Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8)
Part 2
Der Geh. Regierungsrat trat nach dieser Rede vor, nahm den feinen Hut ab, steckte einen Augenblick den zweiten und den mittleren Finger zwischen den obersten und den zweiten Frackknopf und fing nun an: »Mein lieber Herr Ortsvorsteher! Verehrte Festgenossen und Kameraden! Als Vertreter der Regierung Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers, Königs und Herrn bin ich hierher gekommen, um an dem nationalen Ereignisse, das dieser Tag für Wettorp darstellt, teilzunehmen. Es hat die hohe Staatsregierung mit außerordentlicher Befriedigung erfüllt, daß nun auch in Wettorp durch das einmütige Zusammengehen aller gutgesinnten Bürger ein Denkmal für seine hochselige Majestät Kaiser Wilhelm den Großen errichtet werden konnte. Der Opfersinn der Bürger ist der beste Beweis dafür, daß der Geist des Umsturzes (er sprach das Wort mit harter, erhobener Stimme, und der Regierungsassessor runzelte finster die Stirn dabei), daß dieser Geist der Vaterlandslosigkeit und der Verachtung alles Ehrwürdigen und Großen keine Stätte in Ihrer blühenden Ortschaft gefunden hat. Möchte es so bleiben! Möchten Sie sich stets bewußt sein des innigen Zusammenhanges zwischen der Krone und dem Staatsbürger, jenes Zusammenhanges, der Preußen groß gemacht hat und der jetzt auch diese Provinz mit seinem Segen überströmt. Ich sehe hier die tapferen Veteranen, die in den Schlachten gestanden und dem Tode getrotzt haben für die Freiheit Schleswig-Holsteins, ich grüße diese Männer, die für die edelsten Güter ihres Vaterlandes alles hinzugeben bereit waren. Wenn ich daher meiner leider notwendigen frühen Abreise wegen schon jetzt dem festgebenden Vereine, dem Kriegervereine für Wettorp und Umgegend, meine aufrichtigsten Glückwünsche zu seiner zwanzigjährigen Stiftungsfeier ausspreche im Namen einer hohen Staatsregierung, so bin ich mir bewußt, daß solche Glückwünsche an keiner besseren Stätte zum Ausdruck gebracht werden können, als an dieser, wo, jetzt noch verhüllt, bald aber als ein glänzendes Wahrbild des Patriotismus, das Kaiserdenkmal aufragt. Halten Sie fest, das bitte ich Sie in dieser erhebenden Stunde, an dem nationalen Gedanken, seien Sie eingedenk des hohen Berufes, den die Kriegervereine zu erfüllen haben: ein Bollwerk zu bilden wider die Macht eines unterminierenden, destruktiven Geistes (das kam wieder mit erhobener Stimme heraus, und der Regierungsassessor, der so lange auf Miezes Arme geblickt hatte, reckte sich hoch auf und zog die Brauen drohend zusammen). Mögen Sie noch oft Ihr Stiftungsfest im Kreise Ihrer anderen Kameraden von nah und fern so schön und von allen Umständen so begünstigt begehen wie heute. Das sind unsere Glückwünsche. -- Jetzt aber (er trat weiter vor, und der Regierungsassessor blieb immer einen Schritt hinter ihm) lassen Sie uns die Hülle von dem Denkmal gleiten sehen (Ortsdiener Pilgerim faßte das Tau fester und sah unverwandt zu seinem Vorgesetzten, dem Ortsvorsteher, hin), mit dem Gelöbnis, daß wir nie vergessen wollen, was Kaiser Wilhelm der Große für uns und besonders für unsere engere Heimat getan hat und gleich ihm sein erhabener Enkel, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr. Wir fassen daher alle unsere Hoffnungen, alle unsere Gefühle, unsere ganze vaterländische Gesinnung in dem Rufe zusammen (der Ortsvorsteher erhob den Zeigefinger, Ortsdiener Pilgerim paßte mit allen Seelenkräften auf): Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser, König und Herr -- Hurra! Hurra! Hurra!«
Ortsdiener Pilgerim riß an der Schnur, so stark er nur konnte, die Leinewand flog davon, und im Sonnenschein grüßte die eherne Büste mit dem mildig ernsten Gesichte des alten guten Kaisers von dem blanken granitenen Sockel herab. Die Musik blies Tusch auf Tusch, die alten und jungen Männer riefen Hurra, die Hüte waren von den Köpfen gerissen. Die Frauen waren aufgestanden und schwenkten ihre Tücher, die Fahnen wehten.
Dann stimmte der Ortsmusikus an: Deutschland, Deutschland über alles, und alle sangen voll wahrer Inbrunst mit; die Frauen weinten vor Rührung. Und alle blickten auf zu dem neu enthüllten Bildwerk. Am lautesten aber sangen hinter der festlichen Schar die Wettorper Jungen, die vorhin schon ein ganz gewaltiges Hurrageschrei angestimmt hatten.
Der Ortsvorsteher atmete auf, daß alles so gut gegangen war. Er hatte immer gefürchtet, Ortsdiener Pilgerim möge nicht schnell oder stark genug ziehen oder das Tau möchte sich verwickeln, oder es möchte sonst irgend etwas geschehen, was die Feier störte.
Als der Gesang verklungen war, trat die kleine Germania-Mieze, die auch so gerührt war von den schönen Reden und von des alten Kaisers freundlichem Gesichte, erst ein wenig zaghaft, dann aber tapfer vor und deklamierte ihr Gedicht. Und es klang so brav, wie die Kleine es hersagte in ihrer natürlichen, herzlichen Weise, und sie legte den Ton auch immer auf die Hauptstellen, und andächtig lauschten alle rings im Kreise auf Kaiser ... Reiser ... Gut und Blut ... Todesmut ... Vaterland ... Herz und Hand. -- Mieze kam so in Begeisterung bei ihrem Sprechen, daß ihre frischen Wangen glühten. -- Am Ende ihres Gedichtes legte die Germania einen hübschen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter Schleife am Fuße des Denkmals nieder und knickste zierlich, als der Geh. Regierungsrat zu ihr kam und ihr die Hand gab, um sie zu beglückwünschen zu ihrem schönen Erfolg. Auch der Regierungsassessor bekam ein Patschhändchen ab.
»Gnädiges Fräulein,« sagte er, -- »geradezu tadellos, ein--fach ta--del--los.«
Noch aber war nicht alles zu Ende. Der Geh. Regierungsrat winkte dem gallonierten Diener, der sich so lange ganz beiseite gehalten hatte, und der brachte ihm drei kleine Etuis. Der Regierungsrat, auf dessen eigener Brust fünf Orden funkelten, hielt nun eine kurze Ansprache, in der er betonte, wie sehr es ihn freue, auch der Überbringer mehrerer allerhöchster Auszeichnungen zu sein. Und dann überreichte er dem Ortsvorsteher den Kronenorden vierter Klasse und teilte ihm gleichzeitig mit, daß ihm der Titel Bürgermeister verliehen sei; dem Wettorper Kriegervereine hatte der Kaiser einen Fahnennagel gestiftet, und Ortsdiener Pilgerim erhielt das allgemeine Ehrenzeichen in Gold. Der neue Bürgermeister machte bei seiner Auszeichnung ein ernstes Gesicht und antwortete nur ein paar stotternde Worte: wäre sein Kaiser dagewesen, so hätte er ihm stumm die Hand gedrückt, so mächtig wirkte die Ehre auf den einfachen Mann. Der Vorsitzende des Kriegervereins hielt den Fahnennagel in der Hand und zeigte ihn all seinen Nachbarn, und Ortsdiener Pilgerim glänzte. Nun löste sich die strenge Ordnung, und es gab ein großes Gratulieren und Händeschütteln. Der Herr Geh. Regierungsrat und der Regierungsassessor verabschiedeten sich, nachdem sie das Denkmal eingehend gemustert hatten, und fuhren, vom Bürgermeister begleitet, zum Bahnhofe, denn sie mußten heute abend in Kiel sein; Se. Exz. der Herr Kultusminister ~Dr.~ Bosse kam abends. Damit war denn die Denkmalsenthüllung vorbei.
Auf dem Markte ordneten sich währenddessen die Vereine wieder und zogen zum Landhause. Da war im Garten großes Konzert, die vereinigten Gesangvereine trugen ihre Weisen vor, und die Kameraden saßen alle beisammen mit Frauen und Kindern und waren so recht von Herzen vergnügt und zufrieden. Damit ging der Nachmittag hin, und am Abend nach neun Uhr, als es schon dunkel war, brannte Apotheker Juliussen das große Extra-Brillantfeuerwerk ab. Wie die Feuerräder zischten und wirbelten, wie die ~pots à feu~ knallten, wie die Schwärmer knatterten und die Goldregenspringbrunnen funkelten. Nur mit den Raketen wollte es nicht immer recht gehen, und jedesmal, wenn eine hochging, bliesen die Musikanten mit verstärktem Pust, damit die Raketen mehr Schwung bekämen. Und das Blasen half auch wirklich manchmal.
»Fihtz,« sagte die erste Rakete, und dann ging sie oben aus; »Ffiehtz,« sagte die andere und stieß mit dem Kopfe gegen einen Baumast, daß es knallte; »Ffi-i-htz,« sagte die dritte und richtig: »knatter, knatter, knatter« hörte man in der Luft, und rote, grüne und weiße Leuchtkugeln bubbelten heraus und sanken im Bogen langsam herab, bis sie verglommen. -- »Oh,« sagten ringsum die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »wie herrlich!« -- Die Musik war stolz auf ihren Erfolg, denn sie war es gewesen, die dieser Rakete gerade zur rechten Zeit den nötigen Auftrieb verliehen hatte. Und deshalb paßte sie nun erst recht auf.
»Fiehtz-z-z-tz,« sagte die vierte Rakete, und »tschinkte« machten die Musiker gleichzeitig, und siehe da: das Wunderwerk zerteilte sich im Äther, und eine goldene Flut rieselte hernieder. »Oh,« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder, »das war aber wirklich wieder herrlich!«
»Fitzefitzefitz,« sagte die fünfte Rakete, und »tschumbdi« ließ die Musik sich im rechten Augenblicke vernehmen, während die Pauke auch noch ihr Besonderes tat und »plumm« machte, und wahrhaftig, es half wieder, denn »sisisisi« tönte es von droben herab, und singende Sternlein schwebten am Himmel.
»Nein doch!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder. »So was haben wir denn doch noch nicht gesehen!«
Dann sagten noch ein paar Raketen »fihtz«, und die Musiker bemühten sich redlich, sie ordentlich hoch zu bringen mit tschumbdi, tschintata und plumm, -- meist gelang es, bisweilen kamen sie aber mit ihrer Aufmunterung auch etwas zu spät.
Schön war es aber eigentlich immer.
Und am nächtlichen Firmament blinkten traurig die armen natürlichen Sternlein, die nicht gegen Apotheker Juliussens Feuerwerk aufkommen konnten.
Den Schluß bildete die Erstürmung von Alexandria, -- die war ordentlich beängstigend, denn es knallte und fauchte und zischte und sprühte durcheinander, daß einem schier schwindelig wurde. Dann kamen drei Kanonenschläge, bei denen die Veteranen von der Artillerie an ihre alten Hinterlader dachten und die Frauen und Kinder »Uhch!« schrien, und endlich wurde der ganze, durch Papierlaternen erhellte Garten mit bengalischen Flammen in rotes und grünes Licht getaucht.
»Ah, nein doch! So furchtbar hell!« sagten die Veteranen und die Veteranen-Frauen und -Kinder.
Dann ging es heim, nachdem die vereinigten Gesangvereine noch voll tiefer Empfindung: »Gute Nacht, gute Nacht, mit Näglein bedacht« gesungen hatten. Die Gäste begaben sich in ihr Freilogis bei den Wettorper Kameraden oder zu den Massenquartieren, die im »Blauen Löwen« und im »Landhause« hergerichtet waren.
Der neue Bürgermeister gab seiner Frau vor dem Zubettgehen einen herzlichen Kuß und meinte: »Siehst du, Dora, -- unser Kaiser -- das is 'n +Mann+, den muß man +achten+.«
Und der Tag war so schön verlaufen, wie überhaupt nur das zwanzigjährige Stiftungsfest eines Kriegervereins und eine Denkmalsenthüllungsfeier verlaufen kann.
Am Sonntagmorgen fand Konzert auf dem Eichenberg bei Wettorp statt, und nach dem Kirchgange wanderten die Kameraden erst ganz gemütlich durch die Straßen. Die Musik, die am frühen Morgen vom Kirchturm herab Choräle geblasen hatte, spielte von zwölf bis ein Uhr auf dem Markte vor dem Denkmal, das weidlich angestaunt ward, und als sie geendet hatte, da traten die Vereine zum Festzuge an. Knaben mit Tafeln, auf denen die Ortschaften der verschiedenen Vereine geschrieben standen, stellten sich in bestimmter Entfernung hintereinander auf, und bei ihnen versammelten sich die Mitglieder. Bald war der ganze Markt voll. Der Vorsitzende vom Wettorper Kriegervereine kommandierte: »Stillgestanden!« und die Alten nahmen ihre Arme fest zusammen und machten ein Dienstgesicht, so gut es noch anging. Der Vorsitzende befahl: »Fahnensektionen -- vor! Fahnen holen!« und von jedem Vereine schritten drei Männer ins Rathaus, um die Wahrzeichen an sich zu nehmen. Der Ortsmusikus paßte mit erhobenem Taktstocke auf, und sobald die erste Fahnenspitze sichtbar wurde, senkte er den Stab, und »tra--tatata--diida« ging es los, während alle Veteranen und Kameraden den Kopf entblößten, bis die Fahnen sich eingereiht hatten. Die Musik stellte sich nun an die Spitze des Zuges. »Bataillon Marsch!« hieß das Kommando, und der Festzug setzte sich in Bewegung. Die Kameraden hatten alle ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt, und die blinkerten goldig im warmen, lustigen Sonnenscheine. So marschierten sie durch die Straßen; aus den Fenstern warfen ihnen Frauen und Mädchen kleine Sträuße und einzelne Blumen zu, die die Vorübergehenden mit ihren verarbeiteten Händen auffangen sollten, aber sie waren zu ungeschickt dazu, und die Blumen fielen zwischen den gespreizten Fingern hindurch zur Erde, um von den Hinterleuten halb zertreten aufgehoben zu werden. So pilgerten die Alten hinter der Musik und den wehenden Fahnen her und gaben sich bisweilen einen Ruck, wenn der Ortsmusikus ein recht forsches Stück spielen ließ, das sie wohl anno 1848 oder 1870 schon gehört hatten.
Zu beiden Seiten des Zuges aber standen die Wettorper, Frauen und Männer, dichtgedrängt, ließen alles vorbeimarschieren und eilten dann schnell durch eine Querstraße bis dahin, wo sie den Zug später wieder sehen konnten.
»Tschingda tschingda dudeldudeldudel bumm,« machte die Ortskapelle und so gelangten alle ins Landhaus, wo das Festessen stattfand. Das war nun ein wahrer Hochgenuß. Königinnen-Kraftsuppe mit Fleischklößen und Spargel gab es zwar nur wenig auf den Tellern, denn wenig Suppe geben ist vornehm, die Butten mit der Mehlsauce waren schon kalt, aber das kam nur daher, daß sich der Festzug um eine halbe Stunde verspätet hatte und daß so viele mit essen wollten, die sich vorher nicht angemeldet hatten. Das Roastbeef dagegen war nun wunderbar zart. -- »Ja,« sagten die Wettorper, »Fru Stamm weet, wo 'n Stück Ossenfleesch bradn wardn mutt. Na, un de Sohs' de mugg man ja rein mit Lepeln eten.« Und alles, was dann noch kam, Früchte, Brot, Butter und Käse, war gut und reichlich, und das Eis war nicht zu kalt. Nein, für zwei Mark »das trockene Kuvert« hatte man da ein herrliches Essen. Und der Wein war auch so schön; je zwei Kameraden tranken meist eine Flasche.
»He +farvt+ örntlich, -- kick mal, wo rod min Glas is. Un denn is he bannig stark, aber wenn man twee Mark föftig för so 'n Buddel utgifft, denn will man em ock +marken+[1] können. Junge, wat markt man em!«
Und Reden wurden gehalten. Erst auf den Kaiser, dann auf die Gäste, dann auf den Wettorper Verein, dann auf den Bürgermeister, dann auf das Komitee, dann auf die Frauen, dann auf Deutschland, dann auf Schleswig-Holstein, dann auf alle Kriegervereine, dann auf die deutsche Flotte, dann auf die Kaiserin, dann auf Mieze, dann auf alles Mögliche -- -- man konnte die Redner gar nicht mehr verstehen, so laut wurde es mittlerweile im Saale und so dicht war der Zigarrendampf. Wenn aber einer sein Glas erhob und hoch! hoch! hoch! rief zum Zeichen, daß er mit seiner Ansprache zu Ende war, so erhoben sie alle die Gläser mit und riefen alle mit hoch! hoch! hoch! -- Es war auch einerlei, meinten sie, auf wen das Hoch ausgebracht wurde: zugute mußte es ihm ja unter allen Umständen kommen, wenn sie nur kräftig mitschrieen. -- Die Ortskapelle musizierte auf der Tribüne und spielte ein patriotisches Potpourri nach dem andern, und sie sangen alle mit »lalala,« denn den Text kannten sie nicht oder doch nur die erste Strophe jedes Liedes.
Natürlich waren hier nur die Herren versammelt; die Damen tranken während des Festessens ihren Kaffee im Garten und blickten wohl einmal durch die Saalfenster, ob ihre Männer es auch nicht zu arg trieben; aber die fühlten sich sicher und ließen sich weder durch Winke noch durch Blicke davon abbringen, sich noch eine Flasche Rotwein mit ihrem Nachbar zu teilen.
Um sechs Uhr erst wurde der Saal geräumt, und in einer halben Stunde war alles, was an das Essen erinnerte, beseitigt. Das Trompetensignal, der Ruf zum Sammeln, ertönte, die Veteranen mit den Ihrigen strömten wieder herein, wunderten sich, daß alles so schnell verändert war, und setzten sich erwartungsvoll hin mit dem Gesichte zur Bühne gewandt, wo das Festspiel aufgeführt wurde.
So schönes Theater hatten die Kriegsveteranen und Kameraden nie gesehen. Als der Vorhang nach dem rührenden bengalischen Lichte und nach dem herrlichen lebenden Bilde fiel, da klatschten sie, was sie nur klatschen konnten.
Und dann begann der Kommers. An vier langen Tafeln, ebenso wie vorhin beim Festessen, hatten die Kameraden Platz gefunden, und lustig flogen die Worte hin und her.
Die Lieder waren alle in Reihenfolge, wie sie gesungen werden sollten, auf ein Blatt gedruckt, und ganz zum Schlusse stand auch »Schleswig-Holstein, meerumschlungen«. -- Und niemand wußte recht, wie es eigentlich kam, -- eben war die Wacht am Rhein verbraust, und es sollte nun »Wohlauf, ihr wackeren Kameraden« kommen, -- aber auf einmal ertönte, als hätte man sich vorher dazu verabredet, außer der Reihenfolge der Anfang des Schleswig-Holstein-Liedes, -- erst hier und da -- ein paar alte schleswig-holsteinische Lehrer mochten damit angefangen haben, dann fielen immer mehr und mehr ein, die Musik mußte sich dem allgemeinen Willen fügen, die alten Kämpen erhoben sich von ihren Plätzen, stützten die Hände auf den Tisch, blickten in die Höhe mit begeisterten Augen und es klang:
»Schleswig-Holstein meerumschlungen --«
Und es kam eine Kraft über sie, wie damals, als sie für die Freiheit ihrer Heimat ins Feld zogen, als die Hand den Säbel fest umfassen und das Auge die Büchse scharf richten konnte.
»deutscher Sitte hohe Wacht --«
Ihre Stimme zitterte bei diesen Klängen; die hohe Wacht, die hatten sie einst gehalten und deutsch waren sie gewesen bis in ihr innerstes Mark hinein.
»wahre treu, was schwer errungen --«
Und sie dachten an alles Schwere, was sie durchgemacht hatten in Kampf und Sturm, und an die Sorgen, die sie einst für die Ihren daheim im Herzen getragen hatten. Und es war wie ein schmerzliches Zucken um ihre Mundwinkel, als die Alten so da standen, die Blicke aufwärts und die Hände auf den Tisch gestützt.
»bis ein schön'rer Morgen tagt --«
Ja, jetzt war alles ganz anders gekommen, als damals, wo sie um ihre Freiheit streiten mußten. Freilich, ihr Herzog war ihnen genommen, aber ihre Herzogstochter, die war jetzt deutsche Kaiserin. Es hatte schön getagt auf die Nacht des Kampfes.
»Schleswig-Holstein stammverwandt --«
Alle fühlten sie sich als Brüder, so innig miteinander verwoben, und sahen einander in die Augen, wie sie das sangen, und Tränen blinkten darin, und sie nickten einander zu mit den braven, geraden Gesichtern.
»wanke nicht, mein Vaterland!«
Sie hoben die Gläser, die Alten und die Jungen, und stießen an und schüttelten einander die Hände und waren einander gut und umarmten die Kameraden. Und dann wiederholten sie die beiden letzten Zeilen:
»Schleswig-Holstein stammverwandt, wanke nicht, mein Vaterland!«
Und als diese einfachen Veteranen das Wort »Vaterland« aussprachen, so ernst begeistert, so innig trotz der Rauheit der Stimmen, da lag für die Jungen im Saale das Geheimnis geoffenbart, warum wir jetzt ein einiges Deutschland haben!
Das war das Kriegerfest in Wettorp.
Anna Croissant-Rust:
Der Herr Buchhalter
Für +Anna Croissant-Rust+, die am 10. Dezember 1860 in Dürkheim a. d. Haardt geboren und in München-Pasing wohnhaft ist, lassen sich drei Stufen künstlerischer Entwicklung feststellen. Ihre ersten »Lebensstücke« und Volksdramen sind im Grundton herb, brüchig, grell, aber bereits bewundernswert in ihrer Objektivität und klugen Beobachtung. Ihre »Gedichte in Prosa« verraten ein durchaus eigenes lyrisches Talent, das um seine Form ringt. Danach aber kommt es wie eine innere Befreiung über die Dichterin: wo vordem nur einzelne heitere und ironische Lichter spielten, da bricht jetzt die Sonne des Humors durch und steht sieghaft und erwärmend über den Härten und Unverständigkeiten des Alltags. Keiner unter den heutigen Künstlern hat aus eingeborener tragischer Grundstimmung heraus so ernst und schwer um sein bißchen +Heiterkeit und Lebensfrohsinn+ gerungen wie diese herbe und doch zutiefst herzensgütige Frau. Mag +Anna Croissant-Rust+ von Menschen oder von Tieren erzählen, mag sie uns nach der Pfalz oder nach Tirol führen, mögen die Leutchen ihrer Geschichten in der Kleinstadt die Köpfe zu aller Narretei zusammenstecken oder auf den verschneiten Einödshöfen der Berge gegen die Härte der Natur und des Herzens ankämpfen: immer erhebt uns die tapfere Hand der Dichterin aus den Niederungen des Lebens in die reine Luft geläuterter Menschlichkeit.
L. Adelt.
Der Herr Buchhalter.
Jeden Mittag und jeden Abend sitzt er in der Post. Er kennt kein anderes Wirtshaus, hat den Fuß nie in ein anderes gesetzt. Nicht etwa, weil sie schlechter sind, davon weiß er nichts; aber er ist ein Mann von Charakter. Hat er einmal angefangen, sein Mittagmahl und sein Abendessen in der Post zu nehmen, so bleibt's dabei, das gehört sich; unnötige Veränderungen in der Lebensweise sind nur Schwächen, wert eines Lächelns. Konsequent muß man sein!
Er hat seinen Stammtisch, seinen Stammplatz, sein Stammkrügel, sein Stammglas, seinen Stammserviettenring und -- wehe der Kellnerin, die ihm einmal im Drang der Geschäfte etwas anderes vorzustellen oder vorzulegen wagte! Den Wechsel der Kellnerinnen hat er noch stets dem Wirt als persönliche Beleidigung angerechnet, und so unbefangen ihm jede »Neue« entgegentrat, so befangen war der Wirt, so befangen wurde auch bald die Neue. Das war doch wohl die größte Rücksichtslosigkeit! Hatte man so ein Frauenzimmer jahrelang erzogen, und wenn sie sich dem Ideal nun etwas näherte, schickte man sie ihm vor der Nase fort.
In den zwölf Jahren, seit er hier aß, war das schon sechsmal geschehen. Die immerhin freundschaftlichen Beziehungen, die er mit dem Wirt unterhielt -- sie grüßten sich stets beim Kommen und Gehen --, wurden dadurch erheblich getrübt, und es dauerte immer ein Vierteljahr, bis er den Gruß des Wirtes wieder sah.
Draußen in der großen Kunstmühle, die der schnell rauschende Silberbach trieb, war er seit zwölf Jahren Buchhalter, dort wohnte er, und nur des Mittags, Sommer wie Winter, bei Schnee und Regen und Sonnenschein, erschien er fünf Minuten nach zwölf auf der Post, und des Abends fünf Minuten nach sieben.
Er war ehemaliger Soldat, -- er behauptete Leutnant, die Bauern Feldwebel -- und hatte sich beim Manöver eine Verletzung zugezogen, die ihn dienstuntauglich machte. Noch jetzt schleppte er den einen Fuß etwas nach, und die Schmerzen, die ihm der Witterungswechsel brachte, veranlaßten ihn immer zu lauten Ausbrüchen über die unsinnige Soldatenschinderei, die nur den Preußen zu verdanken sei. An den alten Soldaten erinnerte außer dem kleinen, etwas borstigen Schnurrbart, der in zwei fest gezwirbelten Spitzen auslief, nichts als das kurzgeschorene Haar und die rotbraune, etwas cholerische Gesichtsfarbe. Er war mittelgroß und eher schmächtig, schwarz von Haar und Bart, mit kleinen, etwas gewölbten, stechenden, dunkeln Augen.
Wenn er so am Kopfende seines Tisches saß, die Zigarre, die er stets in einem Röhrchen rauchte, nach oben gestemmt, die Unterlippe vor- und aufwärts geschoben, die beiden Arme aufgestützt, und über den Tisch blickend, so sah er niederschmetternd selbstbewußt aus.