Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8)

Part 10

Chapter 103,939 wordsPublic domain

Dormit geiht hei mit den Möller nah den Kraug taurügg[1040] un fröggt em: „„Na? hest nu seihn?““ -- „Ja,“ seggt de Möller, „de is echt. Wo hest dit anfungen?“ -- „„Up ’ne ganz einfache Wis’,““[1041] seggt de Smid. -- „Hest s’ inspunnt?“[1042] -- „„Ne!““ -- „Hest s’ schacht?“[1043] -- „„Ne, ok nich!““ -- „Na, wo hest ’t denn makt?“ -- „„Dat will ick Di seggen,““ seggt de Smid. „„As wie noch Brutlüd’[1044] wiren, dunn lurt[1045] ick ehr dat af, von wecken[1046] Stück Tüg[1047] sei woll am meisten hollen ded,[1048] un dunn funn[1049] ick denn, dat dat en lütten, hübschen, roden siden Dauk[1050] was, un as sick mal de Gelegenheit gaww,[1051] dat wi Frühstück eten[1052] hadden, und de Disch en beten[1053] stark vull Gaus’smolt[1054] smert[1055] was, dunn wischt ick mit ehren schönen Dauk den Disch af. Na, nu kannst Du Di denn denken, wo sei up mi losfohren ded![1056] Ich äwer fot[1057] sei rundting[1058] üm un küßt sei un säd: „Fiken, Du hest mi jo! Wat is an so ’n Dauk gelegen? So ’n Dauk kriggst Du woll wedder; äwer Einen, de so vel von Di höllt[1059] as ick, so ’n findst[1060] Du mindag’ nich.“[1061] -- Na, sei gaww[1062] sick denn nu ok, un as wi nah den Teterowschen[1063] Königschuß wiren, gewunn[1064] sei ’n Pott, en schönen Pott; un as sei sick so recht dortau freuen ded,[1065] dunn namm[1066] ick den Pott un spelt[1067] dor so verluren mit, un -- baff! -- smet[1068] ick em up den Stein. Nu fung sei denn en beten an tau rohren;[1069] äwer ick küßt sei un säd: „Lat sin,[1070] Fiken, t’ is beter,[1071] dat de Pott intwei follen[1072] is, as dat ick mi wat intwei follen heww, denn ick sall uns uns’ Lew’[1073] lang dat Brod verdeinen!“ Na, tauletzt brok[1074] ick ehr noch drei Tähnen[1075] ut den Kamm; dunn lacht sei äwer all un säd: „Mi sall doch wunnern, ob Du mi tau ’m Teterowschen Harwstmark[1076] en nigen[1077] wedder schenken deihst.“[1078] Na, dat geschach denn nu ok, un so is ’t denn nu ok blewen;[1079] sei is mit Allens taufreden.[1080] -- Äwer ick möt[1081] ’rinne un möt minen Solo spelen.““

De Smid gung also in de Stuw’ un spelt Solo, äwer nah ’ne halw’ Stunn’ kamm de Kräuger[1082] ’rinne un säd: „Smid, kumm ’rut![1083] Möller Kiwitt steiht buten[1084] un süht schändlich ut.“ -- Smid Wulf geiht also ’rut, un dröppt[1085] denn nu ok sinen Swager mit en intweiiges[1086] Gesicht un en dickes Og’,[1087] un verfirt[1088] sick denn nich slicht[1089] un fröggt: „Swager Kiwitt, wat hest +nu+?“ „„Je, dat segg man mal!““ seggt de Möller, „„dat kümmt von Din verfluchtes Geschichten-Vertellen.““[1090] -- „Wo so?“ fröggt de Smid. -- „„Je, frag’ noch lang’!““ seggt de Möller. „„Ick hadd Din dämlich Geschicht gaud ’naug behollen,[1091] un denk so bi mi, wat bi de ein’ Swester hulpen[1092] hett, kann jo bi de anner ok helpen:[1093] probiren kannst du ’t jo wenigstens. Ick gah also nah Hus, un min Fru steiht vör ’n Speigel[1094] un makt sick de Hor[1095] tau de Hollännerfru[1096] ehren Kaffeklaatsch[1097] t’recht,[1098] un up den Disch liggt[1099] ehre beste Huw’,[1100] un ick segg tau mi: „dit trefft sick mal glücklich!“ un nem de Huw’ un denk bi mi: „wenn du sei nu in de Waschschöttel[1101] in dat smutzige Sepenwater[1102] stippst, denn kann sei gaud warden.“ Na, ick dauh[1103] dat, un sei süht jo woll min Anstalten in den Speigel, un ihre[1104] ick mi noch up wat prekawiren[1105] kann, fohrt[1106] sei mi in dat Gesicht herinne, un as ick segg: „Mariken, Du hest +mi+ jo, un ’ne Huw’ kriggst du sacht[1107] wedder!“ dunn röppt[1108] sei: „„Ja, ick +heww+ Di! Un för de Huw’ sallst Du Din richtig Deil[1109] ok krigen!““ -- „Un kik!“[1110] seggt de Möller un treckt[1111] sin Hand von dat dick Og’, „so hett sei mi tauricht’t,[1112] un dat üm Dine verdammte Geschicht.“ -- „„Du Dummbort!““[1113] seggt de Smid, „„heww ick Di nich seggt, ick hadd dit Stück +vör+ de Hochtid makt?[1114] Wat +vör+ de Hochtid helpt,[1115] helpt nich +nah+ de Hochtid.““

„Un dat is de Geschicht, min Sähn,“ säd min Unkel Matthies un stunn up,[1116] „un wenn Du klauk[1117] büst, denn kannst Du Di jo dornah richten.“

Ick stunn ok up un stellt mi an ’t Finster un let mi de Geschicht dörch den Kopp gahn un dreiht[1118] mi denn endlich üm un säd: „„’Ne dämliche Geschicht, Unkel! Du hest süs all betere[1119] Geschichten vertellt.““ -- „Ja,“ lacht de Oll, „wil ick Di süs de Nutzanwenning glik[1120] mit gaww, un hir sallst Du sei säuken.“[1121] -- „„Du wardst doch nich glöwen,““[1122] segg ick, „„dat ick min Brut ehr Huw’ in ’ne Waschschöttel stippen und mit ehren siden Dauk den Disch afwischen ward?““ -- „Du kannst ’t jo mal probiren,“ lachte de olle Spitzbauw’.[1123] -- „„Na,““ segg ick, „„dat fehlt mi noch, denn wir ick just bet an den Hacken.““[1124] -- De Oll[1125] grint[1126] nu ümmer so vör sick hen, un as ick so bi mi denk: oll Lüd’ sünd wunderlich, wenn ’t regent,[1127] führen[1128] s’ tau Heu, seggt hei: „Jung’, wo olt[1129] büst Du denn eigentlich?“ -- Von min Öller[1130] müggt[1131] ick nu in min Brüjamstid[1132] nich recht wat hüren,[1133] un ick denk bi mi: Haha! fangst du all wedder mit den Peper[1134] an? un ick frag’: „Worüm meinst Du?“ -- „„Oh,““ seggt hei, „„ick mein’ man.““ -- „Denn lat[1135] Di seggen,“ segg ick etwas scharp,[1136] „ick bün den letzten säbenten[1137] November ein un virtig Johr west.[1138]“ -- „„Also,““ seggt hei, „„dörch de Virtigen büst Du dörch?““ -- „Ja,“ segg ick, „is Di dat villicht nich tau Paß?“ -- „„För minentwegen!““ seggt hei. „„Mi föllt dorbi man dat Sprückwurt in: wer in de Twintigen[1139] nich schön is, in de Dörtigen[1140] nich stark, in de Virtigen nich klauk[1141] un in de Föftigen[1142] nich rik,[1143] de kann ’t man sin laten,[1144] ut den ward nicks. Un Du schinst[1145] mi in de Virtigen noch nich klauk tau sin.““ -- „Unkel Matthies,“ säd ick un richt’t mi stur in Enn’,[1146] „wer mi för dumm köfft,[1147] de ward bedragen;“[1148] un dorbi[1149] müßt ick woll man en sihr dämlich Gesicht maken, denn min Unkel lacht un säd: „„Un kannst bi Alledem för Di kein Nutzanwenning ut de Geschicht finnen! Jung’, dat is jo man en Glikniß:[1150] Wat de Smid mit den Dauk un den Pott un den Kamm upführt[1151] hett, dat paßt sick nich för Di; dat weit ick woll. Du möst natürlich wat Anners anstellen. Tau ’m Exempel: trugst[1152] Du Di woll tau, in Dinen Öller[1153] noch +vör+ de Hochtid en Stückerner drei[1154] schöne dumme Streich uptauführen?““ -- „Dumme Streich?“ frag ick. -- „„Dumme Streich!““ seggt min Unkel, un ick gah nu in de Stuw’ up un dal un äwerlegg[1155] mi de Sak un dreih[1156] mi endlich üm un segg: „Ja; ick glöw’,[1157] Unkel, ick krig’ in aller Geswindigkeit noch en por taurecht.“ -- „„Denn mak sei,““[1158] seggt min Unkel. -- „Un Du meinst, ick ward dordörch Herr in den Hus’ bliwen?“ -- „„Min Sähn, ick glöw’ dat. -- Dumme Streich -- nich slichte![1159] -- Süh, wenn sei denn an tau schellen[1160] fangt, denn fall ehr üm den Hals un küß sei recht düchtig un segg: Lat man sin, lat man sin! Seih äwer[1161] de Geschichten weg, seih leiwer[1162] up min Hart,[1163] dat hürt[1164] Di un sleiht[1165] för Di von nu bet[1166] in alle Ewigkeit. -- Un denn Jung’,““ sett’t hei hentau,[1167] „„denn kannst Du jo ok noch den Fautfall anbringen -- denn Du magst seggen, wat Du willst -- de hürt nu einmal dortau.““

Ick äwerläd[1168] mi de Sak nu hen un her un säd denn endlich tau mi: „Hei ’s din Mutter-Brauder un sallst em dorin tau Willen sin un sallst en por maken! un ick makt sei ok richtig.

Ick künn nu hir de Geschichten vertellen, de ick anstellt[1169] heww, ward mi äwer woll häuden.[1170] Dat Unglück künn sinen Gang gahn, un de Vertellung[1171] künn in mine Fru ehr Hänn’[1172] fallen un sei künn mäglich[1173] marken,[1174] dat all dese Stückschen[1175] afkortet[1176] west sünd, un dat sei in ehre Gaudheit anführt worden is, un sei künn seggen: „Holt![1177] dit Spill[1178] gelt[1179] nich; Du hest mit Fisematenten spelt.[1180] +Ick+ will mal de Korten[1181] mischen. -- So! de Vörhand heww ick, un nu man ’rut! Bedein’[1182] mi desen un bedein’ mi jennen! Un nu will wi mal seihn, ob Du ut den Ganten büst?“[1183]

Äwer männigmal,[1184] wenn sei nu so as min Fru still un flitig[1185] üm mi herümme geiht un för mi allerwegen sorgt un mi in ehre Fründlichkeit nahgiwwt,[1186] denn denk ick doch so bi mi: „Schäm’ di, dat du mit Hinnerlistigkeit tau Wark gahn[1187] büst!“ un ick säd nilich[1188] tau minen Unkel: „Weißt wat? Ick vertell ehr, wo ’t[1189] mit de dummen Streich vör de Hochtid tausamen[1190] hängt.“ -- „„Plagt hei Di?“““ fröggt min Unkel. „„Jede rechtschaff’ne Kirl möt af un an en gauden dummen Streich un en gauden Witz maken; äwer hei darw sei nich sülwst wider vertellen, denn denn[1191] verliren sei all’ beid’ ehre Kraft. Ji lewt jo[1192] glücklich, dormit wes taufreden.““[1193] -- „Je,“ segg ick, „dat seggst Du; äwer mi is männigmal so tau Maud’,[1194] as wenn wi noch glücklicher lewen künnen, wenn +sei+ dat Regiment hadd.“ -- „„Min Sähn,““ säd min oll Unkel Matthies un läd[1195] mi de Hand up de Schuller,[1196] „„all dat Glück, wat up dese Ird[1197] mäglich is, föllt meindag nich in +eine+ Hand herinne, begnäug’[1198] Di mit dat, wat Du hest. Un wat den Ehstand anbedrapen deiht,[1199] hest Du den ollen Jochen Smitten[1200] noch kennt? Den ollen Jochen Smitt mein ick, de mit sine olle Fru achtig Johr olt[1201] würd, un nahsten[1202] mit ehr tausamen an +einen+ schönen Sommer-Sünndagmorrn begrawen würd. Na, de säd mal tau mi -- denn ick sülwst verstah nicks von de Sak -- „Herr Wachtmeister,“ säd hei, de Ehstand is as en Appelbom,[1203] dor sitt Einer in[1204] un plückt un plückt; äwer de schönsten un rodsten Appel[1205] sitten in de Spitz, dor langt Keiner ’ranne, denn dor is de Natur tau kort[1206] tau. Wenn nu Einer unverstännig is, un mit Gewalt de Appel krigen will, denn halt[1207] hei sick en Staken[1208] un hau’t de schönen Appel ’run, äwer ok taunicht,[1209] un hau’t de Telgen[1210] dorbi af, woran de besten Dragknuppen[1211] för de Taukunft sitten; de vernünftig Mann lett[1212] sei ruhig sitten un täuwt[1213] bet up den Spätharwst,[1214] denn[1215] fallen sei em von sülwst in den Schot,[1216] un denn smecken sei vel säuter.“[1217] -- Un dorüm Jung’,““ sett’t[1218] min oll Unkel hentau[1219] un sin oll irnstfast Gesicht sach ok gor tau truhartig ut,[1220] „„kläter[1221] Din roden Appel nich vör de Tid[1222] von den Bom, und täuw’ bet tau ’m Spätharwst -- Din wohrt[1223] jo nich lang’ mihr -- un wenn Du Din Fru den letzten schönen Appel bringst, denn vertell[1224] ehr ok de Geschicht von Din’ dummen Streich +vör+ de Hochtid, denn sallst Du seihn, denn freut sei sick doräwer.““

Albert Roderich:

Nemesis.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers abgedruckt aus seinem Buche „Die glückliche Ehe und andere Humoresken“ (Berlin: H. Conitzers Verlag).

Nemesis.

Wie liebenswürdig im besten Sinne des Wortes war meine verehrte Freundin, die verwitwete Frau Professor Mentow, gegen uns Gäste gerade heute gewesen, wie viele hübsche und menschenfreundliche Worte waren da in unserer kleinen Gesellschaft hin und her geworfen worden, und wie war der Rotwein doch excellent! Was ist das beste bei einem guten Mittagessen? Die Cigarre nachher, behaupte ich, und deshalb hatte ich mich in den stillsten Winkel eines kleinen Nebenzimmers zurückgezogen und blies in jener behaglichen Stimmung des halb ruhenden Körpers und des halb erregten Geistes künstlerisch vollendete Rauchringe in die Luft.

Ich richtete mich, halb unwillkürlich, schnell aus meiner etwas sehr bequemen Lage auf, als die Dame des Hauses plötzlich und unerwartet vor mir stand.

„Sie sind heute so pessimistisch, so ernsthaft -- Sie, der Philosoph des lebenslustigen Humors -- hat Ihnen vielleicht Ihr Leibgericht, der Apfelkuchen, nicht geschmeckt?“

„Verehrte Frau, wenn Sie doch einmal in die geheimsten Tiefen meines Gemütes eingedrungen sind, so will ich Ihnen gestehen -- ich habe überhaupt gar nichts von dem Apfelkuchen gegessen!“

„Nicht möglich, Sie sind krank!“

„Nein, der Kuchen war an mir vorübergegangen, ehe ich ihn überhaupt gewahrt hatte. Aber, das wundert mich nicht. Heute ist kein guter Tag für mich. Fräulein Emma von Kanten ist ja hier, und sie hat sogar bei Tische neben mir gesessen. Das kann nimmer gut gehen.“

„Sie hat wohl wegen Ihres letzten Feuilletons über die Frauenemancipation mit Ihnen gezankt?“

„Fräulein von Kanten zankt nicht mit mir, denn sie haßt mich.“

„Ah wirklich?! Und ich glaubte doch, einmal gehört zu haben, daß Sie vor Jahren zu dem Fräulein in recht -- angenehmen Beziehungen gestanden haben.“

Ich wußte, daß meine sonst so diskrete Freundin viel mehr aus Teilnahme für mich als aus Neugier diese Bemerkung machte und entgegnete deshalb:

„Verehrte Frau, Sie sind wie immer gut unterrichtet, und wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gern die Geschichte meiner -- angenehmen Beziehungen zu Fräulein von Kanten; sichere ich mir dadurch doch auch vielleicht die Teilnahme Ihrer Freundesseele an meinem Geschick, wenn es heute über mich hereinbricht.“

„In der Tat, Sie machen mich begierig.“

„Also vor beinahe nun zwanzig Jahren lernte ich Fräulein von Kanten kennen. Sie war geistreich, hübsch, aus sehr angesehener Familie, und ich war ein wohlgestalteter Jüngling, der noch zu etwas mehr als zu den landesüblichen schönsten Hoffnungen zu berechtigen schien. Ich gründete gerade damals mit einem Teile des sehr beträchtlichen Vermögens meines Vaters die große Zeitung, an deren Spitze ich noch heute stehe. Das Fräulein und ich sahen einander fast täglich in einer befreundeten Familie, wir plauderten, scherzten, lachten, faßten Neigung zueinander und wußten bald, daß eine lebenslänglich wirkende Erklärung unmittelbar bevorstände. Ich weiß, jeder von uns wußte, daß auch der andere das wisse. So weit waren wir schon. Da eines Tages erschien Fräulein Emma in einer kleinen Gesellschaft mit einer Brustschleife von -- meiner allerdings unmaßgeblichen Ansicht nach -- so sonderbarer Form und Farbenzusammenstellung, daß ich eine spottende Bemerkung darüber nicht unterdrücken konnte. Darob aber ward das Fräulein sichtlich ungehalten und behandelte mich den ganzen Abend mit stark herabgestimmter Freundlichkeit. Das trieb mich zum Nachdenken, und ich sagte mir: wen ein tadelnder Scherz so empört, der ist auch im Ernste zu tadeln. Ich habe nur ihre Schleife gering geschätzt, dafür glaubte sie mich selber gering schätzen zu dürfen. Sieh dich vor, junger Mann! Und ich beschloß, das Fräulein noch vor dem entscheidenden Worte auf eine größere Probe zu stellen.

„Wenige Tage später wollte ich die junge Dame zu einem Spaziergange abholen. Auf dem Tische ihres Zimmers lag ein allerliebster heller Frühlingshut, den Fräulein Emma eben zum ersten Male den Straßenpassanten vor die Augen führen wollte. Nicht weit davon stand eine geöffnete Flasche Wein. Meine Gedanken sprangen zu einem schnellen Entschluß zusammen. Ich goß mit geschickter Ungeschicklichkeit die Flasche Rotwein über den neuen hellen Frühlingshut.

Die Wirkung war eine betrübende, niederschlagende. Das Fräulein verfiel nach einem Momente des stieren Entsetzens in recht unangenehme Zornesausrufungen und Vorwürfe; sie stampfte sogar mit dem sonst so zierlichen Fuße heftig auf, und -- mit einem Worte, sie ward in dem Augenblicke mehr als häßlich und geistlos -- sie ward unliebenswürdig. So weit nun glaube ich nach gangbar menschlichen Begriffen korrekt, zum mindesten verzeihlich, gehandelt zu haben. Oder sind Sie anderer Meinung, verehrte Freundin?“

„Nach den gangbar menschlichen Begriffen haben Sie vielleicht verzeihlich gehandelt -- nach den gangbar weiblichen wohl kaum.“

„Nun einerlei -- in der Fortsetzung meines Tuns beging ich die tragische Schuld, die mich sicher im fünften Akt zerschmettern wird. Ich sagte dem Fräulein in der Erregung des Disputes: „Ich habe den Wein absichtlich über den Hut gegossen, um deinen Charakter kennen zu lernen! Ich habe ihn kennen gelernt!“ Da wuchsen plötzlich an die kleinen Schlangen des Ärgers und der Zanklust, die bisher aus den Augen des Mädchens züngelten, die Furienhäupter der Wut und des Zornes, und -- o, all ihr Männer, die ihr freien wollt -- erst prüfet, wodurch das Weib eurer Wahl zornig gemacht wird, und wie es sich gebärdet im Zorne!

„Ich eilte von dannen, und am nächsten Tage reiste Fräulein Emma von Kanten auf längere Zeit zu auswärtigen Verwandten. Es sind nun fast zwanzig Jahre seitdem vergangen, und ich habe das Fräulein seit der Zeit in langen Zwischenräumen einige Male in Gesellschaften getroffen, und jedesmal, wenn ich sie getroffen, ist mir zur selbigen Stunde irgend etwas Fürchterliches zugestoßen. Das eine Mal habe ich einer Dame die Schleppe abgetreten, das zweite Mal bin ich in einem wohlpräparierten Toaste stecken geblieben, das dritte Mal -- ach, einerlei, wenn ich jene Dame sehe, ist mir wie dem Seefahrer, der das Geisterschiff des fliegenden Holländers schaut -- er weiß, ihm steht ein Unheil bevor. Und heute hat sie gar neben mir gesessen -- weh’ mir, was wird mir heute noch geschehen!“

Frau Professor Mentow lachte.

„Lieber Freund, Sie werden da von einer ganz gerechten, humoristischen Nemesis verfolgt. Sie haben es wahrscheinlich durch Ihren ernsthaften Scherz verschuldet, daß jene Jungfrau im Zorne zur alten Jungfer geworden ist, die jetzt für Frauen+rechte+ kämpft, weil ihr +das+ Frauen+recht+ versagt ist.“

„Ja, auch bei Tische hat sie fast ausschließlich von den Rechten der modernen Frau gesprochen, aber ich glaube, sie kämpft nicht -- sie streitet nur dafür.“

„In der Tat, lieber Freund --“

Die Frau Professorin kam nicht weiter in diesem Satze, denn die Tür ward geöffnet, und einer meiner Mitgäste rief, uns gewahrend, herein: „O, hier sind Sie versteckt, und drinnen streitet man sich um Sie oder über Sie -- und dann entführen Sie uns auch noch unsere liebenswürdige Frau Wirtin!“

Wir erhoben uns schnell und traten in den Salon. Die kleine Gesellschaft saß in lebhafter Unterhaltung beim Kaffee. Frau Emerich, die intime Freundin des Fräuleins von Kanten, rief mir zu, sobald sie meiner ansichtig ward: „Ah, da ist ja der Lästerer -- vielleicht hat er die Gewogenheit, uns einen Kommentar zu seinen rätselhaften Äußerungen über die Frauenfrage zu geben.“

Ich nahm mich tüchtig zusammen, setzte mich mit gewaltsam erzwungener Ruhe in einen Schaukelstuhl und sagte mit vermeintlicher Gelassenheit:

„Gnädige Frau, ich glaube, Sie haben hier in diesem Augenblicke gar keine Frauenfrage, sondern eine Männerfrage behandelt.“

„Wie?! was ist das?!“

„Ja, ich glaube, die hier gemeinte Frauenfrage hat einige Ähnlichkeit mit der sozialdemokratischen: der Sozialdemokrat hört auf, es zu sein, wenn er Rentier geworden ist, und die meisten Mädchen halten die Frauenfrage für gelöst, wenn sie Gattin geworden sind. Es ist also eine Männerfrage.“

Fräulein Emma von Kanten warf mir einen vergifteten Blick herüber und sagte mit scharfer Betonung:

„O, mein Herr, wir haben hier bis jetzt ganz ernsthaft debattiert, und zwar über die Ansichten, die Sie selber in Ihrem Feuilleton über die Frauen öffentlich geäußert haben. Wenn Sie es jetzt für nötig halten, Ihre vielleicht etwas bleichwangige Argumentation mit der Schminke eines beschönigenden Scherzes zu beleben, so sage ich Ihnen im Tone der tiefsten Überzeugung: die Frau ist dem Manne ebenbürtig. Sie soll nicht seine Sklavin sein, sie ist berufen, mitzuwirken für die höchsten Ziele der Menschheit!“

„O, mein Fräulein, wenn Sie Recht hätten -- wie Unrecht hätten Sie! Sie wollen dem Manne ebenbürtig sein und keine Sklavin! Wir Männer sind aber selbst Sklaven -- Sklaven der Arbeit, der Verhältnisse, des Erfolges -- Sklaven des Ehrgeizes, der Wissenschaft -- und, da Sie uns ebenbürtig sein wollen -- ist es denn ein gar so verächtlicher Sklavendienst, wenn Sie all Ihre unzähligen Liebenswürdigkeiten und Reize in einem blumendurchwirkten Fächer zusammenhalten, um dem ermüdeten Mitsklaven die lästigen Insekten der Sorgen und Mühen fortzufächeln?“

„Das heißt,“ rief jetzt die älteste der Anwesenden, „das heißt in gewöhnlichen Worten: wir sollen Köchinnen, Kinderwärterinnen und Krankenpflegerinnen werden. Und unser Herz, unser Geist, unsere Ideale?!“

„Gnädige Frau, war es nicht einst Ihr höchstes Ideal, den Mann mit Ihrer Liebe beglücken zu dürfen? Und ist es nicht jetzt Ihr höchstes Ideal, Ihre einzige Tochter recht, recht glücklich verheiratet zu sehen?“

„Allerdings!“

„Also, verehrte Frau, es ist jetzt Ihr höchstes Ideal -- Schwiegermutter zu werden! Ja, glauben Sie es einem erfahrenen Idealisten -- unsere irdischen Ideale sind veränderlich wie alles Irdische. Nenne mir deine Ideale, und ich will dir sagen, wie alt du bist.“

„O, er will uns auf den Flügeln seiner Phrasen entfliehen,“ rief jetzt Fräulein von Kanten, „haben Sie uns denn nicht in Ihrem Zeitungsartikel die Ebenbürtigkeit unseres Geistes abgestritten? Haben Sie nicht die Behauptung aufgestellt, es gebe keine klassische Dichterin, und wenn es eine -- zwei -- zehn gäbe -- das wäre nichts gegen „die überwältigende Majorität der Geistesfürsten aus dem Männergeschlechte“, wie Sie sich auszudrücken beliebten.“

„O,“ fuhr Frau Emerich zornig fort, „und was er von den Erfindungen sagt! Wie boshaft! Daß die Frauen das Pulver nicht erfunden haben oder das Dynamit, das findet er natürlich -- aber wir hätten doch wenigstens die Nähmaschine erfinden können! -- Abscheulich!“

„Geehrte Frau,“ entgegnete ich, „die meisten Wahrheiten sind abscheulich!“

„Gut,“ rief jetzt Frau Emerich in recht erregtem Tone, „wenn Sie denn doch der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen wollen -- ich kann Ihnen jetzt die Gelegenheit dazu geben. Ich habe Gedichte von einer jungen Dame bei mir, für die ich eine ruhmvolle Zukunft voraussehe. Wollen Sie in Ihrer Wahrheitsliebe die junge Dame durch Ihre einflußreiche Zeitung in die Öffentlichkeit einführen, wenn Sie die Dichterin nach Ihrer besten Überzeugung dessen würdig erachten?“

„Das will ich,“ entgegnete ich bestimmt. Frau Emerich zog eine zierliche Ledertasche hervor und nahm aus dieser einige Papiere, die sie mir hinreichte.

„Bitte, lesen Sie.“ -- Und ich las einige offenbar von Damenhand geschriebene Verse über höchst abgenutzte Gegenstände in höchst gewöhnlicher Form und höchst unbedeutenden Worten. Die unvermeidlichen „Sonne und Wonne“ und „Liebe und Triebe“ waren auch vorhanden, und einmal war in strafwürdigster Dichter-Rohheit „Freude“ auf „heute“ gereimt.

Ich gab das Manuskript zurück und sagte: „Geehrte Frau, ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß nach diesen Proben und meiner Überzeugung die junge Dichterin als solche durchaus keine Zukunft zu erwarten haben wird.“

„Ah, und womit wollen Sie dies harte Urteil begründen?“

„Wenn jemand in seinem achtzehnten Jahre schlechte Verse macht -- nun, der kann vielleicht im dreißigsten Jahre noch gute Verse machen -- wer aber im achtzehnten Jahre Verse wie diese von so unaussprechlicher Geringwertigkeit macht -- der macht sie im höchsten Alter noch ebenso nichtsnutzig. Wollen Sie übrigens meinem Urteil allein nicht trauen, so lese ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis ein paar Verse vor.“

Und ich las mit gütiger Erlaubnis der Freundin des Fräulein Emma von Kanten ein paar Verse vor, und sämtliche Anwesende vereinten sich mit mir in der Ansicht, daß niemals unbedeutendere Worte zu überflüssigeren Versen verarbeitet worden wären. Selbst Fräulein von Kanten betonte besonders scharf, daß sie mir in diesem Falle Recht geben müsse; die Gedichte wären doch zu ungewöhnlich gewöhnlich. -- Mir ward etwas unbehaglich zu Mute, als meine Exfreundin sich so kampflustig an meine Seite stellte.

„Also, meine Herrschaften,“ ergriff nun mit erhobener Stimme Frau Emerich das Wort, „dieser Mann, der selber so hoch steht in der Meinung der literarischen Welt, und der so verächtlich von unserem Frauengeiste spricht -- er behauptet, daß das Weib, welches diese Verse gemacht, kein Dichter sei und es nie werden könne?!“

„Das behaupte ich.“

„Nun denn -- das Weib, welches diese Verse gedichtet hat -- ist -- dieser Mann!“