Der Weg nach Heilisoe

Part 16

Chapter 163,782 wordsPublic domain

Ein Paar blasse Hände lagen in einem Schoß. Sie hatten unruhig gezuckt und wurden nun sanft und gelassen. Ein Mund war hart verschlossen gewesen, als Jörg gesprochen, er war jetzt halb geöffnet wie bei einem Marmorbild, dem der Bildner die Gebärde andächtigen Lauschens verlieh. Stand der Mann vor einem Feuer und schaute im Spiel der Flammen etwas Unsagbares, Fernes? Etwas, das in der Brust dieses Menschen seit vielen Jahren das Lachen verkrampft gehalten, löste sich.

Als die Orgel zu spielen begann, blickte Güldenfey nach der Tür. Eine Frau in glatt gescheiteltem Haar -- war das nicht Frau Jobst? So war auch sie gekommen, spät, um nicht bemerkt zu werden. Sie preßte sich in den Schatten des Pfostens, sie wollte verborgen bleiben. In Güldenfey jubelte etwas, doch sie schaute zur Seite, um die Scheue nicht zu vergrämen.

Der erste Teil war beendet. Jörg trat wieder an das Pult. Er sprach davon, daß das Reich, in das er seine Freunde führe, allen unverlierbar bleiben müsse; sie hätten auch ohne die Musik täglich freien Zutritt zu ihm, denn sie trügen es in sich. »Jeder Mensch trägt das wirkliche Reich des Ewigen in sich wie ein Bild in der Mauernische, doch wir sitzen wie gewinnhungrige Bettler auf den Schwellen fremder Häuser, sorgen uns um Schmutz und Staub der großen Straße und vergessen, daß ein Wind die Düfte unsrer Blütenbüsche verstreut. Von der Heimkehr zu uns und dem Reich, das in uns ist, sollen jetzt die Töne zu euch reden, meine lieben Freunde.«

Ach, wie sie redeten! Da und dort hob sich scheu eine Hand zu den Augen, um die nassen Lider zu trocknen. Nun das Erstaunen vor dem Neugearteten in ihnen verwunden war, ruhten sie aus, und verdorrte Brunnen begannen zu fließen. Türen gingen leise auf, und sie wunderten sich, was alles so lange verborgen war. Träume sprachen, und sie sahen in der Ferne das Gesicht Gottes, das nicht die Härte trug, von der die Menschen immer fabelten.

Wie war es möglich, daß Jörgs Hände den großen Frieden über diese Mühseligen und Beladenen strömen lassen konnten, diesen Frieden, der schwere Lasten in einem Seufzer löste!

Ja, Jörg spielte mit einer Hingabe, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt. Als ob seine Seele in seine Hände floß, so war es. Es war ihm seltsam ergangen. Während er gesprochen, war es in der dämmerigen Tiefe des Saales plötzlich wie eine Erscheinung vor ihm aufgetaucht: unter der Orgelempore ein Gesicht, das sich aus der Menge weißleuchtend hervorhob. Er hatte immer auf dieses Gesicht blicken müssen.

Malte! Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wußte, daß er es war. Der erste Kaufherr der Stadt im Konzert der Armen. Regte sich etwas in ihm, was trotz seiner überragenden Stellung von der großen Armut in seinem Inneren zeugte? Eine Rührung hatte Jörg gepackt, ja, das war die größte Armut: einsam im Glanz frieren. Er spielte nur für ihn. Und ob Malte vorgab, die Sprache der Töne nicht zu verstehen -- was diese beseelten Klänge sagten, würde er begreifen.

Ehe Jörg das vorletzte Stück begann, sah er noch einmal auf: das bleiche Angesicht war noch da, aber er sah es nicht mehr, wie es ihm zugewendet war, sondern von der Seite, als neige es sich einem zu. Dann war es verschwunden, und Jörg entdeckte es auch nicht, als er zur Empore schritt, um zum Schluß die Orgel klingen zu lassen. Genug, Malte war gekommen.

Der letzte Ton verhallte. Die Zuhörer blieben auf ihren Plätzen. Jörg trat noch einmal vor und sprach einige abschiednehmende Worte. Dann erhoben sich zögernd einige und schickten sich an, den Saal zu verlassen. Aber sie schritten durch den Mittelgang bis zur Standbühne vor, blieben vor Jörg stehen und sagten ein Dankwort. Und die andern folgten. Es begann ein Zug an ihm vorüber, und alle schenkten ihm einen freundlichen Blick. Das war der Dank der Armen: kein rauschender Beifall, kein lärmender Zuruf, aber ein stilles Grüßen und Neigen. Jörg hätte sich keinen besseren Dank gewünscht.

Als er neben Güldenfey heimschritt, legte er seinen Arm in den ihren. Sie traten in das Haus am Markt, daß er sich von Malte und Frauke verabschiede, denn er wollte in der Frühe des nächsten Tages reisen.

Aber Malte war nicht da, obgleich Jörg sich angesagt hatte, und Frauke war seltsam kühl und zerstreut. Ja, Malte war fortgegangen, war wiedergekehrt und aufs neue gegangen; vielleicht war er im Treßhof, sie wußte es nicht.

Verargt sie es uns, daß wir sie ausschlossen? dachte Güldenfey. Doch sie hing dem Gedanken nicht nach; sie fand es auch nicht auffallend, daß Malte im Treßhof nicht mehr erschien. Sie hatte so viel Grund zur Freude und wollte das Zusammensein mit Jörg auskosten.

* * * * *

Malte hatte im Schatten des Orgelüberbaues gestanden und gelauscht. Unerklärliches hatte ihn hergetrieben. Nun kam die feierliche Ruhe auch über ihn, und dies Ausruhen war schöner als die schweigsame Stille, die er auf seinen nächtlichen Gängen genoß.

Nein, er verstand nichts von der Musik und hatte diesen Mangel nie bedauert. Doch dieses Ausruhen in Tönen war etwas Besonderes. Hier war keine neuerunglüsterne Menge: diese alle waren gekommen, um wie Flüchtlinge die Verborgenheit zu suchen. Im Grunde trug er die gleiche Wunde wie sie, etwas verband ihn mit diesen geladenen Armen, ihn, den ungeladenen Reichen.

Er fühlte sich von einem seltsamen Staunen befangen, als er Jörg hörte: das war kein Werben um die Gunst der Menge, das war Mitteilen eines königlichen Guts, zu dem er sich verpflichtet fühlte. Wie überragend hoch war dieser jüngste Treß gewachsen, den vor vier Jahren er, Malte, noch so gering bewertete!

Plötzlich fühlte er es kühl auf sich zudrängen wie einen frostigen Luftzug. Eine Bewegung neben ihm entstand. Malte sah unwillig zur Seite. Wer schob sich da heran? Häberle!

»Herr Konsul,« sagte Häberle leise, »ich glaubte, Sie aufsuchen zu müssen. Ein dringendes Telegramm. Usadel.«

Der Name schnitt wie ein Messer in die Stille. Etwas zerriß.

»Ich komme.«

Vorsichtig schob sich Malte durch die enge Zeile, die ihm Häberle bahnte, dem Ausgang zu. An der Tür blickte er noch einmal zurück wie einer, der von einer großen Stunde Abschied nimmt. Wie zärtlich das Cembalo tönte! Wie andachterfüllt diese Menschen in das ferne Reich hineinlauschten! In uns sollte es sein? Nein, es war sehr weit, und in uns war der Unfriede.

Wem gehörten die Augen, die ihn feindlich musterten? Ach, diese Frau Jobst! Ihre Blicke irrten zur Seite, da sie sich begegnet sahen. Er hätte sie ansprechen mögen, ihr irgend etwas sagen können, doch sie wandte sich von ihm ab. Wie hatte Jörg zu ihm gesagt? Du bist kein Wirklichkeitahner. Das Wort brannte plötzlich in ihm.

Doch, doch! Die Wirklichkeit rief ihn. Usadel. Es strömte etwas von diesem Namen auf ihn über, das ihn frösteln machte. Hastig schritt er durch die Straßen seinem Hause zu.

»Sie kommen wohl mit mir, Herr Häberle. Es wäre möglich, daß wir noch eine Bestimmung treffen.«

Das Licht in Maltes Stube brannte. Da lag die Depesche. Malte streifte den Mantel ab, ergriff das Papier und öffnete es nicht; er wog es in der Hand. Dann fühlte er Häberles Blick, und er riß den Heftstreifen auf.

Er las, setzte sich und las wieder.

»Die Interessen unsers Ringes fordern, daß das Gesetz, das die Partei Ihres Herrn Bruders zu fördern sucht und für das sie im Volke Stimmung macht, nicht getätigt wird. Wir erwarten von Ihnen, daß alles aufgeboten wird, ein Zustandekommen zu verhindern. Sie werden wissen, was Sie zu tun haben. Ich bitte um schnellsten Bericht, daß Sie Ihren ganzen Einfluß aufgewendet haben.«

Der Name Usadel stand wie ein drohendes Handzeichen unter diesen Worten. Malte wandte das kleine Blatt, las noch einmal, dann wurde ihm Häberles Anwesenheit wieder fühlbar.

»Nichts, was augenblickliche Entscheidung verlangt«, sagte er. »Wir sprechen noch darüber. Morgen früh verreise ich auf zwei Tage.«

* * * * *

Er war in Berlin und suchte Harros Behausung, in der er noch nie gewesen war. Sie lag irgendwo im westlichen Stadtteil, der eine Welt für sich bildete und mit dem alten Berlin eigentlich nichts zu tun hatte. Endlose Straßenzüge von der Gleichförmigkeit des triebhaft Gewachsenen, hastende Menschen, Tropfen eines namenlosen Stromes.

Endlich hatte er das Haus an der Grenze eines andern Gemeindewesens gefunden. Er klomm in das dritte Stockwerk empor und fand Harros Karte an eine Tür geheftet. Er läutete.

»Ich möchte Herrn Doktor Treß sprechen.«

Er erhielt den Bescheid, daß Harro nicht daheim sei; es sei unbestimmt, wann er zurückkehre.

»Kann ich ihn nicht erwarten?«

Die Stimme, die ihm aus dem Dunkel eines mit Schränken vollgestopften Flurs antwortete, belehrte ihn, daß Herr Doktor nicht wünsche, daß jemand während seiner Abwesenheit sich in seinem Zimmer aufhalte.

»Ich bin der Bruder, Konsul Treß.«

Ein kurzes Zögern, dann wurde er eingelassen.

Das also war Harros Hausung! Malte empfand eine mitleidige Regung. Konnte jemand sich wohlfühlen in diesen beiden Räumen, mit dem Blick auf die Straßenzeile, durch die in kurzen Abständen lärmend die elektrischen Wagen brausten? Zwischen diesen abgenutzten unpersönlichen Mietmöbeln, die mit den Resten eines schäbigen Putzes bestanden waren, wo alles die Anzeichen des Ungepflegten, Unbedachtsamen trug?

Es war nur denkbar, wenn man erwog, daß der Bewohner dieser Räume ganz seiner Arbeit hingegeben war und den Blick für die Dinge seiner Umgebung eingebüßt hatte. Druckhefte, Zeitungen aller Bekenntnisse waren auf Tischen und Ständern gehäuft; daneben waren Papiere und Stifte zerstreut, um in jedem Augenblick zur Hand zu sein; eine Schreibmaschine stand gebrauchsfertig da, eine begonnene Schreibarbeit lag auf der Tischplatte.

Es war allerdings nicht ratsam, die spähenden Augen Unberufener in diesem Zimmer schweifen zu lassen.

Malte war unruhig umhergegangen, jetzt sah er ein, daß er vielleicht lange werde warten müssen. Er räumte von einem Stuhl Mappen und Bücher fort und setzte sich. Er mußte überlegen, wie er Harro sein Ansuchen nahebringen konnte. Als er in der Bahn das Telegramm zum wer weiß wievielten Male gelesen, war er sich erst der gebieterischen Form der Forderung bewußt geworden: es wurde befohlen, und er hatte zu gehorchen. Gleichzeitig hatte er erkannt, daß Unerhörtes gefordert wurde. Sein Rechtsempfinden empörte sich für kurze Zeit, dann hatte er sich gesagt, daß Befehle nicht nur im Heeresverband ausgeführt werden müßten, sondern in jeder Berufsart. Aber die Schwere seines Auftrags erschien ihm doch drückend. Es war das beste, Harro unumwunden die Sachlage zu erklären.

Er hatte längst seinen Rundgang auf dem Muster des verschlissenen Teppichs wieder aufgenommen, als er des Bruders Stimme draußen vernahm. Man bereitete ihn auf den Besuch vor; ein ärgerliches Wort Harros fiel, dann beschwichtigende Gegenrede, und die Tür wurde geöffnet.

»Malte, ist es möglich!«

Die Gegenwart des Bruders hatte plötzlich seine Empfindlichkeit für das Unzulängliche dieser Umgebung geweckt; er begann mit einigen Griffen aufzuräumen, gab es aber sofort wieder auf.

»Wir hätten uns wie bisher am dritten Ort treffen sollen«, sagte er. »Diese Bude ...«

Malte bedeutete ihm, daß es sich um dringende Angelegenheiten handle. Er bat den erregt umherlaufenden Harro, sich zu setzen, zog seine Mappe zu sich und erklärte, um was es gehe.

Harro hatte erst zerstreut gelauscht, allmählich wurde er aufmerksam. Als Malte endete, bat er sich das Telegramm aus.

»Unverschämt«, murmelte er. »Und darauf gehst du überhaupt ein? Kommst deshalb nach Berlin?«

Malte legte ihm die Bedeutung des Ringes dar, erschöpfte sich in Ausführungen. Er war erleichtert, als er Harro nachdenklich sah.

Dieser sprang auf und lief im Zimmer umher, hob Gegenstände auf und legte sie wieder aus der Hand. Endlich blieb er vor Malte stehen. »Kurz, lieber Malte, ich kann nichts in der Angelegenheit tun, gar nichts. Und könnte ich es, so würde ich es nicht tun. Es geht gegen meine Überzeugung. Das Schutzgesetz ist nötig.«

Diese Tonart kannte Malte. Er raffte sich zusammen. »Du weißt, wir sind mit unserm Vermögen dem Ring angeschlossen«, sagte er. »Vergiß dies nicht: wenn man die Machthaber reizt, könnten sie uns preisgeben. Was das in dieser Zeit bedeutet, weißt du.«

Harros Hand strich aufgeregt über seine Stirn. »Malte, was ist mächtiger, das Gesetz oder das Geld?« fragte er.

»Das Geld«, antwortete Malte, ohne sich zu besinnen.

Harro sah ihn einen Augenblick starr an. »Wie?« sagte er. »Das meinst du auch? Ja so, in gewissem Sinn: es hat in seinen Fängen Presse und Gesellschaft, es bemächtigt sich der Technik, der Wissenschaft, der Kunst. Doch die Partei ...«

»Der Partei nicht?«

»Meinethalben auch der Partei, ja. Aber Ehre und Gewissen stehen über ihm.«

Malte machte eine vielsagende Gebärde.

»Nein, tausendmal nein! Mögen die Lumpe wie Pilze aufschießen, die sich kaufen lassen, es gibt noch genug im Volke, denen ihre innerste Überzeugung etwas gilt. Wir haben einen Krieg verloren, aber Gewissen und Ehre nicht.«

»Ist es unehrenhaft, wenn wir unser Vermögen zu erhalten und zu retten trachten?« fragte Malte.

»Erhalte, doch fordere nicht, das zu tun, was dem Charakter zuwider ist.« Harro erregte sich, seine Stirnadern schwollen an, seine Gebärden wurden unbeherrscht.

»Erhalte, erhalte! Ihr habt mich bisher allein sorgen lassen und zufrieden eure Erträge eingesteckt«, erwiderte Malte bitter. »Nun ihr mir helfen sollt, seid ihr nicht zu finden.«

Plötzlich stand Harro vor ihm, breit, fast drohend. »Ich verstehe dich jetzt erst ganz«, sagte er dumpf. »Du verlangst, daß ich mich vor euren Wagen spanne, du bist mit jenen eines Sinnes, nicht wahr? Ja, sind wir denn noch Brüder? Tragen wir noch den gleichen Namen, den alten ehrenhaften Namen Treß?«

Malte machte eine abwehrende Bewegung.

»Sage, daß ich falsch verstand, daß ich mich irrte, fürwahr, sonst ...«

»Was heißt das, sonst?«

»Ich würde irre an dir werden, Malte, ich würde glauben müssen, du habest dich jenen Verderbern mit Leib und Seele verkauft.«

Malte hatte sich erhoben, sie sahen einander in die Augen. Keiner wagte nachher das, was von einem zum andern sprühte, bei seinem Namen zu nennen.

»Ich muß jede Verantwortung ablehnen«, sagte Malte. »Denke daran, wenn du hörst, daß eine alte Verbindung scheiterte.«

Harros Hand tastete am Rock hernieder bis zu der Stelle, wo das Eiserne Kreuz saß, dann wandte er sich ab. »Mit meinen Werturteilen treibe ich keine Geschäfte«, sagte er schroff.

Malte ergriff seinen Hut. Die Brüder schieden ohne Gruß voneinander.

Zu Usadel, dachte Malte, als er aus dem Hause trat. Er rief einen Wagen an. Doch wo wohnte Usadel? Er gab die Straße auf, in der das Geschäftshaus des Ringes lag; dort war er bereits gewesen.

Man sah ihn erstaunt an, als er begehrte, Herrn Usadel sprechen zu wollen. Als ob er begehrt hätte, den Erzengel Michael zu sehen! Herr Usadel, ja, wo war denn der? Man kannte seinen Namen, man arbeitete für ihn, doch gesehen hatte ihn noch keiner.

»Also, Herr Direktor ...«

Malte besann sich auf den Namen nicht und mußte sich ihn erst sagen lassen. Er fühlte, daß seine Zerstreutheit ihn nicht empfehle, und gab sich Haltung. Der Direktor befand sich in einer Beratung; es war unmöglich, ihn zu rufen.

Nach mehrstündigem Warten wurde Malte vorgelassen. Der Direktor ließ sich den Mantel anziehen, als er eintrat, und schien gesonnen, den späten Besucher stehend abzufertigen. Seine verschwommenen Züge waren noch mehr von Arbeit und Vergnügen heimgesucht als damals, da ihn Malte im Treßhof gesehen hatte. Seine mürrische Miene wandelte sich gewohnheitmäßig in glatte Verbindlichkeit, und in übersprudelnder Rede berichtete er, was heute noch seiner warte.

»Man hat von mir schnellen Bescheid gewünscht, und ich komme, ihn zu geben«, sagte Malte. »Sie wissen, um was es geht? Also, ich war bei meinem Bruder: es ist vollkommen aussichtlos, etwas zu erreichen.«

»So, so; schade! Nun, da müssen wir eben andre Wege gehen.«

Der Direktor tat, als wäre der Ausfall dieses Plans ganz unerheblich. Malte stutzte. Verbarg man so die Bestürzung, oder hatte man ihn zu einer peinlichen Sendung befohlen, ohne ihre Bedeutung zu würdigen?

Lächelnd stand der feiste Mann vor ihm und erkundigte sich nach andern Dingen.

»Der Ernst, mit dem das Telegramm abgefaßt schien, hat mich sofort hierhergetrieben«, sagte Malte. »Sie meinen also, die Sache sei für mich erledigt?«

»Nun, da Sie nichts erreicht haben«, sagte der Feiste liebenswürdig lächelnd. »Berichten Sie jedenfalls. Wir sind gewöhnt, mehr als ein Eisen im Feuer zu halten.«

Malte verließ ihn in dem Bewußtsein, sich unnötigen Befürchtungen hingegeben zu haben.

Die Flucht vor den Flammen

Froh gegrüßte Gäste -- wo traten die jetzt noch in eine Tür? In den Taschen der Boten, die zweimal täglich von Haus zu Haus gingen, waren unheilbringende Nachrichten, die die Stirnen der Empfänger verdüsterten. Scheu folgten die Blicke den Trägern: Was wird er jetzt bringen? Und öffneten sie die Papiere, so lasen sie, was ihr Herz mit neuem Kummer füllte.

Häberle blickte mit geheimem Kummer der Post entgegen, seit sein Chef von der Reise zurückgekehrt war. Malte schien freier denn vorher, doch Häberle verharrte in schweigendem Mißtrauen. Es kam, wie er's erwartet hatte.

An dem Samstag vor dem Osterfest trat der Bote gewichtig ein und lud an Brauns Tisch seine Schreiben ab. Häberle rückte seine Brille zurecht, tat, als summiere er die Gehaltliste, und spähte doch durch die Spalten seines Verschlags aus. Es gab ein langes Verhandeln, endlich ging der Briefträger.

Warum kam Braun nicht? Warum zögerte er die Durchsicht so lange hin? Endlich war es so weit. Den ersten Brief des Stapels, der Häberle in die Hände fiel, erkannte er als das versiegelte Schreiben des Ringes. Er wußte, was darin stand, und fand seine Ahnung bestätigt: der Ring kündigte dem Hause Treß die Arbeitgemeinschaft. Was nun in dieser Zeit beginnen! Häberle hatte das Unheil auf sich zuschreiten sehen. Nicht allein vermöge seines kaufmännischen Scharfblicks. Er war Mitglied eines astrologischen Vereins, und das Horoskop hatte Unheil vorausgesagt. Was nun? Er scheute sich, das Zimmer des Chefs zu betreten, er konnte den Anblick nicht ertragen, wenn er Malte vor dem Zusammenbruch seiner Hoffnungen sah.

»Herr Häberle!«

»Herr Konsul?«

Es mußte sein. Häberle raffte die Briefe zusammen und trat ein. Er zwang seinem Gesicht einen sorglosen Ausdruck auf. Malte erschien ganz unbekümmert. Um so schwieriger!

»Nun, nichts von Bedeutung da?«

Malte wunderte sich, daß Häberle nicht antwortete, sondern sich mit den Briefen zu schaffen machte. Er blickte ihn an. Warum bebten dem Mann die Hände? Er sah auf den Kopf des Briefes, den jener vor ihm ausbreitete, und wußte alles.

Schweigen, Schweigen. Wie erdrückende, atembeklemmende Mauerwände stiegen die Sekunden auf und wurden lang und lastend. Malte bewegte sich zuerst. Er nahm das Schreiben und las; nein, er las es nicht, er suchte nur das Wort Kündigung, das genügte.

Nur den Kopf hochhalten, solange Häberle zugegen ist, dachte er, nur so lange! Wenn das Schiff leck geht, darf der Führer nie gelten lassen, daß Gefahr besteht. Und die Brigg geht leck vor dem Sturm. Er strich sich mit der Hand nicht über die Stirn, er seufzte nicht einmal.

»Nun, Herr Häberle?« sagte er fast heiter.

Häberle nickte einige Male bedächtig. »Haben Sie für diesen Fall bereits Bestimmungen getroffen, Herr Konsul?«

Malte verneinte; er war voller Zuversicht gewesen, daß der Vertrag gehalten werde. Wie hatte Harro gesagt? Wir haben einen Krieg verloren, aber nicht Ehre und Gewissen. Auch nicht Treu und Glauben, das kostbarste Kaufmannsgut? Doch, doch! Im alten Treßhaus war das Wort gesprochen worden vom Totschlag des Gewissens, und er, Malte Treß, hatte dazu geschwiegen.

»In diesem Falle rate ich, das Anerbieten sofortiger Rückerstattung des Kapitals anzunehmen«, sagte Häberle. »Die Entwertung schreitet weiter vor, keiner weiß, wie weit wir gleiten.«

Malte war andrer Meinung, doch er hielt sich zurück. Da war die Kündigung, aber sie stellte weitere Erklärungen in Aussicht. Gleich nach dem Fest wollte er Usadel aufsuchen. Er mußte ihn sprechen, koste es, was es wolle. Man würde verhandeln, vielleicht ließe sich alles schlichten. Dies war doch wohl nur eine Drohung, deren Folgen sich vermeiden ließen.

Er äußerte etwas Ähnliches.

»Jeder Tag ist äußerst kostbar«, warnte Häberle. »Soll ich nicht schon heute vorfühlen?«

Ja, das könnte man tun, nur nicht Verbindlichkeiten eingehen.

»Es ist eine große Verantwortlichkeit uns auferlegt«, fuhr Häberle fort. »Herr Konsul, ich würde raten, mit dem Hause Poppelmann in Verbindung zu treten und Rat zu erbitten.«

Malte empfand jetzt erst die Weite dieses Geschehens, da Häberle ihn auf Hamburg verwies. Sollte er dort als Bittender erscheinen, wo man ihn stets als Gast empfing? Schwiegersöhne als Fordernde waren unbeliebt, und man wäre im Hause Poppelmann sehr geneigt gewesen, hinter der Bitte um Rat einen andern Hilferuf zu wittern. Dennoch -- wenn Gefahr in Verzug war, konnte das Richtwort der Poppelmanns: Selbst ist der Mann! nicht beachtet werden.

Häberle verließ seinen Chef einigermaßen verwundert. Dieser die Tat über alles Schätzende zögerte. Unterlag er einem Schreck über die unerwartete Wendung oder war der Kraftstrom am Versiegen? Häberle versuchte, sich sofort mit befreundeten Großbanken in Verbindung zu setzen. --

Solange der Tag lärmte, war es in Maltes Innerem ruhig. Doch es kam die Nacht. Die Schatten huschten dann, die die Lawinen wälzten.

Er saß mit Frauke zu Tisch, und sie redeten von fernliegenden Geschehnissen wie gewöhnlich, kühl und verbindlich. Mellin.

»Verzeih, du sprachst von Mellin?«

Frauke sah ihn verwundert an und wiederholte etwas gedehnt ihre Frage.

»Ja, er scheint sich in sein Los zu finden. Er ist sehr still, seltsam verschlossen, aber er verrichtet seine Arbeit ohne Murren. Er dauert mich, der arme Wicht!«

»Seltsam, wie er das so bald verwinden konnte. Ich ...«

Frauke brach ab und schenkte Tee in ihre Tasse. Sie liebte es nicht, von ihren Gefühlen zu reden.

Malte spähte zu ihr hinüber. Hätte sie doch gesagt, was sie empfand! Vielleicht wäre das Wort eine Brücke geworden.

»Es gibt viele, die arm aus dieser Zeit hervorgehen«, sagte er.

Aber Frauke hob nur die Schultern und schwieg. Armut war ihr ein nicht auszudeutender Begriff.

Er war wieder allein, nachdem er die kühle Hand zur guten Nacht geküßt. Sollte er sich jetzt dem Dunkel ausliefern? Nimmermehr. Er ging hinunter und entflammte das Licht über seinem Arbeitplatz. Wieder kam die Osternacht herauf, und in sein Sinnen stieg die Erinnerung an die Festrüste des vorigen Jahres. Da hatte er auch hier gesessen und auf die Schritte vor den Fenstern gelauscht. Damals war er auf der Schwelle fremder Not gestanden, hatte in die dunkle Kammer geblickt; heute ... War da eine Beziehung? Es gab so rätselhafte Zusammenhänge in diesem wunderlichen Leben.

Malte fühlte, wie seine Stirn feucht wurde. Er stand auf und trat an sein Bücherbord. Ein zierliches Bändchen blieb in seiner Hand. Faust. Ach ja, Jörg hatte ihm das Buch zur Weihnacht verehrt, und er hatte es unbedenklich zwischen Handelsrecht und Warenkunde gepflanzt. Nun, warum nicht Faust!

Er schlug auf und las:

O sähst du, voller Mondenschein, Zum letztenmal auf meine Pein.

Weiter, weiter bis zur Erlösung. Gewißheit einem neuen Bunde? Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder? Malte schloß das Buch, die Erde hatte ihn noch gar nicht losgelassen, sie sog sich an ihm fest. Wie fern das klang, wie unendlich fern!

Es galt jetzt, sich mit den irdischen Hemmungen abzufinden, ruhig und klar abzuwägen, denn in ihm klaffte ein schrecklicher Zwiespalt: Weg zur Rechten und Weg zur Linken, aber wo lag das Heil? War das schon ein Zerbröckeln der Kraft, daß er zögerte rechts oder links?