Part 11
Es war augenfällig: sie waren vor ihr geflohen, sie wollten nichts mit ihr zu schaffen haben. Am Vormittag mußte es geschehen sein, und schon nahmen andre von dem traurigen Raum Besitz. Güldenfey sprach auf die Frau ein, aber die wiederholte in ihrer derben Art, daß sie nichts wisse. Also vergeblich! Güldenfey blickte in das unwohnliche Zimmer. Einige Burschen standen dort und ließen die Flasche kreisen.
Der Wirt konnte keine Auskunft über den Verbleib der Familie Jobst erteilen, auch die Polizei konnte es nicht. Güldenfey war enttäuscht. Was hatte sie geben wollen! Und man nahm es nicht an, man zeigte, daß man trotz alles Elends der Hilfe nicht bedürfe, die so spät kam.
Und dennoch sollte sie ihnen kommen! Güldenfey beschloß, so lange zu suchen, bis sie gefunden hätte. Hanna Wilkens mußte ihr helfen. Und sie ging und fragte unermüdlich und fand mehr als sie suchte.
* * * * *
Was für ein furchtbares Gesicht war es doch, in das Güldenfey blickte! War dies das Antlitz des deutschen Volkes? Wie Metalle in der Erde die Gewächse des Bodens in Form und Farbe anders gestalten, so hatte die Not verändernd auf das Gepräge der Menschen gewirkt. Die Starre war da, das Seelenlose.
Stieg Güldenfey, einer gewiesenen Spur folgend, die düstere Stiege eines Hinterhauses in der Sachsenvorstadt empor, dann grinste es sie teuflisch an.
Aus der Tiefe des Treppenschachtes drangen die rauhen Laute eines Zwiegesprächs bis zu ihr empor, während sie Atem schöpfend vor einer Tür stand.
»Kommst du morgen mit uns?«
»Nein. Am Sonntag muß ich die Papierhaufen durchzählen, die ich in der Woche verdient habe.«
Ach ja, sie trugen den Verdienst in Geldbündeln, mit denen sie die Taschen vollstopften, heim, warfen es für Nichtigkeiten wieder aus und lebten in den Tag hinein.
»Mach, daß du es los wirst«, riet die erste Stimme. »Wer weiß, was es am Montag noch gilt!«
Eine grelle Musik setzte ein. Im Untergeschoß befand sich eine Filmbühne; in dem Saal des Nachbargrundstücks wurde getanzt. Die Melodien der beiden Spielbanden schrien widereinander; dazwischen das jauchzende Aufkreischen einer Frauenstimme.
Güldenfey klopfte an. Schlurfende Schritte; dann wurde geöffnet.
»Können Sie mir wohl sagen, ob eine Frau Jobst hier im Hause wohnt? Der Mann ist krank, ein kleines Mädchen gehört zu ihnen.«
Wie oft hatte sie diese Frage getan!
Der bärtige Mann schob den Kopf vor, um die Fragende zu mustern. »Kenne ich nicht!«
Güldenfey gab genauere Angaben: der Mann sei Monteur, das Kind trage einen blonden Zopf.
Der Mann schüttelte den Kopf. »Machen Sie um diese Zeit noch Nachfragen, Fräulein? Lassen Sie das lieber! Wenn Sie auch von der Fürsorge sind, es könnte Ihnen was passieren.«
Güldenfey dankte und ging. Die Tür wurde geschlossen. Im Hinabsteigen blieb sie an dem Treppenfenster stehen und blickte in den schmutzigen Hof hinab. Tanzmusik und Bühnenmusik schrillten noch immer widereinander. Die Hinterwand des Hauses stand buntscheckig wie ein Bühnenstück unter dem erlöschenden Abendhimmel: der Verputz war in großen Stücken abgebröckelt, und keine Hand hatte sich gerührt, die großen Wunden der Wände zu verstreichen.
Und was zerbröckelte erst hinter den Türen dieser vielen Wohnungen, in die jetzt Güldenfey so oft schaute! Ja, wäre es nur der Hausrat allein gewesen! Doch die seelischen Werte, die verloren gingen, zu zählen, fand sich keiner. Die Starre, das Seelenlose nahm überhand, das Leben wurde mechanisiert.
War das der Giftodem des Tieres, das aus dem Meer stieg? Die große Lüge, von der die Schreier selbst glaubten, daß es die Sorge um das Wohl eines entrechteten Standes sein sollte, war nichts als Gottesfeindschaft und Streit wider den belebenden Geist?
Traurig kam Güldenfey an jedem Abend heim, wenn sie wieder nicht gefunden hatte, was sie suchte. O, sie wußte wohl, daß sie trauriger wurde durch das, ~was~ sie fand.
Einmal traf sie Oberst Helf auf der Straße. Er trug eine Blechkanne und war ausgegangen, um für seine kranke Frau etwas Milch zu kaufen. Er war von einem Laden in den andern gewandert und hatte nichts erhalten. Da, wo Milch vorrätig gewesen, hatte man unerschwingliche Preise gefordert.
»O kommen Sie mit mir, wir wollen sehen«, sagte sie, fühlte in ihrer Tasche, ob die Geldmappe darinnenstak, und erwog, ob Ose wohl Milch übrig hätte, wenn sie nicht fänden.
Sie suchten, und nach einer Stunde hatten sie ein wenig Milch eingehandelt und sie sogar bezahlen können. Der Oberst war glücklich und trug seine Kanne so stolz, als sei sie eine erbeutete Standarte.
»Nun darf ich mit Ihnen gehen und Ihrer Kranken einen guten Tag wünschen«, bat Güldenfey. Im stillen hoffte sie, daß sie Gelegenheit finde, ihm zu helfen.
Der freundliche alte Herr lehnte das Anerbieten nicht ab, aber die Blechkanne, die sie ihm abnehmen wollte, gab er nicht her. »Welche liebenswürdige Miene hat dieser Tag dadurch gewonnen, daß ich Sie traf!« sagte er. »Es fing heute morgen so verheißunglos an.« Und er erzählte, daß er unlängst ein Möbelstück verkauft habe, was man ja von Zeit zu Zeit tun müsse, um das Dasein zu fristen. Aber da sei das Steueramt gekommen und habe seinen Anteil an dem geringen Erlös gefordert. Heute morgen sei er dort gewesen, um vorzustellen, daß er das Geld nötig zu einer Anschaffung brauche; es war vergebens gewesen, man hatte ihm den Anteil entrissen.
Er blieb an einer Straßenecke stehen. »Lassen Sie mich hier Ihnen danken und Lebewohl sagen«, fuhr er fort. »Ich darf Sie doch nicht bitten, uns um diese Zeit zu besuchen. Meine Frau würde es vielleicht peinlich empfinden, weil noch nicht fertig aufgeräumt ist. Solange sie krank ist, muß ich für Ordnung sorgen, und da ich früh fortgegangen bin ...«
Güldenfey dachte: Welche Not spricht er mit diesen paar Worten aus! Ihr Herz lag ihr schwer wie Bergeslast in der Brust. »Wann werden diese Zeiten enden?« fragte sie.
Der alte Herr lächelte: »Weltnebelspanne, wissen Sie, was das ist? Das ist die Epoche des Drucks und der Pressung, in der sich im Weltenraum ein neuer Himmelskörper bildet. So vollzieht sich wohl jetzt eine Neubildung der Menschheit. Was tut es, daß wir wenigen den Wechsel mit unserm Herzblut bezahlen? Wir müssen glücklich sein, wenn wir ein bißchen Freude am Wege finden, wie ich sie heute durch Sie finden durfte.« Er verneigte sich ritterlich vor ihr, wie ein Junger vor der Dame seines Herzens: »Tragen Sie Ihr köstlich Gut weiter, Fräulein Treß. Bringen Sie auch andern noch ein bißchen Freude.«
Ein Kraftwagen fuhr schnell durch die Straße, hart am Fußgängersteig entlang. Die Pfeife schrillte brutal die Menschen an: Platz, Platz für mich! Der Wagen stieß an den Oberst, der ihn nicht sah; um ein weniges hätte er den alten Herrn umgeworfen.
Der Mann am Steuer warf das Gefährt herum und brachte es zum Stehen. »Zum Donnerwetter! Können Sie nicht aufpassen?«
Alle Männer im Wagen, die die Ledermütze in den Nacken geschoben und ihre Pelzmäntel geöffnet trugen, schalten auf den Mann, der ihre Fahrt verzögerte. Dann fuhren sie weiter.
Der Oberst sah ihnen still nach. Womit wucherten jene, die sich so breitmachten und die Straße für sich allein begehrten, mit Zucker oder mit Fetten? Oder verschoben sie Vieh? Es lohnte nicht, zu fragen, auf welche Art die Leute in dieser Notzeit reich wurden. -- Geschmeiß!
»Wir werden kein Volk mehr sein, wenn es so fortgeht, nur eine Masse«, sagte der alte Herr. »Aber trotzdem« -- und nun verklärte das freundliche Lächeln wieder sein im Schreck erbleichtes Gesicht --, »trotzdem tragen Sie ein wenig Freude weiter aus, mein liebes Fräulein!«
Ja, das wollte Güldenfey, und sie suchte weiter und ließ ihren Mut nicht verkümmern, als Woche um Woche verging, ohne daß sie Frau Jobst gefunden hatte. Sie würde sie schon entdecken, und es lag ja so viel am Wege, was auch des Findens wert war. Nur ein bißchen Freude! wiederholte sie täglich, wenn sie am Morgen ausging.
Es wurde ihr schwer, die Stadt auf einige Wochen im Sommer zu verlassen und nach Heilisoe überzusiedeln. Aber Harro hatte sie gebeten, Marfa zu begleiten. Er reiste in einer politischen Sendung nach Norden, und Marfa war stiller als je. Es war undenkbar, daß man sie allein auf der Insel gelassen hätte, das sah Güldenfey ein.
Doch Heilisoe bot ihr nicht die Ruhe wie einst. Nein, gewiß nicht, sie schaute nicht nach den gewaltigen Türmen aus, die an sonnenhellen Tagen im Süden aus dem Dunst der Ferne auftauchten; sie bemühte sich, nicht an ihre Armen dort zu denken, und war um Marfa eifrig bemüht. Doch alles, was sie einst so erfreut und was ihr Jörg gedeutet hatte, weckte in ihr die Sehnsucht nach dem Bruder, der seit drei Jahren nicht heimgekommen war.
Was hatte er an dieser Stelle gesagt, wo sich die blauen Glockenblumen über den Rand der narbigen Dünenwand neigten und die silbergrünen Ölweidenbüsche sich fest an den Abhang klemmten? Und hatte er nicht die Insel mit einer Brücke, aus der Zeit in die Ewigkeit führend, verglichen, als sie am Abend droben auf den Königsgräbern standen und das unruhige Zucken des Blinkfeuers über das Land huschte? Und die Käuzchen schrien um die Dämmerungzeit wie damals, und der Wind griff wieder mit lichtfrohen Händen in das Gewölk und zerrte den grauen Flaus, den er zerrissen, auseinander.
Ja, es war alles wie einst, aber es fehlte Güldenfey der Mund, der diese Sprache gedeutet hätte. Es wäre so gut gewesen, wenn sie das, was sie empfand, hätte ausdrücken können, schon um Marfas willen, die so schweigsam wurde.
Marfa liebte nicht den nördlichen Strand, wo sich die hohen zerrissenen Dünenwände gegen die brausende Flut stemmten, von wo aus man in die ungemessene Ferne blickte, aus der vor vielen Jahrhunderten auf hochgeschnäbelten Schiffen die Väter gekommen waren. Marfa suchte viel lieber das südlich gelegene Flachland auf, um das der Gesang des Meeres gedämpfter klang.
Da war die Heide, deren Färbung, blaßviolett wie in der Sonne verblichener Samt, dem Lande ein kränkliches und doch ehrwürdiges Aussehen verlieh. Wo die Narbe des dürren Pflanzenwuchses fehlte, schimmerte grell der weiße Sand, von harten silbernen Gräsern gesäumt. Oder es blinkten wie verschlossene Augen tintenschwarze Wassertümpel aus dem Binsenkranz. Ganz vereinzelt drückten sich in Sandmulden zwerghafte verbogene Föhrenbüsche oder winzige Weiden, die wie silberne Myrten erschienen, und denen der immer hastige Wind kein Wachstum gestattet, sondern nur ein bescheidenes Vegetieren.
Hier fühlte Marfa sich wohl, hier konnte sie tatenlos liegen und in die Ferne schauen. Iphigenie! dachte Güldenfey.
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
War das immer noch ungestillte Sehnsucht nach dem Manne, den sie in dieser Fremde gewonnen hatte und doch nicht besaß? Güldenfey erschien es zuweilen, als sei dies Verlangen nach Harro nur der Name für Tieferes, Unausgesprochenes, was die Seele dieser Frau in sich barg.
Es war gut, daß Hanna Wilkens da war. Ja, das hatte sich Güldenfey ausbedungen: dieses kleine verblichene Nähmädchen sollte zu seiner Erholung einige Wochen in Sonnenschein und Seewind gebadet werden. Malte hatte Bedenken geäußert, aber Frauke hatte in ihrer Art die Schultern gehoben und gesagt: »Warum nicht?« Damit war es entschieden gewesen.
Hanna Wilkens blühte auf, daß es eine Freude war. Sie wollte durchaus etwas arbeiten, doch das litt Güldenfey nicht; sie sollte stilliegen und höchstens Güldenfey Rat erteilen, was man tun könne, um den Armen in der Stadt zu helfen.
»Die Armen!« sagte sie. »Ach, die wohnen nicht allein in den Häusern der Sachsenvorstadt, die Sie aufsuchen, Fräulein Treß. Aber die alten Stiftsdamen in den Klöstern und die Weiblein und Männlein in ihren verräucherten Stuben leiden bittere Not. Sie leiden vor allem darunter, daß niemand sich um sie kümmert.«
Güldenfey hob beide Hände: »Ich wollte ihnen allen helfen, aber ...«
»Sie, Fräulein Treß?« sagte Hanna und sah Güldenfey gläubig an. »Sie dürfen nur lächelnd und mit einer Blume zu ihnen ins Zimmer treten, und alles ist gut.«
Ein wenig Freude! dachte Güldenfey. Und sie dachte an den Garten hinter der Mauer. Hatte sie nicht schon früher die Blumen in ihm für arme sonnenlose Zimmer gepflückt? Sie konnte es kaum erwarten, bis die Stunde schlug, in der Telge mit dem Boot kam, um sie abzuholen.
* * * * *
Sie nannten ihn den vergessenen Garten, weil er, von wenigen gekannt, in einem abseitigen Winkel der alten Stadt lag. Gegen das Meer zu deckte ihn der Rest der wehrhaften Stadtmauer, und der Chor der alten Klosterkirche St. Johannes Evangelist sah von der andern Seite aus altersdunklen hohen Fenstern auf ihn herab. Dann war noch eine Hauswand da, aber von Süden her hatte die Sonne ungehindert Zugang zu ihm.
Wer ihn aufsuchen wollte, mußte die Winkelgänge des alten Klostergebäudes kennen und sich in dem Gewirr der Stiegen und Häuschen zurechtfinden, die willkürlich und nach jeweiligem Bedarf hier errichtet waren. Der Großvater Treß hatte ihn von der Stadt übernommen; keiner hatte sich um ihn gesorgt, bis Güldenfey ihn entdeckt und als Ziergarten mit Mellins Hilfe hergerichtet hatte.
Mellin, der etwas von der Gärtnerei verstand, wirkte hier unermüdlich. Zwar war er in den mageren Jahren wiederholt an Güldenfey mit dem Vorschlag herangetreten, man müsse Gemüse bauen. Doch dann hatte sie ihn nur angeblickt.
»O, Mellin, meine Blumen, meine Freude!«
Im Frühling, wenn die Sonne die Höhe ihrer Bahn noch nicht beschritten, war das Blühen in dem vergessenen Garten spärlich. Aber welche Zier begrüßte Güldenfey, als sie von Heilisoe zurückkehrte! Das wilde, inbrünstige Blühen des Sommers war zu ihrem Empfang bereit: Löwenmäuler schwefelgelb, purpurn und elfenweiß; Strohblumen von tiefem Blutrot; Rudbeckien, Astern und Georginen schufen ganze Wolken von Bunt um den violenfarbenen Phlox; Stiefmütterchen, späte Rosen und besondere Veilchen blühten, und die zarten Lackfarben der Gladiolen schimmerten wie fließendes Wachs.
In der tauigen Frühe des Sonntagmorgens war Güldenfey schon dort. Sie hatte sich Hanna Wilkens und eine ihrer Schwestern bestellt, die die Sträuße binden sollten, die man später austragen wollte. Sie selbst schritt wählerisch unter ihrem Reichtum umher und schnitt Verbenen, Zinnien und Studentenblumen, dunkelblauen Eisenhut und Honiggold. Und jede Blume, die sie schnitt, empfing einen Wunsch, den sie weitertragen sollte.
»Hanna, hier müßten Sie noch eine brennend rote Salvie dazutun, damit es leuchtender wirkt. Und dieser Levkoienstrauß sollte noch ein paar Kosmeen oder Geißblumen tragen.«
Kresse, Astilben und die Wicken am Zaun, deren bunte Blüten wie Schmetterlinge in der Luft schwebten, gaben unerschöpfliche Reichtümer her.
Dann gingen die Mädchen, und Güldenfey blieb allein, während das Geläut der Glocken wie Bienensummen über die Stadt zog. Nur die Klänge von St. Johannes sanken hallend auf die Blumen des vergessenen Gartens und überließen sich hier erst dem Wind, der von der See kam.
Der vergessene Garten! Güldenfey setzte sich auf die Bank und sann. Dort oben hinter den Fenstern der Häuschen und der Klosterräume wohnten die alten Männer, deren Leben lautlos verrann. Einige von ihnen erhoben sich noch am Morgen von ihrem schlaflosen Lager, rückten den binsengeflochtenen Stuhl zurecht und strickten Strümpfe und Netze. Andre aber zogen die Ärmelweste an und saßen, ihre Arme auf die Knie gestützt, den Tag über auf dem Bettrand, und während sie das bärtige Gesicht in den Falten ihrer schwieligen Hände verbargen, warteten sie auf den Tod. Zuweilen erhoben sie sich und schauten mit unbewegten Mienen in den blühenden Garten hinunter, der ihnen seine Düfte und Farben entgegenhob. Was an Gedanken mochte durch diese altersweißen Köpfe gehen? Oder ob sie mehr nicht dachten als das eine, daß der Tod sie vergessen habe, wie das Leben diesen blühenden Gartenfleck?
Und ergraute Damen waren dort drüben mit Löckchen vor den Ohren, dünnen Ringen, die verschlissene Türkisen faßten, auf den welken Fingern und mit erloschenen Augen. Das Alter hatte ihren Gestalten die Zierlichkeit jugendlicher Jahre wiedergegeben, aber die Not der Zeit hatte ihre schwarzen Abendmahlsgewänder fadenscheinig und grau gemacht. Und auch sie saßen, wenn der Wind vom Meer nicht durch die morschen Rahmen blies, auf ihrem Fensterplatz, und an warmen Sommerabenden öffneten sie einen Flügel und lehnten sich ein wenig hinaus, um in ihr welkendes Dasein etwas von dem Nelkenduft ihrer blumigen Mädchenzeit fließen zu lassen. Aber sie waren wie die rostigen Schlüssel der weihnachtlichen Bescherungstuben, die man von außen verschließt: sie sehen, wenn sie in das Schlüsselloch gesteckt werden, alle Herrlichkeiten dort innen und kommen doch selbst nicht hinein. Wenn die Sonne sank, schlossen sie das Fenster wieder, wanden die Gewichte ihrer Uhren auf und lauschten auf die blechernen Schläge bis Mitternacht. Und vielleicht kam dann zögernd der Schlaf und schenkte ihnen einen Traum.
Es ist alles nur ein Warten, dachte Güldenfey, bei diesen und jenen, bei Marfa und den hungernden Menschen. Auch bei mir? Nur ein Warten?
Güldenfey horchte auf. Kamen da nicht Schritte, und hatte die Pforte nicht geknarrt? Als sie den Kopf wandte, erkannte sie Thomasius, der hell und grüßend auf sie zukam.
»Störe ich auch nicht Ihre Sonntagsfeier?« fragte er.
»Aber Sie?« fragte Güldenfey. »Es ist doch die Zeit des Gottesdienstes!«
Er erklärte, daß er heute frei sei und die Alten besucht habe, denen der Gang zur Kirche beschwerlich war.
»O das ist schön!« rief sie. »Gerade habe ich an die Altersschwachen gedacht und was ihnen das kümmerliche Lebensrestchen noch bedeutet. Wir haben für sie die Blumen dieses vergessenen Gartens gebunden.« Sie deutete auf die Sträuße, die im beschatteten Gras lagen.
Thomasius sah nicht die Blumen, er blickte Güldenfey an, und in seinem bewundernden Blick war etwas, das sie verwirrte. Was er nicht aussprach, das sagten seine Augen: Du selbst bist der vergessene Garten, aus dem vielen eine reiche Labe fließt. »Ich besitze etwas, das ich Ihnen bringen wollte«, sagte er. »Nun sah ich Sie hier vom Fenster aus und dachte, es Ihnen gleich zu geben. Es ist mir eine Genugtuung, der Freudespenderin einmal auch Freude machen zu können.« Er entfaltete ein Zeitungsblatt und reichte es ihr. »Von Jörg Treß wird über sein letztes Konzert berichtet. Lesen Sie, wie warm und anerkennend!«
Er beobachtete heimlich ihr Gesicht, während sie las. Die rote Welle der Freude stieg in ihre Wangen und höher, bis an die Wurzeln ihres lichten Haares. Es war, als teile sich ihm ihre Empfindung mit und ziehe seine Seele an die ihre. Du Feine, du Güldene! dachte der Mann.
Als sie am Ende war und tief atmend aufblickte, nahm er das Blatt und wandte es um. »Noch etwas«, sagte er.
Ein Artikel: Vom ungelebten Leben! Und Jörg Treß zeichnete als Verfasser.
Ja, sie wußte darum, wie Jörg seine Kunst ausübte; aber hier sprach er es klar und schön aus und stellte es allen als sein hohes Ziel vor: Keine Folge blendender Musikvorträge in den Konzerten, bei deren Anhören sich einige etwas, die meisten nichts dachten, sondern die Perlen großer Meister ausgereiht auf das vermittelnde und bindende Wort des Vortragenden in gewählter Form. Erst wenn die Kunst wieder gottesdienstliche Handlung wird, erst dann werden wir ihr Wesen erleben.
»Wie wahr ist alles, was er sagt!« rief Güldenfey. »Er hat große Gedanken und ein reines Herz. O, ich liebe ihn!«
Sie sagt es inbrünstig wie eine Braut, dachte Thomasius, und eine kleine eifersüchtige Regung schwoll in ihm auf. »Sagen Sie das nicht«, bemerkte er lächelnd.
Sie blickte ihn verwundert an.
»Es könnte eines Tages jemand des Weges kommen,« fuhr er ohne scherzenden Beiklang fort, »der stillsteht, wenn er Sie sieht, und anklopft. Ich glaube, er wäre traurig, wenn er die Tür verschlossen fände, in die er einzutreten wünscht.«
Güldenfey sah in ihren Schoß. An ihrem Kleid haftete noch ein Stiefmütterchen; sie nahm es und drehte den Stengel zwischen ihren schlanken Fingern. Dann schaute sie auf und erkannte, daß seine Worte bedeutsam waren. »Wer glaubt, hier anpochen zu müssen,« sagte sie ruhig, »wird wissen, daß er alle, die schon darinnen sind, nicht ausweisen darf.«
»Nicht ausweisen!« entgegnete er zögernd. »Aber --«
Sie wiegte langsam den Kopf. »Es hieße an dem Reichtum der Liebe zweifeln.«
»Sie haben völlig recht!« sagte er überzeugt. »Wollen Sie mir das Stiefmütterchen wohl schenken?«
Güldenfey reichte ihm die Blume und erhob sich. Sie ging den Gartensteig entlang und bückte sich nach den Sträußchen. Dann kam sie wieder zurück. Seine Blicke umfingen zärtlich diese schlanke, lichte Mädchengestalt, die voll reifen Frauentums war.
»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie, und er erhob sich, um sie zu begleiten.
Advent
So voll Sorge und Bangigkeit war noch kein Winter gewesen wie dieser, der jetzt anhob, auch jener nicht, da deutsche Heere in bitterem Streiten vor dem vielköpfigen Feind lagen und die in der Heimat Darbenden von Rüben lebten. Es war jetzt alles unsicher, und keiner konnte von heute auf morgen sehen, weil ein Dunkel, ärger als der dickste Nebel, die nächste Zukunft verbarg.
Und trotzdem nahte Weihnacht, und ein zaghaftes Gefühl der Hoffnung schlich sich schüchtern in die trostlose Welt; ein ferner Glanz aus alten Weihnachtstagen kam und hängte sich an die Ketten aus Silberschaum in den Schaufenstern, und der deutsche Wald sandte seine jungen Bäume, daß sie am Lichterfest in den Stuben dufteten, und die Glocken ließen ihr Klingen über die Stadt gehen, arm und einstimmig, aber doch in der alten Weise.
Der vergessene Garten lag unter Frosthauch und Schnee und gab nichts mehr her, was Güldenfey hätte in die Stübchen der Alten tragen können, in denen sie nun dicht vermummt neben dem kalten Ofen saßen, und wo der Hauch am Mund gefror. Wärme und Licht, ja, das schuf sie ihnen, soweit ihre schmalen Mittel reichten. Aber ein wenig festliche Freude!
»Was könnten wir ihnen bringen?« fragte sie Hanna Wilkens.
Doch die kleine Näherin wußte keinen Rat. Es ging alles nur auf die Geldmittel, die schon für den nötigsten Bedarf nicht zureichten.
Plötzlich kam Güldenfey ein glücklicher Gedanke, der sie mitten in der Nacht vom Lager auftrieb. Sie hatte wach gelegen und auf das Heulen des Windes gelauscht, der in dem Speicher rumorte. Wie wäre es, wenn wir ihnen etwas singen könnten? Es hatte sich um Hanna Wilkens ein Kreis Jugendlicher gebildet, der die alten Weihnachtlieder übte, um sie bei der Bescherung vorzutragen. Sollten sie nur einmal gesungen werden?
In der Frühe der beiden letzten Adventsonntage zog durch die Straßen der Stadt ein seltsamer Zug: sechs verhüllte Gestalten, von denen eine die buntfarbene Laterne trug; die andern hielten Tannenzweige wie Palmenwedel in den Händen. Der Zug ging trotz der Schneewehen, die der Wind aufgehäuft, durch Düsternis und heimliches Grauen durch die Stadttorbogen dahin, wo die verbogenen Häuschen der Armen standen, und machte an einer Ecke halt. Plötzlich klang es von jungen Stimmen gesungen:
=In dulci jubilo=, Nun singet und seid froh!
Zwischen den hohen Häusergiebeln kreischte und stöhnte der Wind, der Kreuzgang von St. Johannes war erfüllt vom Rauschen des Meeres. Aber die Stimmen, die den alten Christgesang trugen, waren stärker und füllten die Straße.
Es war ein staunendes Horchen hinter den Fenstern; dann tastete eine Hand nach dem Zündholz, eine schwache Kerze flammte auf, und während vorsichtig der Vorhang des Fensters zurückgeschoben wurde, erschien ein greiser Kopf zwischen den Spalten, spähte in das Dunkel, wo ein bunter Laternenschein zwischen dunklen Wesen glomm, und verschwand wieder. Die Kerze erlosch, der Ruhende kroch wieder in das wärmende Bett. Hände falteten sich, Augen flossen über.
=Ubi sunt gaudia?=