Deutsche Charaktere und Begebenheiten

Chapter 5

Chapter 53,445 wordsPublic domain

Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug, sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot, versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann, ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat willfahrte.

Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.

Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung, daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.

Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen Befehle zu überbringen.

Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche, wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein schöner Regenbogen über den Lorenzberg.

Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen, drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung, sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über siebenhundert Jahre.

Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.

Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn. Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit Gewalt wieder katholisch gemacht.

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Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel. Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit. Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland, England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein, der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen, denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen. Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier des Heeres war in Eger.

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Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt die Bestie hängen.

Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge, antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder krepieren.«

Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange, hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen, Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und eine lange, rote Feder auf dem Hut.

Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren. Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig, aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.

Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab, solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den Oberbefehl übernahm.

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Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke. Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür, und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder, die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten, um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder, die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem Geld.

Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins forderte.

Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen. Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.

Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte, was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen, und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler seien als Rebellen.

Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren. Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen. Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.

Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen, der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser, so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen. Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es, Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie einen größeren Triumph gefeiert.

Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen, anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten. Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber Gehorsam will ich leisten.«

Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.

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Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.

Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften, sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius, das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei doch den Verstand bewahrte.

Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war, einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm. Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«

Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen. Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog, schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam. Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly: »Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als Zuschauer gehabt.«

Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde Messe gelesen und das Tedeum gesungen.

Das Kriegsvolk aber sang:

»Magdeburg, du stolze Magd, Hast dem Kaiser den Tanz versagt, Jetzt tanze mit dem alten Knecht, Geschieht dir eben recht.«