Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 12

Chapter 123,547 wordsPublic domain

Ein Knabe ging und stand und blieb. Und jeder Strich war ein Sensenhieb. -- -- Den andern war's nur ein Straßenliedel.

Kophetua.

König Kophetua hob seine goldene Krone Von den goldenen Locken und schwieg. Auf sein Schwert gestützt ging er und stieg Über die steilen Stufen, und ohne Sich umzusehn, ließ er die staunende Schar.

Oben saß in mondlichtschimmernder Blässe Eine Bettlerin, in den Mantel der dichten Haare gehüllt. Ein großes Verzichten Lag in ihrer Augen blinkender Nässe. Und so träumte sie, jeglichen Schmuckes bar.

König Kophetua legte die goldene Krone Über die eisengerüsteten Knie und harrte Auf einer der Stufen, bis ihn die traurige, zarte Magd erblicke, flehentlich, ohne Sich umzusehn, wo sein Gefolge war ...

An die Baronin Colombine.

Baronin Colombine ist so zierlich und zart. Ich zupfe die Mandoline -- leider noch keinen Bart.

Baronin Colombine, nimm dich in acht: Auf meiner Mandoline sind Funken erwacht.

Baronin Colombine, lach nicht so laut! Weil meiner Mandoline vor deinem Lachen graut!

Baronin Colombine, du nahmst mir meine Ruh. Ins Wasser die Mandoline -- und mich dazu!

Porträt eines spanischen Infanten von Diego Velasquez.

Mit blutgemiedener langer schmaler Hand, Feinen Fingern, die den Duft der weißen Rosen fühlen, Manchmal mager und müd in warmen Damenhaaren wühlen, Halt' ich einen zierlich-kalten Degenkorb umspannt. Meine Blicke gleiten kraftlos von der glatten silbergrauen Wand, Von rieselnden leisen Gebeten sind meine Lippen schlaff und bleich, Ein scharfer Dolchschnitt ist mein verachtender Mund, Ich streichle manchmal einen hohen schlanken Hund. Manchmal bin ich mit häßlichen Zwergen weich: Ich beschenke sie reich -- Und peitsche sie wieder wund. Mit dichten Schleiern schütz' ich mich vor dem Morgenrot: Die Sonne hat Pfeile. Pfeile wirken Tod.

+Pierrot pendu.+

Und ich sah dich nachts an der Laterne: Bleich und traurig hingst du, Pierrot, Trübe schimmerten die späten Sterne, Als dein alter Freund, der Mond, entfloh.

Da im Gassendunkel deine Züge Schmerzlich schienen und gedankenbang, Sann ich über deines Lebens Lüge, Armer Narr am selbstgeknüpften Strang.

Und ich hab' dich nicht herabgeschnitten, Rührte leise nur an deiner Hand. Husch, ein Schatten war hinweggeglitten, Der verstohlen mir im Rücken stand.

Musset.

Ich liege mit der Zigarette Bis an den Morgen -- o das böse Licht! -- Müd ohne Schlaf im Seidenbette Meiner geliebten kleinen Ninette Und kräusle den Rauch zu einem Gedicht.

Was hast du mit meinem Leben getan! Wenn ich dich betrachte, dumme Kleine, Deine marmornen runden Beine, Fange ich fast zu weinen an Um die ewig verlorene Eine.

Ninette, du hast verdünntes bleiches Schnellrieselndes Blut, mein Kopf ist schwer: Wo nehm' ich den Mut für heute her? Sänke ich doch in dein faltenreiches Morgengewand gehüllt ins Meer!

Kavaliere.

Kavaliere, bleich und mit schmalen Gelenken, Den Degenkorb von der Kräusel-Manschette Zierlich bedeckt: sie denken An eine Frau in weißem Spitzenbette; Sie haben Schach gespielt, Hengste geprobt, Sie singen: Großer Gott, dich lobt Die gläubige Gemeinde; Vernichte unsre Feinde!

Goya.

Ich habe die lange schwüle Nacht Bei einer jungen Dame verbracht: Nun liegt sie und träumt mit offenen Lippen von meinem Nacken ... Ich will jetzt malen, ihr sollt euch packen! Steht nicht herum und gafft so ledern! Sonst zerr' ich euch an euern Agraffenfedern Oder kitzle eure dünnen Waden Mit meinem Degen. Ich bin von Gottesgnaden, Ich bin ein Grande im offnen Hemd. Ich liebe das Licht, das die Welt überschwemmt, Ich liebe ein Pferd, Das bäumend sich gegen den Zügel wehrt, Den Juden lieb' ich, den keiner bekehrt. Dem König lass' ich sagen, er solle Klopfen, wenn er mich stören wolle.

Porträt des Marquis de ...

Halte mir einer von euch Laffen mein Pferd, Hole mir einer von euch Lumpen mein Schwert: Ich ließ es bei einer Dame liegen.

Lass' einer von euch Schurken einen Falken fliegen: Ich will ihm nachsehen und mich in Blau verlieren: Störe mich keiner von euch Tieren!

Der Araber.

Ich schlich mich an das Roß heran, Das wiehernd und mit rundem Rücken Ins Eisen beißend stand. Es packen An seiner Mähne und die Hacken

Der Fersen, einmal oben, stark Ihm in die Weichen drängen, war Ein Augenblick. Ich spürte gar Nicht mehr, daß uns der Wald schon barg

Vor der bewundernden und scheuen Schar: So war es durch die Uferauen Gerast. Erst als mein flatternd Haar Ein Ast berührt, begann ich umzuschauen.

Spät.

Spät, wenn die alte Uhr geschlagen Und wieder Stille dich umwirbt, Das Pendel geht, die Lampe zirpt, Steigt es empor aus alten Tagen Und füllt mit Geistergruß die Luft Und macht dein Herz so schwer vor Sehnen Nach einem längst verhauchten Duft, Nach einer fernen kühlen Gruft, Nach Wind im Wald an Bergeslehnen.

Paul Scheerbart.

Geboren am 8. Januar 1866 zu Danzig, starb am 14. Oktober 1915 zu Lichterfelde bei Berlin. -- Kater-Poesie 1909.

Dahin!

Singe nicht so hell und laut, Da ich wieder einsam bin! Ach, fühlst du nicht, worüber Ich trüber werde?

Lache nicht so toll und dumm, Da ich ernst und anders bin! Nein, weißt du nicht, worüber Ich trüber werde?

Frage nicht so klug und hart! Das hat alles keinen Sinn! Was? Ahnst du nicht, worüber Ich trüber werde?

Sieh, ich liebe dich nicht mehr, All mein Lieben ist dahin! Begreifst du jetzt, worüber Ich trüber werde?

Notturno.

Ich liege ganz still. Der Nachtwind rauscht leise vorbei. Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer. Diese Sehnsucht -- nach -- ich weiß nicht was! Das macht so traurig. Ich möchte -- ich weiß nicht was! Ich denke an ferne, ferne Zeiten ...

Tiefernst!

Mir ist, als ob der Friede Sich in meine Seele legt -- So wundersam bewegt! Der Pappeln Wipfel flüstern. Wir sitzen still und schweigen. -- -- -- Wir wollen noch einmal trinken -- Und dann -- betrunken sein!

Die große Sehnsucht.

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt, Wird mein ganzes Wesen wieder weich. Und ich möchte weinend niedersinken -- Und dann möcht' ich wieder maßlos trinken.

René Schickele.

Geboren am 4. August 1883 in Oberehnheim (Elsaß). -- Die Leibwache 1914. Mein Herz, mein Land (Auswahlband) 1915.

Der Knabe im Garten.

Ich will meine bloßen Hände aneinander legen Und sie schwer versinken lassen, Da es Abend wird, als wären sie Geliebte. Maiglocken läuten in der Dämmerung, Und weiße Düfteschleier senken sich auf uns, Die wir eng beieinander unsern Blumen lauschen. Durch den letzten Glanz des Tages leuchten Tulpen, Die Syringen quellen aus den Büschen, Eine helle Rose schmilzt am Boden ... Wir alle sind einander gut. Draußen durch die blaue Nacht Hören wir gedämpft die Stunden schlagen.

Wenn es Abend wird.

Die Engel der Liebkosung steigen nieder, Von weitem kommen deine Hände wieder, Und deine Augen sind so mild, so weit, Daß alle Dinge drin verklärt gen Himmel fahren.

Mein Zimmer ist ein Wald, der sich erinnert, wie deine Worte sangen, Im Kleinsten, das einmal deinen Atem gespürt, lebt brünstiges Verlangen, Wie Lampen gehn die Spiegel an, die schon voll Dunkel waren.

Schon rufen deine Schritte die Blumen auf im Garten, Daß ihre kleinen Seelen erschauern und im Dunkel warten. Die Bäume werden atemlos und stehn beklommen, Die Bäche horchen auf, ein tiefer Traum belauscht dein Kommen, Am Weg, auf dem du nahst, ist Stern an Stern gereiht. O wunderbare Trunkenheit!

Ferne Musik.

Die glatten, leisen, Lustwarmen Weisen, Die sich verschlingen Und im Reigen singen Von Sommertagen,

Erinnern mich Schweren, Wie auf Blumenfähren Mit glänzenden Wangen Frauen sangen, Von Bläue getragen,

Und daß am Ende Der Fahrt die Hände, Die blitzend bewegten, Sich nicht mehr regten Und entgeistert lagen

In jedem Schoß, So sehnsuchtslos, Die Umarmungen boten, Wie die Steine der Toten Im Mondlicht ragen.

Erwartung im Garten.

Hab ich doch alles nun geküßt, Die Blumen, die Gräser und Den zitternden Sperling in meiner Hand, Den Tau der sanften Kressen Und selbst die Wolken am Himmel, -- Kommst Du noch immer nicht?

Lea.

Wir hielten uns umschlungen In unserm großen Haß, Ich hab dir schwören müssen, Daß ich von dir nie laß. Wir hielten uns umschlungen In unsrer großen Lust, Du hast mir zugeschrieen, Daß du mich lieben mußt.

Dann hobst du dich und standest, Gelöst war unser Bund, Und sprachst die Abschiedsworte Mit nie geküßtem Mund.

Die Leibwache.

Und bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, Ich weiß, daß doch ein Schein von meinem Blut, Wo ich mich rühre, wo ich raste, mich umflammt Wie eine große Glorie innerlicher Glut. Darin ist alles das enthalten, was die Väter, Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, Von ihrem Innersten ins Äußere geglüht, Daß es mein eigen Blut noch heute fühlt.

Denn ja, ich fühl's wie Rüstung, Schild und Feuerwall Und Festung, die mich überall umgibt, Und wieder so, daß es der Schöpfung wirren Schwall Mit Netzen wie aus Blut und Sonnenstäubchen siebt, Damit in meiner Augen Nähe kommt Nur, was für Ewigkeiten ihnen frommt, Und immer nur in meinem Herzen Wurzeln schlägt Und darin gräbt, wes Wachstum dies mein Herz verträgt;

Und was es tiefer noch verankert in den Grund, Von dem ich nichts weiß, als daß zu Beginn Ein heißer Wille schwoll, der dann von Mund zu Mund Sich fortgepflanzt bis her zu mir, der ich jetzt bin. Und bei mir sind, die mich vor schwerstem Leid bewahren! Ich recke mich inmitten himmlischer Husaren, Heb ich die Hand, so winken tausend Hände mit, Und halte ich, so hält mit mir der Geisterritt.

Im Schlaf spür ich sie wie im Biwak um mich her, Sie liegen da, die Zügel umgehängt, Sie atmen, regen sich wie ich, sind leicht und schwer, Und manchmal, wenn sich einer an den andern drängt, Ersteht ein Klingen, dessen Widerhallen In meinem Körper bebt wie Niederfallen Von eines Brunnens Strahl in einem Vestibül. Dann ist's, daß ich das Herz der Mütter zittern fühl!

Dann ist's, daß wild und süß die Liebe überfließt In mir und jeder Kreatur, Rakete um Rakete in den Himmel schießt, Im Dunkel still steht jede Uhr. Und klare Meere spiegeln lichte Sterne, Die Früchte zeigen schamlos ihre Kerne, Es strömt ein Licht von mir zum fernsten Land, Es schlägt ein Wellenschlag von mir den fernsten Strand.

Drum, bin ich auch in mancher Stunde wie verdammt, Ich weiß trotzdem: ein Schein von meinem Blut, Wo ich auch bin, ob schlafend oder wach, umflammt Mein Tun mit einer Glorie innerlicher Glut. Darin ist alles das enthalten, was die Väter, Ob sie Soldaten, Bauern, Sünder oder Beter, Mit ganzem Herzen ausgelebt zu meiner Hut.

Johannes Schlaf.

Geboren am 21. Juni 1862 zu Querfurt in der Provinz Sachsen. -- Helldunkel 1899. Das Sommerlied 1905.

Sehnsucht.

Wie ich dich überall sehe, du Meine Und Eine! Immer du so fern-nah! Gegenwärtig und doch nicht da! Immer nur Spuren und Spuren -- Viel, ach! wie viel! Im Wandern folg' ich ihnen, Zu welchem Ziel? O du, o Dunkelgewillte! Wann, wo empfängt der Niegestillte Seine Ruh? --

Hoffnung.

Ein weißes Grau hüllt weit den Himmel ein. Ein stumpfer Glanz liegt auf den Uferweiden. Träge, mit gurgelnden Wellen treibt der gelbe Strom. Ich muß mich noch bescheiden. Ich will noch ein Stückchen so weitergehn. Bald müssen ja alle Höhn In hellen Frührotfeuern stehn ...

Abendgang.

Und ich führte das blonde Jungfräulein In den weiten, schleiernden Abendfrieden hinein.

Nebel über die Wiesen gingen, Und vom Bache durch das braune Dunkel kam ein Singen. Am Himmel alle unsre goldenen Geigen hingen.

Die tönten so sacht und fein. --

Trübes Wetter.

Das Meer! -- Das Meer -- -- Die grauen Wolken hingen so trüb und schwer. Ich sah nur ein weites Armebreiten, Und wie ein dunkelsüßer Heimatston kam's her Aus den nebelverhüllten, schluchzenden Weiten. --

Doppelliebe.

Wie eigen ich dich einst küßte!

Du lagst in deinem Sessel Und decktest schelmisch Die Hand vors Gesicht. Über den Fingern Waren nur deine Augen zu sehn, Deine Augen. --

So fern plötzlich Und eigen. -- Und ich erschrak.

Zwei andre Augen sah ich, Zwei ferne Augen. Die Augen der andern ...

Und da bog es mich zu dir, Und leise Küßt' ich -- Diese Augen ...

Prinz Emil von Schönaich-Carolath.

Geboren am 8. April 1852 zu Breslau, wurde Dragoneroffizier, nahm den Abschied, war viel auf Reisen und lebte zuletzt auf Schloß Haseldorf in Holstein, wo er am 30. April 1908 verstarb. -- Lieder an eine Verlorne 1878. Dichtungen 1883. Gedichte 1903.

Albumblatt.

Hab nicht zu lieb die knospende Rose; Es flöge gar bald Ohn' Heimat, ohn' Halt Ihr Duft dir vorüber ins Uferlose.

Unsterblich ist der Schmerz allein. Was nie du besessen, Ersehnt, nie vergessen, Wird deines Himmels Grundbau sein.

Der betrübte Landsknecht.

Das Land durchströmt der Regen, Singschwäne südwärts ziehn, Nun will aufs Herz ich legen Ein Sträußchen Rosmarin.

Das haben zwei Hände, zwei schmale, Durchflochten mit schwarzem Band, Drauf haben zum letzten Male Zwei Mädchenlippen gebrannt.

Hoch braust ein Krieg durch Flandern, Dort muß gewürfelt sein, Die Werbetrommeln wandern Um Jülich und Bei-Rhein.

Nach Spanien über die Schelde Zieht gleißender Heerestrab; Herr Christ, hilf allen zu Gelde, Uns beiden gib ein Grab.

Drauf sollen zwei Linden wiegen Die Wipfel glückbesonnt, Draus sollen zwei Herzen fliegen, Die nimmer sich trennen gekonnt.

Genrebild.

Herr Holger am Kamine sitzt, Sein Brackhund bei ihm wacht, Nacht ist's, die Flamme springt und blitzt Und der Klotz in der Lohe kracht.

Herr Holger in Sinnen versunken ist, Er wirrt des Bartes Flaum. Es streckt die Bracke den Widerrist, Und beide sinken in Traum.

Es denkt der Hund an einen Tag, Da die Heide hilfefern, Da der Keiler über Herrn Holger lag Und er befreit' den Herrn. --

Herr Holger martert seine Stirn In Sinnen schwer und stumm: Wie er zu Willen einer Dirn Den Blutsfreund brächte um.

Altes Bild.

Der Markusdom, der bunte, klangumtönte, Hat seine Pforten gähnend aufgeschlagen, Am Hochaltar, wo Priester Kerzen tragen, Thront stolz der Doge, der vom Volk gekrönte.

Es lehnt an ihm in mädchenhaftem Zagen Sein junges Weib, das holde, glückverschönte. Ein Page, der an Schleppendienst gewöhnte, Kniet stumm dabei in Puffenwams und Kragen.

Der Weihrauch dampft, zu Ende geht die Messe, Es blickt verklärt die schöne Dogaresse ... Doch sehen könnt ihr, wenn ihr näher tretet,

Daß tief im Samt, dem dunkelvioletten, Des Pagen Hand und ihre sich verketten -- Der alte Doge kniet im Stuhl und betet.

Künstlerroman.

Als tot auf schlechtem Gasthofbette lag Sein junges Weib bei Unschlittkerzenflammen, Da schob Papier, verstreutes, er zusammen, Und schrieb darauf bis an den grauen Tag.

Es ward an Inhalt und an süßem Schalle Ein also großes, ewiges Gedicht, Daß die Genossen es verstanden nicht, Und schweigend wichen, tiefergriffen alle.

Er aber blieb allein mit einem Sarg, Darin begrub er seine Jugendliebe -- Und jenes Buch, das ew'gen Ruhm verbarg, Und das kein Denker leichthin nach ihm schriebe,

Er schob es unters fahle Goldgelock Als Ruhekissen für die schöne Tote, Und riß sich aus den Hecken einen Stock Und schritt hinaus ins Morgenlicht, das rote.

Wilhelm von Scholz.

Geboren am 15. Juli 1874 zu Berlin. -- Frühlingsfahrt 1896. Der Spiegel 1902. Neue Gedichte 1913.

In einer Dämmerstunde.

Ich wohne, wo die Wolken gehn, Stillhoch in einer Dämmerstunde; Waldtiefer Bäume Wipfel stehn Um meinen Tisch in naher Runde, Die gern mein Licht im Abend sehn.

Alt ist der Leuchter, der es trägt, Alt sind die Bäume, die es schauen, Die Flamm' ist alt, die sich bewegt Und flattert durch das ewige Grauen, Wenn die uralte Luft sich regt.

Flüsternd umkreist die Dämmerung Mich und mein Licht, das nach ihr greift. So alt ist alles, ich so jung -- Da ist's, als ob ein Wort mich streift, Das rings um mich zur Fülle reift.

»Du bist so alt als alle wir --« Sprach es das Licht, sprach es der Baum, Sprach's der zersprungne Tisch vor mir, Sprach's um mich her der Dämmertraum? Ich fühl' es dunkel jetzt und hier.

Wie lächeln doch die ewigen Dinge, Wenn solch ein Strudel Erdenzeit, Ein Mensch, aufwacht in ihrem Ringe, Aufbraust in ihrer Einsamkeit -- Wie lächeln doch die ewigen Dinge!

Sie lächeln mich in ihre Ruh -- Nun rag' auch ich uralt vom Grunde. Du Flamme, warum zitterst du? Bist du ein Wort aus meinem Munde, Rief dich die Dämmerung mir zu? --

Abschied.

Oft, wenn die stille Mitternacht Einsam im dunkeln Parke wacht, Wenn meine Fenster offen stehn, Ein Sternlein durchs Gezweige leuchtet Und Nachtluft mir die Stirne feuchtet, Dann weiß ich, daß mich deine Augen sehn In dieser stillen Mitternacht.

Doch dieser Erde weit entschwebt Ist, was mich hier umgibt und mit mir lebt: Mein still Gemach, der Park, der leise rauscht, Der See, der über seine Ufer lauscht. In ewige Fernen treiben wir dahin: Du kennst den Ort nicht, wo ich bin In dieser stillen Mitternacht.

Noch seh' ich dich; und dein Gesicht ist blaß. Von Schauer wird mein Auge naß, Und tausend Wünsche werden wach. Doch schneller treibt der Park und das Gemach Hin in den fernenklaren Raum -- Da lischt, ein Flackerlicht, dein Traum In dieser stillen Mitternacht.

Heimat.

Eine Heimat hat der Mensch, Doch er wird nicht drin geboren -- Muß sie suchen traumverloren, Wenn das Heimweh ihn ergreift.

Aber geht er nicht in Träumen, Geht er achtlos ihr vorüber, Und es wird das Herz ihm plötzlich Schwer bei ihren letzten Bäumen.

Abendgang.

Das ist unser schweigender Abendgang. Herbst. Blätter fallen wegentlang. Nasse Äste tragen den Himmel, der bleich Und dunstig niederhängt über den Teich.

Die Brücke. Trüber Laternenschein Fällt schwankend in schmutzigen Schlamm hinein. Vorüber. Dunkel wie Menschen stehn Die Bäume und sehn uns weitergehn.

Der Wandrer.

Schwermütig wächst mein Frieden In Herbst und Einsamkeit. Mein Weg zur Dämmerzeit Vergraut wie abgeschieden.

Ich fühle mich Gestalt Und Wesen tief vertauschen; Wildfremde Schritte rauschen Durchs Blattgewirr im Wald.

Still geh' ich, schattenlos Im Grau, als wandle sich Der lange Weg in mich, Auf dem ich wurde groß.

Daß ich der Wandrer bin, Der diesen Weg gegangen, Sind Worte, die verklangen, Und haben keinen Sinn.

Erde.

Das ist der Erde furchtbares Gewicht: Gelang es dir, dich schwebend frei zu halten, Zu tauchen in das erdenfremde Licht, Daß sich die Meere unter dir gestalten, Winzig die Wolken unter dir verwehn, Und zitterst nicht -- So fliegt die Erde auf in deine Höhn.

Ich weiß es wohl ...

Ich weiß es wohl, wie du zur Ruh dich legst, Wenn müde dich die Mitternacht umfängt. Du gehst verträumt im Zimmer auf und ab, Schaust das unwillige Schweigen an der Wand, Das seufzend hie und da ein Rahmen unterbricht. Dann sprichst du leise in den Kerzenschein, Als ob gleichgültig ihn ein andrer spräche, Meinen Namen, horchst -- hörst ihn und erglühst ... Und deine süßen Hände küssend, schläfst du ein.

Nächtlicher Weg.

Schwer schweigt der Wald in schwarzer Pracht. Mein Mantel flattert durch die Nacht, Streift welkes Laub am Boden mit; Und wo die Äste wie Gestalten Hoch über mir die Hände halten, Folgt Zittern meinem festen Schritt.

Und leis an mir herniederglitt, Als woll's im feuchten Gras erkalten, Was in mir kämpfte, rang und litt; Was ich in mir für schlecht gehalten, Das nahm die Nacht im Atem mit.

Und stiller meine Schritte hallten, Wie eines fremden Freundes Tritt.

Am Söller.

In Wirbeln geht der Strom durchs Tal. Die Blätter wirbeln auf Söller und Saal. Tief herbstlich naht die frühe Nacht, Die unsere einsame Fackel entfacht.

Und wie die Sterne schweigend steigen, Werden der Erde wir zu eigen. Nachtdunkel hat so wilde Weisen -- Wir fassen uns, uns zu umkreisen.

Der Sternsaal muß sich rasend drehn In seiner Ferne. Im ganzen Raum der Welten stehn Nur deine Augensterne.

Wir sind wie des Herbstes tanzendes Laub, Wir sind, was wir werden: Kreisende Erden, Wirbelnder Staub.

Rudolf Alexander Schröder.

Geboren am 26. Januar 1878 zu Bremen. -- Unmut 1899. Lieder an eine Geliebte 1900. Sprüche in Reimen 1900. An Belinde 1902. Sonette an eine Verstorbene 1905. Elysium 1906.

Aus den »Liedern an eine Geliebte«.

Nun kam der Abend.

Die Sonne geht ins Meer, Der Wind ruht im Laub, Den sanften Weg entlang Ziehen die Herden heimwärts.

Sieh, wie die milden Berge In Dunkelheit verhüllt sind -- Im Tal Blinken Lichter auf.

Wanderer, wohin eilst du? »Nach Hause.«

Wohin eilst du?

* * * * *

»Die Lüge« sagst du Und »Die Wahrheit« Und redest wie ein Narr.

Sage »Die Liebe« Und du redest wie ein Weiser.

* * * * *

Ich habe keine Schmerzen: Aber die Sehnsucht verzehrt mich.

Ich habe keine Sehnsucht: Aber mein Verlangen macht mich unruhig.

Ich habe kein Verlangen: Aber meine Schmerzen quälen mich!

* * * * *

Ach, noch immer glaube ich, Wenn ein Klang die Luft aufweckt, Daß deine Stimme Im Zweiggewirr der Bäume, In Blumen, Gebüsch und Gräsern Nachzitternd sich gefangenhält.

Ach, noch immer glaube ich, Wenn ein Duft Von ungefähr Auf Windflügeln Zu mir kommt,

Daß es dein Atem sei.

Ach, noch immer glaube ich, Daß ich nicht ganz verlassen sei.

* * * * *

Das Glück ist ein leerer Schall; Und der Schmerz ist ein Name. Was uns von allem bleibt, Ist: allein zu sein. Und ist uns allen ein Los, Daß wir viele Güter haben Und darben müssen.

Sonett an eine Verstorbene.

An jedem Tage gibt's ein Abschiednehmen; Und irgend etwas, das uns angehört, Wird jeden Augenblick für uns zerstört Und wandelt hin zu den vergessenen Schemen.

Wohl, über dieses soll sich keiner grämen, Weil immer auch ein Neues uns betört; Und kein Verlassen ist so unerhört, Dem wir uns nicht zu guter Letzt bequemen.

So gehn auch wir, und lassen alle Welt Und sind nicht mehr; und jenes Wort: Gewesen Erklingt von uns, wie wir's von vielem sagen.

Doch daß auch du dich denen zugesellt, Von denen wir nur noch den Namen lesen, Mein Herze will das nicht, und will's nicht tragen!

Aus dem Buch »Elysium«.

Sie lassen sich am Ufer nieder, Sie legen ihre reinen Glieder Auf leichten Sand.

Entschlummern sie, so ist ihr Träumen Wie das von Wellen oder Bäumen Voll Unbestand.

Sie sind so schön, weil sie im Fächeln Der reinen Lüfte immer lächeln, Wie ausgesöhnt.