Deutsche Lyrik seit Liliencron

Chapter 14

Chapter 143,521 wordsPublic domain

Hat kein Arzt sich gefunden, Dessen Kunst mich geheilt; Werd' auch nimmer gesunden, Bis mich der Tod ereilt. --

Ei du mein durstiger Knabe, Streife nicht durchs Gebüsch; Bleib bei der Mutter und labe Fromm dich am Kaffeetisch.

Franz Werfel.

Geboren am 10. September 1890 zu Prag. -- Der Weltfreund 1911. Wir sind 1913. Einander 1915. Gesänge aus den drei Reichen 1917. Der Gerichtstag 1920.

Wie nichts erkennend.

Ich reichte einem Kranken meine Hand Und gab ihm Wunsch und Mitgefühl bekannt. Doch während treulich meine Worte waren, Sprach wohl ein Herz, das nur sich selbst empfand. Mittäglich sah ich einen Droschkenstand, Wo sich beweglich alte Gäule sonnten. Da hat ein klarer Kopf sich umgewandt Und tief durchfühlt traf mich ein schweres Auge. Bin aber dumpf des eigenen Wegs gerannt Und nicht durchfloß mich dieses Bruderleben.

Am Abend hab' ich heißes Wort genannt. Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht nannt ich mein. Hah, Mein und Mein! Und immer diese Wand! Warum bin ich nicht durch die Welt gespannt, Allfühlend gleicherzeit in Tier und Bäumen, In Knecht und Ofen, Mensch und Gegenstand?! So ist's mein Teil, sternhaft dahinzurollen, Gebunden zwar, doch niemandem verwandt, Wie nichts erkennend, so auch unerkannt.

Verzweiflung.

Nacht kam herein. Und morgen, wähnen wir, ist Tag. Da gehn die Wagen wieder Und an den Türen läutet es.

Die Mutter mein sitzt da. Ihr Antlitz ist nicht meins. Sie redet viel an mich. Ich denk an fremdes Nichts.

Die Schwester mein lacht auf. Leicht könnte ich sie hassen. In meiner Öde brodelt Schon ein gemeines Wort.

Ich bin so zugebaut! Und alles rauscht nach Liebe. Ich auch nach Liebe weine Und hab doch keinen gern.

Welche Lust auf Erden denn ist süßer.

Taucht nur, senkt nur eure wilden Fratzen In mein reines fließendes Wesen! Diese Seele brandzuschatzen, Seid ihr alle, allesamt erlesen.

Märtyrer, gegrüßt, wollüstige Büßer! Heil dem Busen durch und durch geschlagen! Welche Lust auf Erden denn ist süßer, Als verwundet werden und nichts sagen.

Komm, Verräter, daß ich dich erbose, Du mit müden Händen, list'ger Späher! Hier Gesicht und Brust!! Mit jedem Stoße Bin ich ja dem Tempo Gottes näher!

Ein Lebens-Lied.

Daß einmal mein dies Leben war, Daß in ihm jene Kiefern standen Und Ufer schlafend sich vorüberwanden, Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar. Daß einmal mein dies Leben war!

Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden, Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon? Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton Von Ruderbooten, wie sie lachend landen, Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.

Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton Von Equipagen, dicht im Kies verfahren, Kastanien- und Laternensprache waren Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon? Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?

Kastanien- und Laternensprache waren Noch da und Atem einer breiten Schar. Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren. O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren, Daß einmal mein dies Leben war!

Amore.

Wenn noch die Eitelkeit Das Auge dir entweiht, Ist kommen nicht die Zeit.

Solang du noch willst stehn Auf Podien, gesehn, Kann Glücks dir nicht geschehn.

Wer sich noch nicht zerbrach, Sich öffnend jeder Schmach, Ist Gottes noch nicht wach.

Wer noch mit Eifer spitzt, Daß er ein Weib besitzt, Ist noch nicht ausgewitzt.

Erst wenn ein Mensch zerging In jedem Tier und Ding, Zu lieben er anfing.

Erst wer Erfüllung floh, Wächst an zum Höchsten so, Wird letzter Sehnsucht froh.

Erst wer sich jauchzend bot Der Schande und der Not Und zehnfach jedem Tod,

Im heiligsten Verzicht, Vor Liebe ihm zerbricht Sein irdisch Angesicht!

Wohin schwillt er empor? Was schwingt er überm Chor Unendlich sein amor'!!

Alte Dienstboten.

In dem sanften Wallen der alten Frühlinge Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, Eh' sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.

Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. Wohin sie auch ihr Gehen wenden, Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr ... Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken Sind die bereit sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.

Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben Sich ohne Ende über meins erheben, Das voll von Hoffart Worte machen mag. Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, O Licht am Abend überm Tisch gebückt! Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!

Mondlied eines Mädchens.

Ich liege in gläsernem Wachen, Gelöst mein Haar und Gesicht. Am Boden in langsamen Lachen Schwebt Mond, das unselige Licht.

Und wie mir die tödliche Helle Die Stirn und das Auge befühlt, Zerrinn ich und bin eine Welle, Gekräuselt, entführt und gespült.

Die Mutter atmet daneben, Der Vater schläft auf und ab. Ich habe Angst um das Leben Von allen, die ich liebhab.

Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer Erzengel mit schrecklichem Schwert. Ins Ohr weint mir immer, mir immer Ein Kind, das mir nicht gehört.

Nachtlampe von tausend Betten Des Leidens, der Mond mir scheint. Ich möchte viel Schluchzendes retten, Und bin es doch selbst, die weint.

All Ding im Zimmer verlassen, Der Schuh, und der Tisch, und die Wand ... Ich möchte das Ferne anfassen, Nur sein eine streichelnde Hand!

Ich möchte mit Fröstelnden spielen Und halten die Kalten im Arm! Ich fühle, die Reichen und Vielen Sind Kinder vor mir und so arm!

Für alle muß ich mich sorgen, Mein Schlaf ist gläsern und schwebt ... Ich horche, wie in den Morgen Der Atem von allen sich hebt.

Im Fenster wehn Bäume zerrissen, Viel Himmel sind windig in Ruh. Ich decke mit meinen Kissen Die frierenden Welten zu.

Die Leidenschaftlichen.

Mein Gott, es werden sein zu deiner Rechten Nicht die Wahrhaftigen allein und die Gerechten! Nein alle, die in dreizehn Dezembernächten Vor einem Fenster standen. Und Frauen, die sich rächten Mit Vitriol und dann im Gerichtssaal ergrauten, Die Eifersüchtigen all, die ihr Blut stauten, In Droschken weinten, in Sälen sich erfrechten! Die durchgefallnen tiefen Atmer, Sänger, die mit bezechten Gliedern dem Tod sich in die Grube schmissen, Sie werden sein zu dir emporgerissen, Und werden sitzen, Gott, zu deiner Rechten!

Es werden wandeln in deinen Gärten Nicht nur die Demütigen und Beschwerten, Nein alle, die leuchteten und verehrten! Mädchen, die in Konzerten erkrankten, Weil ihre Wangen zu bleich sich verklärten, Blicke aus Augen, die dankten -- Wahre Augen-Blicke zu nimmer verzehrten Dauern aus Zeit in deine Zeiten gehoben, Werden sie lodern weiter und loben, Leichte Feuer wandelnd in deinen Gärten!

Es werden ruhen, Gott, in deinen Tiefen Nicht die allein, die deinen Namen riefen, Nein alle, die in den Nächten nicht schliefen! Die am Morgen ihr Herz mit beiden Händen häuften Wie Flamme, und liefen Tiefatmend, blind, in unbekannten Läuften. Ein Küsten-Wind zuckt in Selbstmörderbriefen. Die Knaben haben Meere nicht verstanden, So brannten sie sich ab in Hieroglyphen. Nun knarrt ein Rost-Schild an den schiefen Eisernen Kreuzen der Konfirmanden. Wie sehr wir hier sind, sind wir dort vorhanden -- Die hier unruheten aus deinen Tiefen, Sie werden ruhen dort in deinen Tiefen.

Die Schwestern von Bozen.

Zwei Schwestern sah ich heut auf morgendlicher Au. Sie schwebten lerchenfrüh und schwärmten in das Blau, Und waren angetan kühl in Gewande weiß. Doch auf ihren Schürzen war Von trockenem Blut ein Rost und dumpfer Kreis. Sie aber tief umschlungen schritten wunderbar.

Ich trat sie an die Schwebenden, und fragte leis: Schwestern, von welchem Schein sind eurer Augen Scheine froh? Kommt ihr nicht aus den Sälen, wo Die eingetränkte Maske auf das arme Antlitz sinkt, Und in die weißen Stoffe Blut und Eiter dringt? Geht ihr nicht durch die Fäulnis schwerer Zimmer ein und aus? Tragt ihr nicht Schüsseln Unrats mild mit euch hinaus? Und habt in eurem Opfer keinen Tag und keine Stunde Lust, Dürft nicht in das Theater gehn und nicht im Grünen sitzen unbewußt!

Die beiden Schwestern aber sahn mich an mit einem Schaun, Mit einem Blick voll tiefstem Jenseits sahn mich an die beiden Fraun. Mit einem Blick, den ich, ein niedrer Laie, noch nicht ganz verstand, Und doch geschah es, daß mich Weinen überwand. Ich sah ein Licht steigen, das sich dem Wiesen-Kuß entreißt. Es ahnte eine tiefste Wollust mein entzückter Geist. Mir war von unbetretner Freude offenbar ein letztes Ziel ...

Von ferne fühlt ich lachen leicht Das Schwesternpaar, wie's nun entweicht, Und schwindet tiefumschlungen in ein zärtlich frühes Glockenspiel.

Gesang einer Frau.

Warum, warum diese neue Angst?: Die Welt ist schon so oft! Und Oft ein Wort, das fort und fort ins Ohr tropft unverhofft. Ein rundes Wort, ein runder Laut, der endet und beschließt. Mir graut vor meinem Haar, Es war so oft, meine Hand war oft, mein Mund war oft, war, war! Meine Zunge war oft, meine Brust und was er genießt. Mir graut, es graut auch meinem Haar. Oft -- ist unfaßliche Gefahr.

Ich kann die Blumen nicht sehn auf dem Tisch, sie machen mich krank. Mein Geliebter hat einen verräterischen Gang. Oft und Gewohnt sein aufgeknöpftes Freundespaar Wischt sich die Stiefel nicht ab. Sie spucken gar Und blasen Zigarrenrauch in mein Haar. Oft ist mein Feind und schon lang.

O diese schrecklichen Frühen. Sie tragen Altes auf ihren Glocken her. Wie bin ich von weitem und lang schon her. Nun kann ich mich gar nicht erinnern mehr. Wie man sich lachend auf die Fußspitzen stellt, Das entfiel dem Gedächtnis meiner Füße, dem viel entfällt.

Trübsinn heißt vierfach meine Jahreszeit, Im Winter fürcht' ich den Frühling, im Frühling die scharfe Zeit, Und doch möcht' ich alles halten, was mich vermaledeit.

Nein, nein! Ach! Wie ist mir das doch hassenswert! Wie alles an mir vergeht, möchte auch ich vergehn. Verzehrt sein, vergehn, eingehn in einen hohen Wert.

Lieben, lieben zum erstenmal, Wo Liebe nicht verlischt mit dem Wangenmal, Nicht jeder Kuß, verhauchend, wird Betrug, Und Ekel durch die Morgenlumpen lugt! Eingehn in ein reines weißes Weiß! Weiße Schürzen tragen, weißes Kleid und eine Farbe nur sehr: Weiß! Mein Gesicht vergessen, keine Zeit haben, immer ein Werk haben, immer tun, Nur am Abend ins Gebet hinüberruhn! O Leidenschaft!

Nun schimpft zum Fenster ein Regen herein. Auch der Regen ist oft. Ich zähle die Feinde nicht. Ich fühle nur meine Augen. Wohin ist mein Gesicht? Früher lebte ich seine Farben und flog unendlich in alles ein, Von unten, von der Seite, streichelte alles mit meinem Schein. Jetzt ist in mir solch eine Beschwerlichkeit. Ich bin leicht, ich bin leicht, aber mein Antlitz neigt, Neigt sich zu allem nieder, als wär' ich sehr groß und sehr weit, Und alles ist nur bedacht, daß es sich höflich zeigt.

Wo bin ich denn? O Himmelsrose, die mich in die Mitte klemmt! Ich sitze auf meinem Bettrand im Hemd, Und schaue auf meinen edel ermatteten Fuß, Der mich entzückt, daß ich fast weinen muß. Und doch ist in meinen süßen Beinen schon etwas, das man verhängt ...

Geheimnis.

So reich bist du, als du tränenreich bist. So frei bist du, als du dich selbst überspringst, So wahr bist du, als du dich kannst verwerfen. So groß bist du, als klein vor dir der Tod ist. So tief bist du Wunder, Als du tiefe Wunder siehst!

Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.

Niemals wieder will ich Eines Menschen Antlitz verlachen. Niemals wieder will ich Eines Menschen Wesen richten.

Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen. Wohl gibt es Kuppler-Augen. Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.

Aber plötzlich Aus der dumpfen Rede Des leichthin Gerichteten, Aus einem hilflosen Schulterzucken Wehte mir zarter Lindenduft Unserer fernen seligen Heimat, Und ich bereute gerissenes Urteil.

Noch im schlammigsten Antlitz Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung. Die gierigen Herzen greifen nach Kot -- Aber in jedem Geborenen Menschen Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.

Sein und Treiben.

Erkennen ist noch Hast. Auch Können ist Unrast. Wer wirklich ist, der ist! Der wohlgeborene Hund darf sein. Der mißgeborene Hund muß springen.

Gebet um Reinheit.

Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte, immergleiche. Sie durchschreitet uns all die Wunderblinden mitten im Wunder. Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens, Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen und die beschmutzten Hände spülen.

O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen! O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! Ist nicht meine Sehnsucht nach deiner Kühle Gewähr, daß du springst und spülst, Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach deinem süßen Gefälle?

Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises. Ich halte dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet. Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein. Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.

Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen, Und ich, mein Vater, folge ihm und singe einen Psalm hier wider meinen Feind! Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht einmal so sehr, um uns Feinde zu sein. Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt und an alle meine Tore pocht.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt, Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen. Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird, Während ich immer geringer werde und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug. Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt. Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen, Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.

Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht? Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o du Gewässer! Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei. Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine Hände hin zur Waschung.

Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen! Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler. O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen, hilf mir!

Wir nicht.

Ich lauschte in die Krone des Baums; -- da hieß es im Laub: Noch -- nicht! Ich legte das Ohr an die Erde; -- da klopft's unter Kraut und Staub: Noch -- nicht! Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste: Du -- nicht! Das war mein Gericht. Ich verwarf mein Lied, Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied. Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich. Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht. Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob, Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt, Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod, Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.

Paul Wertheimer.

Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. -- Gedichte 1896. Neue Gedichte 1904. Im Lande der Torheit 1910.

Seelen.

Du weißt, wir bleiben einsam: Du und ich, Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht, Mit freien Kronen, die der Seewind küßt ... So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei. Doch zwischen beiden webt ein feines Licht Und Silberduft, der in den Zweigen spielt, Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin ...

Ostsee.

Da lieg' ich an dem weißen Ostseestrande. Das Meer ... Das Meer! Mein wahrgewordner Traum! Ich bin vergraben in dem feinen Sande Und bin nur Wind und Welle, Sturm und Schaum.

Und meine Wunschgedanken lass' ich gleiten Hinauf-, hinunterwärts die grüne Bahn. O meines jungen Traums Unendlichkeiten! Ein Hauch bewegt der Sehnsucht goldnen Kahn.

Mein Kahn ist ganz mit Wein und Obst beladen Und voll Musik: von Gott und Welt und Mut, Und von des Meeres königlichen Gnaden Und von der Kraft, die lächelnd in mir ruht!

Tote Stunde.

Menschen sterben von mir ab wie Blüten Meines lieben Baumes vor dem Fenster. Gestern war er noch voll rot und weißen Glanzes, sieh, nun ist er grün und keimend. Hat ein Wandrer an dem Stamm geschüttelt -- Solch ein aufrecht-großer Lebensschreiter? Sprach zu laut ein Vogel im Gezweige? Murmelte der Wind zur Nacht von neuen, Ahnungsvollen, ungewissen Dingen -- Und die Blüten stoben hin erschrocken Und sie fielen weit, weit ab und starben ...

Alfred Wolfenstein.

Geboren am 28. Dezember 1888 zu Halle. -- Die gottlosen Jahre 1914. Die Freundschaft 1917. Die Nackten 1917. Menschlicher Kämpfer 1919.

Städter.

Nah wie Löcher eines Siebes stehn Fenster beieinander, drängend fassen Häuser sich so dicht an, daß die Straßen Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt Sitzen in den Trams die zwei Fassaden Leute, wo die Blicke eng ausladen Und Begierde ineinanderragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut, Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine. Flüstern dringt hinüber wie Gegröle --

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle Unberührt und ungeschaut Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

Tanz.

I.

Sie wirbelt weich Die Hände schwingend vor .. Sie rollt auf Zehen starr zurück: Steht gipfelnd von Musik umflossen, Silbern sichtbar in die Luft gegossen!

Sie schmilzt hinab Und hebt zu kreisen an Um ihrer Seele stillsten Punkt, Wie Schnee, um sein Gebirge fließend, In immer weichere Hand sich gießend,

Wie Wasser weiß .. Dick schwellen aus der Wand Der Lampen blutige Fäden an Und sinken plötzlich ..: Sie steht funkelnd Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln!

II.

Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis, Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz, Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis -- Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.

Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz, Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß, Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz!

Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier! Da wirft sie sich in Lüfte fort -- Doch immer schwingt Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr, Daß jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.

Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr, Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt, Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier, Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt.

III.

So flieh, enttanze In dich! du Unsichtbare! Wie ein rasendes Rad innen schwindet -- Schon hüllen Wellen dich und bleichen Die Gier, im Saale sitzen Leichen --

Du, neu geboren Auf einen andern Stern hin! In eignen immer wildren Sturmleib, In Fuß und Brust und Stirn verflogen, Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.

Und fließt zusammen Mit sich -- und fühlt nur Tanzen, Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen -- Es hebt sie einsames Gefieder Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.

Musik des Kämpfers.

Von Stern zu Stern Wie an schwankenden Ringen Sausen wir durch die Welt.

Vom Dunkel zur Freundschaft, Von Freundschaft zur schaffenden Einsamkeit schwingen Wir uns durch die Erde.

Aber das steigt nicht Vom Seufzen zum Singen: Dahinter winkt wieder Finsternis, und wieder Licht.

Wie Sturm, Blitz und Fluß Miteinander verschlingen Sich ewig in uns, ewig zugleich:

Dunkles Tasten an der Wahrheit Wand, Feuriger Freundschaft Weltdurchdringen, Zeugung der Wahrheit und Welt aus uns!

Drei Gewalten, die um jedes Kämpfers Seele miteinander ringen, Heben ihn nur himmlisch über sich empor!

Schöpfung kreist Aus ihrem An-einander-klingen: Aus Musik des Kämpfers wächst rings Gottes Geist.

Nacht im Dorfe.

Vor der verschlungnen Finsternis stöhnt, Stöhnt mein Mund, Ich an Lärmen unruhig gewöhnt, Starre suchend rund:

Berge von Bäumen behaart ruhn Schwarz wüst herein, Was ihre Straßen nun tun, Äußert kein Schein, kein Schrei'n.

Aber ein wenig sich zu irrn Wünscht, wünscht mein Ohr! Schwänge nur eines Käfers Schwirrn Mir ein Auto vor.

Wäre nur ein Fenster drüben bewohnt, Doch im gewölbten Haus Nichts als Sterne und hohlen Mond -- Halt ich nicht aus --

Halt ich nicht aus, meinem Schlaf allmächtig umstellt, Fremd, fremd und nah -- Durch den See noch näher geschwellt Liegt es lautlos da.

Aber glaubt mich nicht schwach. Daß ich -- soeben die Stadt noch gehaßt, Nun das Land flieh --: es ist nur die Nacht, Nur auf dich, diese Nacht, war ich nicht gefaßt --

Wie du tot oder tausendfach unbekannt Mein schwarzes Bett umlangst, Nirgends durchbrochen von menschlicher Hand, Gottlose Angst --

Fahrt.