Der Weg nach Heilisoe

Part 15

Chapter 153,852 wordsPublic domain

Mellin reckte sich in der Brust. »Verhaften? Mich, seit zweiundzwanzig Jahren in der Firma Treß als Packmeister beschäftigt, unbescholten, als Schöffe wiederholt tätig gewesen, vor Gericht als vereidigter Sachverständiger gestanden, desgleichen ehrenamtlich in der Gewerbekammer, im neunundsechzigsten Regiment bis zum Sergeanten gedient -- mich wollen Sie verhaften lassen, weil ich fordere, was mir gehört?« Er nahm die Scheine und warf sie auf das Zahlbrett, das Buch daneben. »Hier, nehmen Sie zurück, sofort zurück! Ich will Ihr Geld nicht, ich verlange das meine. Stellen Sie den alten Stand wieder her. Mit Ihnen will ich nichts mehr zu schaffen haben, der Sie nach der Polizei schreien, sobald einer die Dinge beim rechten Namen nennt.«

Man erkannte, mit dem Manne war nicht zu scherzen; seine Fäuste waren wie Schmiedehämmer, und die andern ergriffen für ihn Partei. Die Polizei aber ...! Man beschwichtigte ihn am besten, indem man ihm den Willen tat.

Mellin steckte das Buch in die Brusttasche und verließ das Rathaus. Er ging über den Markt und trat in die Bank, wo er ohne weitere Fragen bis zu Herrn Häberle vordrang.

Häberle sah flüchtig auf, als Mellin zu ihm trat. »Einen Augenblick, lieber Mellin!«

Endlich war Häberle bereit. »Nun, Mellin?« Er rieb die arbeitmüden Augen. Was fehlte dem Alten? Er stand da, zitternd, bleich, verstört. Er wies auf den nächsten Stuhl. »Setzen Sie sich doch, Mellin. Was ist denn geschehen? Sie schauen ja aus ...«

Mellin, der stets auf Schicklichkeit Bedachte, der sich nie in Gegenwart Höherstehender gesetzt haben würde, wankte fast auf den Stuhl zu und ließ sich haltlos fallen. »Herr Häberle,« sagte er jämmerlich wie ein Kind, »helfen Sie mir doch. Man will mir drüben im Rathaus weismachen, daß ich umsonst gearbeitet habe.«

Es bedurfte großer Langmut, um von dem verstörten Manne den Sachverhalt zu erfahren. Häberle war erschüttert. Solche Fälle wiederholten sich täglich, die Verzweiflungausbrüche der Verratenen, Betrogenen brandeten mit wilder Gewalt auch wider ihn. Es gehörten Nerven besonderer Art dazu, um dem standzuhalten. Und nun auch dieser Brave, dem Ehrenhaftigkeit die tägliche Speise war! Und er sollte ihm die Gewißheit bringen. »Lieber Mellin,« sagte er milde und legte seine Hand auf ihn, als müsse er den Anprall seiner Worte lindern, »ich kann nur raten, heben Sie sogleich Ihr Geld ab und bringen Sie es her; ich will sehen, was noch mit ihm zu beginnen ist.«

»Aber sie geben mir doch andres Geld, nicht meins«, beharrte Mellin. »Ich verlange ~mein~ Geld zurück.«

Es kostete Häberle unbeschreibliche Mühe, das rechte Wort zu finden. Er setzte ihm so zart wie möglich auseinander, wie alles gekommen, daß alle Ersparnisse so gut wie verloren seien. Der einzige Trost sei, daß alle unter dies Verhängnis fielen.

»Sie wollen mir also die Behauptung des Fuchses dort drüben bestätigen, daß alles verloren ist?«

Häberle nickte.

Mit einem Ruck erhob sich Mellin. »Verzeihen Sie, Herr Häberle, ich habe alle Hochachtung vor Ihnen, doch das glaub' ich Ihnen nicht; nein, nein, das glaub' ich nicht. Das kann nicht sein. Ich darf wohl Herrn Konsul sprechen.« Seine Stimme splitterte wie Glas.

»Lieber Mellin, Herr Konsul ist beschäftigt. Er kann nur wiederholen, was ich gesagt ...«

»Herr Häberle, ich bin im Dienste des Hauses grau geworden ...«

»Kommen Sie«, sagte Häberle. Er war aufgestanden und pochte schon an die Tür des Chefs.

Der gleiche Eindruck auf Malte, die gleichen Worte Mellins. Häberle gab seine Erklärungen. Maltes Blicke flohen wieder dies aschfarbene Gesicht, aus dessen Höhlen die blutunterlaufenen Augen zu quellen schienen. Diese Augen waren flehend und drohend zugleich auf ihn geheftet, schienen zu betteln und anzuklagen, waren Richter und Henker. Das Urteil konnte nur eins sein.

»Ihre Tochter ist erkrankt?« begann Malte, als die beiden schwiegen. Seine Stimme klang unwirklich, heiser. »Sie sollen keine Sorge um sie haben, Mellin, ich helfe Ihnen; die Angelegenheit ordne ich.«

Mellins Hand machte eine Bewegung, als schiebe sie etwas von ihm fort. »Herr Konsul ist sehr gütig, aber, Verzeihung, darum handelt es sich für mich im Augenblick nicht. Wollen Herr Konsul mir kurz und bündig sagen, ob meine Ersparnisse verloren sind oder nicht?«

»Ich fürchte, ja, Mellin.«

Es war gesagt. Was halfen nun noch Zweifel und Zögern! Mellin wendete ein paarmal die Mütze, die er in den Händen hielt, seine Blicke irrten durch den Raum. Das Schweigen war fürchterlich. »Danke!« sagte er und wandte sich um.

Er ging durch die Straßen wie ein Trunkener. In dieser Zeit, die aller Menschen Gedanken in ihren Fängen hielt, fiel der Anblick des verstörten Mannes doch so auf, daß sich viele nach ihm umwandten. Man kannte den Packmeister, man grüßte ihn. Er dankte nicht und sah keinen an. Hatte er getrunken? Er trug die Mütze schief im Nacken.

Telge, der den Wagen wusch, zeigte ein verwundertes Gesicht, als Mellin in den Hof wankte. Er streifte die Ärmel herab und ging auf ihn zu, wagte aber keine Frage, als er genauer in dies zerpflügte Gesicht blickte. Er ergriff Mellins Arm und leitete ihn die Treppe zu seiner Wohnung nieder. Frau Mellin erschien in der Küchentür, sie hatte einen Vorwurf auf den Lippen, das Essen werde kalt; doch auch ihr erstarb das Wort im Munde.

Mellin fiel auf einen Stuhl. Sie wollten wissen, was geschehen sei. Ihre Angst entriß ihn endlich seiner Benommenheit.

»Mariechen muß sterben«, sagte er heiser. »Ich kann das Geld nicht schaffen, es ist alles verloren!«

Allmählich kam es in abgerissenen Erklärungen aus ihm heraus, was geschehen war. Telge redete in kräftigen Worten, die Frau rang die Hände.

Mellin saß stumm da. Erst als sie sich um ihn mühten, fand er die Sprache wieder. Ganz verändert wie ein klagendes Kind begann er zu reden. »Laßt doch, laßt! Ich passe nicht mehr in die Welt. Ich bin groß geworden zu einer Zeit, in der es hieß: Mit Gott fang an, mit Gott hör' auf; da man uns lehrte, daß es Gut und Böse gäbe, daß man das eine üben und das andre hassen müsse. Heute gilt nur noch eins: der Götze, die Gier, der Mammon; und wer ihm nicht opfert, der ist verloren. Ich tauge nicht mehr, ich gehe weg, mache Platz für die, die klüger sind als ich, der Dumme, der noch an Gut und Böse glaubt.«

»Mann, um Gottes willen!« rief die Frau. »Versündige dich nicht!«

Er sah sie aus leeren Augen an. Plötzlich erhob er sich, seine verronnene Kraft schien in den schlaffen Körper zurückzuströmen und ihn zu straffen. Er hob drohend die Hand. »Aber ehe ich gehe, verfluche ich das, was uns soweit gebracht hat. Ich verfluche die Schurken, die die Schätze der Erde an sich reißen, um die Beraubten zu knechten. Ich verfluche die Spekulanten, die uns Brot und Rock verteuern, damit sie sich mit dem Verdienst mästen. Und Fluch, dreimal Fluch auf die, die es zugelassen haben, daß der Fleißige um seine Spargroschen geprellt wird und im Alter verkommen muß. Ist das sozial, dann verflucht dieser Gedanke, der nichts als Schwindel ist!«

Seine Stimme war wie ein drohender tierischer Laut aus Urwäldern, sein ganzes Gebaren glich einem schrecklichen Brand, dessen Flammen der Sturm jagt. Telge und die Frau hingen sich erschreckt an ihn, suchten ihn zu beruhigen. Endlich sank er erschöpft zusammen.

* * * * *

Das Gerücht lief um, der Packmeister sei fort. Keiner wußte, wo er geblieben war, aber jeder dachte bei sich das Ärgste und wagte es doch nicht laut werden zu lassen. Frau Mellin saß weinend in ihrer Stube: die Sorge um ihr krankes Kind, und nun der Mann!

Er hatte verweigert, zu essen und zu trinken, er hatte in dumpfem Brüten dagesessen. Als sie von einem kurzen Gang heimkehrte, war er verschwunden. Wohin? Telge hatte die Speicher und den Bodenraum abgespürt. Bei ihm stand es fest: Mellin hatte sich ein Leid angetan. Aber sein Suchen war vergebens gewesen, nirgendwo eine Spur. Man fragte, aber niemand wußte um den Vermißten.

Der Abend dunkelte herein, in Mellins Wohnung brannte während der ganzen Nacht das Licht: er kam nicht.

»Wir müssen gehen und ihn suchen«, erklärte Güldenfey am Morgen. »Sie, Telge, und wer frei ist. Ich gehe auch.«

Güldenfey suchte hilflos; sie fürchtete sich vor dem Finden, doch es mußte sein. Der Kirchenhof von St. Niklas mit seinen versteckten Winkeln neben den winzigen Häuschen, die ganz in Stille gebettet waren und um die immer ein dumpfes Dunkel war. Aber die helle Frühlingssonne leuchtete in jeden Winkel, und der Märzenwind blies hinein, und der Turm trug seine Krone aus feinstem Licht. Vielleicht der Räucherboden in Sankt Johannes! In der unermeßlichen Höhe des Dachraumes konnte sich verbergen, wer dem Leben abhold war, und die spähenden alten Frauen wußten vieles. Also dorthin!

Aber Friedchen Waterström wußte von nichts, und die andern hatten Mellin nicht gesehen. Sie standen jammernd, und Güldenfey mußte immer das gleiche wiederholen. Ja, diese furchtbare Zeit! Keiner konnte wissen, wie er noch enden würde. Dann fiel ein Wort: Der Hafen. Natürlich, der Hafen!

Güldenfey ging. Als sie an der Mauer vorüberschritt, hinter der ihr vergessener Garten lag, löste ihre Angst sich in Tränen. Welche Hand würde nun sorgsam in ihm walten? Auf den Kais standen Fischer, die die Hände in ihre weiten Hosentaschen vergruben. Sie fragte, und die Männer gaben dürftigen Bescheid. Nein, sie hatten keinen gesehen. Jawohl, sie kannten Mellin; wer würde den nicht kennen! Warum war er fortgegangen? Ach so! Ja, das konnte geschehen. Diesen Krippensetzern war nicht zu trauen. Jemand meinte, man müsse abwarten: nach drei Tagen kämen die Leichen ans Land.

Güldenfey langte um Mittag hoffnunglos zu Hause an. Sie schlich heimlich über den Hof, daß Frau Mellin sie nicht sähe, aber kaum, daß sie ein wenig gegessen, machte sie sich wieder auf den Weg. Wohin nun? In der Stadt suchte Telge. Es blieb ihr nur die Strecke gegen Westen zu, am Strand entlang.

Die kleinen Vorstadthäuser mit ihren Gärtchen lagen besonnt da. In den Bündeln welker Gräser zeigten sich jungfrische Halme, die ersten Maßliebchen waren da, und um die Stachelbeersträucher flimmerte es grün. Sollte es wirklich schon lenzen? Ach, wer konnte das glauben! Das Leben riß immer neue Lücken. Jetzt Mellin, und wer war der nächste?

Zur Schwedenschanze wollte Güldenfey, jawohl, zur Schwedenschanze. Wie eine Erleuchtung kam es über sie. Dort waren tiefe Schluchten, Gehölze und Erdfalten, und keiner kam um diese Zeit dahin. Das war so recht der Platz für Lebensflüchtige. Aber vielleicht konnte sie in einem der Häuschen nachfragen, ob man den einsam Gehenden gesehen hatte. Einer, der wie Mellin ging, fiel doch auf.

Sie trat in das nächste Haus ein und blieb im steingepflasterten Flur wartend stehen. Eine kleine Glocke lärmte unermüdlich durch das Haus. Eine Tür wurde geöffnet, eine Frau trat heraus. Güldenfey stockte das Wort: die vor ihr stand, war Frau Jobst. Sie erkannten einander zur gleichen Zeit, die Frau machte eine Bewegung, als wollte sie zurück, dann richtete sie sich kerzengerade.

»Frau Jobst?« sagte Güldenfey zaghaft und fast erschrocken. »O Himmel, wie hab' ich Sie gesucht und finde Sie nun, da ich Sie nicht suchte.«

Die andre sah sie abwartend an und erwiderte nichts. Das steigerte Güldenfeys Verlegenheit. »Sie wohnen hier. Darf ich wohl zu Ihnen eintreten?«

»Bemühen Sie sich nicht«, sagte die Frau und stellte sich abwehrend vor die Tür.

»Ihr Mann --?«

»Den muß man auf dem Kirchhof suchen.«

»O! Und Ihr kleines Mädchen. Es war so lieb!«

»Meine Tochter ist nicht hier. Bemühen Sie sich nicht. Sie und wir haben nichts miteinander zu schaffen.« Sie sprach ruhig, aber jedes Wort bedeutete eine Absage.

Güldenfey trat einen kleinen Schritt vor. Sie streckte bittend eine Hand aus. »Ich weiß, mein Bruder Malte ... Er war ungerecht und hat Sie sehr verletzt. Ich konnte nicht dafür, es tat mir so leid. Ich wollte wieder gutmachen und suchte Sie. In der Sachsenvorstadt bin ich durch fast alle Häuser gegangen ... Es war so traurig, dieses vergebliche Suchen.«

»Es war gut«, sagte die Frau hart. »Ich wollte nicht gefunden sein. Ich beging eine Torheit, als ich zu Malte Treß ging ... Die Not ... Das ist nun vorbei.«

»Ach, das freut mich, daß Sie nicht mehr Not leiden«, sagte Güldenfey.

Die Frau strich mit einer undeutbaren Gebärde über ihre Stirn.

Güldenfey sah, sie war sauber gekleidet, doch die Dürftigkeit hatte ihren Rock gezeichnet. »Ich komme Ihnen heut nicht gelegen,« sagte sie, »und ich habe es auch eilig. Wie ich sagte, ich trat nur ein, um eine Frage zu tun. Doch nun, da ich weiß, wo Sie zu finden sind, darf ich --«

Die Hand, die schon einmal ins Leere gestreckt war, hob sich wieder, doch die Frau ließ sie wieder unbeachtet.

»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte sie. »Kommen Sie nicht wieder, ich will es nicht. Ich will, daß das Vergangene vergessen wird. Würden Sie wiederkommen, so wäre das ein Grund, mich aus dieser Behausung ebenso zu verdrängen, wie es schon einmal geschah.«

Güldenfey war trostlos. Was wäre darauf noch zu sagen? »Begreifen Sie denn nicht, daß ich den Wunsch habe, Ihnen ein wenig zu helfen? Und daß dies Wiederfinden eine Fügung ist --?« Ihre Stimme zitterte und brach.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ja, daß Sie Ihr Gewissen entlasten wollen, das versteh' ich. Nicht Sie, aber ...« Sie deutete nach der Stadt. »Doch ich will nichts annehmen, nichts, auch keine Freundlichkeit. Ich bin arm, und zufrieden, wenn man mich in Ruhe läßt. Sie sind reich. Wir passen nicht zueinander. Und nun ...« Sie machte eine Gebärde, die das Gespräch beenden sollte, und ergriff die Klinke.

»Ich will Sie gewiß nicht quälen«, sagte Güldenfey zart und voll verhaltener Traurigkeit. »Nein, wenn ich Ihnen weh tue ... Aber es könnte sein, daß auch ich einmal arm bin; nicht wahr, dann darf ich wiederkommen?«

Die Frau blickte sie starr und entwaffnet an. Güldenfey neigte den Kopf zum Gruß und ging. Die kleine Glocke läutete ungestüm hinter ihr drein.

Ihr Herz lag schwer wie Erz in ihrer Brust; sie wußte nicht, was sie vorhatte, und blieb einen Augenblick überlegend auf der Straße stehen. Ach ja, die Schwedenschanze!

Als sie dort ankam, stand die Sonne schon tief. Sie schritt in die Schluchten und Gänge, suchte mit den Augen und fühlte doch, daß ihre Seele weit von ihr fort war. Schälten sich dort nicht die Bäume unter dem Druck des brausenden Saftes? Hing es nicht im Birkengeäst wie eine Verheißung, und zogen nicht reihende Enten durch die Luft? Von fern kam der heisere Ruf der Reiher. Sie nahm das alles wie im Traum wahr. --

Dort! Güldenfey schrak zusammen. Dort unter dem Geäst niedriger Tannen, dicht an den Boden gedrückt, lag es dunkel und geballt. Ein Mensch? Nein, ein Bündel von irgend etwas Menschlichem, das ausgeworfen, verloren, vergessen sich hier verkrochen hatte. Sie blieb stehen, von Grauen geschüttelt. War er das? Sein langer Bart, seine Kleidung? Sie konnte nichts erkennen, denn vor ihren Augen bewegte sich ein Flimmerspiel.

Das Etwas rührte sich nicht. Der Reiherruf kam wieder vom Wasser her. Da erwachte Güldenfey, das Erbarmen war mächtiger als die Starre der Furcht. Sie trat näher. Ja, er war es. Leise rief sie: »Mellin!« Dann lauter, zuletzt wie in Angst: »Mellin!« Da rührte er sich.

Gottlob, er lebte. Und schon kniete sie neben ihm. Er hob den Kopf. O, dieses Gesicht! Der Tod hatte ihn nicht genommen, doch er mußte durch alle Grade des Sterbens gegangen sein und furchtbar gelitten haben.

»Mellin, was für Sorgen haben Sie uns bereitet!« sagte Güldenfey.

Er blickte sie abwesend an; nichts verriet, daß er sie erkannte.

»Aber jetzt ist alles gut, und wir gehen heim. Denken Sie doch an Ihre arme Frau! Können Sie sich aufrichten?«

»Nein!« Er schüttelte den Kopf, mühsam, wie heraufgestoßen klang seine Rede. »Ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lassen Sie mich doch umkommen.«

»Aber, Mellin!« Güldenfey wußte nicht, was sie sagte, sie dachte: nur auf ihn einreden, nur den Faden zerreißen, der ihn an das andre Ufer band. Und sie sprach von Mariechen und ihren Kindern; von der sorgenden Frau; sie sprach von ihm und dem Leben im Treßhof. Ach, was redete sie nur!

Sie wußte nicht, ob die Worte in den dunklen Grund seiner Seele fielen. Er hatte das Kinn auf die Brust gestützt, in Bart- und Haupthaar hafteten dürres Gezweig und grüne Baumnadeln, die Augen lagen blicklos wie versunken in ihren Gruben; aufgerissen klaffte der Rock.

»Mellin!« Ach, es war ganz gleichgiltig, was sie sagte. Aber das, was ihr die Worte eingab, war stärker als der Tod, dem er nachlief, das fand die irrende Seele und rief sie aus den Gefilden der Verzweiflung zurück. Sie sah es, er merkte auf, und dann kamen ihm die Tränen.

Durch die Dämmerung des zeitigen Frühlingsabends führte Güldenfey Mellin in den Treßhof zurück.

Das Konzert der Armen

Jörg also wollte kommen und spielen.

Alle, zu denen Güldenfey davon sprach, hatten abgeraten. Wie viele Künstler irrten von einer Stadt zur andern, zogen den schäbig gewordenen Frack an, lächelten, verneigten sich dankend, gaben ihr Bestes und zählten aus dem Ertrag nur so viel heraus, daß sie die Unterkunft und vielleicht noch die Weiterfahrt bezahlen konnten. Ihr Lächeln und Verneigen war nur die stumme Bitte: Laßt mich nicht verhungern! Doch satt wurden sie selten.

»Aber es ist ihm ja nicht um den Verdienst zu tun«, sagte Güldenfey zu Onkel Rolf, dem sie den Plan vorgetragen hatte, denn mit Malte, der mehr denn je in der Siedehitze der Geschäfte steckte, war davon nicht zu reden. »Bedenke doch, er will die Menschen erfreuen und beschenken!«

Onkel Rolfs Finger strich bedächtig das Kinn. Ein Künstler, der nicht verdienen wollte, war ein Unding. »Es hat jetzt keiner die Zeit, sich zerstreuen zu lassen«, entschied er. »Was macht ihr, wenn niemand erscheint?«

Ja, das war freilich zu erwägen. Am liebsten hätte Güldenfey allein gelauscht. Doch Jörg ...

Sie ging zu Klaus, der jetzt mit der Witwe verehelicht war und in der kleinen Villa an den Teichen nach flüchtigen Honigwochen und längeren Reisen das übliche Rentnerdasein dieser Zeit führte. Sein etwas mürrischer Rat war noch weniger tröstlich. Sie teilte ihre Besorgnisse Jörg mit.

Nach wenigen Tagen erhielt sie seine Antwort: er werde trotzdem kommen und das Cembalo mitbringen. Genaue Anweisungen waren beigefügt, und er bat Güldenfey, alles vorzubereiten. Güldenfeys Herz erglühte. Ja, das war Jörg! Und wie er es vorgeschlagen, so sollte es werden.

An einem Morgen trugen viele Straßenecken der Stadt eine gedruckte Bekanntmachung, zu der die Leute die Hälse aufreckten.

»Alle Armen und alle, die diese Zeit müde und traurig gemacht, ladet Jörg Treß zu einer ruhigen Feierstunde ein.« Zeit und Ort waren darunter bezeichnet.

Es ging ein Raunen durch die Stadt. Die Einladung lockte, begrenzte und schloß aus. »Schade!« sagte Frauke. »Ich hätte gern mitgemacht. Nun aber ...«

Malte verließ sein Haus, schritt über den Markt und las. Etwas in ihm empörte sich, aber er verschloß sich. Das da war keine ausgeklügelte Anpreisung, sondern ehrlich gemeint. --

Der große Saal lag im Dunkel spärlichen Kerzenlichts, nur auf dem Chor vor der Orgel und auf der Erhöhung am andern Ende des Raumes war es hell. Hier stand ein Pult neben dem Cembalo. Es duftete nach Veilchen und frischem Grün. Lange vor dem Beginn stand Güldenfey, schlicht gekleidet, aber im Schmuck ihrer lichten Schönheit, an der Tür, die Gäste zu empfangen.

Sie kamen leise die weite Treppe herauf und traten scheu spähend an die Tür. Es war ziemlich dunkel darinnen, sah gar nicht nach den funkelnd prahlenden Sälen aus, in denen man festete und feierte; aber so war es gerade recht: eins sah nicht das andre. Man war keinen neugierigen Gafferblicken ausgesetzt, man fühlte sich allein mit den schweren Gedanken, die man am liebsten aus einem Dunkel in das andre trug, und konnte doch des Kommenden harren, dem man alle Sorgen preiszugeben entschlossen war.

»Ist hier das Konzert?«

Wie wußten sie nur, daß sie zu einem Konzert geladen waren? Davon hatte die Verkündigung doch nichts gesagt.

»Gewiß, gewiß; kommen Sie!«

Und Güldenfey führte sie ein und wies ihnen die Plätze an. In Scharen kamen sie! Wenn Onkel Rolf das gesehen hätte! Alte Mütterchen und gebückte Greise; Frauen im Schulterschal, die Schürze vorgebunden; Männer, die das Tuch um den mageren Hals geknotet trugen und denen ein wenig Armeleuteduft aus den Kleidern stieg; magere Gesichter, die in dem Dunkel sorgenvoller Nächte gebleicht waren, und gefaltete Stirnen, die den narbigen Mauern lange belagerter Städte glichen. Doch nicht die offen Gezeichneten kamen nur. Da waren auch die Rentner aus den kleinen Landhäusern, die ihre Öfen mit dem Sammelreisig heizten, das sie im Stadtwald schamhaft auflasen, und die auf den kleinen Blumenbeeten ihrer Gärten mühsam eine geringe Kartoffelernte hüteten. Da waren auch die Frauen, die das verjährte Festkleid, das ihnen kein Händler mehr abkaufte und das sie doch einst in Glanz und Schimmer getragen, aus dem Schrank genommen hatten, um sich für diesen Abend zu schmücken. Ihre Armut war nicht augenfällig; man mußte auf die Falten um die Augen, auf den eigentümlichen Zug ihres Lächelns achten, um die Wunde zu entdecken, die die zerknitterte Seide verbarg.

»O Herr Oberst, Sie auch!« rief Güldenfey.

Er führte seine Frau am Arm, der Kavalier einer vergangenen Zeit, dessen Gruß immer eine Huldigung war.

»Die Feierstunden sind rar«, antwortete Helf. »Man darf sich keine entgehen lassen.«

Zaghaft wie jemand, der heimlich unterschlüpfen will, erschien auch Frau von Ebel. Ihre Augen irrten an den andern vorüber: O, so viele Fremde! Aber Güldenfey empfing sie und leitete sie behütend an einen verborgenen Platz.

»Wieviel kostet es?« fragte eine dürftige Frau. Ihre Hand suchte emsig in der Tasche.

Güldenfey brauchte einen kleinen Aufwand an Worten, um sie zu überzeugen, daß wirklich nichts gefordert würde.

Der Saal war gefüllt, sie standen an den Wänden und in den Gängen und warteten geduldig. In dem schwachen Kerzenlicht fühlten sie sich schon in ausruhender Geborgenheit, und der Atem der Erwartung durchdrang den hohen Raum. Dann kam Jörg. Er trat nicht auf, sondern ging schlicht zum Pult und grüßte die Lauscher mit natürlicher Bewegung.

»Es freut mich, in meiner Vaterstadt zum erstenmal meine Kunst ausüben zu dürfen«, sagte er. »Aber diese Freude wäre nicht völlig, wenn ich Ihnen damit nicht ein Geschenk machen dürfte: ich möchte Sie ein wenig aus dem sorgenvollen Dasein führen.

Es gibt in Flandern alte Städte, um deren Dome und prächtige Gildehäuser immer eine leise Angst und Bangnis ist. So ist auch die große Stadt, die wir Zeit nennen, voll von Ängsten um unser Bestehen, und die meisten sagen, das ist die Wirklichkeit. Die Fieber unsers Blutes erregen uns so, daß wir den großen Pulsschlag des Ewigen nicht mehr vernehmen. Aber glauben Sie mir: das Wirken des Geistes ist allein die Wirklichkeit, und unsre Ängste, Bekümmernisse und Sorgen, das ist nur spukhafter Schein. Folgen Sie mir aus dem Scheinhaften in das wirkliche Leben, und Sie werden glücklich sein.«

Das Cembalo sang in leisen silbernen Tönen, freundlich und heiter wie eine fröhliche Kinderstimme. Ist es wirklich nicht wahr, daß die Sorgen unsrer Tage und Nächte, denen alle diese willenlos überliefert sind, das Wirkliche darstellen? dachte Güldenfey. Liegt das wahre Leben doch jenseits des Täglichen, das mit seinen Geräuschen unser Blut beunruhigend füllt?

Sie blickte in die Gesichter der ihr zunächst Sitzenden; ihr schien es, als glätte sich alles, was ihre Züge verhärtet hatte. Sie hörten freilich nur eine feine Musik, aber in ihnen klang das gesprochene Wort nach, das die Töne zur Brücke gestaltet hatte.

Eine Frauenstimme sang ein Lied, das Jörg geschrieben und vertont hatte. Die Sängerin war mit ihm gekommen, und Wort und Ton gingen wie Sterne über die Stadt der Zeit.