Part 10
Seit jenem Tage, da meine Ehe in die Brüche gegangen war, haßte ich das Geld, und jeder Tag hat es mir bestätigt, daß die Geldherrschaft der größte Fluch ist, der jemals über die Menschheit gekommen ist; daß die wahnsinnigen Eroberer, die Millionen Menschen opferten, und die großen Pestzeiten nicht halb so verderblich gewesen sind wie der Mammonismus. Es ist nicht wahr, daß er die Triebfeder von Arbeit und Kultur ist. Er züchtet die Genußsucht, den Zerfall und verdirbt jede Arbeit, weil er ein Geschäft daraus macht!
Das sage ich, Therese Jobst, Frau des schwindsüchtigen Monteurs Jobst, verehelicht gewesene Frau Treß, geborene Freiin Horn, die durch alle Schichten des Lebens ging und keine, keine sah, die Erlösung bot.
Während des Krieges trug ich Zeitungen aus, half in Hausständen, flickte, nahm an, was sich fand. Dabei lernte ich meinen Mann kennen, als er auf Urlaub heimkam. Er war ein edler Mensch. Als er mir die Ehe mit ihm antrug, war ich gewiß, daß er es nicht seinetwegen tat, sondern um mir zu helfen. Was hätte er sonst an mir gefunden! Solche, die ihm Kartoffeln kochten und das Arbeitzeug flickten, hätte er in Menge haben können.
Ich schenkte ihm ein Mädchen, und dies Kind wird, wenn er längst nicht mehr ist, für mich die Erinnerung an die schönste Zeit meines Lebens sein.
Nun habe ich ausgesprochen, wie alles wurde. Vielleicht sind Lücken da, daß nicht jeder alles versteht, aber das ist nicht schade. Wer noch Ohren hat zu hören, der wird mich verstehen und auch das Leben dieser Zeit, von dem ich nur ein winziges Bruchstück bin. -- --
* * * * *
Kling! sagte die Glocke der alten Uhr. Der Arm des Mannes, der die Hippe trug, fiel herab und hob sich wieder. Es war ein Uhr.
Malte faltete die Bogen zusammen und lehnte sich in den Stuhl zurück. Durch die Osternacht ging ein Wind aus West, der strich hörbar an den Scheiben vorüber. Malte legte die Hand über die Augen, die vom Lesen brannten und das blendende Licht nicht vertrugen.
Was nun? Es war etwas in diesen Zeilen, das an sein Herz griff: ein Mensch, der redlich gerungen und in harter Fron seine Fehler und Schwächen gesühnt hat. Was sie hier geschrieben, war wohl ein echtes Bekenntnis, das keine Pose entstellte. Aber sie war nun einmal das Skelett im Hause, und das durfte man nicht durch Verbindlichkeiten an sich fesseln.
Und noch eins: das väterliche Gebot! Wie war es doch gewesen?
In den letzten Tagen vor seinem Ende hatte ihn der Vater zu sich beschieden. Alle andern hatten das Zimmer verlassen müssen, auch Güldenfey, die er sonst nicht von seiner Seite ließ. Irgendeine dringliche geschäftliche Verfügung! hatte Malte gedacht; doch es kam nichts von Geschäften.
»Pastor Thomasius wird heut nachmittag kommen, Malte, du weißt! Was ich ihm nicht sagen kann, will ich dir, meinem Ältesten und Nachfolger, beichten. Ich habe gegen euch und eure liebe Mutter ein schweres Unrecht begangen, als ich so bald nach ihrem Tode diese -- Person in das Treßhaus führte.«
»Es ist ja alles gut geworden, Vater,« hatte Malte gesagt; »du hast darunter genug gelitten und gesühnt.«
»Gelitten, ja; ob gesühnt, das weiß ich nicht. Es quält mich jetzt wieder stündlich. Wie konnte ich als ein reifer Mann einen so unbegreiflichen Schritt tun! Ich suche meiner Kinder Verzeihung, mein Sohn!«
Malte hatte die unruhigen Hände gefaßt und ihm trostreich zugesprochen, doch der Vater war danach nicht ruhiger geworden.
»Versprich mir noch eins!« hatte er weiter gesagt. »Ich mußte die Folgen meines Leichtsinns tragen, aber mit mir soll es begraben sein; ich will nicht, daß ihr noch darunter leidet. Wenn jemals jene Frau wieder auftauchen, sich an euch drängen sollte -- versprich mir, daß du nichts tust, was die Erinnerung an jene schmachvollen Tage wieder weckt. Laß tot sein, vertilge alles, was unsern Namen verunehrte.«
Es war ein heftiges Flackern in den Augen des Sterbenden gewesen, das war mehr als Selbstanklage, das war Haß. Sein war die Leichtfertigkeit, die ein unfertiges Mädchen zur Gattin wählte, aber jene hatte den ihr angetragenen alten Namen durch den Schmutz geschleift. Sie hatte recht: der Haß saß tief in den Treß. Weh dem, der ihn weckte!
Malte hatte in jener Stunde dem Vater alles gelobt, was er verlangte. Er verstand ihn so gut. Nun aber saß er hier, ein Richter, in dessen Brust die Ehrfurcht vor dem, was er versprochen, sich mühsam gegen die Menschlichkeit behauptete. Was sollte er tun? --
Als am ersten Werktag nach dem Fest das Nötige mit dem Prokuristen besprochen war, sagte Malte: »Herr Häberle, es könnte sein, daß jene Frau wiederkommt, die uns seit Tagen belagert.«
»Sie steht schon draußen vor der Tür, Herr Konsul.«
Schon? Sie war seiner sehr sicher, nachdem er sich einmal nachgiebig gezeigt hatte. »So lassen Sie sie eintreten.«
Häberle ging. Lächelte er nicht? Malte schämte sich seiner schnellen Bereitwilligkeit, die dem andern auffällig war. Sein Stolz versteifte sich. Er nickte hochmütig, als die Frau grüßend eintrat, und sah an ihr vorüber.
»Setzen Sie sich!« Seine Hand wies flüchtig auf einen Stuhl, der in der Nähe der Tür stand.
»Heute bin ich noch nicht ermüdet«, entgegnete sie.
Er wiederholte die Aufforderung nicht, so standen sie sich wieder räumlich getrennt gegenüber. Malte hatte ihre Blätter sorgsam gebündelt, man sah ihnen nicht an, daß er darin gelesen hatte. Mit einer Handbewegung schob er ihr die Rolle entgegen. »Sie geben selbst zu, daß Sie ein Recht, zu fordern, nicht haben«, sagte er. »Eine Forderung würde ich auch stets unbeachtet lassen. Was ich Ihnen sage, gilt nur Ihrer bedrängten Lage.«
Sie blickte ihn unentwegt an, und unter ihren Blicken wurde es ihm unbehaglich. Was redete er nur, wo jemand auf Brot wartete!
»Ich will Ihnen, der Frau Jobst« -- er hob das Wort bedeutsam --, »eine einmalige Unterstützung zuwenden, wenn Sie sich vertraglich verpflichten, auf meine Forderungen einzugehen.«
»Bitte«, sagte sie kurz.
»Sie versprechen auf ... Sie versprechen vertraglich sich nie wieder an mich oder an ein Glied meiner Familie mit einem Anliegen zu wenden oder sich auf alte Beziehungen zu berufen. Sie versprechen ferner, niemandem gegenüber Ihres früheren Zusammenhangs mit dem Hause Treß Erwähnung zu tun.«
Der Schein eines Lächelns glitt um ihren Mund, aber sie schwieg abwartend.
»Sie verpflichten sich weiter, die Stadt unverzüglich zu verlassen.«
»Das ist unmöglich«, sagte sie. »Mein Mann ist schwer krank, und ich verlasse ihn nicht. Und selbst wenn das nicht wäre -- wer nimmt uns denn auf? Jeder ist froh, wenn er einen Raum hat, wo er bleiben kann. Wenn ich ginge -- jedes Wohnungsamt ist imstande, meinen leidenden Mann auf der Straße umkommen zu lassen.«
Malte zuckte die Schultern: »Das ist das, auf das es mir eben ankommt.«
»Sie wissen genau, daß Sie Unmögliches fordern«, sagte sie. »Sie lassen mir die Wahl zwischen dem Hungertod und dem Tod im Gassenwinkel. Was soll ich tun? Wenn ich allein stände, gäbe es für mich kein Besinnen. Ich bin ja auch nur in diese verwünschte Stadt zurückgekommen, weil es für meinen Mann einst keine andre Verdienstmöglichkeit gab.«
Ihre Stimme zitterte unter Tränen. Malte sah verlegen vor sich nieder. Er wußte, daß diese Forderung ihr Pein bereiten mußte. Dennoch wollte er darauf bestehen. Es galt, sie dem Gesichtskreis der Seinen ein für allemal zu entrücken.
»Ich würde mich für Ihr Unterkommen an einem entfernt gelegenen Ort verwenden«, wandte er ein.
»Vor dem Wesen oder Unwesen von heute gilt das Wort des Konsuls Treß nichts mehr«, entgegnete sie schneidend. »Und wenn es etwas gälte -- ich kann einem, der nicht fern vor der letzten Reise steht, keinen Umzug zumuten. Oder geben Sie mir -- bis dahin Frist?«
»Sie müßten sofort gehen. Verstehen Sie mich: Sie allein!«
Sie stand unschlüssig im Widerstreit der Gedanken. Plötzlich ging es wie ein Aufzucken durch ihren Körper. Sie trat auf ihn zu. »Geben Sie mir meinen Brief!« sagte sie hart.
Malte blickte sie erstaunt an.
»Geben Sie mir den Brief wieder! Ich sehe, es ist vergeblich. Vielleicht findet er auf einer Behörde mehr Verständnis als bei Ihnen. Oder ich stehe morgen mit ihm an der Rathaustür, um zu betteln. Es lohnt nicht, zu verhandeln, während Menschen Hungers sterben.«
Sie nahm die Rolle und hielt sie hoch. Malte blickte sie jetzt wie gebannt an. Nun, da eine Glut sie durchströmte, erschien sie wie mit einem Schlag verändert; diese welken Gewänder ihres ärmlichen Aufzugs verschwanden völlig unter dem Glanz, der von ihrem Gesicht ausging. Das stolze Blut ihrer Ahnen war in der Dienenden aufgestanden und verschönte sie auf eine eigene Art. Mit der herrischen Gebärde einer aus dem Kerker kommenden Königin warf sie den Arm gegen Malte.
»Bisher war ich Ihre Schuldnerin, jetzt sind die Treß meine Schuldner!« rief sie. »Sie werden mich nicht wiedersehen, deren Freiheit Sie kaufen wollten, aber diese Stunde wird Ihnen keine Ruhe lassen, nie, nie, nie Ruhe lassen. Hier draußen auf dem Pflaster wird es auf und ab gehen, täglich, und wenn Sie glauben, das Glück, Ihr Glück zu ergreifen --«
Sie schwieg plötzlich. Eine Hand legte sich leise auf ihren Arm. Auch Malte war so benommen, daß er erst jetzt bemerkte, wie Güldenfey neben ihr stand.
»Bitte, sagen Sie ihm nichts Böses«, sprach Güldenfey. »Um Ihretwillen! Flüche fallen immer auf den zurück, der sie ausschickt.«
Beklommenes Schweigen.
»Malte, wer ist diese arme Frau?« fragte Güldenfey. »Können wir ihr nicht helfen?«
Sie erhielt keine Antwort. Malte hob wie abwesend die Schultern.
»Sagen Sie mir doch, ob ich etwas für Sie tun kann«, bat Güldenfey. »Wir haben uns schon einmal gesehen, ich erkenne Sie wieder.«
Die Frau starrte sie wie eine fremdartige Erscheinung an. Güldenfey lächelte ihr ermutigend zu. Und dieses ängstlich-herzliche Lächeln, das wie ein Geschenk war, zerschmolz Zorn und Starre zu gleicher Zeit.
Die Fremde wandte sich Güldenfey voll zu, beugte sich tief, tief vor ihr, wie man sich vor priesterlichen Menschen neigt, ergriff den Saum ihres Kleides und hob ihn an ihre Lippen.
Dann, ehe die Treßkinder sich ihres Erstaunens bewußt wurden, war sie verschwunden.
Der vergessene Garten
»Ose, ach, Ose!«
Die Alte stand unter leeren irdenen Töpfen und Glashäfen und bedachte, wie geringe Vorräte man in dieser Zeit habe und wie wenig im kommenden Sommer eingemacht werden könne. Da trat Güldenfey ein. Ose hörte es im Schwingen der hohen Stimme, sie sah es an der Röte auf des Kindes Wangen: es mußte Außerordentliches geschehen sein. Sie winkte gegen den Hinterraum der Kammer zu, wo ein Mädchen hantierte, band die Schürze ab und verließ mit Güldenfey den Vorratsraum.
»Was ist geschehen?« fragte sie.
Aber Güldenfey führte sie in ihr Zimmer und schloß hinter sich die Tür. »Die Frau!« sagte sie. »Ich traf sie bei Malte. Sie wollte etwas Schlimmes sagen, aber ich bat sie, es nicht zu tun.«
»Es geht ihr nicht gut«, murmelte Ose erschrocken.
»Und nun will ich wissen: Wer ist sie?«
Ose kniff die Lippen zusammen. Die kleine, sanftmütige, stets bittende Güldenfey, wie selbstbewußt und fast zornig stand sie da!
»Dein Bruder Malte kam aus deines Vaters Sterbezimmer zu mir«, sagte Ose. »Da hab' ich's ihm hoch und heilig versprechen müssen, daß ich es dir nie sagen werde.«
»Das ist nichtig!« rief Güldenfey. »Ich bin ja Zeugin gewesen von dem, was sie gesprochen haben. Sollen meine Ahnungen mehr sagen, als in Wirklichkeit geschehen ist? Und dann: Ich habe Malte bedrängt, es mir zu sagen, und Malte hat mich an dich gewiesen.«
»So, das hat er getan?« sagte die Alte. »Und was wird, wenn ich nicht will?«
»Dann, Ose,« sagte Güldenfey und hob die Hand, ihre Worte bekräftigend, »dann suche ich so lange durch die Stadt, bis ich sie gefunden, und frage sie selbst. Es ist etwas Dunkles da, das geht uns nach, und ich weiß jetzt, daß es mit ihr zusammenhängt. Ich will es sühnen.«
Ose wußte: wenn sie so spricht, dann gibt es kein Entrinnen. War die Stunde da, die die Erfüllung bringen sollte? Sie blickte lange durch das Fenster in den blauenden Himmel.
»Sie ist deines Vaters zweite Frau gewesen«, sagte sie dann im Flüsterton.
Güldenfey sah sie sprachlos an. Sie hatte immer auf dem Weg hierher die Furcht vor Schreckhaftem gehabt, dies hatte sie nicht erwartet, und sie erlag ihm. Langsam sank die erhobene Hand nieder und tastete nach der Lehne des nächsten Sessels. Ihr geliebter Vater! Wann war das geschehen? Doch vor der Zeit, da ihr Denken begann. O Mutter!
Ose kniete vor der Sitzenden und umschloß Güldenfeys Hände, die kalt wurden, mit den ihren. »Kind, Kind, nimm es nicht so arg, es ist ja längst Vergangenes! Du kennst die Männer noch nicht. Gerade jene, die am glücklichsten in der Ehe waren, sind nach dem Tod der Frau hilfloser und verwaister als die Lebensklugen. Sie können sich nicht zurechtfinden, lassen sich betören und werden unglücklich.«
»Ja, ja«, sagte Güldenfey langsam. »Nun, erzähle, Ose.«
»Ach, Kind, da gibt es viel zu sagen. Du sollst aber nicht denken, daß dein Vater das Andenken der lieben Mutter nicht geehrt hat. Er verzehrte sich völlig darin, ging täglich nach dem Friedhof, konnte sich nicht genugtun, ihre Briefe zu lesen und in ihrem Zimmer zu sitzen. Wir sorgten uns um ihn, wir dachten, er würde daran zugrunde gehen. Aber wir wissen alle wenig voneinander. Was Trauer heißt, ist oft nur aufgesammelter Lebenshunger.«
»Sprich doch weiter, Ose!«
»Ja. Du warst noch nicht ein Jahr alt, als er eines Tages sich ganz erregt zu Tisch setzte. Ich bekam einen großen Schreck, dachte: Um Gottes willen, er wird doch nicht anfangen, zu trinken! Es war wie ein Rausch über ihn gekommen. Später hat mir Mellin erzählt, wie alles gekommen ist und was an jenem Tage begann. Es kam damals fast täglich der Baron Usfeldt in die Stadt, ein Spieler und Abenteurer, dessen wilde Streiche im ganzen Lande erzählt wurden. Für nichts hatte er Sinn als für Pferde, und so fuhr er denn seine glänzenden Gespanne in unsern Straßen zur Schau. An diesem Tage kutschierte er auch wieder hier herum, und neben ihm auf dem hohen Selbstfahrer saß die junge Baroneß Horn. Es ist viel gesprochen worden von ihr und ihm und ihr und ihrem Vater. Ich weiß nichts mehr, hab' auch damals nicht darauf geachtet. Was gingen uns die fremden Leute an!
An jenem Tage begegnete ihnen dein Vater und muß von Stund an behext gewesen sein. Sie hatte rotes Haar, und wenn sie lachte, dann glitzerte etwas in ihren Augen, das war nicht von dieser Erde. Engelke hat gesagt ... Doch das gehört nicht hierher. Kurz, dein Vater war wie von Sinnen. Auf der Straße ist er stehengeblieben, sie hat ihn angelacht, und er hat dem Wagen nachgestarrt. Dann ist er in die Krone gegangen, wo der Muck Usfeldt ausspannte, hat sich mit ihnen in der Weinstube bekannt gemacht; danach ist er, den Kopf voll wirrer Gedanken, nach Haus gekommen.
Einige Tage ist er zerstreut umhergegangen, jeder von uns war daran gewöhnt und fand nichts dabei. Aber dann hat er sich aufgemacht nach Hanneshof zum alten Baron Horn. Dort hat er leichtes Spiel gehabt, denn es hat nicht acht Tage gedauert, bis er versprochen war.«
»Der arme Vater«, sagte Güldenfey. »Aber das Ende, Ose.«
»Das kam schnell genug, Kind, nach kaum einem Jahr. Sie taugte nichts. Vielleicht wäre sie an anderm Platz etwas Rechtes geworden. Bei uns war sie nicht am Platz. Der Reiz, daß der erste Mann der Stadt um ihretwillen sich und andres vergaß, verflog bald. Laß es genug sein!«
»Doch dies, dies!« sagte Güldenfey. »Sie ist arm und elend.«
»Sie hat geerntet, was sie gesät«, entgegnete Ose hart.
»Nein, das ist es nicht, Ose. Du kennst soviel vom Leben und bist doch so hart. Du solltest sie sehen, und du würdest Mitleid mit ihr haben.«
Die Alte schüttelte den Kopf. »Mitleid? Es gibt viel unverschuldetes Elend heute, das man bemitleiden muß. Diese aber, die sich für Geld verkaufte --«
Güldenfey erhob sich und nötigte Ose damit, auch aufzustehen. »Jörg hat mir einmal geschrieben: Wessen Liebe völlig sein soll, der darf nicht richten«, sagte sie leise. »Wenn sie sich verkaufte, so wurde sie auch gekauft. Und wir alle ... Ach, Ose, mir ist zuweilen so bang um uns! Wie oft Malte sich wohl verkauft und Harro und alle von uns, die ihre Geschäfte machen. Ich glaube, es ist viel Schuld da, nicht nur von alter Zeit -- du weißt, Balzer Treß, der fliegende Holländer! --, sondern auch aus jüngster Zeit, von Großvätern, Vätern und uns. Und das schwärt nun in dieser bösen Zeit aus.«
»Ja, ja«, sagte Ose. »Wolle Gott uns gnädig sein!«
»Ach, Ose, das sagen sie jetzt alle und seufzen und ringen die Hände. Aber das allein tut's nicht.«
Die Alte öffnete die kleinen Augen weit und blickte Güldenfey lange an. Ihr schien, als sei das Kind gewachsen und sei eine ganz andre, als sie vor kurzem war. »Was soll man tun?« fragte sie. »Was willst ~du~ tun?«
»Ich?« antwortete Güldenfey. »Ich werde gehen und die Frau suchen. Ich weiß nicht, was sie von Malte wollte, aber wer so ausschaut wie sie, der ist in Not.«
Ose hatte Einwände. Man müsse vorher Malte fragen; man dürfe sich jener nicht aufdrängen; sie sei es vielleicht gar nicht wert. Güldenfey käme in unliebsame Berührung. Endlich machte sie geltend, daß man doch nicht Haus bei Haus absuchen könne. Und den Namen der Frau? Ja, sie habe ihn wohl gehört, aber sie könne sich nicht besinnen.
Güldenfey schüttelte zu allem den Kopf. Sie fürchtete nichts, sie sah nur auf ihren Weg. --
Wenig später stand sie drunten in Mellins Wohnung. Der Packmeister stellte schnell die Pfeife, die er sich vor Tisch vergönnte, aus der Hand. Aber als Güldenfey die entscheidende Frage an ihn richtete, blinzelte er unsicher und gab vor, von nichts zu wissen. Um Dinge, die die Herrschaft angingen, kümmere er sich grundsätzlich nicht. Telge zu fragen, war nicht nötig. Aber Engelke! Doch auch Engelke versagte. In ihre klösterliche Abgeschiedenheit war wohl auch kaum etwas von diesen Ereignissen des Treßhauses gedrungen.
Aber als Güldenfey beim Fortgehen unter dem Torbogen des Heiligen Geist stand und etwas bänglich auf die volkreiche Straße am Binnenhafen hinaussah, kam ihr plötzlich das Gedenken an jenen nebelerfüllten Abend, da sie mit Engelke die Versammlung der Gemeinschaftsbrüder besucht hatte. Hanna Wilkens!
Sie fragte in dem Geschäftshaus, in dem die Näherin arbeitete, nach ihr. Nein, die Wilkens war hier nicht mehr tätig, doch man wußte ihre Wohnung. In einer halben Stunde hatte sie sie gefunden und ihr Anliegen vorgebracht.
Ja, die Blasse wollte ihr helfen und wußte auch sofort Rat. Die Straßenbahnverwaltung! Und dort sagten sie Güldenfey Namen und Wohnung der entlassenen Schaffnerin, auf die die Beschreibung zutraf.
Einkaufen, vieles einkaufen! dachte Güldenfey. Aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Gab das nicht zu Mißdeutungen Anlaß, wenn sie als Spenderin mit gefüllten Armen eintrat? Sie wollte zuerst Vertrauen gewinnen.
Als sie klopfenden Herzens die unsaubere Stiege des von häßlichen Küchendüften erfüllten Hauses emporstieg, lehnte sich eine Frau in unordentlichem Anzug über das Geländer und musterte sie in aufdringlicher Neugier.
»Nicht wahr, hier wohnt Frau Jobst?« fragte Güldenfey freundlich.
Die Musternde wurde zugänglich und gab mit lauter Geschwätzigkeit Bescheid. Die Jobsten! Ja, ja! Noch wohne sie hier. Ob sie zu Haus sei, wisse man nicht, sie habe seit gestern wieder eine Stelle. Aber der Jobst sei da und das Kind.
Güldenfey hielt dem Redestrom tapfer stand und blickte die Frau ruhig an. In ihr krampfte sich etwas zusammen. Wie roh die Gesichtszüge waren, wie rauh die Worte und wie wüst das armselige Haar! Das waren die Hausgenossen der Frau, die einst mit glänzendem Gespann durch die Straßen fuhr und im Treßhof ein und aus ging, die erste Dame der Stadt!
Sie dankte und tappte in den dunklen Gang, den jene ihr gewiesen. Es waren viele Türen hier. Auf gut Glück pochte sie an eine, hinter der ein lang anhaltendes hohles Husten hörbar war. Eine zerbrochene Stimme sagte etwas, dann näherten sich trippelnde Kinderfüße der Tür.
»Wohnt hier Frau Jobst?« wiederholte Güldenfey ihre Frage.
Das Kind führte den Finger zum Mund und sah den Besuch unschlüssig an. Aus der Tiefe des Raumes drangen wieder Laute der zerbrochenen Stimme.
»Darf ich wohl eintreten?« fragte Güldenfey und schob sich durch den Türspalt in die Stube.
Daß es Gott erbarm! Der Raum war kalt und wirkte darum in seiner Kahlheit noch frostiger. Zwei Stühle, ein Tisch, ein Bett, ein Gestell, das wohl zur Herrichtung eines zweiten Lagers diente. Kisten, in denen einiges Geschirr aufgestapelt war. Von einem Kochofen stieg ein seltsamer Brodem auf. Durch kahle Fenster sah der blaue Frühlingstag.
Auf dem Bett lag ein Mann mit wirrem blondem Kopf- und Barthaar. Seine dürre Hand hielt ein blau und weiß gestreiftes rauhes Hemd über der Brust zusammen. Auf dem Stuhl am Bett stand ein Trinkgefäß mit braunem Trank gefüllt.
»Ich suche Frau Jobst«, sagte Güldenfey, als sich ihr das wächserne Gesicht fragend zuwandte. Es kostete sie Mühe, mit ihrer Stimme die Lasten der Beklemmung zu heben, die dieser Anblick auf sie legte.
Der Mann machte eine bedauernde Gebärde. »Meine Frau ist auf Arbeit gegangen«, sagte die zerbrochene Stimme mühsam. »Sie wollen sie wohl zur Aufwartung. Das ist unmöglich. Sie ist fast den ganzen Tag über fort, und die Zeit, die ihr übrigbleibt --«
Eine Handbewegung deutete auf die kärgliche Umgebung und das Kind. Ein Hustenanfall riß wütend die ausgehöhlte Brust auf und nieder. Und dich, du Armer, begreift deine Gebärde nicht einmal mit ein, dachte Güldenfey. Sie wartete, bis er Ruhe fand, sie anzuhören. Etwas in ihr warnte sie, zu sagen, warum sie gekommen sei.
»Kann man denn nichts für Sie tun?« fragte sie.
Er gab weder durch Gebärde noch Miene Antwort. Sein Schweigen war durchaus abweisend: Laß mir meine Ruhe und frage nicht!
»Ich hätte Ihre Frau gern gesprochen«, begann sie zaghaft aufs neue. »Wann könnte das wohl sein, wann darf ich wiederkommen?«
»Heute nicht«, sagte der Kranke.
»Also morgen! Gut, ich komme morgen. Und um welche Zeit? Bemühen Sie sich nicht mit Reden. Nicken Sie nur, wenn es zutrifft. Mittags? Nein, schön! Nachmittags etwa gegen fünf Uhr? Auch nicht! Also des Abends?«
Jobst wandte plötzlich das Gesicht Güldenfey zu; aus seinen erlöschenden Augen traf sie ein forschender Blick. »Schreiben Sie Ihre Adresse auf«, sagte er. »Meine Frau wird sich schon bei Ihnen melden.«
O nein, sie würde nie kommen; in den Treßhof würde sie nimmermehr gehen!
»Es ist besser, ich komme morgen selbst wieder«, sagte Güldenfey hastig. »Ihre Frau ist am Abend müde und findet hier mancherlei zu tun. Ja, morgen abend komme ich und wünsche herzlich, daß es Ihnen bis dahin besser gehe.«
Ihre Augen grüßten; mit unbeschreiblich lieber Bewegung neigte sie sich zu dem Kind und streichelte es. Ach, was alles ihm fehlte! Dann ging sie.
Und dann kam ein Tag voll aufgeregten Wartens, voll guter Vorsätze und heimlicher Pläne. Was sich Güldenfey alles ausdachte, und wie ihr Herz einem gesegneten Brunnen im Frühling glich, der seine Wasser von einer Schale in die andre sprudeln läßt! Malte? Nein, sie ging nicht zu ihm, sie wollte ungehemmt alles allein tun. Auch Ose teilte sie sich nicht mit.
Aber dann kam die Enttäuschung.
Als sie am Abend vor dem Hause eintraf, das ihre Gedanken während des ganzen Tages umkreist hatten, stand da vor der Tür ein kleiner Wagen, mit einem müden Pferdchen bespannt, von dem Leute einen geringen Hausrat abluden. Kinder schleppten vor ihr her Besen und Eimer die Treppe empor und in den dunklen Flur hinein. Auf dem Treppenabsatz stand mit einer andern schwatzend die unordentlich gekleidete Frau, zottig wie gestern, obschon es spät am Tage war. Güldenfey grüßte und schickte sich an, den Gang zu betreten.
»Jobstens sind fort«, rief ihr die Frau zu.
Güldenfey blieb stehen. »Fort?« fragte sie staunend.
»Sie sehen ja. Es ziehen doch schon andre ein.« Die Auskunft wurde fast kränkend hingeworfen.
»Ja, aber ... Wo sind sie denn hingezogen?«
»Das kann ich nicht wissen.«