkrieche mich in einen Winkel, Klein möchte ich sein wie eine Spinne, Aber niemand zerdrückt mich.

Keinem habe ich Schlimmes getan, Allen Guten half ich ein wenig. Glück, dich soll ich nicht haben. Man will mich nicht lebend begraben.

Friede.

Die Bäume lauschen dem Regenbogen, Tauquelle grünt in junge Stille, Drei Lämmer weiden ihre Weiße, Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad.

Rotsonne rollt sich abendnieder, Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben. Dunkel über Flut und Flur.

Froschwanderer springt großen Auges, Die graue Wiese hüpft leis mit. Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne. Der Heimwehwind weht gute Nacht.

Coyllur.

Grenz ich an dich im Grenzenlosen? Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen? Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen -- Steht schon still die Liebesuhr? Coyllur!

Die, ein Kind, bei mir geruht, O, wie warst du traulich-gut! Gift vergällte mein Herzblut, Seit dein Schweigen mich durchfuhr, Coyllur!

Nacht um Nacht ich nie entschlief, Wochenewig tränkte mich kein Brief, Auf eine Karte wartend tief Meiner harrte harte Kur, Coyllur!

Wort starb mir im toten Hain. Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein Dacht ich dein. Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour, Coyllur!

Wanderers Lied.