Part 13
Doch sehen wir näher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser Lieder einen entscheidenden Zug -- eine kunstvolle Steigerung, einen schlagenden Abschluß --, der das Gedicht alsbald auf die Höhe der Kunstpoesie erhebt und mit so großer Innigkeit und Frische den durchgebildeten Verstand des Künstlers gepaart zeigt. Demselben Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der gemütlich bewegten Erzählung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und Schönstes schuf er in der erzählenden Dichtung dann, wenn er sich ein Herz faßte und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen Heldenzeit derb und mit Laune darstellte, wie in den Rolandsliedern, wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Völker wandert und in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen nicht verleugnet, wenn er fremdländische Sagenstoffe besang. Sein Gesichtskreis umfaßte das gesamte Altertum der christlich-germanischen Völker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum Liede begeistert, und gänzlich fern lag seinem deutschen Gemüte die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der südländischen Sänger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht „Ritter Paris” weht ein Hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder Troubadour beneiden könnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mären der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich ein alter Südfranzose, als erfülle sich die wehmütige Verheißung des modernen provençalischen Dichters: =O moun pais, bello Prouvenço, toun dous parla pou pas mouri.= Und doch ist dies nur ein Schein: aus Uhlands südländischen Gedichten so gut wie aus seinen angelsächsischen und nordfranzösischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er behandelt diese fremden Stoffe mit der gemütlichen Innigkeit und in der tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza und dem rhetorischen Pathos südlicher Romanzen.
Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herüber, die den modernen Hörer kalt lassen, oder häßlich phantastische Züge: -- so steht in dem schönen Zyklus „Sängerliebe” fremd und verletzend die Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten verspeist wird. Manchmal -- was uns noch mehr abstößt -- schleichen sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele. Vor dem Bilde des „Wallers” oder der trauernden Nonne, die entsagt und betet „bis ihre Augenlider im Tode fielen zu”, steht der gesunde Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese zugleich schwächliche und überschwengliche Empfindung der Vorzeit der Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen, finden sich neben vielen ursprünglichen Schilderungen deutscher Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von sehnsüchtigen Mädchen und trauernden Königen, die uns kein festes Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige Naturgefühl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns doch einzelne inhaltslos, wir wünschten, der Dichter hätte nicht bloß sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mängel mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken übler Laune sehr hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen Schwächen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben:
Scheint euch dennoch Manches kleinlich, Nehmt's als Zeichen jener Zeit, Die so drückend und so peinlich Alles Leben eingeschneit.
Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fällt es leicht zu erkennen, wann Uhland die harten, barocken Züge unserer Vorzeit verwischt hat. Wir lächeln, wenn uns in Erzählungen aus dem Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue überschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur das Haar unserer Mädchen gebräunt hat, fällt uns die ausschließliche Begeisterung für blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die übermäßige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden konnte von einem Dichter, der minder treuherzig für das biderbe Mittelalter schwärmte, der weniger unbefangen sich begeisterte für „Jugend, Frühling, Festpokal, Mädchen in der holden Blüte”? In unseren rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwärmerei sehr rasch verloren, doch darum mangelt auch unseren neuen Lyrikern die Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sängers. Und wie verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch Uhland angekränkelt zeigen von der unklaren Gefühlsseligkeit seiner Zeit! Nur Heinrich Heines Gehässigkeit konnte aus dem Liede: „Ade, du Schäfer mein” den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushören. Neben dies eine Lied -- beiläufig eines seiner allerfrühesten Jugendgedichte -- stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und unverwüstlicher Lebenslust.
Gern verstummt die Kritik vor diesen Gedichten; über ihnen liegt der Zauber einer völlig abgeschlossenen Bildung. Sie sind das getreue Spiegelbild der edelsten Empfindungen einer reichen Zeit, die wir mit allen ihren Verirrungen aus unserer Geschichte nicht missen können, nicht streichen wollen: die alte Burschenschaft vornehmlich lebt nur noch in den Liedern Uhlands und seiner Genossen. Ist auch jene Gesittung in unserem Volke längst einer anderen, härteren gewichen: tot ist sie darum nicht. In allen neueren Völkern sehen wir eine seltsame Erscheinung, welche dem modernen Menschen gar sehr erschwert, sich auf seine eigenen Füße zu stellen. Gedanken und Anschauungen, die das Volk längst überwunden, kehren in dem Leben des einzelnen wieder als Momente seiner persönlichen Entwicklung. Längst vorüber sind unserer Nation die Tage der Romantik und des jungdeutschen Weltschmerzes; aber noch heute kommt kein geistreicher Deutscher zu seinen Jahren, der nicht einmal, wehmütig wie ein Uhlandscher Bursch, dem scheidenden Freunde das Geleite gegeben und später mit Byronschem Übermute sich aufgelehnt hätte wider die Unnatur der „alternden Welt”. Dem Manne ziemt, die Gedanken seiner Jugend zu überwinden, nicht, wie man heute liebt, sie zu schelten; denn ihnen dankt er, daß er ein Mann geworden. Wir wären die Deutschen nicht mehr, die wir sind, wenn je an der lauten Tafelrunde unserer Burschen die stürmische Weise nicht mehr erklänge: „Wir sind nicht mehr beim ersten Glas.” Und mir graut, wenn ich mir vorstelle, es könnte je die Zeit kommen, da der deutsche Jüngling zu verständig wäre, um in der heißen Sehnsucht herzlicher Liebe zu singen:
Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein, Eh' ich mag bei der Liebsten sein!
Was die klugen Leute die unbestimmte nebelhafte Weise von Uhlands Lyrik nennen, ist oftmals nichts anderes als das Wesen aller lyrischen Dichtung selber: jene hocherregte Stimmung die den Leser geheimnisvoll ergreift und ihm einen Ausblick gewährt in das Unendliche. Oder wäre es nötig, auch nur ein Wort zu verlieren gegen jene Barbarei, die Uhland darum getadelt hat, daß seine Lieder sich der Musik so willig fügen? In dem Gedichte „Traum”, das man auch oft allzu weichlich gescholten hat, liegt doch nichts anderes als der überaus glückliche Ausdruck einer Stimmung, die unserem Volke von Anbeginn im Blute liegt. Die Klage um die Vergänglichkeit irdischer Lust wird von unserer gesamten Dichtung, dem Volksliede insbesondere, in tausend Formen wiederholt und ist selten rührender ausgesprochen worden als in dieser Vision von der Abfahrt der „Wonnen und Freuden”:
Sie fuhren mit frischen Winden, Fern, ferne sah ich schwinden Der Erde Lust und Heil.
Und wieder, wie köstlich heben sich ab von diesen weichen Tönen der Sehnsucht die Klänge neckischer Lebenslust! Nicht nur die Weise des derben Spottes weiß der Dichter anzuschlagen, auch das harmlose, sozusagen gegenstandslose Spielen der Laune hat er den „Lügenliedern” unseres Volkes abgelauscht, und aus manchen seiner Gesänge klingt uns die alte lustige Weise entgegen: „Ich will anheben und will nicht lügen: ich sah drei gebratene Tauben fliegen.” --
„Niemand taugt ohne Freude!” Wie sollte Uhland nicht zu dem guten Worte sich bekennen! Kein Geringerer hat es ja gesprochen als Walther von der Vogelweide, den er als seinen liebsten Lehrer verehrte. Daß Uhland mit anderem, moderneren Sinn als die Tieck und Schlegel auf das geliebte Mittelalter zurücksah, das erkennen wir am leichtesten an dieser Vorliebe für Walther, den vielleicht freiesten Geist des deutschen Mittelalters, der mit seiner hellen bewußten Empfindung uns Neueren näher steht als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Und mannigfach, offenbar, war die Verwandtschaft der beiden. Ein Meister der Form in der Dichtkunst, aber „mehr gestaltend als bilderreich”, hat Walther gleich seinem späteren Schüler seine Herrschaft über die Form nie mißbraucht zu leerem Spiele mit dem Wohllaut der Sprache. Die Form ward ihm geschaffen durch den Inhalt, seine prächtigen volltönenden Weisen versparte er, bis es galt Könige zu preisen oder die auserwählten schönsten der Frauen. Uhland, der so warm und traulich die behagliche Enge des häuslichen Lebens besang, spottete doch bitterlich des Dichters, der in einer Welt des Kampfes nur „sein groß, zerrissen Herz” zu betrachten wußte. Auch hierin war ihm der alte Sänger ein Lehrer gewesen: -- der politische Dichter, der „in seinem besonderen Leben das öffentliche spiegelte” und aus voller Kehle seines Landes Ruhm sang: „Deutsche Mann sind wohlerzogen, gleich den Engeln sind die Weib getan.” Sehr ungleich freilich waren den beiden die Gaben des Glücks zugeteilt, und wir freuen uns der freieren Gesittung der Gegenwart, wenn wir den stolzen, seßhaften, mit seinem Könige kämpfenden Bürger unserer Tage mit dem fahrenden Ritter vergleichen, der Herberg und Gaben heischend von Burg zu Burg zieht und, als ihm endlich eines Fürsten Gnade eine kleine Hofstatt geschenkt, jubelnd in die Weite ruft: „Ich hab' ein Lehen, all' die Welt, ich hab' ein Lehen.” Auch darin waren die beiden verschieden geartet, daß Walthers höchste Kraft in dem Spruche, dem Sinngedichte sich bewährte. Dem modernen Dichter dagegen ist zwar auch manches glückliche Sinngedicht gelungen, so jenes liebliche „Verspätete Hochzeitslied”, das wirklich aus der Not eine Tugend zu machen weiß und die Säumnis des Sängers also entschuldigt:
Des schönsten Glückes Schimmer Umschwebt euch eben dann, Wenn man euch jetzt und immer Ein Brautlied singen kann;
doch niemand wird in Uhlands Sinngedichten, denen oftmals die rechte lakonische Kraft fehlt, das Eigenste seines Talentes suchen.
Es war ein Liederfrühling kurz und reich. Ein edles Bild der Jugend war Uhlands Dichtung gewesen, und als mit den Jahren diese jugendlichen Gefühle ihm seltener das Herz schwellten, hörte er auf zu singen. Nach seinem dreißigsten Jahre sind nur wenige seiner Gedichte entstanden. Darunter allerdings einige seiner schönsten Romanzen, und auch die rührenden Naturlaute zarter inniger Empfindung entflossen noch dann und wann dem Munde des gereiften Mannes, so damals, da ihm in einem Sommer beide Eltern starben und er beim Anblick eines fallenden Blattes die wie im Winde verwehende Klage schrieb:
O wie vergänglich ist ein Laub, Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub! Doch hat dies Laub, das niederbebt, Mir so viel Liebes überlebt.
Es ist müßig, ihn darum zu preisen, daß seine Formgewandtheit ihn nicht verführt hat zu Schöpfungen, die das Gepräge der Notwendigkeit nicht mehr getragen hätten. Wir müssen sagen, er konnte nicht anders als schweigen, wenn der Gott ihn nicht rief. Schon der junge Mann gesteht: „Zu jeder ästhetischen, wenn auch nicht produktiven Arbeit ist eine Stimmung erforderlich, welche die launische Stunde nach Willkür gibt oder versagt.” Einmal erregt pflegte seine dichterische Kraft lange anzuhalten, es war, als ob ein Lied das andere weckte. Sein Wesen läßt sich nur mit dem französischen =entier= bezeichnen. Jeder Gedanke, jede Beschäftigung nahm ihn ganz und auf die Dauer dahin, selbst die politischen Arbeiten raubten ihm, einmal begonnen, die Lust zu anderem Tun.
Doch wenn seine Dichtung allmählich verstummte, umso lauter erhob der Chor seiner Nachfolger die Stimme, und da ein literarhistorisches Zeitalter jeden Künstler säuberlich in einer Schublade unterbringen muß, so mußte auch er, der dem Unwesen der literarischen Kameradschaft immer gram war, als das Haupt der „schwäbischen Dichterschule” gelten und -- manche Sünden seiner Nachfahren entgelten. Wohl waren diese Sänger alle getränkt von dem warmen Naturgefühle ihrer Heimat, und mit gerechtem Stolze konnte Justinus Kerner rufen:
Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur, Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heißt Natur.
Wie sie einst mit gesundem schwäbischen Sinne gegenüber der Phantasterei der Schlegelschen Richtung ihre protestantische Nüchternheit bewahrt, so haben sie später die reinen Formen der lyrischen Dichtung gerettet, als der Feuilletonstil des jungen Deutschlands alle Kunstformen zu verwischen drohte; sie haben deutsches Wesen und züchtige Sitte getreu behauptet, während der weltbürgerliche Radikalismus und die französischen Emanzipationslehren über uns hereinbrachen. Aber mit der unermüdlichen Fertigkeit der Meistersänger wurde jetzt der so leicht nachzuahmende, so schwer zu erreichende Balladenstil Uhlands nachgebildet. Die poetische Stimmung, jenes „Dunkelklare”, geht manchen gereimten Geschichtserzählungen der Schüler verloren. Die geringe Empfänglichkeit für die Schönheit der Antike war Uhlands natürlicher plastischer Kraft ungefährlich gewesen, bei den Nachfolgern bestraft sie sich durch die unklare verschwommene Zeichnung. Schon dem Meister war das hinreißende Pathos großer Leidenschaft versagt, ihm fehlte der Trieb, das Geheimnis der Weltenleitung in schweren Seelenkämpfen zu ergründen; bei vielen der Späteren erscheinen diese Schwächen geradezu als platte Gemütlichkeit und Gedankenarmut, wofür Frische und Natürlichkeit der Darstellung keinen Ersatz gewähren. Wie überhaupt die Kunst, mit Halbwahrheiten virtuos zu spielen, den boshaften Satiren Heinrich Heines ihren gefährlichen Reiz verleiht, so ist auch eine halbe Wahrheit sicherlich enthalten in jener Schmähschrift, welche den Spott des Übermütigen über die Geistesarmut der schwäbischen Schule ergoß. Als endlich in Schwaben jeder Fels, wo ein Ritter den andern erschlug, seinen Sänger gefunden hatte, und die Düsseldorfer Maler unsere Galerien immer wieder mit sehnsüchtigen blonden Mädchen und trauernden letzten Rittern ihres Stammes bevölkerten, da entstand -- wesentlich gefördert durch die Überproduktion der schwäbischen Schule -- in unseren tüchtigsten Männern der weit verbreitete, beklagenswerte Widerwille gegen alle lyrische Dichtung. Bei solchem Sinne der Männer ist Uhland heute allerdings vornehmlich ein Liebling unserer Jugend, während Béranger, der oft mit ihm Verglichene, auch dem älteren Geschlechte unter seinen Landsleuten noch jetzt aus der Seele redet. Aber, ein leichtsinniges Pariser Kind, huldigt dieser gleich willig den edlen wie den unwürdigen Leidenschaften seines Volkes: des deutschen Dichters lauterer Sinn hat nur der reinen Begeisterung der Jugend Worte geliehen. --
„Augen wie ein Kind hat der Alte” hören wir oft die Jüngeren erstaunt sagen, wenn sie die verwitterten Züge eines Soldaten der Freiheitskriege erblicken. In der Tat, eine seltene Frische und jugendliche Reinheit der Empfindung, die so nicht wiedergekehrt ist, bildet den entscheidenden Charakterzug jenes Geschlechtes, und sie ist auch der schönste Reiz von Uhlands Dramen. Fremd zugleich und liebenswürdig klingt unserem kurz angebundenen Wesen der zärtliche Erguß der Freundschaft Ernsts von Schwaben an der Leiche seines Werners:
Die Lüfte wehen noch, die Sonne scheint, Die Ströme rauschen und der Werner stirbt! --
oder die edle Resignation Friedrichs von Österreich, der sich freut:
Daß ich noch Kronen von mir stoßen, noch Den Kerker kann erwählen statt des Throns.
An ähnlichen Zügen hoher lyrischer Schönheit sind die beiden Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten Erzählungen -- kleinen Romanzen, die überall eine große Anmut und Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise und mit den Worten des mittelalterlichen Erzählers:
Und seine Schulter ragt' ob allem Volk.
Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zählen, weil seine Dramen „nationale” Stoffe behandeln, das heißt prosaisch am Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit der Rede der ärmere Geist, der die Hörer durch rednerischen Schwung bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt, welchem die hinreißende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem Rechte triumphiert auf den Brettern der bühnenkundige dramatische Handwerker über den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden, revolutionären Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die zähe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft, weil nichts darin zu finden sei, „nichts, was begeistern könnt' ein edles Herz”. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen der Geister aufeinander; mit vorgefaßten Entschlüssen treten zumeist seine Menschen auf die Bühne, erzählen, sprechen ihre Empfindungen aus und die Szene schließt oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Böse mit dem unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen Pläne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk, nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfüllt. Auf der Bühne tritt den modernen Hörern das fremdartige Wesen der Kulturformen und der Empfindungen des Mittelalters sehr auffällig entgegen, um so auffälliger, da der Dichter manche Szenen -- den Kirchenbann, den Ritterschlag -- sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil der romantische Reiz des fremden Kostüms ihn lockte, nicht weil sie dramatisch notwendig waren.
Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bühne verschwunden. Dem Leser wird ihre lyrische Schönheit immer teuer bleiben, und eben darum wird er mit reinerer Freude vor dem älteren der beiden Werke verweilen. Willig vergißt er den verfehlten Bau des „Ernst von Schwaben”, dessen Handlung mit dem Höhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswürdig tritt uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des Dichters entgegen. Das Schauspiel „Ludwig der Bayer” ist, obwohl es Schritt für Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel hat keiner der späteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den schwäbischen Dichter erreicht. Aber der spröde Stoff gewährte hier Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet sich diese Begabung in dem Fragmente „Konradin”. Keine andere Fabel unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schönes Bruchstück hat er uns hinterlassen, das kleine Epos „Fortunat”. Es ist lehrreich, zu beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert werden kann. Diese übermütigen, mutwilligen Verse entstanden dem ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat. Aber seltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die gedrungene Kürze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei größeren Entwürfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben sein.
Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: „wer sich nicht mit meinen Studien befaßt hat, kann auch nicht über mich schreiben.” Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt erwuchs ihm aus gründlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von seinen alten Büchern rühmen: „Durch ihre Zeilen windet ein grüner Pfad sich weit.” Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermüdende Masse gleichgültiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschloß sich den Nachlebenden, und Uhland hat ein Großes mitgeschafft an diesem Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen Schaffens verstand. „Eine Arbeit dieser stillen Art,” schreibt er einem Freunde, „setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist geschichtlich darzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und verworrener die Gegenwart sich anläßt”. Der Gedanke einer Geschichte der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwäbischen Sagenkunde beschäftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden Plänen nur einiges -- dies wenige allerdings meisterhaft -- ausgeführt ward, so erraten wir leicht den Grund: für den Lyriker liegt der Reiz des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur sein Freund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schönen Buches „Walther von der Vogelweide”, woraus oben einige bezeichnende Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger künstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Künstler ziemt, suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklären und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung und den ästhetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man bisher gewürdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher dichterischer Persönlichkeiten.