Deutsche Lebensbilder

Part 14

Chapter 143,277 wordsPublic domain

Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der für die germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung über den Mythus vom Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen enträtselt, sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe führt und in dem Bändiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt, den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fühlt sich der rüstige Mann unter dem starken Volke, das „im Donnerhalle die Nähe seines Freundes erkennt”. Und fröhlich zog er auf weite Wanderfahrten, um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand der Natur führten dann seine Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde den Leser in die fremde Welt halbverschollener Überlieferungen ein. Wir steigen mit ihm auf die Trümmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee, wir hören den Schall entfernter Glocken leise über den rauschenden See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Geläute zum fernen Kloster lockte. Wir sehen den Nebel über den Wassern sich ballen, der den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schädigt, und wir begreifen, wie die Launen des Nebelmännleins seltsam hineinspielen in das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman.

Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung über das altfranzösische Epos gewesen, und das feine Verständnis der Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewährte sich auch in den jahrelangen Forschungen für sein letztes größeres gelehrtes Werk über das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorläufer der verheißenen Abhandlung, die köstliche Sammlung deutscher Volkslieder, die in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden sollte, denn sie ist, was der Sammler wollte, „weder eine moralische, noch eine ästhetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Volkslebens”. Wie „Des Knaben Wunderhorn”, dem Uhlands Jugend so Großes verdankte, verrät auch diese Sammlung, daß schönheitskundige Dichterhände die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, daß der Sammler den bedeutenden wirksamen Platz am Schlusse seines Buches den Liedern des streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Blätter sind: „Eine feste Burg ist unser Gott” und jenes herrliche Lied eines sächsischen Mädchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges:

Stets soll mein Angesicht sauer sehn, Bis die Spanier untergehn --

der kräftige Ausdruck einer großen politischen Leidenschaft, die seitdem die Seele der mitteldeutschen Stämme leider nie wieder so gewaltig erschüttert hat.

In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder -- der streitbare Sänger: mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er Äschylos und Dante preisen, weil sie für Freiheit und Vaterland gesungen und gestritten, oder Körners Schatten heraufbeschwören zu zorniger Mahnung an die Überlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sängern und Helden gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhören werden, etwas Auffälliges zu sehen in dieser Verkettung bürgerlichen und künstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen Erscheinung begegnen, daß unter den namhaften Denkern und Künstlern kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingäbe für das freie und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine ähnliche Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von jenen Künstlern, die neben dem großen politischen Kampfe der Gegenwart kalt zur Seite stehen. Seltener, schüchterner immer tönt das vordem in diesen Kreisen oft gehörte Wort, dem Künstler zieme nicht sich zu kümmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, „weil er sich kein Bild davon machen könne”. Der politische Kampf der deutschen Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung, wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der Nation das Unterpfand jedes schönen Erfolges, das stolze Selbstgefühl zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es völlig gesunden, als bis die Deutschen ihren Staat gegründet. Das Geschlecht von Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehören, war das erste in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewährte. Als König Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein zu gründen, und den schwäbischen Dichter zum Beitritt auffordern ließ, da erklärte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe, was er denke über die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. „Bei Deutschlands politischer Zersplitterung,” heißt es da, „kann auch der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als ermutigen; immer nur der Stein statt des Brotes! -- Wenn die deutsche Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, muß einer würdigen Behandlung offen stehen.”

Sehr laut, fast überschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, daß in vielen Nekrologen der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprächen oder Briefen die Beweggründe seines Handelns angab. Nur diese Behauptung dürfen wir zuversichtlich aufrechterhalten: Uhlands dichterisches und gelehrtes Schaffen war nicht bloß fruchtbarer als seine politische Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemüte. Uhland war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das Unglück des Vaterlandes erfüllte den ruhigen Mann nicht mit jener heißen Leidenschaft, die jeden andern Gedanken übertäubt; gleich den ausschließlich ästhetischen Geistern des älteren Dichtergeschlechts war ihm noch möglich, während der krampfhaften Aufregung des Freiheitskrieges sich die selige Ruhe künstlerischen Wirkens zu bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite, wie einem Lessing; ihn erfüllte nur das unabweisliche Verlangen, rein und unsträflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also zurückstehen, wenn um die höchsten sittlichen Güter unseres Volkes gestritten ward? Zudem hatte er seinen natürlichen Rechtssinn geschult in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und Nachdruck trieb, und war früh mit den Ideen des modernen Liberalismus vertraut geworden. Seine schmucklos bürgerliche Art, „dickrindig und schier klotzig”, wie Chamisso sie einmal übermütig nannte, diese keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit der Höfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So ward er, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter für die modernen Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch, aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frühe Verstummen von Uhlands Gesang zu erklären. Wir wissen längst, daß nicht „das katholisch-feudalistische”, sondern das volkstümliche Element der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterländischen Sinn vielmehr gekräftigt. Nur einzelne kleine Schwächen seiner Poesie lassen sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurückführen. Wenn dann und wann ein Ritter, ein Mönch seiner Balladen uns mit allzu blassen Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewußtsein auf das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurückschaut.

Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der Freiheitskriege zugezählt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tönt uns mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Körner, Schenkendorf entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetümmel. Dem Schwaben war dies schöne Los versagt; darum hören wir aus den Liedern Uhlands in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des Kämpfers. Besonders schön hat er die Angst der Guten geschildert, da die letzte Entscheidung sich verzögerte, bis ihm endlich sein heißer Wunsch erfüllt ward:

Das edle Recht, zu singen Des deutschen Volkes Sieg.

Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land:

Nach solchen Opfern heilig großen Was gälten diese Lieder dir!

Erst nach dem Frieden, als Süddeutschland der Brennpunkt unserer staatlichen Kämpfe war, begannen die großen Tage seiner politischen Dichtung, welche nun, da der Norden ermattet schwieg, den Geist jener nordischen streitbaren Sänger getreulich bewahrte.

Der württembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die Willkürherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhängiger Rechtsanwalt in Stuttgart, ward er der beredte Mund des empörten Rechtsgefühls seines Stammes. Er forderte das alte Recht zurück, verwarf sowohl die neue vom König Friedrich eigenmächtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende Vermittlung des Nachfolgers König Wilhelm und seines alten Gönners, des Ministers Wangenheim, schrieb unermüdlich Adressen, Flugschriften und die „Vaterländischen Gedichte”. Zu ihnen möchte ich alle Verächter der politischen Dichtung führen, damit sie erkennen: ein echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte. Auch wer das starre Festhalten der Altwürttemberger an dem alten Rechte politisch verwirft, muß ergriffen werden von dem so männlich-stolzen und so christlich-demütigen Gebete:

Zu unsrem König, deinem Knecht, Kann nicht des Volkes Stimme kommen.

Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht: der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims stand der Sänger mit der nüchternen bedachtsamen Mahnung gegenüber, das Altbewährte treu zu hüten. Wirken sollten die Lieder, haften im Gedächtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form für den einfachen Inhalt, unermüdliche Wiederholung, schmucklose, allen verständliche, dann und wann fast prosaische Worte:

Schelten euch die Überweisen, Die um eig'ne Sonnen kreisen, Haltet fester nur am Echten, Alterprobten, Einfach-Rechten!

Die verschiedensten Beweggründe zugleich trieben den Dichter in die buntscheckigen Reihen der Opposition: die gemütliche Anhänglichkeit an das altheimische Recht so gut wie der noch ungeschulte Liberalismus, der die alte Verfassung pries, weil sie die Macht des Monarchen beschränkte, doch nicht begriff, daß sie den modernen Staat aufhob. Mächtiger als all dies wirkte in ihm der edle sittliche Zorn, der freie Männerstolz, der auch der wohlmeinenden Macht nicht gestatten wollte, das Recht zu beugen. In solchem sittlichen Zorn liegt die Idee, die Berechtigung dieser Opposition. Ihm dankte der Dichter auch seine poetische Überlegenheit, als er jetzt einen neuen heftigeren, politischen Sängerstreit mit Rückert durchfechten mußte. So hatte einst sein Lehrer Walther für den Staufer Philipp kampflustige Lieder gesungen, derweil Wolfram von Eschenbach für den Welfenkaiser Otto in die Schranken trat. Diesmal sprach Uhland zum Herzen der Hörer, während der Gegner, indem er Wangenheims Reformpläne verteidigte, nur an den Verstand des Volkes sich wenden konnte. Und nicht an der Scholle haftete der Blick des Sängers, er sah in dem Ringen seiner Heimat nur eine Schlacht des langen Krieges, der das weite Vaterland erfüllen sollte, und verwundete die Elenden, die nach geheimen Bünden spürten, mitten ins Herz mit den Versen:

Ich kenne, was das Leben euch verbittert, Die arge Pest, die weit vererbte Sünde: Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe, Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert.

Oftmals in diesen Händeln traf seine noch unfertige politische Bildung mit sicherem Takte das Rechte; so, wenn er wider den Plan einer württembergischen Adelskammer das gute, durch schwere Erfahrungen bestätigte Wort sprach: „Das heißt den Todeskeim in die Verfassung legen.” Auch an den Fehlern der Opposition hatte er seinen Teil, an jener eigensinnigen Hartnäckigkeit, welche die gute Stunde, die freieste Verfassung in Deutschland zu gründen, verscherzte. In späteren Jahren hat er selbst eingesehen, wie sehr ihm die Freiheit des Urteils fehlte, als er die wohldurchdachten Entwürfe der Regierung kurzab als Machwerke verdammte. Doch von allen Irrtümern dieses Mannes gilt sein eigenes Wort:

Wohl uns, wenn das getäuschte Herz Nicht müde wird, von neuem zu erglüh'n: Das Echte doch ist eben diese Glut.

Jawohl, das Feuer einer reinen Begeisterung flammt in diesen württembergischen Liedern; darum werden sie auch dann noch in unserem Volke leben, wenn das Königreich Württemberg längst aufgehört haben wird zu bestehen. Die Lieder zogen als Flugblätter durch das Land. Einzelne nichtschwäbische Zeitungen wagten sie in ihren Spalten aufzunehmen. So brachte ein norddeutsches Blatt das an den wackeren Stuttgarter Bürgermeister Klüpfel gerichtete Gedicht „Die Schlacht der Völker war geschlagen” unter der für den Geist der Presse jener Tage bezeichnenden Überschrift: „An den Repräsentanten einer angesehenen Stadt bei einer bekannten Ständeversammlung, gesungen bei einem festlichen Mahle, das dem würdigen Manne am 18. Oktober 1815 von seinen Kommittenten gegeben wurde.” Diese Gedichte gründeten dem Sänger zuerst einen geehrten Namen in der Literatur, und das schwäbische Volk sah mit begreiflichem Stolze auf den Mann, der also mit Ehren die Stammesart vertrat. Alsbald nachdem er das gesetzliche Alter erreicht, 1817, ward er in die Kammer gewählt, und mit Unwillen mußte er jetzt den Umschlag der Volksmeinung wahrnehmen. Dem zähen Eigensinne folgte übereilte Nachgiebigkeit, nur das eine ward erreicht:

Daß bei dem biedren Volk in Schwaben Das Recht besteht und der Vertrag.

Nicht durch königlichen Befehl, durch Vertrag zwischen Land und Krone kam die neue Verfassung zustande, doch fehlte viel, daß ihr Buchstabe zur Wahrheit ward. Bald befestigte sich unter König Wilhelm die gefährlichste Form des scheinkonstitutionellen Regiments, welche Deutschland vor der Revolution gesehen hat: ein aufgeklärter Despotismus, den Großmächten gegenüber liberal, nach innen tätig für das materielle Wohl, eifersüchtig gegen jede selbständige Haltung des Landtags, von gewandten klugen Männern geleitet, eifrig bestrebt, alle Talente des Landes in den Dienst der Minister zu ziehen. Ohne Freude hielt Uhland unter den Landständen aus. „Nur als Freiwilliger,” sagt er selbst, „als Bürger, als einer aus dem Volke trat ich mit an.” Persönliche Würde, Pflichttreue und die Gewalt seiner Feder verschafften ihm trotzdem eine Stelle unter den Führern der Opposition. Während des Kampfes um die Verfassung hatte er Staatsämter, die man ihm anbot, ausgeschlagen. Jetzt mußte er für seine Festigkeit büßen; erst im Jahre 1829 berief ihn die Regierung zu der Stelle, die ihm gebührte und seinen liebsten Wünschen entsprach: auf den Lehrstuhl der deutschen Literatur in Tübingen.

Dort ist fortan sein Wohnsitz geblieben, und es war ein echtdeutscher Zug, daß er an einem Stilleben sich genügen lassen konnte, welches einen Franzosen von seiner Bedeutung zur Verzweiflung gebracht hätte. Nahe an der Neckarbrücke stand sein freundliches Haus mitten im Rebgarten am Abhange des Österberges, dessen schöngeschwungene Formen der aus Italien heimkehrende Tübinger Philolog mit dem Vesuv zu vergleichen liebt. Dort sah er Jahr für Jahr jene denkwürdigen Ereignisse an sich vorübergehen, welche die Ruhe dieses akademischen Flachsenfingen unterbrechen. Immer wieder zogen der Pauperpräfekt und die Armenschüler in ihren hohen Hüten singend durch die winkligen rinnsalreichen Gassen, das Vieh ward in den Neckar zur Schwemme getrieben, die Stadtzinkenisten bliesen ihren Choral vom Turme, und -- das wichtigste von allem -- die berufenen Flößer, die Jockeles, führten das Holz des Schwarzwaldes talwärts und wechselten mit den alten Erbfeinden, den Studenten, homerische Schimpfreden. Es liegt ein eigener stiller Reiz über dieser kleinstädtischen Welt, wo an jedem Hause ein uralter derber Burschenwitz oder eine gute Erinnerung an einen tüchtigen Mann haftet. Im Verkehr mit vortrefflichen Männern fühlte Uhland sich bald wieder heimisch in der Vaterstadt, und durch seine kurze akademische Wirksamkeit erweckte er in den Schwaben zuerst den Sinn für die germanistische Wissenschaft. Noch ein anderes rühmen seine Landsleute ihm nach: der angesehene Professor vernichtete durch persönliche Würde und gediegene Gelehrsamkeit jene kleinlichen Vorurteile gegen den Beruf des Dichters, die seit Schubarts und Hölderlins Tagen von dem schwäbischen Bürger gehegt wurden.

Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die Opposition in Württemberg vorwiegend auf örtliche Zwecke beschränkt. Ein fleißiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden, war damals Uhland für den von der Regierung mißhandelten Friedrich List in die Schranken getreten, hatte gewirkt für die Neuordnung der Rechtspflege, namentlich die Unabhängigkeit des Richterstandes, und für die Minderung der Militärlast. Höhere Ziele steckte sich die Opposition nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen Liberalen die alte weltbürgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen, ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade „Die Bidassoabrücke” zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch unter den Besseren wenigstens „prägte sich jetzt -- nach Uhlands Worten -- ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee mit der Vaterlands-Ehre zu verbinden trachtete”. Als Süddeutschland fürchten mußte, durch die absolutistische Tendenzpolitik Österreichs in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden, und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig den Augenblick ersehnte, der den Südwesten zum Verrat an Deutschland, unter die „liberale” Trikolore der Fremden führen würde -- in diesen angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren über die roten Grenzpfähle hinaus den deutschen Bruderstämmen zu. Man empfand bitter den Mangel einer Volksvertretung in Österreich und Preußen und „die Unnatur der deutschen Zustände, daß die schwächeren Schultern die Träger der größeren Volksrechte sein sollen”. Aber unverzagt mahnte Uhland die Freunde, „unsere ehrenvolle Bürde, das zukünftige Eigentum des gesamten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen”.

Mit dem stolzen Bewußtsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die Opposition den Ständesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine große Zahl von Talenten füllte das Haus: hier ward auch zum ersten Male grundsätzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes erörtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot, daß einem großen politischen Lügensysteme ein Ende gemacht werde, daß die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlüsse im Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben ließen. Darum stellte Paul Pfizer seine berühmte Motion, daß der Verfassung widersprechende Bundesbeschlüsse in Württemberg keine Geltung haben sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie Wurm, die Unausführbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn, daß ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen Körperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen so übermächtig, daß sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den Teil grundsätzlich über das Ganze stellten -- ein denkwürdiges Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem Unwillen zurückweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflösung und eine Reihe von Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures Aufsehen erregten, während die Gegenwart bereits an einen weit roheren Mißbrauch der Regierungsgewalt gewöhnt ist. Schon von dem aufgelösten „vergeblichen Landtage” hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte Gesetzesauslegungen auszuschließen getrachtet; Uhland war damals für die Gültigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten Künste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewählt, erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur nieder.

Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen Bundesbeschlüsse. In diesen Debatten verkündete Uhland in schwungvoller Rede den nationalen Beruf der süddeutschen Opposition und sprach das kühne Wort: „Diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung gebracht werden.” Was er schon während des alten Verfassungsstreites dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: daß alle Sünden der Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstümlichen einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der Beratung des Militärbudgets schonungslos das große Übel auf, das alle Militärdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und vergiftet. Er fragte: „Hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als eine in der Nation begründete erwiesen? Kann bei solchem Stande der Dinge Württemberg wissen, unter welcher größeren Fahne und zu welchen Zwecken seine Truppen zunächst ausziehen werden?” Nicht zufrieden mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenüber, sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen aus: er forderte, daß die Minister wegen der Instruktionen an die Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten.