Deutsche Lyrik seit Liliencron
Chapter 2
Scholz, Wilhelm von In einer Dämmerstunde 231 Abschied 232 Heimat 233 Abendgang 233 Der Wandrer 234 Erde 234 Ich weiß es wohl 234 Nächtlicher Weg 235 Am Söller 235
Schröder, Rudolf Alexander Aus den »Liedern an eine Geliebte« Nun kam der Abend 236 »Die Lüge« sagst du 237 Ich habe keine Schmerzen 237 Ach, noch immer glaube ich 237 Das Glück ist ein leerer 237 Sonett an eine Verstorbene 238 Aus dem Buch "Elysium" Sie lassen sich am Ufer nieder 238 Wenn sie wandeln 239 Leise laß sie ihren Reigen 239
Schüler, Gustav Unterdessen 240 Mignon 240 Am Abend 241 Am Kreuzweg 241 Was ist das Glück? 242
Stadler, Ernst Reinigung 242 Vorfrühling 243 Was waren Frauen 243 Puppen 244 Glück 245
Sternberg, Leo Der Wartende 245 Soviel Lüftchen 246 Eine plötzliche Stille 246 Jenseits 247
Susman, Margarete Im Feld ein Mädchen singt 247 Ich liebe unter allen 248 So in die still verschneite Nacht 248 Kein Liebeswort 249
Trakl, Georg Der Herbst des Einsamen 249 In den Nachmittag geflüstert 250 Im Park 250 Landschaft 251 Sommer 251 In Venedig 252 Am Moor 253 Frühling der Seele 253 Elis I-II 254
Walser, Robert Morgenstern 256 Langezeit 256 Warum auch 257 Schnee 257 Im Mondschein 258 Müdigkeit 258 Zu philosophisch 258 Brausen 259 Und ging 259
Wedekind, Frank Erdgeist 260 Perversität 260 Ilse 261 Der Anarchist 261 Waldweben 262
Werfel, Franz Wie nichts erkennend 263 Verzweiflung 263 Welche Lust auf Erden denn ist süßer 264 Ein Lebens-Lied 265 Amore 265 Alte Dienstboten 266 Mondlied eines Mädchens 268 Die Leidenschaftlichen 269 Die Schwestern von Bozen 270 Gesang einer Frau 271 Geheimnis 274 Was ein jeder sogleich nachsprechen soll 274 Sein und Treiben 275 Gebet um Reinheit 275 Wir nicht 277
Wertheimer, Paul Seelen 278 Ostsee 278 Tote Stunde 279
Wolfenstein, Alfred Städter 279 Tanz I-III 280 Musik des Kämpfers 282 Nacht im Dorfe 283 Fahrt 284 Die Stirn 285
Zech, Paul Die Häuser haben Augen aufgetan 286 Bettler im Spätherbst 286 Dorf im Mittag 287 Es kam ein Wind 287
Zweig, Stefan Singende Fontäne 288 Schwüler Abend 290
Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge 292
Verzeichnis der Bilder
Detlev von Liliencron Nach einer künstlerischen Photographie von Rudolf Dührkoop, Hamburg
Max Dauthendey
Richard Dehmel
Hugo von Hofmannsthal
Arno Holz Photographie A. Binder, Berlin W 15
Ricarda Ceconi-Huch
Else Lasker-Schüler Atelier Lisi Jessen, Charlottenburg, Bismarckstraße 3
Alfred Mombert
Rainer Maria Rilke Nach einer Bronzebüste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)
Franz Werfel Nach einer künstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I, Wipplingerstr. 26
Peter Altenberg.
Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.
Liebesgedicht.
Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen -- Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen -- Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen, Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen. Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen, Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen. Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem Freunde sprechen, Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen Taktfehlers für ewig brechen -- -- --. Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen, Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen. Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen, Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen. Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe -- -- -- Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören. Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!
Das Bangen.
Mir bangt um dich, Anna -- -- --. Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht, Ich weiß nur, daß mir bang ist. Mir ist bang! Wie einer Mutter bang ist ohne Grund, Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --! Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange, Während die anderen noch lange Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten. Mir bangt, wie einem bangt, Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht!
Mir bangt, wie einem bangt, Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh. So, so bangt mir um dich -- -- -- Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_; Du aber, du gehst deinen Weg von mir, Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir, Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- -- Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder, Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!
Ljuba.
Die da nicht kommen an deinen Tisch, Die sind _klüger_ als ich! Die schützen sich! Ich aber, gleich der Motte im Lichte, Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte! Ich will lieber in Licht und Hitze sterben, Als gesichert um Anna oder Grete werben! Die da nicht kommen an deinen Tisch, Die sind _dümmer_ als ich! Sie schützen sich!
Was kann er für sie tun?!?
Was kann ich für dich tun?!? Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen -- Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --. Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke sagen: »Du hast recht, nur du!« Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich sein -- -- -- -- Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein -- --. Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater Und Komplimente über seine Tochter machen deinem Vater. Ich kann dir süße Mandarinen bringen. Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen. Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn: »Was kann ich für sie tun?!?«
Wilhelm Arent.
Geboren am 7. März 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbücher heraus. Er ist in Berlin verstorben.
Das Weltgeheimnis.
Sie fanden ihn -- von düstrer Falte Durchfurcht die hohe Denkerstirn --, Schlaff hing die Hand, die marmorkalte, Verloht die heilige Glut im Hirn;
Die Augen waren sanft geschlossen -- Ein Lächeln spielte um den Mund -- Als hätt' er jede Huld genossen Und jedes Rätsel wär' ihm kund ...
Zwei Glückliche.
Und sie herzten sich Und küßten sich Lange; Endlich schliefen sie ein. Lächelnd träumten sie Arm in Arm, Bis rauh Der Morgen kam.
Melancholie.
Meiner Jugend Träume, Wo seid ihr hin? Ihr himmlischen Räume, Wie fern ich euch bin!
Draußen grünen die Bäume, Flur in Blüte steht -- Meine Lieder sind Schäume, Die der Wind verweht ...
Peter Baum.
Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Träume 1901.
Grauen.
Das ist das Furchtbare, Daß ich oft glaube, Ich trüge deine Augen und deine Haare. Daß meine Hände dann hilflos suchen Ganz wie die deinen Und meine Lippen mich so verfluchen Und weinen.
Jeden Abend überkommst du mich so.
Zwei ganz gleiche Totenvögel Fliegen dann über den Kirchhof.
Liebespsalmen.
I.
Deine Nächte klagen in meine Tage, Durch mein Träumen rieselt das Blut deiner Füße. O ich will dir forttrinken alle Tränen, Ich will dich tragen unter meine Wipfel.
Meine Wipfel sind kühl und voll Frieden Und baden sich hoch in tiefen Wassern. Himmelstiefen tropfen zu uns hernieder, Aus ewigen Meeren, durch heilige Wipfel.
Schlummre du tief in meinen Armen! Meine Augen sind stahlharte Engel; die wachen Über deinen Frieden.
II.
Deine Augen leuchten vor Dunkel, Und ein spinnendes Weinen Deiner schwarzen Haare Über das Leinen. O dein blasses Gesicht, Und wie deine schmalen Hände Über die Kissen suchen --: Rührendes Stammeln Eines sprießenden Liedes, Das blühen möchte.
Meine Seele sucht mit dir.
III.
Wenn die Rosen des Morgens aufstaunen, Möchte ich zu dir kommen! Ich brächte deiner Stirne kühlen Tau Und deinen Lippen Lachen.
In meinen Nächten schreckt mich deine Einsamkeit; Schmiege dich tief in die Flügel meiner Seele; Dunkel rauschten sie über die Meere, Bis sie zu dir sich fanden.
IV.
Wenn die Nacht von dannen geht, Wollen wir uns aus dunkeln Schalen Unser Blut reichen.
Ein Auge wollen wir sein und eine Seele, Schauernd über der Täler Brennend klaren Kelchen.
Siehst du den Morgenwind? Er trägt Schwebendes Leben von Büschen zu Büschen, Halm zu Halm. Sei du mein! --
Nun schweig.
Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn; Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken, Und schwarze Wolken felsenzackig stehn Um blanke Dächer, die wie Seen blinken. Und suche meine Seele nicht; die liegt In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer, Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt.
Der Greis.
Länder und Seen durchschwommen Brünstig allen Fernen. Wittre nun in den Nächten Nach Ländern über Sternen.
Als ich ein Kind war, Glänzte so weit mein Teich, Hinter jedem Wipfel Grünte ein Zukunftsreich.
Stützt zu Berg mich, Söhne, Dicht in meine Nähe, Daß ich noch einmal Die kleine Erde sehe.
Johannes R. Becher.
Geboren am 22 Mai 1891 zu München. -- Verfall und Triumph 1914. An Europa 1916. Päan gegen die Zeit 1918. Das Neue Gedicht 1918. Gedichte für ein Volk 1919. Gedichte um Lotte 1919. Um Gott 1920.
Verfall.
Unsere Leiber zerfallen, Graben uns singend ein: Berauschte Abende wir, Nachtsturm- und meerverscharrt. Heißes Blut vertrocknet, Eitergeschwür verrinnt. Mund Ohr Auge verhüllet Schlaf Traum Erde der Wind.
Gelblich träger Würmer Enggewundener Gang. Pochen rollender Stürme. Wimpern, blutrot lang. ... »_Bin ich zerbröckelnde Mauer, Säule am Wegrand, die schweigt? Oder Baum der Trauer Über dem Abgrund, geneigt?_« ... Süßer Geruch der Verwesung, Raum, Haus, Haupt erfüllend. Blumen, flatternde Gräser, Vögel, Lieder quillend.
»_Ja --, verfaulter Stamm_ ...« Schimmel. Geächz. Gestöhn. Unter wimmelnder Himmel Flucht Furchtbarer Laut ertönt: Pauke. Tube Gedröhn. Donner. Wildflammiges Licht. Zimbel. Schlagender Ton. Trommelgeschrill. Das zerbricht. --
Der ich mich dir, weite Welt, Hingab, leicht vertrauend, Sieh, der arme Leib verfällt, Doch mein Geist die Heimat schaut. Nacht, dein Schlummer tröstet mich, Mund ruht tief und Arm. Heller Tag, du lösest mich Auf in Unruh ganz und Harm.
Daß ich keinen Ausweg finde, Ach, so weh zerteilt! Blende bald, bald blind und Binde. Daß kein Kuß mich heilt! Daß ich keinen Ausweg finde, Trag wohl ich nur Schuld: Wildstrom, Blut und Feuerwind, Schande, Ungeduld.
Tag, du herbe Bitternis! Nacht, gib Traum und Rat! Kot Verzerrung Schnitt und Riß -- Kühle Lagerstatt ... Alles muß noch ferne sein, Fern, o fern von mir -- Blüh empor im Sternenschein, Heimat, über mir!
Einmal werde ich am Wege stehn, Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt. Umronnen von goldener Winde Wehn. Licht fällt durch der Wolken Flucht matt. Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt ... Meine Hände rühren An Himmel, golderfüllt, Sich öffnend gleich Wundertüren.
Wiesen, Wälder ziehen herauf. Gewässer sich wälzen. Brücken. Gewölbe. Endloser Ströme Lauf. Grauer Gebirge Rücken. Rotes Gedonner entsetzlich schwillt. Drachen, Erde speiend. Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt. Empörung. Lachen. Geschrei.
Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack. Knäuel. Gemetzel weit ... ... »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_ Oder hat es noch Zeit? Wann ertönest du, schallendes Horn, Schrei du der Meerflut schwer? Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn Rufend die Schläfer her?« ...
Der Idiot.
Er schwirrte nächtens durch der großen Städte Flucht. Das traf ihn schwer. Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste. Staubwirbel bliesen ihn durch grünen Abendhimmel flaches Meer. Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand, Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte, Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich niederwand.
Er schlug: die Augen grün, Schaum dick ums Maul, Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei! Ganz leise sang ein Droschkengaul -- Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen. Auf allen Dächern tosten Flammen laut. Die Dome knieten nieder. Berge schwammen Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn. Es gellte. Möwenschwärme schreckten auf. Blütenwälder weiß begruben ihn.
Musik des Abschieds.
Beginn der Klänge zwischen dir und mir! Uralte Sänge, die mich heiß verfluten -- Gewühl der Zeiten, die mich weiß zerbluten -- Geläute. Schweigen zwischen mir und dir.
O Gräber, Gärten zwischen mir und dir! Gespannt die Tänzer unsichtbar auf Seilen -- Traum-Silber-Pflüge, die Eisschollen teilen -- Die Boten eilen zwischen dir und mir.
Erbrochene Schlachten. Bunte Völkerwelten. Die Roten Felsen über Agadir. Gesprengte Wälder. Heller Tod der Helden ... O dunkle Sprachen zwischen mir und dir.
Und sah die Meere durch die Himmel fließen. Besternte Menschen viel auf Plätzen dicht. Fluch deiner Finsternis: verkohlte Wiesen. Die Flöte ruft. Es reift dein Angesicht.
Und sähe Mägde aus dem Brunnen schöpfen Krug milden Trankes ... und das blöde Tier Leckt unvertrieben Honig aus den Töpfen ... O Fest! O Stunde zwischen dir und mir!
Dann jagte ich auf unergriffenem Schiffe. Denn schroffer Sturm verlöschte jede Spur. Und durchs Gezisch und durchs Gestrüpp der Riffe ... Und in den Händen eine Muschel nur:
Zerschellt. Genebel. Schädel. Fäulnis. Und die Feuchte Gefleckter Sümpfe. Räudiger Rachen Gier -- -- Ich aber fühlte: Duft und Pracht und Leuchte! O Nacht des Bundes zwischen dir und mir.
Hans Bethge.
Geboren am 9. Januar 1876 zu Dessau in Anhalt. -- Die stillen Inseln, Die Feste der Jugend, Saitenspiel, Lieder an eine Kunstreiterin.
Die Hoffende.
Mond, alte Blumen und das Lied der Lerche, -- Sie saß am offenen Fenster, ganz verwirrt, Der Glanz auf ihren Händen war der Glanz Des Mondes nicht: er kam aus jungen Augen Fernher, und Glockenklang und Wiesennebel Und alte Blumen und das Lied der Lerche, Das alles war in ihm, sie fühlt' es wohl. Da lachte sie, verwirrt aufbrausend, und Sie war so reich! und nun hob sie die Hand Leis auf und küßte sie: die ganze Lust, Die ganze Qual, das Leben, alles, alles.
Nach Sonnenuntergang.
Du kamst, erregt vom Sonnenuntergange, Die Dünen glänzten durch die Abendluft. Du rührtest mit dem Schritt der Tänzerin Die gelbe Erde an. Ich saß im Garten, Und glühnden Herzens fühlt' ich wie du kamst!
Du kamst! Du kamst! Du tratest in die Pforte Und rissest eine Rose vom Gesträuch Und küßtest sie und warfst sie in die Winde Und flogst an meine Brust und riefest: Sonne! Und braun und göttlich glänzten deine Schultern, Und herber Duft des Meeres hing an dir.
An eine Kunstreiterin.
I.
Wie eine Blume, drüberhin der Lenz- Wind geht; wie eine Tänzerin, die rastend Das Echo noch des Rhythmus in sich fühlt, Der sie entzückte, und ihm ohne Willen Nachgibt: so hockst du vor mir im Gemach, Und Duft der Hengste schwebt noch um dein Haar Und in den Augen noch der Glanz der Lichter, Und deine Hand fährt über meine Knie, Liebkosend, träumend, so als streife sie An eine Welt, mit der sie nichts verbindet, Und die ihr fern ist wie das Einst und Nie.
II.
Du bist der schönste Gedanke des Frühlings.
Du bist der süßeste Hauch, Der am Abend mich anweht.
Du bist die wilde Verzweiflung Aller, die dich lieben.
Ach, du hast in finstere Nacht Auch mich gehüllt.
Wer bist du?
Du bist der süßeste Hauch, Der am Abend mich anweht.
III.
Deine feinen Hände Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.
An deinen feinen Brüsten Hängt der Abend in Glanz und Demut.
Aus deinen verdunkelten Augen Weht Kühle mich an.
Die Kühle deines Herzens weht mich an Aus deinen Augen bei Abend.
Wir wehen ...
Wir wehen durch die Lüfte, Grau wie Regen weht, Zart wie Düfte der Blumen, Bang wie der Flöte Lied.
Wehen mit Eile, sinken Nieder in einem Feld, Abend hüllt kühl uns ein, Nacht ist so märchenschön.
Manche erheben wieder Ihre Flügel, wehen Weiter, düstere Wolken Oder Gerüche der Flur.
Andere bleiben liegen In den Hainen und Gärten, Werden Erde und Halme, Spielend im Frühlingshauch.
Hörst du ein Seufzen im Abend? Und ein Lachen im Wind. Wer da wehte vorüber Ach -- und wohin? wohin?
Vision.
Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du, Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken. Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch -- Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht, Und rings lag öde, schmachtende Finsternis, Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen Riefen nach dir, o Mondenhauch!
Hinschlendern.
Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen, Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen, Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond, Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten, Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen Den Wolken und dem Winde und dem Meer, Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume Entgleitet alles, und die schönste Stunde Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.
Dasein.
Mond und Liebe und dann Ein Schluck Wein ab und an Und dann -- Herz, warum so trübe?
Und dann Mond und dann Wein Und Liebe, -- herbsttrübe Verrinnt das Sein.
Aber manchmal aufglüht Ein berauschender Funken, Dann taumeln wir trunken, Bis der Funken versprüht.
Dann das alte Lied:
Mond und Liebe und dann Ein Schluck Wein ab und an.
Otto Julius Bierbaum.
Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin, München, war Redakteur der »Neuen deutschen Rundschau«, des »Pan« und der »Insel« und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910 starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894. Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte 1907.
Tanzlied.
Es ist ein Reihen geschlungen, Ein Reihen auf dem grünen Plan, Und ist ein Lied gesungen, Das hebt mit Sehnen an,
Mit Sehnen, also süße, Daß Weinen sich mit Lachen paart: Hebt, hebt im Tanz die Füße Auf lenzeliche Art!
Freundliche Vision.
Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt, Hell am Tage sah ich's schön vor mir: Eine Wiese voller Margeriten; Tief ein weißes Haus in grünen Büschen; Götterbilder leuchten aus dem Laube. Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat, Ruhigen Gemütes in die Kühle Dieses weißen Hauses, in den Frieden, Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.
Die Kranke.
Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank; Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer. Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft, Das von der Feder, die es trieb und hielt, Gelöst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb, Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei. Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil. Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind, Wie meine Blumen, die im Garten sind.
Im Wirbel fort.