Deutsche Lyrik seit Liliencron
Chapter 11
Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt entflohn?
Die Welt -- ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer _das_ verlor, Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, Dem Rauche gleich, Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg, Vogel, schnarr Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -- Versteck, du Narr, Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, -- Weh dem, der keine Heimat hat!
Zarathustras Lied.
O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? »Ich schlief, ich schlief --, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -- Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh --, Lust -- tiefer noch als Herzeleid! Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit! -- Will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
Venedig.
An der Brücke stand Jüngst ich in brauner Nacht. Fernher kam Gesang: Goldener Tropfen quoll's Über die zitternde Fläche weg. Gondeln, Lichter, Musik -- Trunken schwamm's in die Dämm'rung hinaus ...
Meine Seele, ein Saitenspiel, Sang sich, unsichtbar berührt, Heimlich ein Gondellied dazu, Zitternd vor bunter Seligkeit. -- Hörte jemand ihr zu? ...
Sils-Maria.
Hier saß ich, wartend, wartend, -- doch auf nichts, Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei -- -- Und Zarathustra ging an mir vorbei ...
Die Sonne sinkt ...
I.
Nicht lange durstest du noch, Verbranntes Herz! Verheißung ist in der Luft, Aus unbekannten Mündern bläst mich's an, -- Die große Kühle kommt ...
Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage: Seid mir gegrüßt, daß ihr kommt, Ihr plötzlichen Winde, Ihr kühlen Geister des Nachmittags! Die Luft geht fremd und rein, Schielt nicht mit schiefem Verführerblick Die Nacht mich an? ... Bleib stark, mein tapfres Herz! Frag nicht: warum? --
II.
Tag meines Lebens! Die Sonne sinkt. Schon steht die glatte Flut umgüldet. Warm atmet der Fels: Schlief wohl zu Mittag Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? In grünen Lichtern Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.
Tag meines Lebens! Gen Abend geht's! Schon glüht dein Auge Halb gebrochen, Schon quillt deines Taus Tränengeträufel, Schon läuft still über weiße Meere Deiner Liebe Purpur, Deine letzte zögernde Seligkeit ...
III.
Heiterkeit, güldene, komm! Du des Todes Heimlichster, süßester Vorgenuß! -- Lief ich zu rasch meines Wegs? Jetzt erst, wo der Fuß müde ward, Holt dein Blick mich noch ein, Holt dein _Glück_ mich noch ein.
Rings nur Welle und Spiel. Was je schwer war, Sank in blaue Vergessenheit, -- Müßig steht nun mein Kahn. Sturm und Fahrt -- wie verlernt' er das! Wunsch und Hoffen ertrank, Glatt liegt Seele und Meer.
_Siebente_ Einsamkeit! Nie empfand ich Näher mir süße Sicherheit, Wärmer der Sonne Blick. -- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? Silbern, leicht, ein Fisch, Schwimmt nun mein Nachen hinaus ...
Rainer Maria Rilke.
Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag. -- Erste Gedichte 1895. Frühe Gedichte 1900. Das Buch der Bilder 1903. Das Stundenbuch 1905. Neue Gedichte 1907. Requiem 1909. Das Marienleben 1912.
Ernste Stunde.
Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, Ohne Grund weint in der Welt, Weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, Ohne Grund lacht in der Nacht, Lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, Ohne Grund geht in der Welt, Geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, Ohne Grund stirbt in der Welt, Sieht mich an.
Die Blinde.
Der Fremde: Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
Die Blinde: Nein. Es ist so ferne. Das war eine andre. Die damals sah, die laut und schauend lebte, Die starb.
Der Fremde: Und hatte einen schweren Tod?
Die Blinde: Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen. Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
Der Fremde: Sie war dir fremd?
Die Blinde: -- Oder: sie ist's geworden. Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter. -- Doch es war schrecklich in den ersten Tagen. Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt, Die in den Dingen blüht und reift, War mit den Wurzeln aus mir ausgerissen, Mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag Wie aufgewühlte Erde offen da und trank Den kalten Regen meiner Tränen, Der aus den toten Augen unaufhörlich Und leise strömte, wie aus leeren Himmeln, Wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen. Und mein Gehör war groß und allem offen. Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind: Die Zeit, die über meine Haare floß, Die Stille, die in zarten Gläsern klang, Und fühlte: nah bei meinen Händen ging Der Atem einer großen weißen Rose. Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht Und glaubte einen hellen Streif zu sehn, Der wachsen würde wie ein Tag; Und glaubte auf den Morgen zuzugehn, Der längst in meinen Händen lag. Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer Hinunterfiel vom dunklen Gesicht, Der Mutter rief ich: »Du, komm her! Mach Licht!« Und horchte. Lange, lange blieb es still, Und meine Kissen fühlte ich versteinen, -- Dann war's, als säh ich etwas scheinen: Das war der Mutter wehes Weinen, An das ich nicht mehr denken will. Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum: Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum Mir vom Gesicht und von der Brust. Du mußt ihn heben, hochheben, Mußt ihn wieder den Sternen geben; Ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir. Aber sprech ich zu dir, Mutter? Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter? Wer ist denn hinter dem Vorhang? -- Winter? Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag! Oder: Tag? ... Tag! Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein? Fehl ich denn nirgends? Fragt denn niemand nach mir? Sind wir denn ganz vergessen? _Wir?_ ... Aber du bist ja dort; Du hast ja noch alles, nicht? Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht, Ihm wohlzutun. Wenn deine Augen ruhn Und wenn sie noch so müd waren, Sie können wieder steigen. ... Meine schweigen. Meine Blumen werden die Farbe verlieren. Meine Spiegel werden zufrieren. In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen. Meine Vögel werden in den Gassen Herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden. Nichts ist mehr mit mir verbunden. Ich bin von allem verlassen. -- Ich bin eine Insel.
Der Fremde: Und ich bin über das Meer gekommen.
Die Blinde: Wie? Auf die Insel? ... Hergekommen?
Der Fremde: Ich bin noch im Kahne. Ich habe ihn leise angelegt -- An dich. Er ist bewegt: Seine Fahne weht landein.
Die Blinde: Ich bin eine Insel und allein. Ich bin reich. Zuerst, als die alten Wege noch waren In meinen Nerven, ausgefahren Von vielem Gebrauch: Da litt ich auch. Alles ging mir aus dem Herzen fort, Ich wußte erst nicht wohin; Aber dann fand ich sie alle dort, Alle Gefühle, das, was ich bin, Stand versammelt und drängte und schrie An den vermauerten Augen, die sich nicht rührten. Alle meine verführten Gefühle ... Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen, Aber ich weiß von den Wochen, Da sie alle zurückkamen gebrochen Und niemanden erkannten.
Dann wuchs der Weg zu den Augen zu. Ich weiß ihn nicht mehr. Jetzt geht alles in mir umher, Sicher und sorglos; wie Genesende Gehn die Gefühle, genießend das Gehn, Durch meines Leibes dunkles Haus. Einige sind Lesende Über Erinnerungen; Aber die jungen Sehn alle hinaus. Denn wo sie hintreten an meinen Rand, Ist mein Gewand von Glas. Meine Stirne sieht, meine Hand las Gedichte in anderen Händen. Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt, Meine Stimme nimmt jeder Vogel mit Aus den täglichen Wänden. Ich muß nichts mehr entbehren jetzt, Alle Farben sind übersetzt In Geräusch und Geruch. Und sie klingen unendlich schön Als Töne. Was soll mir ein Buch?
In den Bäumen blättert der Wind; Und ich weiß, was dorten für Worte sind, Und wiederhole sie manchmal leis. Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht, Findet meine Augen nicht ...
Der Fremde (leise): Ich weiß.
Herbst.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, Als welkten in den Himmeln ferne Gärten; Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen Unendlich sanft in seinen Händen hält.
Der Schauende.
Ich sehe den Bäumen die Stürme an, Die aus laugewordenen Tagen An meine ängstlichen Fenster schlagen, Und höre die Fernen Dinge sagen, Die ich nicht ohne Freund ertragen, Nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter, Geht durch den Wald und durch die Zeit, Und alles ist wie ohne Alter: Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter, Ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen, Was mit uns ringt, wie ist das groß; Ließen wir, ähnlicher den Dingen, Uns so vom großen Sturm bezwingen, -- Wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen, ist das Kleine, Und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewige und Ungemeine Will nicht von uns gebogen sein. Das ist der Engel, der den Ringern Des Alten Testaments erschien: Wenn seiner Widersacher Sehnen Im Kampfe sich metallen dehnen, Fühlt er sie unter seinen Fingern Wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel überwand, Welcher so oft auf Kampf verzichtet, Der geht gerecht und aufgerichtet Und groß aus jener harten Hand, Die sich, wie formend, an ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte Von immer Größerem zu sein.
Von den Fontänen.
Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen, Den unbegreiflichen Bäumen aus Glas. Ich könnte reden wie von eignen Tränen, Die ich, ergriffen von sehr großen Träumen, Einmal vergeudete und dann vergaß.
Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen Zu vielen Dingen und in das Gedränge? Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen Im Aufstieg alter Parke vor den weichen Erwartungsvollen Abenden, -- in bleichen Aus fremden Mädchen steigenden Gesängen, Die überfließen aus der Melodie Und wirklich werden und als müßten sie Sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?
Ich muß mich nur erinnern an das alles, Was an Fontänen und an mir geschah, -- Dann fühl ich auch die Last des Niederfalles, In welcher ich die Wasser wiedersah: Und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten, Von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten, Von Teichen, welche nur die Uferkanten Schwachsinnig und verschoben wiederholten, Von Abendhimmeln, welche von verkohlten Westlichen Wäldern ganz entfremdet traten, Sich anders wölbten, dunkelten und taten, Als wär das nicht die Welt, die sie gemeint ...
Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint Und sich verschließt gegen die Nachbargloben? Daß sich die Welten nur noch wie verweint Im Raum erkennen? -- Vielleicht sind wir oben In Himmel andrer Wesen eingewoben, Die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben Uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele Zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele Von fremden Flüchen, die uns nie erreichen, Nachbaren eines Gottes, den sie meinen In unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen, An den sie glauben und den sie verlieren, Und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren Suchenden Lampen, flüchtig und verweht, Über unsere zerstreuten Gesichter geht ...
Die Entführung.
Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen Entwichen, um die Nacht und den Wind (Weil sie drinnen so anders sind) Draußen zu sehn an ihrem Beginnen;
Doch keine Sturmnacht hatte gewiß Den riesigen Park so in Stücke gerissen, Wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,
Da er sie nahm von der seidenen Leiter Und sie weitertrug, weiter, weiter:
Bis der Wagen alles war.
Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen, Um den verhalten das Jagen stand Und die Gefahr. Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen; Und das Schwarze und Kalte war auch in ihr. Sie kroch in ihren Mantelkragen Und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier, Und hörte fremd einen Fremden sagen: Ichbinbeidir.
Fragmente aus verlorenen Tagen.
Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn Und immer schwerer werden, wie im Fallen: Die Erde saugt aus ihren langen Krallen Die mutige Erinnerung von allen Den großen Dingen, welche hoch geschehn, Und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht Am Boden halten -- Wie Gewächse, die, Kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen, In schwarzen Schollen unlebendig licht Und weich und feucht versinken und versiechen, Wie irre Kinder, -- wie ein Angesicht In einem Sarg, -- wie frohe Hände, welche Unschlüssig werden, weil im vollen Kelche Sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, -- Wie Hilferufe, die im Abendwind Begegnen vielen dunklen großen Glocken, -- Wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, Wie Gassen, die verrufen sind, -- wie Locken, Darinnen Edelsteine blind geworden sind, -- Wie Morgen im April Vor allen vielen Fenstern des Spitales: Die Kranken drängen sich am Saum des Saales Und schaun: die Gnade eines frühen Strahles Macht alle Gassen frühlinglich und weit; Sie sehen nur die helle Herrlichkeit, Welche die Häuser jung und lachend macht, Und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht Ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt, Ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist, Ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust Und der den Dingen alle Bürde Von ihren Schultern nimmt, -- Daß etwas draußen groß ist und ergrimmt, Daß draußen die Gewalt geht, eine Faust, Die jeden von den Kranken würgen würde Inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. -- ... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben, Die schon zerrissen sind auf allen Seiten Und viel zu weit, um noch mit einem zweiten, Den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, -- Wie nackte Mädchen, kommend über Steine, Wie Trunkene in einem Birkenhaine, -- Wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen Und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter Ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter Durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen. Wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen Und dann versterben, so daß keiner je Abwenden könnte das verhängte Weh, Wie volle Rosen, künstlich aufgezogen Im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen, Und dann vom Übermut in großem Bogen Hinausgestreut in den verwehten Schnee, -- Wie eine Erde, die nicht kreisen kann, Weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren, Wie ein erschlagener verscharrter Mann, Dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, -- Wie eine von den hohen, schlanken, roten Hochsommerblumen, welche unerlöst Ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen, Weil ihre Wurzel unten an Türkisen Im Ohrgehänge einer Toten Stößt ...
Und mancher Tage Stunden waren so, Als formte wer mein Abbild irgendwo, Um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln. Ich spürte jede Spitze seiner Spiele, Und war, als ob ein Regen auf mich fiele, In welchem alle Dinge sich verwandeln.
Spanische Tänzerin.
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, Eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten Zuckende Zungen streckt --: beginnt im Kreis Naher Beschauer hastig, hell und heiß Ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar Und dreht auf einmal mit gewagter Kunst Ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, Aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, Die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, Nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab Sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde Und schaut: da liegt es rasend auf der Erde Und flammt noch immer und ergibt sich nicht --. Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen Grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
Der Fremde.
Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten, Die er müde nicht mehr fragen hieß, Ging er wieder fort; verlor, verließ --. Denn er hing an solchen Reisenächten
Anders als an jeder Liebesnacht. Wunderbare hatte er durchwacht, Die mit starken Sternen überzogen Enge Fernen auseinanderbogen Und sich wandelten wie eine Schlacht;
Andre, die mit in den Mond gestreuten Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten, Sich ergaben, oder durch geschonte Parke graue Edelsitze zeigten, Die er gerne in dem hingeneigten Haupte einen Augenblick bewohnte, Tiefer wissend, daß man nirgends bleibt; Und schon sah er bei dem nächsten Biegen Wieder Wege, Brücken, Länder liegen Bis an Städte, die man übertreibt.
Und dies alles immer unbegehrend Hinzulassen, schien ihm mehr als seines Lebens Lust, Besitz und Ruhm. Doch auf fremden Plätzen war ihm eines Täglich ausgetretnen Brunnensteines Mulde manchmal wie ein Eigentum.
Hugo Salus.
Geboren am 3. August 1866 zu Leipa in Böhmen, studierte Medizin in Prag und lebt daselbst als Frauenarzt. -- Gedichte 1897. Neue Gedichte 1899. Ehefrühling 1899. Reigen 1900. Ernte 1903. Neue Garben 1904. Die Blumenschale 1907.
An blauen Frühlingstagen.
Vom stolzen Glück des eignen Werts getragen, Als brächt' ihr Blühn der Landschaft erst Gewinn, Gehn schöne Fraun an blauen Frühlingstagen Wie Königinnen durch die Menge hin; Als hätt' der Knabe Frühling nur im Sinn, Das Krönungsvließ um ihren Leib zu schlagen Und, wie ein Page, seiner Königin Mit stillem Dank die Schleppe nachzutragen ...
Im stillen Hafen.
Dies ist mein Glück: in allen Bitternissen Des Seins daheim mein junges Weib zu wissen, Das mädchenhaft und hold und lieb und rein Nichts andres wünscht, als mein, nur mein zu sein; Das weich ihr Haar anschmiegt an meine Wange Und mir vertrauend, wie ein frommes Kind, Mit feuchten Augen, die voll Güte sind, Für Gaben dankt, die -- ich empfange.
Erinnerung.
Zünd festlich im Salon die Kerzen an, Zieh aneinander erst des Vorhangs Spitzen, Ich schiebe zum Kamin die Sessel dann, Dort laß uns, uns umarmend, niedersitzen.
Denn sieh, an solchem Winterabend oft Bin als Student ich durch die Stadt gegangen. Mein Auge, das Erfüllung nie gehofft, Ist oft an solchen Lichtes Schein gehangen.
An Lampenschein, der mild ins Dunkel bricht, An Fenstern, draus ich frohe Stimmen hörte, An Schatten hinterm Vorhang, eng und dicht, Indes die Sehnsucht drunten mich verzehrte.
Heut ist ein solcher Abend, kalt und rauh, Das Glück vertieft sich mir in diesen Räumen: Lehn fest dein Haupt an mich, geliebte Frau, Recht fest an mich -- und laß mich träumen, träumen!
Frühlingsfeier.
Ein Blütenzweig, blaßrosa, weiß und grün, Die Welt hat tausend solcher Blütenäste, Da darf der eine auch für uns erblühn Und darf verblühn bei unserm Liebesfeste.
Befrei das schwere Haar von Kamm und Band Und laß die schwarzen Fluten niederwallen Auf dieses blumenhelle Lenzgewand, Und laß die neidischen Achselspangen fallen!
Nun nimm den Blütenzweig -- wie wunderbar Die Blüten glühn von deines Pulses Schlägen! -- Und rühre mir die Stirne und das Haar Und sprich dazu den heiligen Frühlingssegen:
»Blick auf, der Lenz ist kommen über Nacht, Die Welt ist voll von Liebe und Erbarmen!« Ich blicke auf; der Frühling ist erwacht; Ich halt' den ganzen Frühling in den Armen!
Ludwig Scharf.
Geboren am 2. Februar 1864 in Meckenheim. -- Lieder eines Menschen 1892. Tschandala-Lieder 1905.
Begegnis.
Und als ich gegen den Marktplatz kam, Beim Torweg unter dem Rathaus, Da strömten die Menschen kreuz und quer, Zweibeinig ein jeder und gradaus.
Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt, So Kinder wie Männer und Weiber, Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt, Aufrecht balancierend die Leiber.
Fremd zogen sie aneinander vorbei Mit großen begegnenden Blicken Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich, Ein jeder mit seinen Geschicken.
Ein jeder mit einem sehnenden Drang Nach fernen Häusern und Türen, Ein jeder fortgezogen wie blind An unsichtbaren Schnüren.
Ein jeder beladen mit Erdenweh, Ob auch sein Mund mal lache -- Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.
Blut-Propheten.
Wir träumen über die Erde hin, Wir kennen nicht oben noch unten, Wir horchen nur in die Erde hinein, Wir verstehen nur ihre Wunden.
Und liegen wie träumend am Boden hin, Dann sind wir selbst fast Erden, Als wollte in dunkel-chaotischem Trieb Sie bewußt den Lebendigsten werden.
Und wir fühlen den Durst nach Blut, nach Blut Der ausgetrockneten Erde, Daß einer verjüngten Lebensbrut Ein saftiges Erdreich werde.
Wir träumen über die Erde hin: Tut Buße, Buße in Zeiten! Doch wir wissen genau, es kommt der Tag, Den wir ahnend früh prophezeiten.
Gebet eines Selbstmörders.
Stille! oh stille! Hier schlägt ein letztes Herz, Zerrinnt ein letzter Wille, Verhallt im Nichts ein Schmerz.
Verbluten hier im Sande An dieses Ufers Rand, Im Angesicht der Sterne Und jener Wolkenwand --
Ja, jener Nacht von Wolken, Die drohend rückt heran, Die dir den letzten Ausblick Gar bald verfinstern kann!
Drum still, mein Herz! Verblute In dieser stillen Nacht, Solang ob Tod und Leben Dir zusteht noch die Macht!
Denn weh, sie werden kommen, Dich binden recht und schlecht, Dein letztes Gut zu nehmen -- Dies häßliche Geschlecht.
Doch stille, oh stille! Und störe nicht die Ruh: Es strebt ein letzter Wille Dem letzten Glücke zu ...
Richard (von) Schaukal.
Geboren am 27. Mai 1874 zu Brünn in Mähren, studierte Jurisprudenz in Wien und lebt daselbst als Ministerialrat i. R. -- Gedichte 1893. Verse 1896. Meine Gärten 1897. Tristia 1898. Tage und Träume 1899. Sehnsucht 1900. Pierrot und Colombine 1902. Das Buch der Tage und Träume 1902. Ausgewählte Gedichte 1904; zweite Ausgabe in zwei Bänden 1909. Das Buch der Seele 1908. Neue Verse 1912. Herbst. Neue Gedichte 1914. Eherne Sonette 1914. Standbilder und Denkmünzen 1915. Kriegslieder aus Österreich, drei Hefte 1914, 1915, 1916. Eherne Sonette, Gesamtausgabe 1915. 1914 in ehernen Sonetten und Liedern (Schulausgabe) 1915. Kriegslieder aus Österreich (Auswahl) 1916. Heimat der Seelen 1916. Gedichte (1892-1918) 1918.
Der Fiedler.
Ein Spielmann auf seiner Geige strich. Es klang so rot, so königlich. Das harte Kinn lag auf der Fiedel.