Deutsche Lebensbilder

Part 11

Chapter 113,355 wordsPublic domain

Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus über das Verständnis seiner, und soll ich nicht auch sagen: -- unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade tut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben. Wie man auch denken möge über den Inhalt von Lessings theologischem Systeme -- in einem mindestens ist er schon jetzt der anerkannte Lehrer unseres ganzen Volkes: er hat die sittliche Gesinnung vorgezeichnet, daraus alle wissenschaftliche Forschung entspringen soll. Er sagte: „Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren.” Zum Gemeinplatze geworden sind seine Aussprüche über das Recht der freien Forschung und noch hat keiner die Kühnheit jenes Wortes überboten: „Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über Gott und göttliche Dinge der bürgerlichen Gesellschaft je nachteilig geworden; nicht die Spekulationen -- der Unsinn, die Tyrannei ihnen zu steuern.”

Und alle diese Werke in einer durchsichtigen Form, daraus überall das leuchtende Auge des Denkers hervorblickt. Komisch beinahe, wie in seinen ersten Werken das leidenschaftlich bewegte Herz ankämpft gegen die Steifheit des überlieferten Verses. Wie anders der der ungebundenen Rede aufs nächste verwandte Jambus des Nathan und jene Prosa, die gar nicht anders kann als die augenblickliche Stimmung des Schreibers getreulich widerspiegeln! Die augenblickliche Stimmung, sage ich, denn wenn so häufig geklagt wird über die Widersprüche in Lessings Schriften, über die Schwierigkeit, aus seinen Briefen seine Herzensmeinung herauszulesen, so kann ich in dieser Klage nur den sichersten Beweis für die Wahrhaftigkeit, die Unmittelbarkeit seiner Schreibart finden. Wie ihm zumute war, hat er geschrieben, jede Regung der Neckerei, des Widerspruchsgeistes, jeden Einfall eines halbfertigen Gedankenganges rücksichtslos herausgesprochen, jeder Übertreibung übermütig eine andere entgegengestellt. Und eben weil ihn beim Schreiben nie der Gedanke störte, als könne je die Nachwelt über seinen Schriften grübeln, eben darum ist es so leicht, den einen ganzen Menschen aus allen seinen Widersprüchen herauszufinden.

Fragen wir endlich, wie Lessing sich stellte zu dem größten Gegenstande männlicher Arbeit, zum Staate, so ließe sich wohl dawider fragen: ist es nicht genug an den politischen Taten, die ich soeben geschildert? Waren es nicht politische Taten, als er die Schranken der bestehenden Stände durchbrach, als er ein Erzieher wurde des modernen Bürgertums, als er unserem Volke ein starkes Selbstgefühl zurückgab gegenüber der Kunst der Fremden und einer Nation gedrückter Kleinbürger den unendlichen Gesichtskreis der Humanität erschloß? Gewiß, nur jene sich liberal dünkenden Pedanten, welche alles staatliche Leben allein in bestimmten Verfassungsformen enthalten glauben, werden hierauf mit einem kurzen Nein antworten. Aber auch zu einem herzhaften Ja werden sich nur wenige zwingen. Denn gelernt haben wir endlich, jeden Mann zu fragen, ob er ein Vaterland habe, ob er das Wohl und Weh des Gemeinwesens als seine Lust und sein Leid empfinde? Hier aber erscheint modernen Augen eine Lücke in Lessings Bildung. Wer stimmt ihm nicht zu, wenn er die Freunde Ramler und Gleim tadelt, daß in ihren preußischen Kriegsliedern der Patriot den Dichter überschreie? Wer entschuldigt es nicht, daß dem Mitlebenden der welthistorische Sinn des Siebenjährigen Krieges verschlossen blieb, und er darin allein den großen Genius des Königs zu bewundern fand? Und doch, stellet eine Ode Ramlers oder das Lied des preußischen Grenadiers: „Auf einer Trommel saß der Held” neben jenen geistsprühenden Brief Lessings, der in solchem Patriotismus nur „eine heroische Schwachheit” sah -- und ihr werdet gestehen, daß auf diesem Gebiete Lessing jene ärmeren Geister um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe.

Selbst in Tagen, die des freien politischen Lebens entbehren, entzieht sich keiner gänzlich der Einwirkung des Staates. So läßt sich auch von Lessing manches Wort und manche Tat aufweisen zum Belege, daß er die Unfreiheit, die Kleinheit des deutschen Staatslebens empfand: wie er gleich seinem Geistesverwandten Thomasius hinausstürmte aus der Zahmheit und Enge des kursächsischen Wesens, wie er mit überlegenem Lächeln auf den Gegensatz des Sachsentums und Preußentums hinabsah, wie er das engherzige Mäcenatentum des Pfälzer Kurfürsten hochsinnig zurückwies, wie auch ihm die Klage sich entrang: wann werde Deutschland je einem Beherrscher gehorchen? Aber blicken wir von solchen vereinzelten Zügen auf jene Freiheitstragödie Henzi, die von blinden Verehrern als ein ganz modernes Werk gepriesen wird, so erkennen wir sofort, wie ganz anders als die Gegenwart Lessings Tage sich zu den Kämpfen des Staatslebens stellten. Welche Armut der Motive hier bei ihm, der uns überall sonst durch den Reichtum poetischen Details entzückt! Wie künstlich wird doch die lebendige Fülle des Parteiwesens zugespitzt zu dem kahlen abstrakten Gegensatze von Tyrannei und Freiheit! Nicht bloß die Jugend des Dichters ist schuld an solcher Armut, die Gesinnung eines Bürgertums vielmehr spiegelt sich darin wider, das die werktätige Teilnahme am Staate noch nicht kannte und darum von dem Inhalt politischer Kämpfe noch keine Anschauung besaß. Offenbar hat Lessings Denken die politischen Fragen nur berührt, an wenigen Stellen berührt. Den Publizisten von Gewerbe rief er sogar, seinem praktischen Wesen getreu, die Mahnung zu, solche Dinge zu überlassen „dem Staatsmanne und vornehmlich demjenigen, den die Natur zum Weltweisen machen wollte, weil sie ihn zum Vorbilde der Könige machte”.

Trotzdem sind jene hingeworfenen politischen Gedanken Lessings keineswegs überlebt, nicht einmal erledigt. Denn wie man von der Humanität der Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts gesagt hat, sie sei herabgestiegen vom Himmel auf die Erde, so hat auch Lessing, der die alltäglichen Pflichten des Staates übersah, einige der höchsten Probleme der Staatskunst beleuchtet, die erst eine ferne Zukunft lösen wird. Die Gesittung der Gegenwart steht zugleich über und unter den Ideen der Humanität unserer Väter. Sie blickt hernieder auf ein Volk von Privatmenschen, das den Patriotismus nicht kannte, aber demütig schaut sie empor zu jenen Weisen, die, menschlichen Sinnes voll, nach der Grenze fragten, „wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört”. Mit der traurigen Wirklichkeit, die Lessing umgab, mit dem Elend der Notstaaten, darin er lebte, entschuldigen wir es, daß auch ihm, wie allen deutschen Denkern seiner Zeit, sehr schwer ward, die Notwendigkeit des Staates zu verstehen, daß auch ihn jene Frage beschäftigt hat, die ein Volk mächtiger und glücklicher Bürger nie lange betrachten mag, die Frage: ist die Abschaffung des Staates möglich oder zu wünschen? Desgleichen in die überwundene Epoche vorherrschenden Privatlebens verweisen wir seine Lehre, daß der Staat, obwohl er erst „den Anbau der Vernunft möglich mache”, doch nur ein Mittel sei für die Bildung des einzelnen Menschen. Aber weit hinaus über den Gesichtskreis der Nachwelt selber schweift er wieder, wenn er in den Freimaurergesprächen das tiefsinnige Problem durchdenkt: wie lassen sich die Übel der Beschränktheit und der Härte heben, die das Bestehen mehrerer Staaten notwendig hervorruft? Wie ist eine Verbindung möglich aller guten Menschen ohne Ansehen des Standes, des Landes und des Glaubens zum Zwecke rein menschlicher Gesittung? In diesen Worten, fürwahr, eröffnet sich die Aussicht auf einen menschlichen Verkehr der Völkergesellschaft, den erst ferne Tage schauen werden. Wie aber? Steht nicht dies Weltbürgertum ein Todfeind gegenüber dem ersten und berechtigtsten Streben der Gegenwart, dem Drange nach nationaler Staatenbildung? Ich denke, nein. So tiefsinnig, so überschwenglich reich ist das Leben der Staaten, daß niemals eine Geistesrichtung allein darin herrschen kann. Noch heute leben sie, jene Gedanken von dem Weltbürgertume, und eben jene dürfen sich heute Lessings getreueste Diener nennen, die -- seinem Geist, nicht dem Klange seiner Rede folgend -- am rührigsten für den nationalen Gedanken wirken. Wenn erst von den großen Kulturvölkern jedes zerrissene sich geeint, jedes geknechtete aus seinem Volksgeiste heraus seinen Staat sich gestaltet hat, wenn damit verschwunden sind die größten, die gefährlichsten Anlässe des Haders, die bisher Staat mit Staat verfeindet: dann erst wird jener gesicherte Verkehr der Menschen, jenes Weltbürgertum sich vollenden in einem tieferen, reicheren Sinne, als Lessing meinte, und allüberall wird man reden von seinem Sehergeiste. Dann auch wird die Welt den Kern der Wahrheit herausfinden aus einem Worte, das in dem schwer ringenden Menschengeschlechte niemals ganz sich verwirklichen darf -- aus dem himmlisch milden: Was Blut kostet, ist gewiß kein Blut wert.

Und Lessing ahnte, daß Zeiten harten, aufreibenden staatlichen Kampfes unserem Volke kommen würden. Das bezeugt sein gehaltvolles Urteil über die Geschichte. Wie sicher begreift er das der Kunst verwandte Wesen der Geschichtschreibung, wenn er die Bildung des „Gelehrten und des schönen Geistes zugleich” von dem Historiker fordert. Und sollte wirklich nur eine skeptische Laune, und nicht vielmehr eine Ahnung der politischen Bedeutung historischer Wissenschaft sich aussprechen in seinem vielgescholtenen Paradoxon: im Grunde könne ein jeder nur der Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit sein --? So scheinen ihm alle Vorteile umfassender archivalischer Forschung nichtig gegen die Vorzüge des zeitgenössischen Geschichtschreibers, daß er seinen Menschen bis in Herz und Nieren blicken, daß er seine Leser durch die Erzählung von ihrer eigenen Schuld und Strafe im Innersten ergreifen und -- vor allem -- daß er eine Macht werden kann unter den Lebenden.

Soll ich noch schildern, wie wenig die Mitlebenden ihm dankten, wie schwer das Geschick bis zum Ende ihn heimsuchte? Das widrige Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Mund ging, das Wort: „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz” hatte der Jüngling schon mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:

Was nutzt mir's, daß ein Freund mit mir gefällig weine? Nichts, als daß ich in ihm mir zwiefach elend scheine.

Einsam ist er durch das Leben geschritten, und sein alle Weichheit des Gefühls mißachtender Sinn neigte sich zu dem Grundsatze antiker Sittlichkeit, der Weiber und Sklaven von den höchsten Forderungen des Sittengesetzes ausschloß. Dann hat ihm der klare und heitere Geist seiner Eva König jene treue und tiefe Neigung erweckt, die mit ihrem verständigen, derb bürgerlichen Wesen in den Herzensgeschichten der Dichter ihresgleichen nicht findet. Ein Jahr einer glücklichen Ehe lehrte ihn größer von den Frauen zu denken; dann am Abend seines Lebens entrang sich ihm jene schreckliche Klage: „Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Es ist mir lieb, daß mir viele solche Erfahrungen nicht mehr übrig sein können, und ich bin ganz leicht.” Wenn er aber aus dem tiefen Schmerze hinausblickte in sein Haus und in die Welt der Kunst, so hat er sicher empfunden, daß seine Saat aufging. Die Kinder seines Weibes hörte er verkehren in dem Tone schlichter offener Herzlichkeit, er sah eine segensreiche Verwandlung des häuslichen Lebens und durfte sich sagen, daß er selber ein Großes daran gewirkt. Und in der Kunst, deren Fesseln er gebrochen? Da stürmte Götz von Berlichingen über die Bretter, und die Jünglinge klagten in überströmender Empfindung um die Leiden des jungen Werther. Mochte der Maßvolle der regellosen Weise des jungen Geschlechts zürnen und spotten über die weichen Gefühle, die seinen hellenischen Sinn nie berührt, und die Rechte der Kultur verteidigen wider Rousseaus Naturschwärmerei: -- mit freudigem Verständnis hat er doch den Genius begrüßt, als Goethe jene grandiose Fabel besang, die zu ewig neuen Liedern den Sinn der Sterblichen begeistern wird, die Fabel von dem Lichtbringer Prometheus.

Um das Todesjahr Lessings ging von der Einsiedelei in Sanssouci die denkwürdige Schrift aus „Über den Zustand der deutschen Literatur”. Zu ihr möchte ich alle jene führen, die noch immer das Tendenzmärchen wiederholen, dem großen König habe das Herz gefehlt für unser Volk. Ist es nicht genug an dem einen Fluche der Deutschen, der noch heute gewaltig fortwirkt in allen Zweigen unseres Volkslebens bis hinab in die Sprache und die traulichen Umgangsformen des Hauses -- daß Luther der einen Hälfte der Nation der gepriesene Erretter, der anderen ein Greuel ist? Noch fern ist die Zeit -- doch auch sie wird erscheinen --, wo alles, was deutsche Zunge redet, den deutschen Helden in Luther begrüßen wird. Schon jetzt aber ist die Stunde gekommen, den anderen Mann, der nächst Luther am gewaltigsten für die neueren Deutschen gewirkt, von den Schmähungen zu entlasten, womit blinde Parteiwut ihn bedeckt hat. Nicht die preußische Neigung des heutigen Liberalismus hat unserem großen König den Ruhm eines nationalen Helden angedichtet; kein anderer als Goethe sprach das gute Wort: Friedrich der Große erst habe durch seine Taten unserem Volksleben jenen großen heroischen und nationalen Inhalt gegeben, den Lessing in schöne Formen bildete. Ihn, der also den Stoff geboten für die neuerstandene Dichtung -- hören wir ihn reden über die Kunst der Deutschen! Klagen, bittere Klagen über die form- und zuchtlose Sprache, Klagen, daß unsere Sprache noch nicht in die Schnürbrust eines Wörterbuchs der Akademie eingezwängt sei, daß die Dramen Shakespeares, „würdig der Wilden von Kanada”, und die „abscheulichen Plattheiten” des Götz von Berlichingen das rohe Volk erfreuen! Wir erstaunen über diesen unerhörten Beweis der französischen Bildung des Königs und seiner gänzlichen Unkenntnis der deutschen Dichtung; doch lesen wir weiter in derselben Schrift, so redet uns mächtig zum Herzen die deutsche Empfindung desselben Mannes, der bewegte Ausdruck des Zornes und der Scham über solche Armut der Kunst seines Volks, das frohe Aussprechen endlich einer großen nationalen Hoffnung. Nicht an Geist gebreche es den Deutschen; schon sei der Ehrgeiz der Nation erwacht, „und vielleicht werden, die zuletzt kommen, alle Vorhergehenden übertreffen. Ich bin wie Moses”, ruft der König am Ende, „ich sehe das gelobte Land aus der Ferne, doch ich bin zu alt, um es je zu betreten”.

Nun halte man neben diese Worte des Königs Lessings berufene Klage: der Charakter der Deutschen sei, keinen eigenen Charakter haben zu wollen -- in wie seltsamem Irrtum verfingen sich doch die beiden! Der König erwartet den Glanz unserer Dichtung von den französischen Regeln, und siehe, er kam durch die Freiheit. Der König meint in der Ferne das gelobte Land zu sehen, und siehe, er selbst stand mitten darin. Desgleichen der Dichter, der so schmerzlich fragte nach dem Nationalcharakter der Deutschen -- hätte er lesen können in der Seele jener preußischen Soldaten, die bei Roßbach die Franzosen warfen und bei Leuthen in der Winternacht das „Herr Gott Dich loben wir” sangen, gewiß, er hätte begriffen: die lebendige Staatsgesinnung, die er suchte, sehr unreif war sie, doch sie war im Werden. So standen die beiden im Nebel der Nacht: der König, der einen Lessing suchte für unsere Kunst, und der Dichter, einen Friedrich suchend für unseren Staat. Inzwischen ist es Tag geworden, die Nebel sind gefallen, und wir sehen die beiden dicht nebeneinander auf demselben Wege: den Künstler, der unserer Dichtung die Bahn gebrochen, und den Fürsten, mit dem das moderne Staatsleben der Deutschen beginnt.

Und wäre es denn ein Zufall, daß achtzig Jahre nach Lessings Tode gerade sein Bildnis den Anstoß gab zu einem heilsamen Umschwunge unserer Bildnerkunst? Versuchen wir uns zu versenken in die Seele des Künstlers, dem jene Aufgabe ward. Sollte er Lessing bilden in der Toga -- ihn, der das gespreizte Römertum der Franzosen erbarmungslos verspottete? Oder in dem beliebten Theatermantel -- ihn, der im Leben jeden falschen Schein verschmähte? Da blieb kein Ausweg: kraftvoll, schlicht und wahrhaft wie er selber -- oder gar nicht mußte Lessings Bild erscheinen. Und der glückliche Entschluß einmal gefaßt, hat unserm Rietschel jedes Glück des Genius gelächelt, aus jeder Not ward ihm eine Tugend. Der steife Haarbeutel ward ihm ein Anlaß, die vollendeten Linien des wallenden Haares zu zeichnen, und die Enge des kurzen Beinkleides erlaubte ihm, die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen. So sehen wir Lessings Bildnis vor uns -- die erste Bildsäule der Deutschen, darin der entschlossene wahrhaftige Realismus der Gegenwart sich in höchster Ehrlichkeit offenbart -- schmucklos und stark, gehobenen Hauptes, und diese trotzigen Lippen scheinen zu reden:

Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen, Weiß ich nur, wer ich bin.

Ludwig Uhland

Ludwig Uhland.

Ist es vorteilhaft, den Genius bewirten, -- wie neidenswert ist dann das Haus, das eines edlen Sängers Lied preisend gegrüßt hat! Noch leben manche, denen Ludwig Uhlands Muse ein herzliches Wort in ihr Heimwesen gesendet, aber kein Haus in Deutschland hat sie so reich beschenkt wie das königliche Haus von Württemberg. Als die schweren Hungerjahre kaum vorübergegangen, lag eine tiefe und gerechte Trauer auf dem schwäbischen Stamme um den Tod der Königin Katharina. Ihr Volk hatte von ihr das gute Wort gehört: „Helfen ist der hohe Beruf der Frau in der menschlichen Gesellschaft,” und hatte sie von Hütte zu Hütte ziehen sehen in der harten Zeit, Arbeit bringend den feiernden Händen. Vor solcher menschlichen Größe beugte sich die Muse des bürgerlichen Sängers, die sich rühmte: „Sie hat nicht Anteil an des Hofes Festen.” Fast zaghaft, unwillig, auch nur den Schein der Schmeichelei auf sich zu nehmen, trat sie unter die Trauernden und legte auf den Sarg der Königin den „Kranz von Ähren” mit einem der schönsten Gedichte deutscher Sprache:

Und hat sie nicht die Lebenden erhoben, Die Toten, die nicht hören, darf sie loben.

Ein Menschenalter ging darüber hin, und im November 1862 eilten von nah und fern Leidtragende zu der Bahre des Sängers. Wer aber im Lande Württemberg seine Empfindung nach dem Winke des Hofes zu stimmen wußte, hütete sich sorglich, dem Toten, der nicht hörte, ein letztes Zeichen menschlichen Mitgefühls zu erweisen.

Gern begönne ich diese Schilderung mit einem minder bitteren Worte -- wäre nur diese häßliche Tatsache eine vereinzelte Erscheinung! Doch leider, wenn wir der zahlreichen nationalen Erinnerungsfeste der jüngsten Jahre gedenken: wie gehässig hob sich da die Gleichgültigkeit, das schlecht verhehlte Mißtrauen der Höfe ab von der warmen Teilnahme der Menge! Der politische Parteikampf wirkt bereits verwirrend und verfälschend auf jene Gefühle, die unser Volk als einen gemeinsamen Schatz hegen sollte, er läßt den einen als fremde, unheimliche Gestalten jene Männer erscheinen, zu denen die große Mehrheit des Volkes mit herzlicher Liebe emporblickt. Nicht selten zwar haben solche Feste der Erinnerung den Ränken der Parteien, der eitlen Selbstbespiegelung als willkommener Vorwand gedient, und sehr verletzend tritt bei solchem Anlaß dem ernsten Beobachter eine traurige Schwäche unserer Gesittung entgegen: Wir modernen Menschen sind allzu bereit, auf gegebenen Anstoß gleich einer Herde alle das gleiche zu tun, das gleiche zu empfinden. Dennoch ist die Gesinnung, welche heute eine Rede, eine Schrift über Uhland nach der andern hervortreibt, in ihrem Grunde echt und tüchtig. Denn eben weil die Höfe mit anderen Augen als das Bürgertum auf unsere Geschichte blicken, eben darum sollen wir laut bezeugen: nicht wir haben es vergessen, wie rein und schön der Dichter von unserem Hause, von deutschem Land und Volk gesungen und wie wacker er für uns gefochten hat.

Wieviel heiterer und menschlicher war doch die Sitte des deutschen Hauses in den Tagen der Kindheit unseres Dichters, als vordem, da Schiller sich aufbäumte wider die Unfreiheit des schwäbischen Wesens! Ein Stilleben freilich war es, schlicht und schmucklos, das in der Enge des ehrenfesten wohlhäbigen Bürgerhauses zu Tübingen sich abspann: doch keinen gesunden Trieb des Kindes verkümmerte die verständige Zucht, und diesem Knaben am wenigsten wäre es ein Segen gewesen, hätte er ankämpfen müssen gegen erdrückenden Zwang. Denn wohl die erste Empfindung, die jedem sich aufdrängt beim Rückschauen auf dies schöne Dasein, ist das Erstaunen, wie leidenschaftslos dieser reizbaren empfänglichen Künstlerseele das Leben verlief. Selbst jene tiefe männliche Liebe, die Uhlands Herz erfüllte, der er so oft im Liede Worte geliehen, die Liebe zu seiner Kunst, wie gehalten und ruhig tritt sie zutage! Jahrelang konnte er harren, schmerzlos harren, bis der Gott ihn rief, und seine Dichterkraft, die man erstorben wähnte, uns mit neuen edlen Gaben beschenkte. Noch ist es nicht unnütz, diese Tatsache laut zu betonen. Denn wenigstens den Nachwehen jener Zeit der falschen Geniesucht, die auch einen Uhland unter die prosaischen Menschen verwies, begegnen wir noch heute. Immer wieder hören wir die Unterscheidung von poetischen Naturen und poetischen Talenten, und allzuoft vergißt man die triviale Wahrheit, daß schon der Name einer poetischen Natur die schöpferische Kraft bezeichnet. Wir Deutschen vornehmlich sind es uns schuldig, solche Vorurteile einer schwächlichen Epoche entschlossen abzuschütteln. Wir müßten ja, wären sie begründet, das Ungeheuerliche tun und uns selber unseren polnischen Nachbarn, die Engländer den Iren als prosaische Naturen unterordnen! Die Erscheinung freilich ist auch unter deutschen und englischen Künstlern selten, daß zu großer Kraft und Wärme der Phantasie ein gehaltenes Gleichmaß der Stimmung, nüchterner Ernst und trockene Schroffheit des Auftretens sich gesellen. Diese Verbindung des Widerstrebenden in Uhlands Bilde hat oftmals auch jene befremdet, welche bescheiden verstehen, daß in den feinsten Naturen die Charakterzüge sich am seltsamsten mischen.