Deutsche Charaktere und Begebenheiten

Chapter 7

Chapter 73,536 wordsPublic domain

Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat, das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen, dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.

Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas, Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine #ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.

Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen, auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück, endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in Verbindung zu setzen, war Eger.

Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am 24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren, fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht Kompanien Dragoner zu ihm.

Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit seinem Regiment auf Prag zu rücken, -- bei Todesstrafe. Schon diese Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung, Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben, während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war. Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt, Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.

Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment, Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in Eger einrücken würden.

Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg. Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben, das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen, nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können, wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den Schlachtopfern allein.

Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa d'Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!« Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte, stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen. Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.

Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«

Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn, welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt. »Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben empfing der große Mann den Todesstoß.

Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht; wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde er unter dem Galgen eingescharrt.

Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten ihm die Beine zerbrochen werden.

Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein undurchsichtiger Schleier.

Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt, die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.

Leonhard Thurneyßer

Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren. Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser, in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach Tirol zurück.

Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie« enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen, mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«, und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse, unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.« Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren, der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.

Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank, Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war. Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.

Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter. Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält 23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört, blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen, es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.

Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam. Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580 bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.

Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei, drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten sollte.

Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster, gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser, Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini# kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler, ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten, und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.

Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern, Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen, hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen, arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift: gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer. Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen: »Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz; 1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen, den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher, Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt zu machen.

Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580 lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben.