Deutsche Lyrik seit Liliencron
Chapter 13
Sie singen auch. -- Wer möchte hören, Was diesen Nachtigallen-Chören Ganz klar enttönt?
Sie wandeln über sanfte Matten Ins grüne Dunkel kühler Schatten, Sie schwinden hin.
-- Oh holde Seelen, voll Beglückte, Ihr nicht Geplagte, nicht Entzückte, Ihr ohne Sinn!
* * * * *
Wenn sie wandeln, drückt dem Wiesenrain Sich der schattenhafte Fuß nicht ein.
Wenn sie ruhn, so ist der leichte Gast Seiner Lagerstätte keine Last.
Wenn sie wünschen, das ist flüchtig auch, Kaum ein Traum, ein Atemzug, ein Hauch.
Wenn sie lieben, das ist kaum ein Blick, Kaum ein Gruß. -- So leicht ist dort das Glück.
Alles ist ja leicht im untern Reich. -- Leichte Schatten, wir begrüßen euch!
* * * * *
Leise laß sie ihren Reigen führen, Ohne ihre Schwermut anzurühren.
Laß sie träumend dir vorüber hasten, Ohne ihre Leere zu belasten.
Sorge nicht, sie heute zu verstehen, Denn dir wird wie ihnen bald geschehen.
Freue dich, daß sie dich nicht erreichen, Morgen, morgen bist du ihresgleichen.
Gustav Schüler.
Geboren am 27. Januar 1872 zu Kgl. Reetz im Oderbruch. -- Gedichte 1900. Meine grüne Erde 1904. Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes 1908. Mitten in der Brandung 1911. Von Stundenleid und Ewigkeit 1914.
Unterdessen.
Schönheit ist Atem. Aber Brot ist Brot. Und Tausend hungern. Und die Mühlen mahlen. Und Königstische wissen nichts von Not. Und Tausend beten nachts zu ihren Qualen.
Und Mütter fiebern, wie kein Fieber schlägt, Weil ihre Kinder schwer im Schlafe wimmern. Die Mütter hören's, daß man Bretter trägt, Um einen rohen Armensarg zu zimmern.
Und unterdessen lauscht die heilige Nacht, Und unterdessen wird das Licht erkoren, Und unterdessen hat die Schönheit acht Auf jede Perle, die der Tau geboren.
Mignon.
Wer in die Nacht geht, müßt' mich sehn Am Wege auf dem Stein -- Mein Krug und Wanderstecken stehn Im hellen Mondenschein.
Die Schuhe hab' ich abgetan, Das Haar ist aufgelöst, Ich hab', als wüßt' ich keinen nahn, Auch meine Brust entblößt.
Der Nachthauch kühlt mich wie ein Bad. Alle Wanderer ferne gehn. -- Nur wer die Erde begraben hat, Kann mich hier sitzen sehn.
Am Abend.
Komm, denn der Abend kommt. Wir haben ihn so wild ersehnt. Nun ist er da. Wie er im Mantel Sich an die alten Pappeln lehnt.
Jetzt schlägt er seine Wimpern auf Und sieht uns an und nickt uns zu. Hat er nicht ganz dieselben Augen, Nicht ganz denselben Mund wie du?
Am Kreuzweg.
Vom Dorf her durch die Nacht erklingt Gesang: Ein altes deutsches wehes Liebeslied, Von Lieb' und Not Und Treu' und Tod. Ein Schatten, der am Kreuzweg zieht, Lauscht lang'. Der Kauz schrie so entsetzlich schrill, Der hat ihn auch gesehn. Das Lied schweigt still. Der Schatten bleibt noch immer stehn.
Was ist das Glück?
Was ist das Glück? Ein klimmendes, schwimmendes Fliegen? Ein Siegen, Ein Augenblick, Wo du der Sonne jauchzend winkst Und dann versinkst? Oder ist es das treue Schauen, Wie sich Wolken aus Wolken bauen, Bis sich eine mit rotem Rand Hoch hinstellt über dein Ernteland?
Ernst Stadler.
Geboren am 11. August 1883 zu Colmar i. E., fiel zu Anfang des Weltkrieges im Westen. -- Präludien 1904. Der Aufbruch 1914.
Reinigung.
Lösche alle deine Tag' und Nächte aus! Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus! Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn! Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! -- Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein, Schon bist du selig in dir selbst allein Und wie mit Auferstehungslicht umhangen -- Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit Und deine Seele atemlose Trunkenheit, Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.
Vorfrühling.
In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus. Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen. Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.
In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt. Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten. Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite führen sollten.
Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen. Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen, In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen. In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.
Was waren Frauen ...
Was waren Frauen anders dir als Spiel, Der du dich bettetest in soviel Liebesstunden: Du hast nie andres als ein Stück von dir gefunden, Und niemals fand dein Suchen sich das Ziel.
Du strebtest, dich im Hellen zu befreien, Und wolltest untergehn in wolkig trüber Flut -- Und lagst nur hilflos angeschmiedet in den Reihen Der Schmachtenden, gekettet an dein Blut.
Du stiegst, dein Leben höher aufzutürmen, In fremde Seelen, wenn dich eigne Kraft verließ, Und sahst erschauernd deinen Dämon dich umstürmen, Wenn deinen dünnen Traum der Tag durchstieß.
Puppen.
Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare, spöttisch und kokett in den Vitrinen Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen wie zum Spiel die Krinolinen Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe blühn. Die Kavaliere reichen Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre feinen frechen Worte, scheint es, streichen Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in kühlem Lächeln über ihrem Mund erstarren, Indes die Schönen in den wohlerwognen Attitüden sanft und träumerisch verharren. So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den verschwiegnen Schränken Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen Abenteuern nachzudenken. Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes Blut sich seltsam an zu wirren: Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen in der Luft zu schwirren. Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der geschminkten Wangen gleißt Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und Untergang verheißt.
Glück.
Nun sind vor meines Glückes Stimme alle Sehnsuchtsvögel weggeflogen. Ich schaue still den Wolken zu, die über meinem Fenster in die Bläue jagen -- Sie locken nicht mehr, mich zu fernen Küsten fortzutragen, Wie einst, da Sterne, Wind und Sonne wehrlos mich ins Weite zogen. In deine Liebe bin ich wie in einen Mantel eingeschlagen. Ich fühle deines Herzens Schlag, der über meinem Herzen zuckt. Ich steige selig in die Kammer meines Glückes nieder, Ganz tief in mir, so wie ein Vogel, der ins flaumige Gefieder Zu sommerdunklem Traum das Köpfchen niederduckt.
Leo Sternberg.
Geboren am 7. Oktober 1876 zu Limburg a. d. Lahn. -- Küsten 1904. Fahnen 1907. Neue Gedichte 1908.
Der Wartende.
Geöffnet sind meine Fenster; Ich trete zum einen, zum andern -- Aber der Vogel der Ferne Fliegt nicht herein.
Ich schließe die Augen und sage Mir fest: »Er kommt nicht!« Ich denke: Plötzlich schlägst du den Blick auf, Und -- er ist da! ...
Und -- er ist _nicht_ da! Vergebens! Wieder warten! Warten! Durch die verengte Kehle Drückt sich ein Kiesel hinab.
Wie, wenn es Nacht würde? Nein! ... -- Herz, wie du eilst! -- Und ich müßte Schließen die Fenster? Der Vogel Käme nicht mehr? ...
Soviel Lüftchen ...
Soviel Lüftchen wehn und vergehn, Soviel Klänge durchziehen mich leis. Was mögen sie singen? Für wen? Wer weiß!
Kaum daß du flüstern hörst Und achtest, was es sei; Wie wenn du Geister störst -- Vorbei.
Nur manchmal im Leben ein Ton, Ein Wort, ein Gedankenstrahl -- Du fragst: Wo vernahm ich's doch schon Einmal?
Eine plötzliche Stille ...
Eine plötzliche Stille kommt oft, Als ob das Weltgewühl Die Sekunde jetzt stockte Und zwischen geraden Wänden Eine einzige schmale Bahn Freilegte von mir zu dir: Dann denkst du an mich. Und wie durch die Furt voreinst Des gespaltenen Meers, Zieht gelassen ein Traum Auf inniger Gasse Jenem Ufer zu.
Jenseits.
Die Glocken läuten dann wie jeden Tag ... An meinem Fenster wird einer träumend stehn, und der gewölbte Berg, der drüben lag, wird -- abendgrau -- wie ein Grab aussehn und der Baum darauf, wie ein Baum auf einem Grab.
Indessen werden die Stern' über meinem Grab aufgehn ... Der Fremde tritt vom Fenster ins Zimmer hinein; von seiner Welt nicht mehr aufzusehn, nimmt er den Arbeitssessel wieder ein -- Ich liege draußen allein, wie ich im Leben war.
Und selbst die Toten neben mir werden mich nicht verstehn ... Dann werde ich aufstehn und zu Gott gehn, daß _er_ mich behalte nun, oder mir sonst etwas aufgebe zu tun, oder die Flamme austrete -- Dann werde ich ruhn.
Margarete Susman.
Im Feld ein Mädchen singt ...
Im Feld ein Mädchen singt -- Vielleicht ist ihr Liebster gestorben, Vielleicht ist ihr Glück verdorben, Daß ihr Lied so traurig klingt.
Das Abendrot verglüht -- Die Weiden stehn und schweigen -- Und immer noch so eigen Tönt fern das traurige Lied.
Der letzte Ton verklingt. -- Ich möchte zu ihr gehen. Wir müßten uns wohl verstehen, Da sie so traurig singt.
Ich liebe unter allen ...
Ich liebe unter allen die am meisten, Die unsichtbare Kronen tragen. Wohl lieb' ich auch die heitern jungen Häupter, Auf deren Locken Rosenkränze liegen, Das Haupt, das sinnende Gedanken beugten, Der Demut frommgesenkte Kinderstirn; Doch lieb' ich unter allen die am meisten, Die frei und königlich im Leben stehn Und unsichtbare Kronen tragen.
So in die still verschneite Nacht ...
So in die still verschneite Nacht Blick' ich hinaus; Die alte Sehnsucht ist erwacht Und singt und flüstert, weint und lacht Und lacht mich aus.
Sie zieht um mich den Zauberkreis Von Wunsch und Wahn; Sie spricht wie du so scheu und leis; Sie starrt mich an so traurig heiß, Wie du getan.
Kein Liebeswort ...
Kein Liebeswort ist zwischen uns gefallen. Du hast mir nicht einmal die Hand geküßt, Wie mancher tat, der mir nicht teuer war. Ich sprach mit dir wie mit den andern allen. Der du mir Licht und Luft gewesen bist Und Lebensodem dieses ganze Jahr.
Doch das, was deine Augen mir verkündet, Die leuchtenden Verräter, halt' ich fest, Sowie in Sturm und Schnee ein armes Kind Sein Püppchen hält und wunderherrlich findet Und immer wieder zärtlich an sich preßt, Neidlos auf die, die reich und glücklich sind.
Georg Trakl.
Geboren am 3. Februar 1887 zu Salzburg, gestorben am 3. November 1914 im Garnisonlazarett zu Krakau. -- Gedichte 1914. Sebastian im Traum 1914. Gesammelte Dichtungen 1919.
Der Herbst des Einsamen.
Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle, Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen. Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle; Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen. Gekeltert ist der Wein, die milde Stille Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel; Im roten Wald verliert sich eine Herde. Die Wolke wandert übern Weiherspiegel; Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde. Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
Bald nisten Sterne in des Müden Brauen; In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden, Und Engel treten leise aus den blauen Augen der Liebenden, die sanfter leiden. Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen, Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.
In den Nachmittag geflüstert.
Sonne, herbstlich dünn und zag, Und das Obst fällt von den Bäumen. Stille wohnt in blauen Räumen Einen langen Nachmittag.
Sterbeklänge von Metall; Und ein weißes Tier bricht nieder. Brauner Mädchen rauhe Lieder Sind verweht im Blätterfall.
Stirne Gottes Farben träumt, Spürt des Wahnsinns sanfte Flügel. Schatten drehen sich am Hügel Von Verwesung schwarz umsäumt.
Dämmerung voll Ruh und Wein; Traurige Gitarren rinnen. Und zur milden Lampe drinnen Kehrst du wie im Traume ein.
Im Park.
Wieder wandelnd im alten Park, O! Stille gelb und roter Blumen. Ihr auch trauert, ihr sanften Götter, Und das herbstliche Gold der Ulme. Reglos ragt am bläulichen Weiher Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel. O! dann neige auch du die Stirne Vor der Ahnen verfallenem Marmor.
Landschaft.
Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der Hirten Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der Schmiede. Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen Locken der Magd Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern. Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der Hirschkuh, Und die gelben Blumen des Herbstes Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs. In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern mit dunklen Gesichtern die Fledermäuse.
Sommer.
Am Abend schweigt die Klage Des Kuckucks im Wald. Tiefer neigt sich das Korn, Der rote Mohn.
Schwarzes Gewitter droht Über dem Hügel. Das alte Lied der Grille Erstirbt im Feld.
Nimmer regt sich das Laub Der Kastanie. Auf der Wendeltreppe Rauscht dein Kleid.
Stille leuchtet die Kerze Im dunklen Zimmer; Eine silberne Hand Löschte sie aus.
Windstille, sternlose Nacht.
In Venedig.
Stille in nächtigem Zimmer. Silbern flackert der Leuchter Vor dem singenden Odem Des Einsamen; Zaubrisches Rosengewölk.
Schwärzlicher Fliegenschwarm Verdunkelt den steinernen Raum, Und es starrt von der Qual Des goldenen Tags das Haupt Des Heimatlosen.
Reglos nachtet das Meer. Stern und schwärzliche Fahrt Entschwand am Kanal. Kind, dein kränkliches Lächeln Folgte mir leise im Schlaf.
Am Moor.
Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr In der Stille des Moors. Am grauen Himmel Ein Zug von wilden Vögeln folgt; Quere über finsteren Wassern.
Aufruhr. In verfallener Hütte Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis; Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.
Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert Die sanfte Schwermut grasender Herden, Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.
Frühling der Seele.
Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind, Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst, Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne. Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.
Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au, Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn. Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel. Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.
Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes, Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund. Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers; Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn. Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.
Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische. Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne; Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit. Stille blüht die Myrte über den weißen Lidern des Toten.
Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind; Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.
Elis.
I.
Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags. Unter alten Eichen Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.
Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden. An deinem Mund Verstummten ihre rosigen Seufzer.
Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein. Ein guter Hirt Führt seine Herde am Waldsaum hin. O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.
Leise sinkt An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille, Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.
Ein goldener Kahn Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.
II.
Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust Am Abend, Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.
Ein blaues Wild Blutet leise im Dornengestrüpp.
Ein brauner Baum steht abgeschieden da; Seine blauen Früchte fielen von ihm.
Zeichen und Sterne Versinken leise im Abendweiher.
Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.
Blaue Tauben Trinken nachts den eisigen Schweiß, Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.
Immer tönt An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.
Robert Walser.
Geboren am 15. April 1878 zu Biel in der Schweiz. -- Gedichte 1908.
Morgenstern.
Ich mache das Fenster auf, Es ist dunkle Morgenhelle. Das Schneien hörte schon auf, Ein großer Stern ist an seiner Stelle.
Der Stern, der Stern Ist wunderbar schön. Weiß von Schnee ist die Fern', Weiß von Schnee alle Höhn.
Heilige, frische Morgenruh' in der Welt. Jeder Laut deutlich fällt; Die Dächer glänzen wie Kindertische.
So still und weiß: Eine große, schöne Einöde, Deren kalte Stille jede Äußerung stört; in mir brennt's heiß.
Langezeit.
Ich tu' mir Zwang, Zu scherzen und lachen, Was soll ich machen, Die Zeit ist lang.
Gewohnten Gang Im müden Herzen Gehn alte Schmerzen, Die Zeit ist lang.
Ich muß den Hang Zu weinen bezwingen, Nebst andern Dingen, Die Zeit ist lang.
Warum auch.
Und als ein solcher klarer Tag hastig nun wiederkam, Sprach er voll ruhiger, wahrer Entschlossenheit langsam: Nun soll es anders sein, Ich stürze mich in den Kampf hinein; Ich will gleich so vielen andern Aus der Welt tragen helfen das Leid, Will leiden und wandern, Bis das Volk befreit. Will nie mehr müde mich niederlegen; Geschehen soll etwas. Da überkam ihn ein Erwägen, Ein Schlummer: ach, laß doch das.
Schnee.
Es schneit, es schneit, bedeckt die Erde Mit weißer Beschwerde, so weit, so weit.
Es taumelt so weh, hinunter vom Himmel, Das Flockengewimmel, der Schnee, der Schnee.
Das gibt dir, ach, eine Ruh', eine Weite, Die weißverschneite Welt macht mich schwach.
So daß erst klein, dann groß mein Sehnen Sich drängt zu Tränen, in mich hinein.
Im Mondschein.
Ich dachte gestern nacht, Die Sterne müssen singen, Als ich aufgewacht Und es leise hörte klingen.
Es war aber eine Handharfe, Die durch die Räume drang, Und durch die kalte, scharfe Nacht klang es so bang.
Dachte so verlornem Ringen, Gebeten und Flüchen nach, Und noch lange hört' ich es singen, Lag lang' noch wach.
Müdigkeit.
Entführ' mich, wie ich bin; Sieh, mein verirrter Sinn Weist von sich diese Welt, Die ihn nicht mehr erhellt. Komm, o ich werde brav Und selig stille sein In deinem dichten Schein, Heiliger, süßer Schlaf.
Zu philosophisch.
Wie geisterhaft im Sinken Und Steigen ist mein Leben. Stets seh' ich mich mir winken, Dem Winkenden entschweben.
Ich seh' mich als Gelächter, Als tiefe Trauer wieder, Als wüsten Redeflechter; Doch alles dies sinkt nieder.
Und ist zu allen Zeiten Wohl niemals recht gewesen. Ich bin vergeßne Weiten Zu wandern auserlesen.
Brausen.
Es braust noch immer in der Welt, Das Brausen hört doch niemals auf; Ich liebe -- es hört niemals auf, Es braust ein Lieben durch die Welt. Und ob ich auch ein Feigling bin, Und ob du auch ein Kranker bist: Du liebst, wenn du es auch nicht bist, Der liebt, ich liebe, wenn ich's auch nicht bin. Es braust, und ich steh' horchend still, Ich weiß, ich hasse den und den, Es nützt mir nichts; wie ich auch will: Ich liebe alles, so auch den. Dann gibt es Stunden, wo ich weiß, Daß wir vor Liebe alle heiß.
Und ging.
Er schwenkte leise seinen Hut Und ging, heißt es vom Wandersmann. Er riß die Blätter von dem Baum Und ging, heißt es vom rauhen Herbst. Sie teilte lächelnd Gnaden aus Und ging, heißt's von der Majestät. Es klopfte nächtlich an die Tür Und ging, heißt es vom Herzeleid. Er zeigte weinend auf sein Herz Und ging, heißt es vom armen Mann.
Frank Wedekind.
Geboren am 24. Juli 1864 in Hannover, gestorben am 9. März 1918 in München. -- Die vier Jahreszeiten 1905.
Erdgeist.
Greife wacker nach der Sünde; Aus der Sünde wächst Genuß. Ach, du gleichest einem Kinde, Dem man alles zeigen muß.
Meide nicht die ird'schen Schätze: Wo sie liegen, nimm sie mit. Hat die Welt doch nur Gesetze, Daß man sie mit Füßen tritt.
Glücklich, wer geschickt und heiter Über frische Gräber hopst. Tanzend auf der Galgenleiter Hat sich keiner noch gemopst.
Perversität.
Ein Waisenkind, mit nassen, blassen Wangen, Mit hohlen Augen und mit dünnen Armen Huscht scheu hervor, inständig mein Erbarmen Anflehend, stotternd, schlotternd, furchtbefangen.
Eisig sein Körper, glühend sein Verlangen, Müht sich's frostbebend, menschlich zu erwarmen. Vergebne Qual; erschlafft in meinen Armen, Bewimmert es sein Hoffen und sein Bangen.
Beschämt schleicht sich's von hinnen, ächzend, siechend, Nachts bettelnd und bei Tage sich verkriechend, Heut in Verzweiflung, morgen in Verzücktheit;
Verfällt gemach schmerzstillender Verrücktheit, Stutzt, lacht, jauchzt todesfroh, und, der Gewandung Vom Gischt beraubt, zerschellt es in der Brandung.
Ilse.
Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren, Ein reines unschuldsvolles Kind, Als ich zum erstenmal erfahren, Wie süß der Liebe Freuden sind.
Er nahm mich um den Leib und lachte Und flüsterte: O welch ein Glück! Und dabei bog er sachte, sachte Mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.
Seit jenem Tag lieb' ich sie alle, Des Lebens schönster Lenz ist mein; Und wenn ich keinem mehr gefalle, Dann will ich gern begraben sein.
Der Anarchist.
Reicht mir in der Todesstunde Nicht in Gnaden den Pokal! Von des Weibes heißem Munde Laßt mich trinken noch einmal!
Mögt ihr sinnlos euch berauschen, Wenn mein Blut zerrinnt im Sand. Meinen Kuß mag sie nicht tauschen Auch für Brot aus Henkershand.
Einen Sohn wird sie gebären, Dem mein Kreuz im Herzen steht, Der für seiner Mutter Zähren Eurer Kinder Häupter mäht.
Waldweben.
Zwischen duftigen Büschen Stieß ich auf einen Quell; Meinen Mund zu erfrischen, Dünkt' er mich rein und hell.
Als ich mich satt getrunken, Träumend wankt' ich zur Stadt, Bin aufs Lager gesunken, Fiebernd und todesmatt.