Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 10

Chapter 103,429 wordsPublic domain

Das Tal vergeht zu goldnem Rauch Und dann zu goldnem Traume Und dann zu goldnem Raume Und dann zu goldnem Nichts.

Hinterhaus.

In kalten, steifen Engen, An gelben Schornsteinlängen, Verirrten Schieferdächern, Verstaubten Lukenfächern, An braunen glatten Röhren, An roten Drahtes Öhren, Verblichnen blauen Flecken Und blechbehuften Ecken Liegt Sonne, wie nach Winkelmaß gemessen Und wie von einem Handwerksmann vergessen.

Hier hinter Luken wimmeln, In Kellerlöchern schimmeln Und tanzen unter Sparren Wir galgenfrohen Narren, Die sich in Kammern bücken, Doch ihre Wände schmücken Mit goldnen Sterntapeten, Weil wir vom Himmel wehten, Wir Fetzen Licht, nach Winkelmaß gemessen Und wie von einem Handwerksmann vergessen.

Die graue Melodie.

Ja? Gab es Tage, wo ich selbst Komet Und wenn soviel nicht, eines Sterns Trabant Mich glaubte? Aber nichts ist doch so stet Wie diese harte Melodie: Sand, Sand, Sand, Sand.

Und so wird Morgen, und so wird es spät, Ich zog mich an, ich zieh mich wieder aus, Und wie mein Mund das Licht vom Dochte weht, Verweht ein Mund den Tag, ein Kartenhaus, Ein Kartenhaus.

Der Tag war bunt, hat Bild mit Bild getauscht, Doch prüfe ich, wie war er wirr gestückt! Wie oft hat mich das Leben denn berauscht, Und geht doch hin!! -- und viele hat's beglückt, Beglückt.

Inbrunst.

Die Sterne sind zu groß und mußten wohl deshalb So weit hinaus, und sie erhellen nichts bei uns. Der Wind stieg tastend aus der Nacht des Weltenbrunns. Er sitzt den Heimathügeln auf der Brust als Alp.

Die Wolken fahren auf wie Schiffe vor der Schlacht. Ist mir die Sehnsucht ferner Welten zugeirrt? Du, Erde, bist mein Saal, doch meine Seele wird Auf einem andern Sterne schlafen diese Nacht.

Ernst Wilhelm Lotz.

Geboren 1890 zu Culm an der Weichsel, fiel am 26. September 1914 in Frankreich. -- Wolkenüberflaggt 1917.

Glanzgesang.

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen, Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier. Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen, Gehören nicht mehr mir.

Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten, Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt. Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten, Und das Leben war wehend blond.

Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht, Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale, Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.

So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen, In große Kontore, die staubig rochen herein, Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.

Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen, Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht, Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen, Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.

Auf Ozeanen zogen die großen Fronten Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt Und breiter Prärien glitzernde Horizonte Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.

Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen, Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht, Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen, Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!

Amerikas große Städte brausten im Grauen, Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen, Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. -- --

So hab' ich nachbarlich alle Zonen gesehen, Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt, Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen, Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- --

Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden! Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus. Und saß durch Tage und Nächte mit satten und platten Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.

Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen, Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. -- Da sah ich: daß in vagen Finsternissen Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.

Der Schwebende.

Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf. Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See. Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten.

Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen, Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.

Da heb' ich meine lächelnd schmalen Hände Und breite einen Schleier von Musik Sehr süß und müde machend um mich aus.

Und meine Füße treten in den Garten, Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend, Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.

Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde, Und rote Düfte reifer Sommerträume Umwiegen meinen silberleichten Gang.

Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde, Draus heiser greller Schrei und Weinen singen Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.

Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern, Und sehe Ländereien grün vor Süden, Und Fernen zärtlich weit für Träumereien.

Ein glänzend helles Kaffeehaus, voll Stimmen Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt. An blanken Tischen sitzen meine Freunde.

Sie sprechen helle Worte in das Licht. Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich, Und alle singen schwer im tiefen Chor:

Drei Worte, die ich nie begreifen werde, Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen, Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen.

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen, Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht, Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind, Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten, Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind, Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren, Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart, In einem wild gekochten Fieberland geboren. Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen. Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt. Wir leuchten leise. -- Doch wir könnten brennen. Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

Alfred Mombert.

Geboren am 6. Februar 1872 zu Karlsruhe. -- Tag und Nacht 1894. Der Glühende 1896. Die Schöpfung 1897. Der Denker 1901. Die Blüte des Chaos 1905. Der Sonne-Geist 1905. Aeon 1907, 1910, 1911. Der himmlische Becher 1909. Der Held der Erde 1919.

Das junge Liebchen ...

Das junge Liebchen saß bei mir am Tisch. Ich aß und trank und weinte bitterlich.

Es hatt' ein zartes Linnen aufgelegt. Das war aus seinem Hemdelein genäht.

Es bot mir dar ein silbern Becherlein, Da war sein eigen Blut darin.

Es reichte mir vom frischen Brot den Laib. Das war sein eigner liebewarmer Leib.

Dann lächelt' es geheim und sonderbar, Steckte eine Rose sich ins Haar. --

Ich liege ...

Ich liege mit einer Frau im offnen Fenster. Die beiden Arme ruhen beieinander. Wir schaun hinab in ein Blumengärtchen. Blicken beide stumm auf eine rote Nelke. Wir wissen, daß wir jetzt und so uns lieben. Auch: daß wir niemals mehr uns lieben werden Nach diesem Augenblick.

Ja in der Jugend ...

Ja in der Jugend war ich der starke Junge, Schleppte die stärksten Helden an meinem Tau; Aber da wässerte mir die Zunge, Und da hing ich am Arm einer Ehefrau.

Ich hab' eine schöne Tochter, einen stolzen Sohn. Die lehnen rechts und links an meinem steilen Thron. Ich bin in der Höhe der Kaiser. Aber mein Haar wird stündlich weißer. Sie lächeln, sie flüstern in der Tiefe in geheimem Ton.

Nun beugt die Nacht ...

Nun beugt die Nacht sich singend über mich. Ich ward erwählter Liebling der Natur. In einer Barke liegend Einen blauen Strom hinab durch grüne Landschaft, Die Sonneseele über mir, Fahnen Am Ufer, tönt Musik, und Festtagmenschen -- O Seele! volles, volles Leben! Einem schäumenden Silberwassersturze treib' ich zu. Stolze Klippen! jubelnd grüßt euch Das reichste Herz! seid würdig, Schmettert kühn hinab!

Wann ich von dir gehe ...

Wann ich von dir gehe, Noch schallt die Marmortreppe unter mir, Verwandelt sich mein Antlitz, meine Haltung -- Werd' ich zum Wurm? -- werd' ich zum Engel?

Aus dunklen Wäldern kam ich her zu dir In die strahlende Marmorstadt. Küsse mich In goldenen Strähnen! Doch in mir sind die dunklen Eibenwälder.

Auf steilem Felsrücken ...

Auf steilem Felsrücken hingestreckt mächtig ein Weib, Ein einzig fühlend Auge der weiße weiche Leib. Zugepreßt krampfhaft das winzige graue Augenpaar: Sieghaft droben die Sonne. Die Sonne sieghaft, ruhend klar. Sie zuckt! bäumt! windet sich! empor! schimmernd in Qual! Goldene Ströme: es schäumt ihr wild Haar zu Tal. Und eins -- immer eins das weiße Ringen spricht: Schmerzvoll ist das Licht!

Ich möcht' es kosten ...

Ich möcht' es kosten, in seliger Neugier, Das was man Tod nennt. Manche lange Nacht Hab' ich gekostet, was so fremd mir war, So übermächtig, wie kein Tod es sein kann. Ich stand oft an jener feinsten Linie Und war wohl schon mit halber Seele drüben. Ich hab' das nicht gewollt; es war ein Leiden. Nur eine Stimmung kräftigte ich mir. Ein Kinderlächeln meinen Seelewundern. Am Ende fließen nun die Freudetränen. Wo bist du, Sehnsucht? -- Alles ist Erfüllung.

Schwindsucht.

Aus einer Wallfahrtskirche treten sie, Drin wundertätig eine Heilige wirkt. Ein junger Mann und eine blasse Frau. Sie führen sich an der Hand wie Kinder, Die scheu verstohlen Zuckerwerk genascht. Ein müdes Lächeln hißt sich auf Halbmast. »Nun bin ich bald gesund, du süßer Mann« ... »Nun bist du bald gesund, mein süßes Weib« ...

Trinkend ...

Trinkend hatt' ich erharrt Deine Gegenwart. Und nun du eingetreten, Ist alles schön und stille, Du und deine feierlichen Reden, Lächelnd ruht mein Wille.

Du und dein Samt- und Sternekleid. Ich und meine schaffende Vergangenheit.

Und ich bemerke wein- und glutselig: Die Krone, die um deine Schläfen blitzt und dämmert, Hab' ich vor tausend Jahren zurechtgehämmert.

Im Mondlicht ...

Im Mondlicht und im Sonnelicht Schrieb ich mein Gedicht, Seltener im Sternelicht. Die kleineren Lichter Überließ ich dem guten deutschen Dichter.

Da spülst du bunte Muscheln ...

Da spülst du bunte Muscheln an den Strand Zum Spiel für die alte Schöpferhand. Und so ruhend Hand in Hand mit dir Fühl' ich das Unvergängliche in mir. In blauer Luft der Adler schreit. O feuchter Wind! o kühle Zeit! Ein spielend Kind, Ein Kind mit uferloser Vergangenheit. O Lächeln, das aus meinem Menschenherzen fließt Und sich in tränendem Gesang vergießt. Du Glut und Pracht! Du meine Schöpfermacht! Du Meer! Du Sonne! -- Adlerschrei! -- Und immer die große Melodie dabei.

Zwischen zwei dunklen Wogen ...

Zwischen zwei dunklen Wogen liegend, Ihren Untertanentrotz mir niederbiegend, Ruf' ich meine Machtstunde auf. Alsobald schwebt der Nachtplanet herauf, Er lagert hoch über der glänzenden Ozeanfläche Am Stamm der himmeldunklen Esche. Dröhnende Stunde der feierlichen Achtung, Der schweigenden Betrachtung. Einst war hier nichts als mein Beruf. Heut lieg' ich körperlich in großen Träumen Zwischen weißen Wogenschäumen, Und rede mit dem Licht, das ich erschuf.

Ich tat große Dinge ...

Ich tat große Dinge, Und gab dem Saturn wundervolle Ringe. Aber da sah ich dann alles von selber geschehen, Nichts mehr warten und stehen, Mein Geist geriet in Zwang, Hinein in fürchterlichen Zusammenhang, Daß ich wahnsinnig in einer Kette rang. Seit der Zeit schaff' ich nichts Neues mehr. Sonne und Mond sind mein einziger Verkehr. Vielleicht noch das Feuer, vielleicht noch das Meer. Weite Stillen Überwölben meinen Willen. Unsichtbare Geigen Bereden mich, zu schweigen.

Ich lag auf dem Meer ...

Ich lag auf dem Meer, über mir wälzte sich das Licht. Ich sah: von einer glänzenden Klippe Banden weißer Vögel aufschwirren. Ich schleuderte ein Seil, sie einzufangen. Weiße Tiere, Traum, Phantasie und Meer. Weiße Tiere: ewige Glanz-Wiederkehr.

Der Mond betrat ...

Der Mond betrat der Urnacht Land Hinter meiner tastenden Führerhand. In einem Tal, im neu beleuchteten Reiche Fanden wir liegen eine große Leiche, Die uns fremd war, einsam, ohne Namen. Saßen; aufgestützt ins dunkle Antlitz starrend; Traumhaft; einen Gedanken erharrend. Und wir haben Flüsternd uns beraten; Den Toten im Felsgebirg begraben. Doch wohin wir forschend später kamen, Fanden wir die Spuren seiner Taten.

Mich jammerte ...

Mich jammerte dein graues Dämmerweh, Ich legte dich sanft hin auf weißen Schnee. Ordnete dein rotes Flammenhaar, Das einst so schmerzhaft, hier so selig war. Und kniend im Schnee und über dich geschoben Hab' ich aus deiner grünen Augentiefe Einen schönen Stern gehoben.

* * *

Sterne schwimmen auf den milden Fluten, Die alles tragen. Was willst du noch sagen, Du Glänzende, in deinen Abendgluten!

Bevor ich ...

Bevor ich diesen Inselstrand verließ, Entdeckte ich letztmals streifend eine Höhle, Da drinnen ward mir eine neue Seele, Die mir ein höchstes Glück verhieß.

Und so saß ich lange, Ein tiefes Lächeln auf meiner Wange. Vom Licht umzittert in der Dämmerkühle. Glühend in einem neuen Heimat-Urgefühle.

* * *

Es war zur Nacht, da ich ins Meerhorn stieß. Es war zur Nacht, da ich zum Aufbruch blies. Es war zur Nacht, da ich den Strand verließ. Mein Boot lag in der Mondquelle. Ich stand in vollendeter Helle. Ich stand schlafähnlich starr auf silbernem Kies.

Ich hörte den Wind ...

Ich hörte den Wind durch die Eichenkronen streichen. Mein Herz war kühl wie die Teiche meiner Heimat. Die weißen Wolken über den grünen Hügeln! Dann kam die Schwalbe, die Schwalbe übers Meer.

* * *

Ein Haus ... Nur der Grille Stimme klang In die stillen Bereiche. Manchmal, eines Mädchens kühler Sang, Der wellengleiche. Und ein Kind, ein Knabe lag tagelang Am zitternden Teiche.

Am Saume ...

Am Saume eines fruchtbewachsenen Berges, Felsig in die Klarheit tauchte der Gipfel, Stand ich im Zwiegespräch mit einem Weibe. Die starken Schultern glänzten in der Dämmerung, Es ruhte hoheitvoll der nackte Leib. Wir blickten redend, sinnend in die Landschaft Über reiche Wiesen, violette Ströme, Bäume dunkelten am Himmel, Leise brausend sprach fernher ein Meer. Manchmal schritten Gestalten: Erzengel, in großem Abend An uns vorüber: grüßten: Und wünschten uns und unsern Kindern Heil.

An Ufern des Rheins ...

An Ufern des Rheins auf weißen Rossen Sprengen wir, Freunde! Sie schleudern die Mähnen, Sie wiehern auf zum Morgenstern!

Wir sind schön gekränzt mit Erde-Freuden Und trunken wunderbar des Sieger-Weins -- Es sind Wogen-Rosse! die weißen Rosse! Da sprengen sie uns in die Fluten des Rheins!

Wir sind jung, im Feuer zeugerisch, Welten nahe -- Erde fern -- Es sind Äther-Rosse! die weißen Rosse! Da sprengen sie uns auf zum Morgenstern!

Christian Morgenstern.

Geboren am 6. Mai 1871 zu München, lebte als Schriftsteller in Berlin; starb am 31. März 1914 in Meran. -- In Phantas Schloß 1895. +Horatius travestitus+ 1896. Auf vielen Wegen 1897. Ich und die Welt 1898. Ein Sommer 1899. Und aber ründet sich ein Kranz 1902. Galgenlieder 1905. Melancholie 1904. Palmström 1910. Einkehr 1910. Palma Kunkel 1916. Der Gingganz 1919.

Erster Schnee.

Aus silbergrauen Gründen tritt Ein schlankes Reh Im winterlichen Wald Und prüft vorsichtig, Schritt für Schritt, Den reinen, kühlen, frischgefallenen Schnee.

Und deiner denk' ich, zierlichste Gestalt.

Vöglein Schwermut.

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt, Das singt so todestraurig ... Wer es hört, der hört nichts anderes mehr, Wer es hört, der tut sich ein Leides an, Der mag keine Sonne mehr schauen. Allmitternacht, Allmitternacht Ruht es sich aus auf dem Finger des Tods. Der streichelt's leis und spricht ihm zu: »Flieg, mein Vögelein! Flieg, mein Vögelein!« Und wieder fliegt's flötend über die Welt.

Welch ein Schweigen ...

Welch ein Schweigen, welch ein Frieden In dem stillen Alpentale. Laute Welt ruht abgeschieden. Silbern schwankt des Mondes Schale.

Von den Wiesen strömt ein Düften. Aus den Wäldern lugt das Dunkel. Brausend aus geheimen Klüften Bricht der Bäche fahl Gefunkel.

Überm Saum der letzten Bäume Weiße Wände stehn und steigen In die blauen Sternenräume. Welch ein Frieden, welch ein Schweigen!

Das sind die Reden ...

Das sind die Reden, die mir lieb vor allen: Die Wässerlein, vom hohen Felsen rinnend, Mein ganzes Herz mit ihrer Lust gewinnend, Ohn' End' zum tiefen Grund hinabzufallen.

Du Wiegenlied vor allen Wiegenliedern, Zur Ewigkeit hinweg vom Eintag wiegend, Das laute Selbst zu jener Ruh' besiegend, Die keine leeren Klagen mehr erniedern!

Das Spinnennetz.

O sieh das Spinnennetz im Morgensonnenschein, Wie es vom Tau noch voll kristallner Tropfen hängt! Im leichten Winde wiegt es seiner Perlen Pracht, Die in den silbergrauen Maschen hier und dort So flüchtig sich wie sanft und zierlich eingeschmiegt. Sieh, so ist alles Glück. So hängt es flüchtig sich In unsrer Tage schwankendes Gespinst, Und es erschauert unter seiner köstlichen Last Des Majaschleiers weltdurchwallendes Geweb.

Verbannung zur Höhe.

Noch niemals fiel es irgend einem Volke ein, Zu schenken einem Dichter einen hohen Berg, Mit dem Beding, von ihm herabzusteigen nur, Um ihm zu bringen diesem Ebenbürtiges. Ja, bannen müßt' es selbst das allzu schweifende Geschlecht der Dichter an so hohen Aufenthalt, Wo nur das Höchste recht hat und der Dinge Maß, Gereckt ins Ungemeine, seinen Blick entwöhnt Des bunt zufälligen Wirbels, drein sein Tag ihn warf.

Deine Rosen.

»Deine Rosen an der Brust, Sitz' ich unter fremden Menschen, Laß sie reden, laß sie lärmen, Jung Geheimnis tief im Herzen.

Wenn ich einstimm' in ihr Lachen, Ist's das Lachen meiner Liebe; Wenn ich ernst dem Nachbar lausche, Lausch' ich selig still nach innen.

Einen ganzen langen Abend Muß ich fern dir, Liebster, weilen, Küssend heimlich, ohne Ende, Deine Rosen an der Brust.«

Der Bach.

Wie der wilde Gletscherbach Selber sich entgegenbraust, Auf sein wogendes Gejach' Weiß zurückgekraust!

So der Einzelne der Zeit Zornerfüllt entgegenschwillt. Doch die rollt zur Ewigkeit. Und alles ist ein Bild.

Christus klagt:

Wachet und betet mit mir! Meine Seele ist traurig Bis in den Tod. Wachet und betet! _Mit_ mir! Eure Augen Sind voll Schlafes -- Könnt ihr nicht wachen? Ich gehe, Euch mein Letztes zu geben -- Und ihr schlaft ... Einsam stehe ich Unter Schlafenden, Einsam vollbring' ich Das Werk meiner schwersten Stunde. Wachet und betet mit mir! _Könnt_ ihr nicht wachen? Ihr alle seid in mir, Aber in wem bin ich? Was wißt ihr Von meiner Liebe, Was wißt ihr Vom Schmerz meiner Seele! O einsam! Einsam! Ich sterbe für euch -- Und ihr schlaft! Ihr _schlaft_!

Begegnung.

Wir saßen an zwei Tischen -- wo? -- im All ... Was Schenke, Stadt, Land, Stern -- was tut's dazu. Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ... Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.

Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen, Wenn ich in deine Augen dichten dürfte -- Wenn dieser königliche Mund mich lohnte -- Und diese königliche Hand mich krönte --!

Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling, Wer bist du, daß du mich so tief erregest -- Daß ich die Kniee dir umfassen möchte -- Und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster!

Und unsre Seelen schlugen fast zusammen. Doch jeder blieb an seinem starren Tisch -- Und stand zuletzt mit denen um ihn auf -- Und ging hinaus --. Und sahn uns nimmer mehr.

Friedrich Nietzsche.

Geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen, verlebte seine Schulzeit in Naumburg und Schulpforta, studierte, besonders unter Ritschl, in Bonn und Leipzig, wurde 1869 durch Ritschls Vermittlung Professor an der Universität Basel, trat zu Jakob Burckhardt und Richard Wagner in nahe Beziehungen und zu dem letzteren später in offenen Gegensatz. 1879 wurde er so krank, daß er seine Professur niederlegen mußte, er lebte längere Zeit im Engadin, fiel in Wahnsinn und starb, ohne seine Geisteskraft wiedererlangt zu haben, am 25. August 1900 zu Weimar. -- Gedichte und Sprüche 1898.

An den Mistral.

Ein Tanzlied.

Mistralwind, du Wolkenjäger, Trübsalmörder, Himmelsfeger, Brausender, wie lieb' ich dich! Sind wir zwei nicht _eines_ Schoßes Erstlingsgabe, _eines_ Loses Vorbestimmte ewiglich?

Hier auf glatten Felsenwegen Lauf' ich tanzend dir entgegen, Tanzend, wie du pfeifst und singst: Der du ohne Schiff und Ruder Als der Freiheit freister Bruder Über wilde Meere springst.

Kaum erwacht, hört' ich dein Rufen, Stürmte zu den Felsenstufen, Hin zur gelben Wand am Meer. Hei! da kamst du schon gleich hellen Diamantnen Stromesschnellen Sieghaft von den Bergen her.

Auf den ebnen Himmelstennen Sah ich deine Rosse rennen, Sah den Wagen, der dich trägt, Sah die Hand dir selber zücken, Wenn sie auf der Rosse Rücken Blitzesgleich die Geißel schlägt, --

Sah dich aus dem Wagen springen, Schneller dich hinabzuschwingen, Sah dich wie zum Pfeil verkürzt Senkrecht in die Tiefe stoßen, -- Wie ein Goldstrahl durch die Rosen Erster Morgenröten stürzt.

Tanze nun auf tausend Rücken, Wellenrücken, Wellentücken -- Heil, wer _neue_ Tänze schafft! Tanzen wir in tausend Weisen, Frei -- sei _unsre_ Kunst geheißen, Fröhlich -- _unsre_ Wissenschaft!

Raffen wir von jeder Blume Eine Blüte uns zum Ruhme Und zwei Blätter noch zum Kranz! Tanzen wir gleich Troubadouren Zwischen Heiligen und Huren, Zwischen Gott und Welt den Tanz!

Wer nicht tanzen kann mit Winden, Wer sich wickeln muß mit Binden, Angebunden, Krüppelgreis, Wer da gleicht den Heuchelhänsen, Ehrentölpeln, Tugendgänsen, Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen Allen Kranken in die Nasen, Scheuchen wir die Krankenbrut! Lösen wir die ganze Küste Von dem Odem dürrer Brüste, Von den Augen ohne Mut!

Jagen wir die Himmelstrüber, Weltenschwärzer, Wolkenschieber, Hellen wir das Himmelreich! Brausen wir ... oh aller freien Geister Geist, mit dir zu zweien _Braust_ mein Glück dem Sturme gleich. --

Und daß ewig das Gedächtnis Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis, Nimm den _Kranz_ hier mit hinauf! Wirf ihn höher, ferner, weiter, Stürm' empor die Himmelsleiter, Häng' ihn -- an den Sternen auf!

Vereinsamt.

Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, -- Wohl dem, der jetzt noch -- Heimat hat!