Deutsche Lebensbilder

Part 12

Chapter 123,282 wordsPublic domain

Und doch verdankt der schwäbische Dichter seinem nüchternen altbürgerlichen Sinne einen guten Teil seines Ruhmes. Keine glücklichere Mitgift konnte der Sänger sich wünschen in jenen verworrenen Tagen der Romantik, die Uhlands Bildung bestimmten. Nach volkstümlichen Stoffen verlangte die junge Dichterschule; sie empfand, daß das Ideal der klassischen Dichtung unserem Volke ein fremdes sei, und das Bild der Göttin mit den Rosenwangen heute nur das Herz weniger Hochgebildeter ergreifen könne. Sehr lebhaft fühlte auch Uhland den Gegensatz der antiken und der germanischen Gesittung. Ein Aufsatz aus seiner Jugend „Über das Romantische” sagt darüber: „Die Griechen, in einem schönen genußreichen Erdstriche wohnend, von Natur heiter, umdrängt von einem glänzenden, tatenvollen Leben, mehr äußerlich als innerlich lebend, überall nach Begrenzung und Befriedigung trachtend, kannten und nährten nicht jene dämmernde Sehnsucht nach dem Unendlichen. Der Sohn des Nordens, den seine minder glänzenden Umgebungen nicht so ganz hinreißen mochten, stieg in sich hinab. Wenn er tiefer in sein Inneres schaute als der Grieche, so sah er eben darum nicht so klar. Er verehrte seine Götter in unscheinbaren Steinen, in wilden Eichenhainen: aber um diese Steine bewegte sich der Kreis des Unsichtbaren, durch diese Eichen wehte der Odem des Himmlischen.” -- Glückliche Tage, da eine hochbegeisterte Dichterjugend auszog nach dem Wunderlande der germanischen Vorwelt und aus den lange verschütteten Schächten der mittelalterlichen Gesittung ungeahnte Schätze zutage förderte! Während heute Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft im Vordergrunde unseres nationalen Wirkens stehen, gab damals die Dichtung dem gesamten geistigen Leben Anstoß und Richtung.

Das vielgerühmte Weltbürgertum der Deutschen ward damals erst zur Wahrheit, seit uns das Verständnis aufging für das Gemütsleben unserer eigenen Vorzeit, seit der historische Sinn unter den Deutschen reifte. Wir lernten den Volksgeist in seinem Werden belauschen, den Glauben, die Kunst, die Sitte verschollener Tage in ihrer Notwendigkeit verstehen. Die religiöse Innigkeit der Romantik machte mit einem Schlage dem selbstgefälligen Rationalismus ein Ende, der so lange über „die Nacht des Mittelalters” vornehm gelächelt hatte. Die Hellenen der modernen Welt erbauten sich wieder an dem überschwenglichen Reichtume des Gemüts, der in den Bildwerken des Mittelalters so rührend hervorbricht aus der Gebundenheit unfertiger Formen. Das Auge der Menschen erschloß sich wieder für die feierliche Großheit der gotischen Kunst, die vordem nur von einer stillen Gemeinde hellblickender Verehrer verstanden ward. Lange hatte sich der politische Idealismus der Deutschen -- wo er bestand -- an den Bildern der Reformationszeit und des großen Friedrich begeistert; nur dann und wann war ein Lied von Arminius erklungen; jetzt umfaßte die Sehnsucht der Patrioten mit leidenschaftlicher Bewunderung die Heldengestalten der Stauferkaiser. Wir wurden wieder Herren im eigenen Hause und begriffen eben darum jetzt erst die innige Verwandtschaft der Völkerfamilie des Abendlandes. Eine neue Welt voll gemütlicher Innigkeit und Sehnsucht, voll phantastischen Zaubers und malerischer Schönheit ging den Romantikern auf: „Das Dunkelklare”, gesteht Uhland, „ist mir überall die bedeutendste Färbung, im menschlichen Auge, im Gemälde, in der Poesie, wie bei Novalis.” Auch das landschaftliche Auge des Volkes ward ein anderes. Solange Menschen leben, wird der Streit nicht enden, ob die heitere Pracht eines ionischen Tempels herrlicher sei als das ahnungsvolle Dunkel eines gotischen Domes, der zürnende Achilleus erhabener als die rächende Kriemhild. Nur in einem, in dem Verständnis der Seele der Landschaft, war die Romantik der klassischen Kunst ebenso gewiß überlegen, als ein schwellender duftiger Kranz deutscher Waldblumen tausendmal schöner ist denn jene straff gewundenen Lorbeergirlanden, welche die Bildwerke der Alten schmücken. Herzlicher, sinniger denn je ward nun von den Dichtern besungen der feierliche Ernst der Waldeinsamkeit, da die Geister des Waldes über den schweigenden Blättern weben, und der wollüstige Zauber jener Sommernächte, da der berauschende Duft der Lindenblüten dem Träumenden den Sinn verwirrt und das Mondlicht auf den bemoosten Schalen klarer Brunnen spielt, und die erhabene Pracht des Hochgebirges, wo weltbauende Mächte in den gewaltigen Formen jäh abstürzender Felsen sich offenbaren. Niemals, sicherlich auch nicht in den prosaischen ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts, waren unter den Germanen gänzlich ausgestorben jene träumerischen Gemüter, die vor solchen Szenen ursprünglicher Naturschönheit von den Schauern des Weltgeheimnisses sich durchzittern ließen; aber jetzt erst ward weithin im Volke die Freude lebendig an diesen „romantischen” Reizen der Natur. Kaum ein Städtchen heute in Deutschland, das nicht irgendwo einen lauschigen Platz dem Freunde der Natur wohlumfriedigt zu stillem Genusse böte; die romantische Dichtung hat an dieser weiten Verbreitung des Natursinnes im Volke ein reiches Verdienst.

Vergebliche Mühe, in wenigen Worten die vielseitigen Anregungen zu schildern, die von dieser geistvollen Dichterschule ausgingen. Sie begnügte sich nicht, unserem Volke für seine Vorzeit, seine wunderreiche Sagenwelt und die Schönheit seines Landes den Sinn zu eröffnen; bald schweifte sie hinweg zu den Schätzen der Kunst aller Zeiten und aller Völker. Das Volkstümliche in der Gesittung aller Nationen begann sie zu verstehen und zu übertragen. Ihr danken wir eine unermeßliche Erweiterung unseres Gesichtskreises. Unsere harte männliche Sprache erwies sich zum Staunen der Welt zugleich als die empfänglichste, schmiegsamste, spiegelte getreulich die Schönheit jeder fremden Dichtung wider, sie nahm in ihrem Tempel gastlich die Götter aller Völker auf. Doch nach so weiten Entdeckungsfahrten war die romantische Schule unversehens zur gelehrten, dem Volke entfremdeten Dichtung geworden in einem anderen, ärgeren Sinne, als die klassische Poesie es je gewesen. Den weiblichen Naturen der Tieck und Schlegel war es eine Freude, sich zu versenken in die Träume einer untergegangenen Welt, und bald erschien ihnen nur das Fremdartige poetisch, und aus der Lust an den glücklich bewältigten künstlichen Formen der romanischen und orientalischen Dichter erwuchs unserer Dichtung, was der Sprache und dem Gemüte der Germanen am meisten zuwider ist: das virtuose Spielen mit der Form. Mehr feine, empfängliche Kunstkenner als schöpferische Künstler, wandten sich die Häupter der Schule hinweg von der sprödesten und geistigsten Gattung der Poesie, dem Drama, das vor allem einen reichen Inhalt verlangt. Als hätte nie ein Lessing gelebt, wurden die Grenzen von Poesie und Prosa wiederum verwischt, und die Überfülle der aus der Dichtung aller Völker aufgesammelten poetischen Bilder hinübergetragen in die neue Wissenschaft, die nicht mehr nach Beweisen, nur nach „Anschauungen” suchte, und in die neue Religion, die nicht mehr das Gemüt erbauen, nur den Schönheitssinn erfreuen wollte.

Vor solchen Verirrungen der Verfeinerung und Überbildung ist Uhland bewahrt worden durch seine köstliche schlichte Einfalt. Er war aufgewachsen in einer Umgebung, wie sie dem Reifen des Künstlersinnes nicht günstiger sein konnte, in einem schönen, reichen, sagenberühmten Lande, wo doch nirgends eine übermächtige Pracht der Natur den freien Sinn des Menschen erdrückt. Er ist immerdar ein Schwabe geblieben und hat der kindlichen Liebe zu seiner Heimat oftmals Worte geliehen, am rührendsten wohl in jenen Versen, die ein Tal seiner Heimat also anreden:

Und sink' ich dann ermattet nieder, So öffne leise deinen Grund Und nimm mich auf und schließ ihn wieder Und grüne fröhlich und gesund.

Wer je südwärts geschaut hat von Hohentübingen, wo der Blick die ganze Kette der Alb vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen beherrscht, dem wird dies edle Landschaftsbild aus Uhlands schönsten Liedern immer wieder entgegentreten. Weil seine Dichtung also natürlich emporwuchs aus dem mütterlichen Boden des schwäbischen Landes und Volkes, so bewahrte sie sich jene derbe Naturwahrheit, die den meisten Kunstwerken der Romantik sehr fern liegt: auch wo sie zarte, sanfte Stimmungen ausspricht, wird sie nur selten verschwommen. Vor langen Jahren schon ging unter den Schwaben die Rede: jedes Wort, das der Uhland gesprochen, ist uns gerecht gewesen. Die Stammgenossen erhoben den Dichter auf den Schild, über die Schultern gewöhnlicher Menschen empor; wer ihn verkleinert, kränkt den gesamten Stamm. Eben diese volkstümliche Tüchtigkeit gibt seinem Wesen eine harmonische Ruhe, eine geschlossene Festigkeit, die nur wenigen Sängern der Romantik eignet. Nicht leicht konnten die Dichter einer Schule, die so ganz in der Sehnsucht nach längst entschwundenen Tagen lebte, jene olympische Ruhe, jene selige Heiterkeit der Seele erwerben, welche dem Klassiker Goethe das Recht gab, Tadlern und Lobrednern lächelnd zu sagen: „Ich habe mich nicht selbst gemacht.” Wahrhaft harmonische Charaktere sind unter den Heroen der Romantik fast allein die Männer der Wissenschaft, so Savigny, die Grimms und der liebenswürdigste der Menschen, Sulpiz Boisserée; unter den Dichtern der Romantik stehen neben Uhland nur sehr wenige, deren Seele nicht getrübt ward durch einen unklaren, unfreien, friedlosen Zug.

Auch er schaute mit der inbrünstigen Sehnsucht der Menschen des Mittelalters zu dem Überirdischen empor; so recht den Herzschlag des Dichters hören wir in dem frommen Gedichte „Die verlorene Kirche”:

Ich sah hinaus in eine Welt Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern.

Aber suchte Friedrich Schlegel in jener Vorzeit den phantastischen Reiz des Alten und Fremden, einer unfreien Gesittung, so liebte Uhland das Mittelalter, weil er in ihm die ungebändigte Kraft eines ursprünglichen, farbenreichen Volkslebens und vor allem die Herrlichkeit des vaterländischen Wesens bewunderte. So wurde jener durch seine ästhetische Neigung dem freien Leben der Gegenwart entfremdet und, obwohl er am lautesten den Ruf nach volkstümlicher Dichtung erhoben, in eine undeutsche, katholische Richtung getrieben. Uhland aber ward der vornehmste Dichter jener jüngeren, kräftigeren Richtung der Romantik, welche der ursprünglichen Absicht der Meister getreuer blieb als diese selber, und in unserer Vorzeit nur das noch heute Lebendige, die deutsche Weise, bewunderte. Darum schöpfte er, gleich den Brüdern Grimm, aus der liebevollen Erforschung des deutschen Altertums Mut und Kraft zum Kampfe der deutschen Gegenwart; darum verwarf er jeden Versuch, die Formen mittelalterlicher Gesittung in unseren Tagen wieder zu erwecken, und sprach herbe Worte wider die „erzwungene Begeisterung”, als es wieder lebendig ward um den alten Krahn in Köln und der schönste aller Dome aus Schutt und Trümmern zu neuer Pracht emporstieg. -- Nicht unsere klassischen Dichter, deren Werke ihn nur teilweise tiefer berührten: die Dichtungen des Mittelalters, die Volkslieder vornehmlich sind seine Lehrer gewesen, und mit diesen Worten ist auch sein Platz in der Geschichte unserer Dichtung bezeichnet. Es ist wahr, schon Goethes lyrische Muse hatte viele ihrer herrlichsten Klänge dem deutschen Volksliede abgelauscht. Aber für Goethes geniale Vielseitigkeit war diese Anregung nur eine unter vielen anderen, ja im Alter stellte er sich zornig dem romantischen Nachwuchs als einen „Plastiker” gegenüber; Uhland dagegen hat das Eigenste seiner Kraft an den Gedichten des Mittelalters gebildet. Sie wirkten auf den Mann kaum minder mächtig als auf den Knaben an jenem Tage, da er zuerst das Nibelungenlied vortragen hörte und, so sagt man, in tiefer Bewegung aus dem Zimmer eilte. An dem Liede von Walther und Hildegunde fand er als Student zuerst eine Poesie, die sein innerstes Wesen ergriff. „Das hat in mich eingeschlagen,” bekennt er. „Was die klassischen Dichtwerke trotz meines eifrigen Lesens mir nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermißte, das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach!”

So ward ihm das hohe Glück, inmitten einer überbildeten, nach den fremdesten und fernsten Reizen jagenden Kunst einen festen Kreis edler Stoffe zu beherrschen, welche darum unfehlbar wirken mußten, weil ein ganzes Volk sie durch Jahrhunderte gehegt und gebildet hatte. Und noch schärfer sogar schied er sich ab von den älteren Romantikern durch seine Weise, die Form der Kunst zu handhaben. Sein feines Ohr empfand, daß eine Sprache voll Härten des musikalischen Wohlklangs der romanischen Rede nur bis zu einem gewissen Grade fähig sei. Auch er hat Sonette und Glossen gedichtet und die Assonanz statt des Reimes gewagt; aber ungleich maßvoller als die Tieck und Schlegel brauchte er diese fremden Formen, und nach uralter, deutscher Weise war ihm in der Kunst der Inhalt das Bestimmende. Wäre ihm in seinem „Sängerstreite” mit Rückert statt der guten Sache: „Falschheit kränket mehr denn Tod”, die schlechte Meinung: „Eh'r falsch als tot”, zur Verteidigung zugeteilt worden: er hätte sicherlich nicht jene kunstvollen, feinen Wendungen gefunden, wodurch sein Gegner sich zu decken wußte; ein Scherz vielmehr hätte ihm aus der Not helfen müssen. Schon im Jahre 1812 lobte er sich die „ursprünglich deutsche Art”, die Innigkeit der Empfindung, im Gegensatz zu der formen- und bilderreichen Dichtung des Südens. Der alte Spruch: „Schlicht Wort und gut Gemüt ist das echte deutsche Lied”, war ihm fortan der Wahlspruch seiner Kunst. Die einfacheren Formen aber, die er dem Genius unserer Sprache gemäß fand, hat er mit vollendeter Kunst beherrscht, während Tieck mitten in der gesuchten Formkünstelei oftmals sogar die Korrektheit vermissen läßt. Und gelang es der älteren Romantik, weil nur ein ästhetisches Wohlgefallen sie zu dem deutschen Altertume führte, sehr selten die naive Weise des Mittelalters zu treffen, so wußte Uhland, weil er mit ganzer Seele in jene Vorzeit sich versenkte, seine Mären so glücklich in treuherzig altertümlichem Tone vorzutragen, daß wir heute kaum noch begreifen, wie solche Stoffe jemals anders dargestellt werden konnten. Sein natürliches, wissenschaftlich geschultes Sprachtalent hat unserer modernen Dichtung eine Fülle schöner altertümlicher Wendungen und Wörter neu geschenkt, davon die junge Welt kaum weiß, daß sie uns einst verloren waren. Seinem strengen Formensinne war ein Greuel jenes phantastische Verzerren der Natur, jenes Spielen mit „duftenden Farben” und „tönenden Blumen”, das die Romantik liebte. Feste, starke Umrisse gab er, wo es not tat, seinen Gestalten, also daß wir aus manchen seiner Gedichte den tüchtigen Zeichner erkennen, der in der Ausübung der bildenden Kunst sein Formgefühl schulte. Mit Recht hat man ihn darum einen Klassiker unter den Romantikern geheißen.

Dieser ernste Künstlersinn offenbarte sich vornehmlich in Uhlands weiser Selbstbeschränkung, einer antiken Tugend, die uns Modernen nicht leicht fällt. Ein Künstler von Grund aus und ein denkender Künstler, wie jede Zeile seiner Gedichte zeigt, hat er vielleicht weniger als irgendeiner unserer namhaften Dichter die Neigung zur Kritik und literarischen Fehde verspürt. Auf das Können, das ganze und rechte Können ging er aus; er am wenigsten wollte das Schlagwort der romantischen Dilettanten gelten lassen, daß man ein Dichter sein könne, ohne je einen Vers geschrieben zu haben. „Größeren Gedichts Entfaltungen” hatte er einst in jugendlicher Zuversicht seinen Lesern versprochen; doch als ihn die ersten Versuche belehrten, daß ihm die dramatische Kraft versagt sei, zog er sich zurück auf die Lyrik und das lyrische Epos. Er begnügte sich, auf diesem engen Gebiete Mustergültiges zu leisten, derweil die Chorführer der Romantik nach allen höchsten Kränzen der Kunst zugleich die Hand ausstreckten, ja in Plänen ganz neuer Kunstformen sich verloren und, im Grenzenlosen schweifend, nur wenig in sich Vollendetes schufen.

Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkräftiger Ernst, der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstümliche Stoffe besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk -- unter den Germanen mindestens --, ob ein Künstler mit seinen Bildern bloß geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausströmen läßt in seine Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven, einfachen Wesen der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Bürgers und Goethes weit näher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine kühne Richtung auf die Gegenwart und ihr öffentliches Leben, ward in Uhland und den Sängern der Freiheitskriege aufs neue lebendig. Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert, in der Wissenschaft ein nüchterner methodischer Forscher, im Leben ein Verfechter des modernen Staatsgedankens zu sein. Mit sicherem Takte wußte er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen derben protestantischen Unglauben gegenüber. Wenn Justinus Kerner von dem „Geiste der Mitternacht” erzählte, dann lachte Uhland, dann war er selber „der Zechgesell, der keinem glaubt”. Und wurde er ja einmal durch eine Erzählung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede begeistert, wie schön wußte er dann seinen Stoff aus dem trüben dumpfen Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm berichtet ward von dem Mädchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht, mitten im lauten Leben weiter träumte, so ward ihm dies ein Anlaß, das Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das Wirkliche zum Traume wird:

O Mohn der Dichtung, wehe Ums Haupt mir immerdar!

In unseren nüchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwächen der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften sich, nach Immermanns wahrem Geständnis, einer Dichtigkeit des Daseins rühmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach außen wirkenden Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schönheit trunken, noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen froh bewegte, und auch die Häupter der romantischen Schule umstrahlt noch etwas von dem Glanze der glückseligen Zeit von Weimar, „wo der bekränzte Liebling der Kamönen der innern Welt geweihte Glut ergoß”. Aber eine Dichterschule kann durch eine Fülle neuer Gedanken und Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein. Stellte nun einer die Frage: Welche Kunstwerke der romantischen Epoche sind nicht bloß historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich? -- so würde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden: einige meisterhafte Übertragungen und Nachbildungen fremdländischer Dichtung und -- die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm verwandter Sänger.

Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjährigen Uhland kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswürdigen Laune einem Freunde: „Es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner schreibt und jeder liest.” Und langsam, aber einmütiger von Jahr zu Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fünf Jahre später die „Gedichte” erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das Verständnis wieder erweckt für diese volkstümlichen Klänge, und wenn Eichendorff und Wilhelm Müller selbständig, unabhängig von Uhland ihr lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, daß das Volk ihren Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wäre die unselige Kluft wieder überbrückt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten unseres Volkes scheidet, als tönte der Gesang, von namenlosen fahrenden Schülern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus. Unwillkürlich fragte der Hörer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige:

Der uns dies neue Liedlein sang, Gar schön hat er gesungen; Er trinkt viel lieber den kühlen Wein Als Wasser aus dem Brunnen.

Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die Redekunst, die geselligste der Künste. Das arme Volk liest wenig, am wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor geöffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwert stehen Uhlands erzählende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber die Bedeutung des Mannes für die Gesittung unseres Volkes beruht vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Sänger den schönsten Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen Namen nie gehört, sie klingen wider, wo immer Deutsche fröhlich in die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die Hardt in den Klostertrümmern von Limburg unerkannt rastete und seine eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewölbe schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfänge freier, volkstümlicher Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung verkünden, alle die fröhlichen Fahrten und Feste unserer Sänger und Turner und Schützen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes dem schwäbischen Sänger; kein Wunder, daß er selber sich an solcher Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Märchen, daß es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten das Lied noch nicht erklang: „Ich hatt' einen Kameraden”, daß einst deutsche Handwerksburschen über den Rhein gezogen sind, die noch nicht sangen von den „drei Burschen”.