Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 3

Chapter 33,512 wordsPublic domain

Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar. Ein Färblein rosarot dazwischen war, Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr, Und es war Mai.

So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein Umfädelte der sanfte Sonnenschein; Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n. Die Knospe sprang.

Ich hätte gern in Treuen sie gehegt, Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt, Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt. Wem blüht sie nun?

Gigerlette.

Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee, Ihre Toilette War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan. Selbst ein Mönch, ich wette, Sähe Gigerlette Wohlgefällig an.

War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelber Kerzenschimmer In dem Raume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit. Nie vergess' ich's, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweiß war sie.

Und im Trab mit Vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren, Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Saß bei dem Kutschieren Mit den heißen Vieren Amor hinten auf.

Traum durch die Dämmerung.

Weite Wiesen im Dämmergrau! Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn: Nun geh' ich zu der schönsten Frau, Weit über Wiesen im Dämmergrau, Tief in den Busch von Jasmin.

Durch Dämmergrau in der Liebe Land; Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht; Mich zieht ein weiches, samtenes Band Durch Dämmergrau in der Liebe Land, In ein blaues, mildes Licht.

Jeannette.

Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank, Und mittendrin ein Mädel schlank, Meine lustige, liebe Jeannette. Braune Augen hat sie, wunderbar, In wilden Ringeln hellbraunes Haar, Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, -- Jeannette! Jeannette!

Am Fensterbrett ein Efeu steht, Durchs grüne Geranke die Liebe späht, Meine lustige, liebe Jeannette. Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind. Alleine wir beiden, es singt der Wind Das Lied von zweien, die selig sind, -- Jeannette! Jeannette!

Die schwarze Laute.

Aus dem Rosenstocke Vom Grabe des Christ Eine schwarze Laute Gebauet ist; Der wurden grüne Reben Zu Saiten Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So erossüß, so jesusbang, Die schwarze Rosenlaute.

Ich hörte sie singen In mailichter Nacht, Da bin ich zur Liebe In Schmerzen erwacht, Da wurde meinem Leben Die Sehnsucht Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So jesussüß, so erosbang, Die schwarze Rosenlaute.

Oft in der stillen Nacht.

Oft in der stillen Nacht, Wenn zag der Atem geht Und sichelblank der Mond Am schwarzen Himmel steht,

Wenn alles ruhig ist Und kein Begehren schreit, Führt meine Seele mich In Kindeslande weit.

Dann seh' ich, wie ich schritt Unfest mit Füßen klein, Und seh' mein Kindesaug' Und seh' die Hände mein,

Und höre meinen Mund, Wie lauter klar er sprach, Und senke meinen Kopf Und denk' mein Leben nach:

Bist du, bist du allweg Gegangen also rein, Wie du gegangen bist Auf Kindesfüßen klein?

Hast du, hast du allweg Gesprochen also klar, Wie einsten deines Munds Lautleise Stimme war?

Sahst du, sahst du allweg So klar ins Angesicht Der Sonne, wie dereinst Der Kindesaugen Licht?

Ich blicke, Sichel, auf Zu deiner weißen Pracht; Tief, tief bin ich betrübt Oft in der stillen Nacht.

Emanuel von Bodman.

Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896. Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.

Der Garten.

Das rote Weinlaub hängt von Sonne voll, Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten, Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll Einst unser junges Sehnen, und wir starrten In manche blaue Nacht. Nun bist du tot Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen. Nun ist mir, fühle ich ihr braunes Rot, Es müßten deine leichten Tritte hallen. Noch fließt der alte Tropfsteinquell so klar, Und mächtig drückt mich eine süße Schwere, Als ob der irre Duft von deinem Haar Noch irgendwo in diesen Büschen wäre.

Meine Mutter ...

Meine Mutter sang Über meine Wiege, Bis zu Flur und Stiege Flog der süße Klang.

Meine Mutter wand Garn im Sonnenscheine, Und sie hatte eine Zarte weiße Hand.

Mutter war sehr schön, Hör' ich alle sagen, Und ich will nicht klagen, Daß ich's nicht gesehn.

Flocken.

Leise, leise fallen weiße Flocken, Fall'n wie einstens, als dein Fuß mit Beben In mein Haus trat, als ich hell erschrocken Ahnte, daß ein Wunder sich begeben ...

Als der Nachthauch unsre Pulse kühlte, Droben lichte Kinderstimmen klangen ... Als ich deine schauernden Arme fühlte, Die so einzig meinen Hals umschlangen ...

Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ... Als zum ersten Male deine Seele Ihre Zitterflügel froh entfaltet ...

Wandlung.

Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen, Man brauche nur in sein Gestrüpp zu greifen, Um hunderte an einem Tag zu streifen ... Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.

Die Wünsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer. Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer, Ist es dafür um eine Weisheit schwerer, Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.

Ich blicke kälter. Doch: schenkt mir im Wandern Das Leben plötzlich eine Rose wieder, Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder: Sie glänzt ja röter als die hundert andern.

Walter Calé.

Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November 1904. -- Nachgelassene Schriften 1907.

Wir tauchten aus dem Strom ...

Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt, Und wo wir eines waren willenlos, Und wandeln nun für eine kurze Weile In argen Fesseln unter Raum und Stunden, Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind, Und nur mit Blicken, welche trösten sollen, Von fern uns winkend -- eine kurze Weile, Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen Und wieder eines sind und willenlos.

Der Tod wird uns ...

Der Tod wird uns an seine Hände nehmen, Ein Führer jener Seelen, welche irrten, Und sprechen: »Dieses ist der rechte Weg!« Und weiter sprechen: »Dieses ist das Land, Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.« Dann aber werden wir die Blicke senken Und voller Trauer fragen: »Dieses nur?«

Es rinnen rote Quellen ...

Es rinnen rote Quellen Um mein gesegnet Haus; Es tränkt ein schwarzer Reiter Sein schwarzes Roß daraus.

Er lehnt schon hundert Jahre Vor meinem runden Tor; Die Zeit wird ihm nicht lange, Ich komme nie hervor.

Es braucht nur dreier Schritte, So kann ich bei ihm stehn, So kann ich mit ihm reiten, Wie meine Wünsche gehn.

Das ist so schön zu wissen! Ich sag' es tausendmal: »Es wartet einer draußen!« Und bleibe doch im Saal.

Der Reiter schläft im Schatten, Sein Panzerhemd blinkt gut; Dem Rappen ist sehr schläfrig, Mir ist sehr froh zumut!

Zwiegespräch.

Der Sänger: Die andern sprachen deinem Herzen vieles, Nur meine Lippen blieben stumm, vergib, Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.

Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich!

Der Sänger: Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm, Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.

Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich: Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele.

Der Sänger: Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt, Und keine Worte kamen von der Seele.

Beatrix: Du irrest, Bruder, und ich hörte dich, Ich hörte deine stumme Seele singen.

Du träumtest ...

Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne, Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde Und kam und ging gleich einem Wanderer, Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen, Der deinem Fenster so vorübergeht, Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt, Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs Und seine Seele nicht und seine Stimme; Er geht vorüber, und der Schritt verhallt, Auf deinem Lager horchst du eine Weile: »Wer ging vorüber ..?« -- Dann entschlummerst du.

Der Heimweg führte mich ...

Der Heimweg führte mich in dieser Nacht Zum Parke, welcher voller Stille lag, Und viele dürre Blätter raschelten. Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen Erschien es mir und war mir wohlbekannt Und weinte auch und nickt' und lockte sehr; Doch als der Wind ein wenig lauter klagte, Zerrann es ...

Am Flusse.

Trauernd stehst du an des Flusses Rande, Trauernd führt mein Weg am andern Ufer: Keiner weiß, ob ihn der andre riefe; Allzu heftig rauschen die Gewässer.

Wollen wir ein Boot vom Strande ketten, Du vom rechten, ich vom linken Strande? Wollen wir dann in des Stromes Mitte Leichten Ruderschlages uns begrüßen?

Wollen wir die Wasser abwärts gleiten, Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd, Bis das Meer in großem Glanz sich auftut Und wir stehn und beide weinen müssen?

Und abermals wirst du ...

Und abermals wirst du geboren werden Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig, Und wirst die Wege gehen allen Lebens, In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln. Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind, Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf, So wisse du: Der Bruder ruft nach dir, Der abermals dem Tode sich entrang Gleich dir und abermals das Leben wandelt Auf andern Sternen fern und trauervoll.

Die Andern.

Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen Und gehen gleichen Mutes durch das Leben, Und ihr in Tränen und Erschütterung; Und eines Tages ist es dann geschehen: Als eure Tränen immer heißer strömten, Die müden Häupter immer tiefer sanken, Da waren euch die Schwingen längst gewachsen, Da waret ihr im Äther längst entschwunden, Da wußten wir und brannten allzu wissend: Daß Glückes mehr in euern Tränen sei Als in dem Lachen unsrer armen Seele.

Hermann Conradi.

Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin, Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in Würzburg am 8. März 1890. -- Lieder eines Sünders 1887.

Aus den »Schwarzen Blättern«.

XIII.

Ich weiß -- ich weiß: Nur wie ein Meteor, Das flammend kam, jach sich in Nacht verlor, Werd' ich durch unsre Dichtung streifen! Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang, -- Wie Südwind kost -- es gellt wie Trommelklang Mein Lied und wird in alle Herzen greifen ...

Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ... Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz -- Es streicht der Abendwind durch die Zypressen ... Nur wenige weinen ... Sie verstummen bald. Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt -- Ich aber werde bald vergessen ...

IV.

Im Sklavendienst der Lüge Hab' ich den Tag verbracht ... Nun hat den Gnadenschleier leis Herabgesenkt die Nacht.

Es schweigt verträumt die Runde, Nur raunend der Nachtwind rauscht -- Ich aber mit brennendem Munde Habe Stunde um Stunde Mit Geistern aus nächtigem Grunde Wilde Zwiesprach' getauscht!

Hei! Wie er mich umflattert, Der Geister toller Schwarm! Wie er mich preßt mit dunkler Lust In seinen Riesenarm! Wie Frage er auf Frage In meine Seele schreit! Und ob ich bang verzage, Die Brust mir blutig schlage Und bete, daß es tage: Wie ist der Tag so weit!

Sommerrosen.

Ich wollte dich mit Rosen überschütten, Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar Und deines Mieders Knospenrundung schmücken ...

Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem, Ein milder Sieger, durch die Lande schritt, Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose, Die rote Sommerrose, aufgebrochen, Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen, Mit roten Rosen deine Schönheit krönen ...

Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Fülle Seh' ich allorts und alle Stunden blühn ... Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen, Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ... Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln, Als sein vertränter Blick von ungefähr Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ...

Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen Und schütte sie auf tote Liebesflammen ... -- -- -- Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder, Und morgen wohl begegne ich euch beiden ... Ich blick' euch lächelnd nach ... Und denke ganz aus Zufall Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag, Da wir uns sahn ... Am Abend dann Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann, Umduftete uns süß der Flieder ...

Wir aber liebten uns ... -- -- --

Lenz.

Wie ich mich auf den Frühling freue! Wie mir das Alte und doch so Neue Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt! Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter Aus vollen Lungen! Und doch ist's mir, als ob schon dahinter Sehnsuchtsbezwungen Leise, ganz leise der Lenz sich regt ...

Mein Blick, nun weide dich ...

Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal An dieses Frühlings satter Blütenfülle! Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl -- Mein Herz, sei stille! ...

Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang! Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ... Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang -- Dir blieb der Glaube! ...

O glaube eine winzige Weile nur, Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward! Umfaß noch einmal trunken die Natur, Bevor es Nacht ward! ...

Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind Mattweiße Blüten -- eine letzte Krönung -- -- -- Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ... Und voll Versöhnung ...

Die müde schon verglühte ...

Die müde schon verglühte, Die leise schon verklang, Jach ist sie wieder aufgeflammt In jauchzendem Gesang! Wie Zimbelton, wie Lautenschlag Ward meine Liebe wieder wach, Die müde schon verglühte, Die leise schon verklang ...

Und heller tönt ihr Rauschen, Wie junger Frühlingswind, Wenn er in heißem Schöpferdrang Die Welt dem Licht gewinnt! Und das Prophetenwort erläßt, Daß nun der Menschheit Osterfest -- Ja! Heller tönt ihr Rauschen, Wie junger Frühlingswind!

Und wie durch Nebelschleier Die Sonne siegreich bricht, Der jungen Flur ein goldnes Band Ums Lockenantlitz flicht: So überglänzt mit Purpurschein Die Liebe nun mein ganzes Sein, Gießt goldne Feuer nieder Und wirbt um neue Lieder ...

Und nah und ferne quellen Blitzende Wellen empor An meinem Lebenshorizont Aus Dunst und Wolkenflor! Gedanken, die mir nie genaht, Und Pfade, die ich nie betrat, Entsteigen verborgenen Gründen, Heilige Kraft zu entzünden!

Die leise schon verklungen, Die müde schon verglüht: Wild ist sie wieder aufgeflammt, Im Lenzsturm stark erblüht! Und lag ich nieder staubbedeckt, So hab' ich mich nun aufgereckt, Und die Gedanken schweifen In großem Weltbegreifen!

Im Vorüberfluge.

Mit metallhartem Rotgelb Hat sich des Himmels Westliche Wölbung beflammt.

Mein Auge starrt staunend In die leuchtende Blende, Die wachsend fortglüht, Als sei nimmer ihr Ende Die lichtlose Nacht ...

Da streift die brennende Lichtwand ein Fittich -- Der nachtschwarze Fittich Eines Dämmerungsvogels ... Eine kleine Spanne -- Und die Weite verschlang ihn.

Also trägt auch der Mensch Mit schwankem Fittich Sein zwielichtbefangenes Sein Vorüber an der stetig leuchtenden Kristallwand der Ewigkeit ...

Er huscht dahin Ein Traum -- ein Wahn -- Auf schmaler Bahn -- So bald -- so bald Raubt seiner Gestalt Schattengefüge Des Nichtseins Farblose Wahrheitslüge.

Aber im Fluge -- Im Vorüberfluge -- Ahnt er das Rätsel Der stetig und still In sattem Glanze Fortdauernden Ewigkeit ...

Theodor Däubler.

Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.

Weg.

Mit dem Monde will ich wandeln: Schlangenwege über Berge Führen Träume, bringen Schritte Durch den Wald dem Monde zu.

Durch Zypressen staunt er plötzlich, Daß ich ihm entgegengeh, Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd, Wenn mich's friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder Bringen mich zum Silbersee: Nur ein Nachen auf dem Wasser, Heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder Führen mich zu einem Berg. Oben steht der Mond und wartet, Und ich steige leicht empor.

Die Buche.

Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken, Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken, Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.

Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun Ich fang im Frühling selig an zu reden, Ich wende mich in schlichter Art an jeden: Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!

Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh. Ich will, daß Nebel sich um Äste legen, Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!

Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau. Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen. Er ist noch niemals ohne mich gewesen. Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.

Die Droschke.

Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke. Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer. Die Droschke und die Gassenflucht sind leer; Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke.

Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke, Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr. Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her, Daß sie zum Warten sich zusammenrenke.

Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke Und oft das geile Lachen aus der Schenke. Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.

Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit, Noch einmal poltern da die Droschkenbänke.

Heidentum.

Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen. Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen. Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen. Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.

Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen. Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen. Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen. Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.

Die Wellen wollen sich in mich verlieben. Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen? Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben.

Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen, Die Wellen tragen meine Kunden weiter: Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter.

Die Russin.

Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone. Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen. Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone, Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen.

Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste, Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten, Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte. Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.

Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne. Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen. Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne, Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.

Die Augen der Russin vermuteten Meere. Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille. Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere, Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.

Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde. Die Russin erwachte und spürte die Kälte. Zitternd zerband sie die Fenstergewinde, Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.

Max Dauthendey.

Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java. -- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub 1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des großen Krieges Not 1915.

Laß mich in deinem stillen Auge ...

Laß mich in deinem stillen Auge ruhen, Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.

Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick, Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.

Vom dunkeln Horizont der Erde Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel, In deinem Auge endet meine Erde.

Graue Engel ...

Graue Engel gehen um mich, Sehen trauernd auf dich, meine Seele, Sie stehen mit lahmen Flügeln An Aschenhügeln und sinnen; Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.

Am süßen lila Kleefeld ...

Am süßen lila Kleefeld vorbei, Zu den Tannen, den zwei, Mit der Bank inmitten, Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut Der sanfte Fjord, Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.

Gib mir die Hand. Die beiden Tannen stehen so still, Ich will dir sagen, Was die Stille rings verschweigen will. Gib mir die Hand ... Gib mir in deiner Hand dein Herz.

Winde quälen die Bäume ...

Winde quälen die Bäume, Die Blätter frieren und gilben.

Menschen, noch braun die Sommerwangen, Aber die Lippen sangen die letzten Silben. Bald ist das Lied zergangen.

Die Amseln haben ...

Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel, Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen.

Die Luft so schwer ...

Die Luft so schwer, Wolken stehen weiß und still, Der Himmel hohl und aschenleer, Ein Rabenschrei --, Und kreischt vorbei. Die Bäume stehen kalt umher, Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.

Auf deinem Haupt ...

Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone, Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz. Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied Der tiefen ungeweinten Tränen.

Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen? Man könnte wähnen, Du habest nie dich selbst gesehn, So arm bist du.

In deinem Angesicht ...

In deinem Angesicht Schwebt Stille. Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt, Auf abendblauem Berge, Und im Blumenkelche. Eine Stille, warm und licht, Die ohne Laut vornehme Laute spricht.

Unsere Augen ...

Unsere Augen so leer, Unsere Küsse so welk, Wir weinen und schweigen, Unsere Herzen schlagen nicht mehr.

Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer Die Schwalben scheiden, Sie kommen wieder, Aber nie mehr uns beiden.

Stille weht ...

Stille weht in das Haus, Fühlst du den Atem des Mondes, Löse dein Haar, Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus. Hörst du, das Meer unten am Strand Wirft die Schätze ans Land; Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer, Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.

Die Sommernacht ...

Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen. Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen, Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen, Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.

Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht, Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde. Und immer kommt und geht darin der Mond Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht. Doch auszudenken, daß wir müde einst Für immer gehn, unwissend mit uns selbst.

Drinnen im Strauß.