Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Chapter 6
Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.
Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig, er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff ihn, selbst Pappenheim erbleichte.
Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen Schimmel.
Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh, und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen, teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager, alles Geschütz und über hundert Fahnen.
Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die »Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.
Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei, sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte sich und riß dem König die Halskrause ab.
In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein gegen den König von Schweden heranziehe.
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In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen, wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«
In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast, den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen. Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister. Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht, trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.
Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war. Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf einen indischen Rohrstock gestützt gehen.
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Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war, und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag, zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als #»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.
Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art, daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede Erwartung heuchlerisch erfüllt.
Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume umgehauen und die Dörfer verbrannt.
Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.
Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.
Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt. Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht, daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm. Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott, mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen, nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen, daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich: »Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können, durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den Leichnam dahin.
Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt, griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie, wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen; ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.
Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu folgen bis ans Ende der Welt.
Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb, sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe und von blutgierigem Haß.
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Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ, daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.
Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl, sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam. Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden, den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet, stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.
Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen. Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten an.
Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner Huld und Gnade.