Part 18
Wie glücklich fühlt sich der Dichter, „einmal etwas recht Phantastisches zu schreiben”, die einfache Großheit des Achilleus und des Diomedes inmitten der Farbenpracht einer traumhaften Wunderwelt zu schildern! Wie dürr und kahl erscheinen neben dem Duft und Glanz dieser Verse die gleichzeitigen, durchweg unglücklichen Versuche der Romantiker, das Altertum auf ihre Weise wiederzubeleben -- ganz zu geschweigen jener langweiligen Penthesilea, welche Tischbein damals auf die geduldige Leinwand sündigte. An seine Heldin verschwendet der Dichter alle Schätze seines Herzens, denn er liebt sie, und oft klingt uns aus seinen Worten die unbefangene Sinnlichkeit der Heiden entgegen. Er wagt sich an das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon Vater Homer kannte, er will ein Weib schildern, so entzückend schön, daß jedes sittliche Urteil vor ihr verstummt. Ihm ist zumute wie jenen Greisen von Troja, die auf den Mauern sitzend das Verderben bejammern, das um eines Weibes willen über ihr Volk kam -- und da die Unheilvolle plötzlich unter sie tritt, wagen sie doch nicht zu zürnen, so schrecklich (αἰνῶς) packt sie der Anblick der schönen Helena.
Aber selbst die Kraft unseres Dichters wird zunichte vor der Unnatur seines Stoffes. Schon vor einer antiken Amazonenstatue verweilen wir mit seltsam befremdeter Empfindung, und doch darf die bildende Kunst in diesem Falle mehr wagen als die Dichtkunst. Unser Erstaunen steigert sich zum Grauen, sobald uns das Seelenleben eines Mannweibes, dies wilde Durcheinanderwogen von Heldenstolz und Kampflust, von edler Liebe und roher Brunst in der hellen Beleuchtung eines modernen Dramas entgegentritt. Nun gar das Umschlagen der Wollust in Blutgier, dies allerscheußlichste Rätsel des Menschenherzens, an einem Weibe zu beobachten, wer könnte das ertragen? Was gilt uns die prachtvolle Schilderung der Rosenfeste von Themiskyra, wo die kriegerischen Amazonen, seligen Schauers voll, die besiegten Jünglinge bekränzt zum Altare der Aphrodite führen? Von dem Liebeswahnsinn dieser Jungfrau, die ihre Zähne in den zuckenden Leichnam des Bräutigams schlägt, wendet sich jedes natürliche Gefühl. Und sogar die schöne Form leidet zuletzt unter der Verkehrtheit der Idee, da die Raserei der Königin in läppischen Irrsinn übergeht.
Wir fühlen, wie krampfhaft das Herz noch zuckte, dem diese wilden Verse entströmten, aber auch wie erleichtert der Dichter aufatmen mußte, da er also seinen Schmerz bekannt hatte. Endlich einmal schien das Geschick dem Unglücklichen freundlich zu werden; er gründete in Dresden eine literarische Zeitschrift, den Phöbus, hoffte zuversichtlich, sich jetzt einen ehrenvollen Platz in der Künstlerwelt zu erobern, trat den geselligen Freuden wieder näher. Schon mehrmals früherhin hatte der „arme Brandenburger” seinen Wanderstab ruhen lassen auf diesem lieblichen Winkel deutscher Erde und stundenlang die Madonnenbilder der Galerie betrachtet und die dunkeln Waldgründe durchstreift, die in das lachende Elbtal münden, und droben von der Brühlschen Terrasse träumend hinabgeschaut auf die sanften Windungen des Flusses und das alles in entzückten Briefen der Schwester geschildert. Es war noch das alte Dresden, die prächtige und doch stille Stadt, die Canaletto gemalt hat, so recht ein Platz zum Träumen und zum Dichten, noch nicht der abgetretene Spaziergang blasierter Touristen. Und -- so seltsam spielt der Reiz des Kontrastes in dem Künstlergemüte -- gerade hier in dem Schmuckkästlein des Rokokostils erwachte dem Dichter der Sinn für die heimische Vorzeit; sein Geist, der so lange in die Ferne geschweift, kehrte ein in die Fülle des deutschen Lebens, um seine schönsten und reifsten Werke aus dieser reinen Quelle zu befruchten. Er fühlte sich jetzt Mannes genug, einen neuen Herzenskummer, der ihn traf, sofort als Künstler zu überwinden. All die Träume von Liebesglück, die ihm so schmerzlich zerronnen waren, rief er wach, um im Gedichte ein Weib zu schaffen, wie er es ersehnte und nie finden sollte, und alle sanften, glücklichen Erinnerungen seines Lebens versammelte er um sich, um dem geliebten Bilde eine freundliche Umgebung zu bieten. Die alte gotische Kirche stieg wieder vor ihm auf, die seinem Vaterhause gegenüber stand, mit ihrem schweren Turme und den geborstenen roten Backsteinzinnen, die der Knabe so oft ahnungsvollen Blickes betrachtet; er sah die finsteren Tore und die steilen Giebelhäuser in der alten Oderstadt; jene zarten Bilder von dem „Cherub mit gespreizter Schwinge”, von dem „süß duftenden Holunder”, die in seinen älteren Gedichten flüchtig wie ein Sonnenblick aus dichtem Gewölk erschienen, erwachten wieder und mahnten ihn, sie reich und farbig zu gestalten. Also schuf der seltsame Mann, der in allem von der Regel abweicht, in seinem zweiunddreißigsten Jahre das jugendlichste seiner Werke: das Käthchen von Heilbronn.
Wir fühlen ihm nach, wie er mit der naiven Freude des Entdeckers vor den wundersamen Gestalten steht, die er in der Vorzeit seines Volkes aufgefunden; ein frischer Duft weht uns an, wie der Erdgeruch aus dem umgebrochenen Acker. Seine Heldin nennt er selbst „die Kehrseite der Penthesilea, ihren anderen Pol, ein Wesen, das ebenso groß ist durch Hingebung wie jene durch Handeln”. Noch nicht sechzig Jahre sind verflossen, seit dies Werk zuerst an der Wien vor die Lampen trat; und schon mutet es uns an wie eine Sage aus uralter Vorzeit, kaum mehr verstanden von der hellen, strengen Gegenwart. In jedem Volke begegnen uns einzelne Dichtungen, welche, ohne den Stempel klassischer Vollendung zu tragen, doch unantastbar dastehen, weil sie geweiht sind durch die Liebe eines vergangenen Geschlechts; sie fordern, daß der Nachlebende sie dankbar hinnehme wie ein Gebilde der Natur. So dies Gedicht; aus ihm reden alle jene holden traulichen Träume, die unseren Müttern die Jugend beseligten, die Herzenssehnsucht einer Zeit, die unser kälterer Verstand zugleich übersieht und um die Innigkeit ihres Gefühls beneidet. Ich kann nicht ohne Rührung der Stunden denken, da mir meine Mutter von ihren ersten Gängen zum Theater erzählte: wie glückselig hat dies unschuldige Mädchengeschlecht dem Käthchen gelauscht, wenn sie unter dem Fliederbusch ihre keusche Liebe träumt! Der Dichter aber, der so glücklich einen Schatz aus dem Gemüte seiner Zeit zutage gefördert, er war längst nicht mehr, als das Käthchen endlich auf allen Bühnen sich einbürgerte; wir meinen oft seinen Schatten zu sehen, wie er niederschaut auf die verspäteten Erfolge und bitter lachend wie sein Prinz von Homburg die Achseln zuckt:
Nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll!
Selbst heute noch können wir die Kraft des einfachen Märchens erproben: in unseren Vorstadttheatern weilt ein Publikum, zu arm an Bildung und zu schwer bedrückt von den Sorgen des eigenen Lebens, um die Gewalt des tragischen Schmerzes zu ertragen, doch nach deutscher Art zu gesetzt, um allein dem Lustspiele zu huldigen. Hier ist der rechte Tummelplatz für das ernste Drama mit glücklichem Ausgange; hier hat das Femgericht noch seine Schrecken, hier findet der erbärmliche Darsteller des wackeren Gottschalk noch seine Bewunderer, die Kunigunde ihre leidenschaftlichen Feinde. Wir müßten sehr niedrig denken von dem sittlichen Berufe der Kunst, wollten wir solche Erscheinungen über die Achsel ansehen; danken wir Gott, daß das Pariser Hetärendrama noch nicht überall sein Zepter schwingt. Es ist nicht bloß der ritterliche Lärm und Pomp, was diese braven Leute so tief ergreift; noch mächtiger wirkt die Kraft der volkstümlichen Sprache, die Innigkeit des Gemüts, die aus jeder Zeile redet, die Anschaulichkeit der einfach verständlichen Motive. Selbst der Haß, sonst der deutschen Gutmütigkeit so schwer faßlich, erklärt sich hier von selbst. „Der Mensch wirft alles, was er sein nennt, in eine Pfütze, nur kein Gefühl” -- das versteht auch der gemeine Mann, nicht die Worte, doch den Sinn.
Freilich muß das Drama von kundigen und rücksichtsvollen Händen vorgeführt werden, mit Pietät nicht vor den schwachen Nerven der Hörer, sondern vor der kräftigen Eigentümlichkeit des Dichters. Welche Barbarei, wenn der zartsinnige Regisseur die Szene, wo Graf Wetter vom Strahl dem Käthchen mit der Peitsche droht, verletzend findet, statt der Roheit eine Niederträchtigkeit einfügt und den Grafen das Schwert zücken läßt auf die Wehrlose! Freilich muß man die Ansprüche der absoluten Kritik daheim lassen. Ist die hingebende Liebe des Käthchens nicht schon selbst wunderbar genug? Ist es nicht bare Tautologie, das größere Wunder durch ein kleineres zu erklären? Verliert Käthchens Liebe nicht an Wert durch den zwingenden Zauber, der sie an den Ritter kettet? Und geht nicht zuletzt der ideale Gehalt des Gedichts geradezu verloren, da nicht das arme Bürgerkind durch die Macht der Liebe über den Stolz des Ritters triumphiert, sondern die Kaiserstochter dem Grafen ihre ebenbürtige Hand reicht? Solche unwiderlegliche Einwände vergessen nur das Entscheidende, daß ein Märchen, ein dramatisch behandelter epischer Stoff nicht unbedingt den Gesetzen des Dramas gehorchen kann; liegt es doch im Wesen des Märchens, die Wunder des Herzens durch die Aufhebung der Ordnung der Natur zu erklären, Lohn und Strafe in der allersinnlichsten Form erscheinen zu lassen. Der zarte Duft des volkstümlichen Stücks verfliegt, wenn wir mit so derber Hand daran treten. Wir beklagen nur, was der Dichter selbst aufs bitterste bereut hat, daß er dem märchenhaften Charakter des Stücks nicht treu geblieben. Rücksicht auf die Ansprüche der Bühne, denen das Käthchen doch niemals völlig genügen kann, verleitete ihn, statt der zaubergewaltigen Fee Kunigunde jenes nüchterne rationalistische Scheusal zu schaffen, das so widerwärtig erscheint hier in der heiteren Fabelwelt, wo höhere Geister noch gern mit dem farbenreichen Menschenleben verkehren. Die maßlose Heftigkeit des Dichters verführt ihn auch diesmal, jedes Motiv zu Tode zu hetzen. Er kann sich nicht genug tun in der Schilderung seiner Heldin, er jagt sie durch alle Stufen der Erniedrigung hindurch, und während er ihr eine übermenschliche Demut leiht, die der Selbstentwürdigung zuweilen nahe kommt, häuft er auf ihre Feindin Kunigunde eine ganz unmögliche Last der Schändlichkeit. Er litt noch unter dem Schmerze um seine verlorene Braut und meinte sich berechtigt, ein Weib ohne Herz mit seinem Hasse zu zeichnen.
Während Kleist so liebevoll die Gestalten der deutschen Vorwelt schilderte, war in ihm längst der heilige Schmerz erwacht um die Gegenwart des Vaterlandes. Er hatte wohl einst über seinem Dichterleide die weite Welt und Deutschland mit ihr vergessen, den Tod gesucht, wo er auch sei. Sobald er sich selber wieder angehörte, regte sich doch der preußische Offizier. Der Künstler steht der Natur näher als der Denker; löst er sich ab von seiner Heimat, so geschieht ihm wie dem starken Baume, der in fremden Boden verpflanzt die Schollen des mütterlichen Erdreichs an seinen Wurzeln mit sich nimmt. Der freie Geist des Dichters hatte das öde Einerlei des Garnisondienstes nicht ertragen, er mochte zuweilen von der Höhe seiner philosophischen Bildung mitleidig herablächeln auf die militärischen Barbaren daheim. Die stolzen kriegerischen Erinnerungen seines Vaterhauses, dem des Königs Rock als das Kleid der Ehre galt, die glänzenden Bilder des preußischen Waffenruhms, die durch die Träume seiner Kinderjahre geschritten waren, hafteten doch weit fester, als er sich selbst gestand, in seinem treuen Gemüte; und als das Verderben an seinen Staat herantrat, da erwachte der Stolz des Preußen, des Deutschen, die angelernten philanthropischen Ideen fielen zu Boden. Schon während des Feldzugs von 1805 fragt er bitter, warum der König nicht sofort, nachdem die Franzosen durch Ansbach marschiert, seine Stände zusammenberufen und durch einen kühnen Krieg die Verletzung des preußischen Gebiets gerächt habe. Immer häufiger erklingt fortan in seinen Briefen die Klage über die finstere Zeit, wo das Elend jedem in den Nacken schlägt. Auf die erste Kunde von der Schlacht von Jena schreibt er mit dem ganzen Stolze und der ganzen Verblendung eines friderizianischen Offiziers: „20000 Mann auf dem Schlachtfeld und doch kein Sieg!” Dann erfährt er wie ein Betäubter die volle schreckliche Wahrheit, dann übergibt ein Mann, der seinen Namen führt, die erste Festung Preußens schimpflich an den Feind, dann sieht der Dichter in Königsberg aus nächster Nähe den tiefen Fall des Hofes und des Staates, und endlich muß er die Faust des Unterdrückers noch an seinem Leibe empfinden. Sein scharfer Verstand hatte schon vor Jahren, da er umnachteten Sinnes durch Frankreich irrte, die prahlerische Nichtigkeit der eitlen Welteroberer unbarmherzig durchschaut; auch ihre Roheit sollte er jetzt erfahren, da er während des Feldzuges von 1807 durch ein Mißverständnis als Spion gefangen und nach Frankreich geschleppt wurde. Er saß dann durch lange finstere Wochen auf dem Schlosse Joux hoch im Jura, auf derselben Festung, wo einst Mirabeau die wildesten Stunden seiner Jugend verlebt hatte.
Nun kehrte er heim in sein geschändetes Vaterland, mit dem vollen Verständnis für die Größe der Zeit, er sah „Ungeheures, Unerhörtes nahen”, eine Macht des Unheils heranfluten wider jedes Heiligtum der Menschheit. Und diese Empfindung wuchs und wuchs, sie wurde etwa seit der Vollendung des Käthchens (1808) die herrschende Macht in seinem Geiste, also daß Dahlmann den Selbstmord des Dichters kurzweg aus der Verzweiflung am Vaterlande erklärt. Wer kennt nicht eine jener einsiedlerischen Naturen, die in tiefer Stille mit der ganzen Macht ihrer unzerstreuten Leidenschaft alle Zuckungen der vaterländischen Geschicke mitempfinden? So lebte auch Kleist in seinem einsamen Zimmer ein hocherregtes historisches Leben: prächtig, eine himmelhohe Flamme schlug dann das entfesselte Gefühl aus seiner verschlossenen Brust empor. Er brauchte nicht erst, wie die zum Vaterlande zurückkehrenden Gelehrten, die Fichte und Arndt, auf den weiten Umwegen des Gedankens die Idee des Volkstums und ihr Recht sich selber zu erklären. Er liebte Deutschland, wie dem Dichter ansteht, unwillkürlich, unmittelbar, „weil es mein Vaterland ist” -- so läßt er in seinem patriotischen Katechismus einen deutschen Knaben sprechen. Die glorreiche Fahne, die er einst in seinen jungen Händen getragen, da lag sie im Staube. Ihre Ehre war die seine. Ihre Schmach zu rächen greift er zu jeder Waffe, er schreibt Pamphlete, Satiren und ohne jedes ästhetische Bedenken Gedichte. Er hätte sie nicht verstanden, die armselige Frage, die in einer späteren müden Zeit unter uns aufgeworfen ward, die Frage, ob eine Poesie des Hasses ein Recht habe zu sein. Er wußte, daß die Dichtung jedes berechtigte Gefühl der Menschenbrust schildern darf und daß in diesen Tagen der Haß die letzte und höchste Empfindung des deutschen Mannes war. Es galt das Dasein der Nation; die Begeisterung der Ideologen, die Stimme des natürlichen Gefühls und die Berechnung des Staatsmannes fielen in eines zusammen; nur eine solche Zeit konnte einen so ganz in der Anschauung, der Empfindung lebenden Geist zur politischen Dichtung führen.
Kleist ward, nach dem alten Gleim und den Poeten des Siebenjährigen Krieges, der erste unserer neueren Dichter, der seine Muse den politischen Zwecken des Augenblickes dienen ließ, der erste, dem dies Wagnis völlig glückte. Er weiß und will nur eines -- den Kampf der Waffen, augenblicklich, unverzüglich. Er lacht der „Schwätzer”, der Tugendbündler und Philosophen, die von einem Kampfe der Gedanken faseln, wirft ihnen Spottverse ins Gesicht ganz so ungeschlacht und ungerecht wie jene, die er einst gegen Goethe geschleudert hatte. Es leidet ihn nicht mehr im Norden als der Krieg von 1809 beginnt, er eilt hinaus nach dem Schlachtfelde von Aspern, und da auch diesmal die Heere der Feinde siegen, faßt er in vollem Ernst den Gedanken auf, mit dem die erbitterte Jugend jener Tage spielte: er will durch die Ermordung Napoleons das Vaterland befreien und -- mit einer großen Tat sein eigenes zerrüttetes Dasein beenden. So berichtet eine nicht streng beglaubigte, aber keineswegs unglaubhafte Überlieferung; allem Anschein nach hat nur ein Zufall den gräßlichen Plan vereitelt. Und derselbe dämonische Haß, dieselbe fürchterliche Wildheit tobt auch durch seine patriotischen Gedichte. Feuriger hat nie ein Sänger zu unserem Volke gesprochen als Kleist in der mächtigen Ode „Germania an ihre Kinder”:
Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht!
Die Lust der Vergeltung, unzertrennlich von jeder Erhebung eines mißhandelten Volkes, hat auch in unserem Freiheitskriege mächtiger gewaltet, als wir nach den verblaßten Schilderungen der Nachlebenden gemeinhin annehmen; schrieb doch Gneisenau nach dem Tage von Leipzig frohlockend wie ein antiker Held: „Wir haben die Nationalrache in langen Zügen genossen.” Wollen wir Kleists furchtbare Zeilen: „Alle Triften, alle Stätten färbt mit ihren Knochen weiß” geschichtlich verstehen, so müssen wir uns der Stimmung erinnern, die im Jahre 1813 in den unteren Schichten unseres Volkes lebte: -- der wilden Kriegsweise der Landwehrmänner: „Schlag ihn tot, Patriot, mit der Krücke ins Genicke;” der gefangenen Rheinbundoffiziere, denen der preußische Soldat die französischen Orden von der Brust riß; des gräßlichen lautlosen Würgens in der ersten Landwehrschlacht, bei Hagelberg, und all der rohen Auftritte, welche des Krieges Gefolge bilden.
Nur diese Glut der Leidenschaft erlaubt unserem Dichter das Unmögliche: ein Poet zu bleiben, indem er die allerbestimmteste Tendenz verfolgt. Seine Lieder halten sich ganz in der Sphäre der reinen Empfindung und streifen nie über in das Gebiet der Reflexion, der Phrase, wohin seine Nachfolger, die Sänger der Freiheitskriege, sich nicht selten verirren. Zwar, dem Manne, der seinen Hermann sagen läßt, einen Gallier, einen Deutschen könne er sich wohl als Weltherrscher denken, „doch nimmer diesen Latier, der keine andre Volksnatur verstehen kann” -- ihm wird man nicht vorwerfen, er habe die Idee des großen Kampfes nicht verstanden. Auch vermag er zuweilen sein erregtes Gefühl zu gehaltenem, maßvollen Ausdrucke zu zwingen; wie würdig und edel stellt er die sittliche Größe des gedemütigten preußischen Staates dem rohen Hochmut des Siegers gegenüber, indem er den nach Berlin heimkehrenden König also anredet:
Blick auf, o Herr, du kehrst als Sieger wieder, wie hoch auch jener Cäsar triumphiert!
Doch der Grundton, der vorherrschende Charakterzug seiner patriotischen Poesie bleibt nichtsdestoweniger der Haß, und darum stellt sie nur eine Seite der großen Erhebung dar, welche ein Jahr nach des Dichters Tode begann. Denn Gott sei Dank, nicht so nach Spanierart, wie dieser Dichter träumte, sollten die Deutschen in den Entscheidungskampf hineinstürmen. Von dem sittlichen Pathos und der religiösen Begeisterung der jungen Freiwilligen, von der Gutherzigkeit und dem Edelmute, die unser Volk auch in seinem wilden Hasse sich bewahrte -- von diesen herzgewinnenden Tugenden, wodurch die deutschen Freiheitskriege in der gesamten modernen Geschichte einzig dastehen und allmählich selbst die Bewunderung ihrer eitlen Feinde erwecken -- von alledem ist in Kleists Gedichten wenig zu spüren. Er redet die Sprache einer gequälten Zeit, die sich in wilden Träumen hinaussehnt nach dem Kampfe und nur den einen Gedanken zu denken vermag: „Zu den Waffen, zu den Waffen, was die Hände blindlings raffen.” Erst mit der Erhebung, mit der Gewißheit des Sieges konnte die patriotische Leidenschaft Maß und Haltung gewinnen. Und wer darf bezweifeln, daß Kleist, hätte er den Tag der Befreiung erlebt, fähig gewesen wäre, mit einzustimmen in die reineren und freieren Klänge jener glücklichen Zeit? Wer fühlte nicht, daß der Haß des Dichters nur die Kehrseite ist einer innigen Liebe?
Derber, roher noch redet der Ingrimm in den prosaischen Schriften. Mit unbeschreiblich grausamem Spott wird das märkische Edelfräulein geschildert, das sich von einem französischen Gecken verführen läßt, der sächsische Offizier, der mit patriotischem Hochgefühl unter den Fahnen des Rheinbundes weiter dient. Dann folgen Anekdoten aus dem letzten Kriege, kleine Züge preußischen Soldatenmuts, die den Geist des Heeres beleben sollen, vorgetragen im allerderbsten Wachstubentone, mit zynischem, wildem Humor; der Erzähler weiß sich vor Entzücken kaum zu halten, wenn seine Helden noch sterbend mit „einem ungeheuren Witze” die Franzosen verhöhnen. Auch die erhabene Rhetorik Arndts, den Ton des „Geistes der Zeit”, versucht der Dichter in einzelnen pathetischen Aufsätzen nachzuahmen. Ganz unbefangen wiederholt er die Bilder und Wendungen seiner Gedichte in den prosaischen Schriften. Mit vollem Rechte; denn der Wert dieser unförmlichen Versuche liegt allein in der wilden Naturkraft einer patriotischen Leidenschaft, welche in unserer gesamten Literatur kaum ihresgleichen findet. -- Was immer uns erschrecken und empören mag an diesem erregten Tun, wir freuen uns doch, den Dichter also zu sehen. Sein Auge, das so lange in unfruchtbarem Mißmut nur in sich hineingeschaut, blickt freier, offener in die Welt hinaus; die krankhaften Züge seines Wesens treten zurück vor der Hoheit einer großen Leidenschaft.
Schon vor dem Kriege von 1809 hatte Kleist in seiner „Hermannsschlacht” ein Bild des Befreiungskampfes gezeichnet, wie er ihn sich dachte. Wir überschauen mit einem Blicke das Aufsteigen unseres Volkes von der lyrischen zur dramatischen Empfindung, wenn wir dies mächtige Werk, wo selbst die „See, des Landes Rippen schlagend, Freiheit brüllt”, mit Klopstocks Hermannsschlacht vergleichen. Nichts mehr von dem unbestimmten Pathos, das bisher immer den Schilderungen der germanischen Urzeit angehaftet hatte; leibhaftig, in voller sinnlicher Wahrheit tritt diese fremde Welt vor uns hin, ausgemalt bis in den kleinsten Zug und doch ohne alle gelehrte Genauigkeit. Nichts mehr von dem „Bardengebrüll” abstrakter Heroengestalten; wir sehen den Hermann der Geschichte, den staatsmännischen Barbaren, der um des Vaterlandes willen keine der argen Künste römischen Truges verschmäht. Er sucht den Tod im Freiheitskampfe, und nichts soll ihn bewegen, „das Aug' von dieser finstern Wahrheit ab buntfarb'gen Siegesbildern zuzuwenden”; nichts ist ihm hassenswürdiger, als was sein Herz erweichen, dem großen Werke entfremden könnte: „Was brauch ich Latier, die mir Gutes tun?” Seines Landes Blüte, die Gefühle seines Weibes, die Treue des gegebenen Wortes opfert er ohne Bedenken; der geborene Herrscher, wohin er tritt, spielt er voll übermütigen Humors mit seiner Umgebung; doch an der religiösen Andacht, womit er seinen Plan betreibt, mag man erkennen, wie zartbesaitet das Gemüt dieses rauhen Helden ist. Nur einem Boten vertraut er die verhängnisvolle Botschaft an Marbod, denn „wer wollte die gewalt'gen Götter also versuchen?” -- und als endlich die große Stunde erscheint, als die Barden ihren erhabenen Gesang beginnen, da bricht der eiserne Mann, jedes Wortes unfähig, in tiefer Bewegung zusammen. Wie in übermütiger Laune, in bewußtem Gegensatze zu den leeren Tugendmustern der Klopstockschen Muse zieht der Dichter das Idealbild der Thusnelda in die Kleinheit des zeitgenössischen Lebens herab; er schildert sie „wie die Weiberchen sind, die sich von den französischen Manieren fangen lassen”, als eine Geistesverwandte jenes märkischen Edelfräuleins.