Deutsche Lebensbilder

Part 10

Chapter 103,433 wordsPublic domain

Durch sich selbst allein wirken jene Künstler auf die Nachgeborenen. Noch mehr, sie selbst erst sind die Schöpfer eines freieren öffentlichen Lebens in unserem Volke, sie standen unbewußt im Bunde mit jenen Staatsmännern, die dem deutschen Staatswesen ein menschlicheres Dasein bereitet haben. Wie sich von selbst versteht in einer Zeit, wo das häusliche Leben die beste Kraft der Deutschen erschöpfte, geschah dies Hinüberwirken Lessings auf unser öffentliches Leben vornehmlich durch seine Person, durch die souveräne Selbständigkeit seines Charakters. Erst vor wenigen Jahren ist ein gutes Bild des Knaben Lessing bekannt geworden, und mit schalkhaftem Behagen sehen wir den Mann vorgebildet in den Zügen des Kindes. Da sitzt Theophilus Lessing, sittsam, ernst, in priesterlich langem Gewande, ehrbarlich ein Lämmchen fütternd, daneben der aufgeweckte Bruder, „mit einem großen, großen Haufen Bücher”, in der eleganten roten Tracht der Zeit; auch der Unkundige kann erraten, daß jenem bestimmt sei, zu leben als dunkler Ehrenmann und Konrektor, diesem -- als Gotthold Lessing. Kraft und Wahrhaftigkeit spricht aus den derben Zügen des Knaben, und wahrlich, hart gebettet hat die Zeit den starken und wahren Mann. Sein Puls schlug bei voller Gesundheit so schnell wie der Puls anderer im Fieber, er besaß im höchsten Maße jene Lebhaftigkeit des Redens, welche die Obersachsen vor anderen Deutschen auszeichnet. Wie rasch jagen sich da Fragen, Ausrufe, schnell wiederholte abgebrochene Worte, und er fand den Mut also zu schreiben, wie seine Landsleute dachten und sprachen. Nie hat ein Schriftsteller getreuer jenes Wort erfüllt, das seltsam genug zuerst ausgesprochen ward in einer Nation, die es nicht versteht -- das Wort: =le style c'est l'homme=. Dramatisch bewegt wie das Leben selber strömt sie dahin, diese schmucklose, wasserklare Prosa -- dem Unkundigen ein Kind der Laune, des Augenblicks, dem Tieferblickenden ein Werk vollendeter Kunst, die schwierigste aller Schreibweisen, denn unerträglich verletzend muß jeder triviale Gedanke, jede falsche Empfindung sich verraten unter dieser leichten, nichts verbergenden Hülle.

Und dieser Natürlichste der Menschen wuchs empor in einer Umgebung, wo jedes einfache menschliche Gefühl in feste, herzlose, beengende Formen gebannt war, in einem Vaterhause, wo hart abweisend der Befehl der Eltern, unterwürfig und in schnörkelhaftem Ausdruck die Antwort der Kinder erklang. Der ganze Schmerz um eine verbildete Jugend spricht aus dem Ausruf des Mannes: „Der Name Mutter ist süß, aber Frau Mutter ist wie Honig mit Zitronensaft.” Als er dann in Leipzig sich herausriß aus der dürftigen Buchgelehrsamkeit der Schule und jenes Doppelwesen seiner Natur, das schon das Bild des Kindes ahnen läßt, sich entfaltete -- der Gelehrte, der in jedem Buche der Wittenberger Bibliothek geblättert, der an schlechten Büchern mit Vorliebe seinen Scharfsinn übte, und der Weltmann von feinen Formen, der sich gern im Lärm des Tages tummelte, um die rasche Wallung seines Blutes zu übertäuben: -- da brach jener schwere Kampf aus mit seinen Eltern, der längst schon gedroht. Man kennt jenes bittere Wort, das Lessing am Abend seines Lebens schrieb: „Ich wünsche was ich wünsche mit so viel vorher empfindender Freude, daß meistenteils das Glück der Mühe überhoben zu sein glaubt, den Wunsch zu erfüllen.” Seiner Jugend vornehmlich gilt diese Klage wider das karge Glück. Auch der Geduldigste unter uns ertrüge nicht mehr die Öde des Daseins jener Tage: ein Volk ohne Vaterland, darum gezwungen, im Hause jede Freude zu suchen, und dennoch unfrei sogar im häuslichen Leben.

Sie werden freilich immer wiederkehren, am heftigsten in fruchtbaren, aufstrebenden Zeiten, jene traurigen Zerwürfnisse von Vater und Sohn, herzergreifend traurig, weil jeder Teil im Rechte ist und das alte Geschlecht die junge Welt nicht mehr verstehen darf. Aber in Lessings Leben -- wie herzlich er auch von seinem Vater sprach, wie groß immer die innere Verwandtschaft der beiden Streitenden war -- in Lessings Leben erscheint dieser Kampf unmäßig hart, das alte Geschlecht ungewöhnlich klein und gehässig. Denn der Hader bewegte sich nicht um politische und religiöse Fragen, die doch nur mittelbar den Frieden des Hauses berühren; eine große gesellschaftliche Umwälzung vielmehr begann sich zu vollziehen, die Ehre des väterlichen Hauses ward bloßgestellt durch die soziale Stellung des Sohnes. Bis dahin war, wer hinausstrebte aus der Erwerbstätigkeit des Bürgertums, in den Dienst des Staates oder der Kirche gegangen. Die regsamsten Kräfte des Adels und der Mittelklassen hatte das Beamtentum und jene Zunftgelehrsamkeit des Katheders verschlungen, die kaum noch den Namen der akademischen Freiheit kannte. Höchstens dem bildenden Künstler ward gestattet seiner Kunst zu leben, im Gefolge eines Hofes ein Unterkommen zu suchen. Da wagte der Sohn des ehrenfesten Pastorenhauses, was vordem nur verdorbene Talente zu ihrem Unsegen versucht hatten, er wurde der freie Schriftsteller, der erste deutsche Literat -- nicht in klarer Absicht, nein, wie die Menschen werden, wozu der Geist sie treibt, weil er nicht anders konnte, weil dieser freie Kopf den Zwang des Amtes nicht ertrug. Wie er also unserem Volke eine neue ungebundene Berufsklasse erschuf, so wandte er auch zuerst mit Bewußtsein sich an ein neues Publikum. Nimmermehr mochte er der unfreien Weise der Mehrzahl seiner Vorgänger folgen, die nur geziert für die Höfe, plump für das Volk zu schreiben wußten. Wohl dachte er groß und menschlich von den niederen Ständen, von „dem mit seinem Körper tätigen Teile des Volks, dem es nicht sowohl an Verstand als an Gelegenheit ihn zu zeigen fehlt”, er wünschte ihnen als Tröstung Gedichte zum Preise der „fröhlichen Armut”. Er selber indes suchte sich andere Leser. Wie er sich hinausgerettet aus dem Bannkreise der alten Stände, so sprach er auch zu einem gebildeten Publikum, das keine Stände kennt, und half also diesen Kern unseres Volkes erziehen, der in der Literatur zuerst, dann im Staate zur entscheidenden Macht emporwachsen sollte.

Zum ersten Male sahen die Deutschen das ruhelose und doch nie würdelose Leben eines abenteuernden Schriftstellers. „Lessing,” sagt Goethe, „warf die persönliche Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können.” Wie geistvoll hier der Herzenskündiger geurteilt, das bezeugt ein erst vor kurzem wieder aufgefundenes Epigramm aus Lessings Studienzeit; Goethe hat es nie gekannt, und doch stimmt es wörtlich mit seinem Urteile überein. Achtlos, übermütig wirft der Dichter in den ersten Zeilen seine Würde hin, um sie am Ende gefaßt wieder aufzunehmen -- in den Versen:

Wie lange währt's, so bin ich hin Und einer Nachwelt unter'n Füßen. Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen, Weiß ich nur, wer ich bin.

Worte, überaus bezeichnend für Lessings rasche, ungestüme Weise des Lebens -- denn er vor allen besaß jenen gemeinsamen Charakterzug aller vorwärtsstrebenden Geister, die Gleichgültigkeit gegen seine eigenen Werke, sobald sie vollendet waren -- aber bezeichnender noch für die Meinung, welche unseres Volkes beste Männer von dem Werte des Nachruhms hegten. Ist den hellen Köpfen der Romanen der Nachruhm das eingestandene höchste Ziel des Schaffens, so leben die Deutschen des Glaubens: der Ruhm sei, wie die Liebe, wie jedes echteste und höchste Glück des Lebens, eine Gnade des Geschicks, die wir in Demut hinnehmen, doch nimmermehr erstreben sollen. Und noch immer hat unser Volk sich jener Männer mit der wärmsten Liebe erinnert, die am wenigsten davon redeten, daß sie ein solches Gedächtnis erhofften. Einen leisen Schatten freilich hat diese harte, kampferfüllte Jugend in Lessings Wesen zurückgelassen. Jener prosaische, nüchterne Zug, der Lessing von späteren glücklicheren Dichtern in ähnlicher Weise unterscheidet, wie Friedrich der Große einem Cäsar, einem Alexander gegenübersteht, läßt sich nicht allein aus der Naturanlage des Dichters erklären. In den Tagen, wo das Gemüt jede Härte am schmerzlichsten empfindet, hat kein Frauenauge gütig über ihm gewaltet, allein die streng abweisende Mutter, die lieblos meisternde Schwester trat ihm entgegen. Die innige Zartheit der Empfindung aber, die ein hartes Geschick dem Jüngling verkümmerte -- wie vermöchte der Mann sie je aus sich heraus zu entfalten?

Also hinausgetreten aus den altgewohnten Kreisen des bürgerlichen Lebens hat er mit unverwüstlichem Mut seinen Kampf geführt wider die falschen Götzen der literarischen Welt. Die Freude am Kampfe, am Widerspruch -- vergeblich hat man es leugnen wollen -- blieb die herrschende Leidenschaft in ihm, der von früh auf liebte, „Rettungen” verkannter Charaktere zu schreiben, der das Bekenntnis streitlustigen Stolzes niederlegte in dem Worte: „Auf wen alle losschlagen, der hat vor mir Frieden.” Wie die Schwäche und zugleich die Größe der modernen Kulturvölker gutenteils darin gelegen ist, daß sie nicht vermögen, wieder ganz jung zu werden, so offenbarte auch die unreife deutsche Dichtung jener Tage alle Mängel der Kindheit und des Greisenalters zugleich. Eine Weltliteratur mag man sie nennen, wenn das widerstandlose Aufnehmen fremdländischer Ideale und Formen zu solchem Namen berechtigt. Und doch war die in festen überlieferten Formen erstarrte Dichtung nicht einmal der korrekten Redeweise mächtig. Von beiden Schwächen hat Lessing unsere Dichtung geheilt. Man erfaßt nur eine Seite seines kritischen Wirkens, wenn man in ihm lediglich den trotzigen Streiter wider die =règles du bon goût= erblickt, wenn man ihm nicht folgt in jene ersten Jahre, da er mit der peinlichen Strenge des Pädagogen die kläglichen Übersetzungsfehler armseliger Gesellen rügte.

Kein Wunder aber, daß jener Kampf mit den Regeln der französischen Ästhetik allein noch haftet in dem Gedächtnis der Nachwelt. Denn das erste dauernde seiner Werke schuf er erst, da er in den Literaturbriefen auf die zuversichtliche Behauptung: „Niemand wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe” -- seinen kecken Schlachtruf erschallen ließ: „Ich bin dieser Niemand.” Allerdings der Zorn des tiefempörten nationalen Stolzes redet aus dieser Polemik. Wider den Dünkel der Kritik lehnt der Kritiker sich auf und hält ihr das Recht des Künstlers entgegen, der sich selber seine Bahnen bricht. Doch schärfer noch befehdet der Deutsche die Anmaßung des fremden Volkes, das jeden anderen Volksgeist in die Enge seiner konventionellen Empfindungen zu bannen gedachte. Wer hört nicht das schadenfrohe Gelächter des nationalen Selbstgefühles aus jenen erbarmungslosen Zeilen, die der untrüglichen französischen Ästhetik beweisen, daß sie die Regeln des Aristoteles nicht verstanden, die Voltaires Dramatik enthüllen, wie sie ist -- gesucht, gemacht, der Natur entfremdet, „so steif, als wäre jedes Glied an einen besonderen Klotz geschmiedet?” Mochten die einen im derben Liede den alten Fritz preisen, der sich auf die Hosen klopft und die Franzosen laufen läßt, die andern Beifall rufen, wenn der deutsche Kritiker Voltaires Blöße zeigt: Beide feierten Siege eines wieder erwachenden Volkstums.

Wucht und Nachdruck erhielten jene kritischen Schläge erst durch Lessings Dichtertaten. Auch er hatte sich geübt in den überlieferten Formen und Empfindungen anakreontischer Dichtung, und lange Zeit lockte seinen Scharfsinn, der zu spielen liebte, das Grenzgebiet zwischen Dichtung und Prosa: Fabel und Sinnspruch. Doch zur rechten Geltung gelangte das ihm eigene schöne Gleichgewicht ordnenden Verstandes und schöpferischer Phantasie in dem Drama. Das Gleichgewicht, sage ich. Denn jene noch heute oft nachgesprochene romantische Torheit, die dem Dichter der Minna von Barnhelm die echte poetische Kraft absprechen will, ist längst im voraus widerlegt durch den Denker, den Lessing selber als den größten der Ästhetiker verehrte. Aristoteles sagt: zum Dichten gehört ein Genius, ein kräftig und ebenmäßig geschaffener Geist (εὐφυής), der von Natur schon das Schöne und Wahre findet -- oder auch ein Geist von erregbarer, enthusiastischer Phantasie (μανικός). Wenn in Lessings Seele der lichte Verstand unleugbar vorherrschte, dieser ekstatische Rausch seinem nüchternen Wesen fremd blieb, so besaß er dafür jenes Höhere: die harmonische Kraft des Genius, die nichts unternimmt, was sie nicht ganz vollbringen kann. Wie er schon als Student an der wirklichen Bühne sich geschult, ja seine Rollen gedichtet hatte für bestimmte Schauspieler aus der Truppe der Neuberin, die uns als die Vorläuferin der modernen Schauspielkunst gilt: so kamen seine dramatischen Anschauungen zur Reife im Verkehr mit jener Hamburger Bühne, die heute als die erste Erscheinung des neuen deutschen Schauspiels bezeichnet wird. Und wie er damals schon unter den Franzosen sich die natürlichere Schule Marivaux' zum Muster wählte, so führte er die germanische Dichtung auf den geraden Weg zurück, brachte ihr die Naturwahrheit, die freie Bewegung des Shakespearischen Dramas. Aber ein Reformer -- wie der maßlosen Natur des Künstlers ziemt -- nicht ein Revolutionär -- wie sollte er sich vermessen, auf unsere verwandelte Bühne den ungebundenen Szenenwechsel des altenglischen Schauspiels einzuführen? Der so viele falsche Götzen gestürzt, wie sollte er sich selber Shakespeare als neuen Götzen setzen -- was ihm die Gedankenlosen noch heute nachsagen? In der Charakterzeichnung allerdings folgte er Shakespeares Spuren; doch der Bau seiner Dramen wich nur wenig ab von der Weise der Franzosen, die mit ihrer klaren Verstandesschärfe dem Gegner doch sehr nahe standen und in ihm einen billigen Richter fanden. Sogar die Rollen, welche das französische Schauspiel uns überliefert, hat er sorglich beibehalten, nur, daß jetzt statt des Liebhabers, des edlen Vaters, der Buhlerin -- die Tellheim, Odoardo, Orsina erschienen, lebendige Menschen mit dem unendlichen Recht der Persönlichkeit. Auch die dramatischen Probleme, die er sich stellt, sind die höchsten nicht; gewaltigere Kämpfe von reicherem tragischen Gehalt sind seitdem über unsere Bretter gegangen. Doch in seinem engen Kreise schaltet er mit einer dialektischen Kunst und einem Reichtum der Erfindung, die allen Zeiten bewundernswert bleiben werden. Er reißt seine Charaktere in eine leidenschaftliche dramatische Bewegung hinein, die keiner seiner Nachfolger übertroffen hat.

Wenn alle diese gemeinsamen Charakterzüge der Dramen Lessings die Bühne umgestalteten, wie hat doch jedes einzelne davon noch seinen besonderen Einfluß geübt auf unser öffentliches Leben! Schon Sara Sampson, dies erste bürgerliche Trauerspiel der Deutschen, konnte nur gedichtet werden in einem Volke, dessen Mittelstände sich erhoben, und wirkte belebend zurück auf das Selbstgefühl dieser Klasse. Welch ein Griff aber mitten hinein in das nationale Leben der Gegenwart, als Lessing sich des Stiefkindes unserer Dichter, des Lustspiels, erbarmte und in Minna von Barnhelm -- mit Goethe zu reden -- ein Werk schuf von spezifisch nationalem Gehalt! Hier klingt etwas wieder von dem Lärm des schlesischen Winterlagers, von dem Trommelwirbel der Grenadiere des alten Dessauers, den der Knabe schon vor den Fenstern von St. Afra gehört. Wie lange hatten unsere Dichter, wenn sie die Form suchten für den unfertigen, nach Gestaltung ringenden Gehalt ihrer Seele, sich hinweg geflüchtet aus der armen Gegenwart und die Heroen einer Vergangenheit, die so nie gewesen ist, „auf des Sittenspruchs geborgte Stelzen steigen” lassen! Jetzt endlich wagte ein Dichter das Gemüt der Gegenwart dramatisch zu verkörpern und gab ein Werk, volkstümlich sogar in seinen Schwächen, in der Breite der komischen Szenen, und eben darum ein Werk für alle Zeiten. Denn wie das Erzbild in freier Luft im Lauf der Jahre sich verschönt, so haben manche veraltete Wendungen in diesem Lustspiele für uns Nachlebende einen neuen schalkhaften Reiz gewonnen. Als ein Gott aus der Maschine tritt in dieses Drama noch der große König hinein, mit seinem Herrscherwort die erregten Gemüter versöhnend.

Wie anders schon der politische Sinn in Emilia Galotti! Nicht allein das Kunstwerk erquickt uns, das, nach Goethe, „gleich der heiligen Insel Delos aus der Gottsched-Weiße-Gellertschen Wasserflut emporstieg, um eine kreißende Göttin barmherzig aufzunehmen”. Keiner unter uns, der nicht den sittlichen Zorn wider höfische Tyrannei und Verderbnis aus diesem Drama vernommen hätte. Und doch, wer hätte vor der Katastrophe der Emilia nicht empfunden, daß der Sinn unseres Volkes seitdem herzhafter und stolzer geworden, daß auch Lessing von der Schüchternheit einer unfreien Zeit sich nicht völlig befreien konnte? Ein Knabe hat mir einst gesagt: aber warum schlägt der Odoardo nicht lieber den Prinzen tot? -- und ich fürchte nicht, daß man dies Wort belächeln werde. Lernen wir erst wieder jene Bescheidenheit Lessings, der vor einem Kunstwerke seiner Empfindung nicht traute, „wenn sie von niemandem geteilt würde”, fassen wir den Mut, unbekümmert um literarhistorische Pedanten, zu bekennen, was wir fühlen, und sagen wir gerade heraus: wir verstehen diesen Mann nicht mehr, der in gerechter Sache die mißhandelte, freilich in ihrem Herzen nicht mehr schuldlose Tochter opfert, statt den frechen Dränger zu töten. Angeekelt von dem falschen Pathos der französischen Tragödie strebte Lessing vor allem die Leidenschaft in seinen Charakteren zu erregen, im schärfsten Gegensatze zu Corneille wies er die Bewunderung aus dem Drama hinweg, und wenn es ihm unfehlbar gelingt, unser Mitleid für seine Helden zu erwecken, so bemerkt er nicht immer, daß unser Mitgefühl mit einem leidenschaftlich bewegten Menschen auch ein achselzuckendes Mitleid sein kann. Aber dürfen wir ihm eine Unsicherheit des Gefühles nicht vorwerfen, die einem staatlosen Volke natürlich war, so bleibt ihm allein der Ruhm einer Kühnheit, die unsere freiere Zeit kaum mehr zu würdigen weiß. Welchen Schrecken mußte es in ängstliche Gemüter werfen, daß ein Dichter die sittliche Fäulnis der Mächtigen auf der Bühne erscheinen ließ -- wenige Jahre nachdem ein adliges Haus seiner Heimat ein prunkendes Hochzeitsfest gehalten, weil seine Tochter zur Maitresse des Landesherrn erhoben war! Wenn er absichtlich vermied, seine Fabel mit dem staatlichen Leben zu verknüpfen, wenn er nur durch das persönliche Schicksal seiner Heldin die Hörer erschüttern, nur „eine bürgerliche Virginia” schaffen wollte, so hat seitdem die Geschichte seinem Drama einen großen Hintergrund gegeben. Wer hört das Schlußwort des Prinzen, jenen Ausbruch ohnmächtiger leichtfertiger Reue, und denkt dabei nicht an das gräßliche =après nous le déluge=? Wer sieht nicht hinter den Gestalten Marinellis und der Orsina die Schreckensmänner der Revolution emporsteigen?

Und was war, blicken wir zurück, mit diesem kritischen und dichterischen Wirken erreicht? Gebrochen war der Aberglaube an fremde Weisheit, den Deutschen der Mut zurückgegeben, in der Kunst sich eigene Pfade zu suchen. Selbständige Werke der Dichtung waren unserem Volke geschenkt, welche aller Glorie der französischen Dramatik vollauf die Wage hielten. Das Kunstverständnis endlich unseres Volkes ward geläutert, die Reinheit der Gattungen in der Kunst wiederhergestellt, der Vermischung von Dichtung und bildender Kunst in der beschreibenden Poesie, der Vermischung von Poesie und Prosa in dem Lehrgedichte ein Ziel gesetzt. Und noch der Lebende sollte die Früchte seines Schaffens schauen; denn nie wieder wagte unter uns ein Mann von Geist ein Lehrgedicht zu schreiben, und sah Lessing auf die jungen Stürmer und Dränger, so hörte er die Deutschen mit Stolz, ja mit Übermut wegwerfend reden von den einst vergötterten Franzosen.

Auch durch die beherrschende Vielseitigkeit seiner Bildung ist Lessing ein Bahnbrecher der gegenwärtigen Gesittung geworden. Der den theologischen Beruf entschieden von sich gewiesen, sollte der Theologie seit Luther die erste nachhaltige Umbildung bringen. Die Freiheit, die wir Luther dankten, die Begründung des Glaubens auf die Heilige Schrift, war selber eine neue Knechtschaft geworden. Lessing aber erkannte in den Schriften des neuen Bundes den Beleg, nicht die Quelle des christlichen Glaubens, und leitete also auf den Weg, den die wissenschaftliche Evangelienkritik der neuen Zeit weiter verfolgt hat. Nicht völlig neu war diese Richtung; freute sich doch selbst jener harmlose Hamburger Naturdichter Brockes, derselbe, der neun Bände lang das irdische Vergnügen in Gott besungen, im stillen an den geheimgehaltenen Streitschriften des Reimarus wider den Offenbarungsglauben. Neu aber war der Mut, herauszusprechen, was Tausende meinten, Schmach und Unglimpf zu ertragen von den „kleinen Päpsten”, denen Lessing zuerst das tausendmal nachgesprochene Wort entgegenwarf: lieber einen großen Papst als diese vielen kleinen -- jener Mut, der am schneidigsten aus der „ritterlichen Absage” an Goeze spricht: „Schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben, soviel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem geringsten Dinge, was mich und meinen Ungenannten angeht, Recht gebe, wo Sie nicht recht haben, dann kann ich die Feder nicht mehr rühren!” Aber vergleichen wir selbst die heftigsten dieser Streitschriften mit den gleichzeitigen Angriffen der Franzosen auf die Kirche, so nehmen wir mit Erstaunen wahr, daß der deutsche Denker in der Sache die Romanen an Verwegenheit überbietet, in der Form hingegen jenes edle Maß einhält, welches, eine schöne Frucht deutscher Duldung, unsere freien Geister davor bewahrt, Freigeister zu werden in dem von Lessing gebrandmarkten Sinne.

Und läßt sich nicht aus diesem maßvollen Wesen des Denkers das Rätsel erklären: warum doch er, der hinwegschaute über alle geoffenbarten Religionen, für den alten Gedanken einer Union der christlichen Kirchen sich erwärmen konnte? Es ist ein großes Ding, die Weissagung des Genius; nicht heute, nicht morgen, nicht so erfüllt sie sich, wie der am Buchstaben haftende Deuter sie auslegt. Jene Union, belächelt als ein Unding von denen, die an der Oberfläche der Dinge verweilen -- alltäglich, stündlich schreitet sie vorwärts, seit die Bildung des Protestantismus, die Ideen Lessings beginnen das Eigentum unseres ganzen Volkes zu werden. Auf eine solche Union, die alle kirchlichen Schranken überwunden hat, auf ein solches „neues Evangelium” deutet das reifste Werk dieser theologischen Kämpfe Lessings, die Erziehung des Menschengeschlechts. Seine ersten Schriften liegen noch jenseits der Grenze dessen, was modernen Menschen lesbar scheint; mit dieser tritt er bereits mitten hinein in die neue Wissenschaft. Denn lösen wir ab, was uns befremdet, die parabolische Hülle, und wir schauen als Kern: eine Philosophie der Geschichte; wir hören die Lehre von dem Fortschreiten der Menschheit und von dem Gott, der die ganze Welt beseelt, wir finden jenen historischen Sinn der Gegenwart, der in den positiven Religionen „den Gang des menschlichen Verstandes” erkennt und seinen stolz-demütigen Ausdruck erhält in Lessings Worten: „Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unsern Irrtümern nicht?” Wohl mochte er empfinden, daß diesem kühnsten Fluge seines Geistes die Zeitgenossen nicht folgen konnten; darum bat er: lasset mich stehen und staunen, wo ich stehe und staune.