Der Volksbeglücker

Part 26

Chapter 263,859 wordsPublic domain

Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. -- Aber mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und ruhig schlug allmählich sein Herz.

Und da geschah es eines Tages -- ein Gewitter war verrauscht und durch zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen, die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten. Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied. Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.

Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.

Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und ausgekühlt und wertlos.

Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker. Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.

Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein, wie er für die Welt tot sein wollte.

Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“

Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen Augen an.

„Was erzählen!“ bettelte der Bub.

Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach einer geraumen Weile zu reden an: „Also -- es war einmal ein Mann, der war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt, daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist. Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“

Er schwieg und holte tief Atem.

„Der dumme Mann!“ rief der kleine Hansl.

„Jawohl, der dumme, dumme Mann!“

„Fix, Hansl, dein Abendbrot ist da!“ rief die Mutter dazwischen. Der Bub wollte nicht fort: „Erzähl’ mehr, Vaterl!“ bat er. Aber Frau Eva machte keine Umstände. Sie packte den Zappelnden unter den Armen und hob ihn in seinen Sessel. „Avanti! Jetzt wird gegessen, daß du mir rechtzeitig in die Federn kommst!“ Sie band ihm ein Mundtuch vor, gab ihm den Löffel in die Hand. Nun aß er gehorsam seine Eierspeise und schmatzte mit den Lippen und ließ sich von der Mutter die Semmelbrocken in den Mund stecken.

Durch das Gegitter des Spitzenvorhangs schaute Fritz zu. Da waren sie beisammen, die beiden lieben Menschen, die schöne reife Frau und der helläugige Knabe, im goldenen Kreis der Lampe. Und beide hatten vergnügte Gesichter und waren guter Dinge und nicht ein leisester Schatten trübte jetzt ihre heiteren Mienen. Im engsten Raum, vom goldenen Lichtkreis eingeschlossen, Mutter und Kind, Erfüllung und Verheißung, lachend und blühend wie die Erde im Juni. Und er -- hatte sich selbst aus dem goldenen Kreis verbannt, -- um all das Licht hatte er sich betrogen, mußte schuldbeladen abseits stehen.

Der dumme, dumme Mann!

Hart vor seinen Füßen hörte mit einer scharfen Linie das warme Lichtrund auf und um ihn war Dunkel und Einsamkeit und Kälte.

Du dummer, dummer Mann!

So tritt doch heraus aus dem Dunkel. Wag’ den Schritt -- ins Licht, in die Wärme, in die Liebe -- zurück in den leuchtenden Kreis des Lebens. Diesmal kannst du nicht in die Irre gehen. Zu nah ist das Ziel. Ein Schritt nur -- ein Öffnen der Arme -- und du hast es und hältst es fest -- und nimmer, nimmermehr kann es dir dann entfliehen.

Aber es war ihm, als könnte er niemals über diese scharfe, klare Grenzlinie hinüber.

„Weiter erzählen!“ rief Hansl und schlug mit seinem Löffel gegen den blechernen Teller. „Weiter erzählen, Vaterle!“

Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen, daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen, daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“

Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen -- und seine Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück gefunden im goldenen Kreis des Lebens.

4.

In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach, hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel einziehen und Anker werfen.

Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele, die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben. Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken, aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm zunächst stand und ihn am liebsten hatte.

Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich, nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.

Und langsam wurden sie frei.

Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.

Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der Freude.

Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er denn das Schicksal der Empörer.

Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis, die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.

Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.

Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten. Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus getan. Er schämte sich noch.

Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in ihn und endlich gab er nach.

Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe, blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer, ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah, stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend junge schöne Frau.

Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich auftat.

Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett, sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend, wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.

Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern, schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen Zypreßchen.

Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig. Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten. Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:

„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“

„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.

„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher? Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’ ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir, gelt, du?“

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.

„O -- du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon -- und alles durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich und kalt und dunkel ist -- durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um -- dir’s zu danken und dir’s zu lohnen -- und abzuzahlen -- und zu vergelten, so gut ich’s kann. -- Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“

Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie zu tiefst erschauern.

Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende Unendlichkeit empor.

5.

Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei gewesen.

Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus. Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg. Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel, und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge, die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht fühlbar und nicht drückend wurde.

Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben, über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein durchbrochenes Spitzengewebe.

Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ, und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.

Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen. Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners, der trotzig unbewegten Riesen -- und es war wie der heiße Ansturm des vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.

Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer blühte das Edelweiß.

Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge sicher und gut wie Vögel im Nest.

Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen, die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht über Trümmern.

Kolben brach endlich das Schweigen.

„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu seinen Füßen.

Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.

„Ja -- hier oben -- ein paar tausend Meter weit von allen Menschen -- da ist Friede! Und Ruhe -- und Sicherheit. -- Aber schon dort unten, in den elenden Hütten -- so friedlich schauen sie aus, so idyllisch und poetisch -- schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort schon mißhandelt, -- wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken, diese -- Menschenstätten? _Hier_ ist Friede! Aber wo Menschen sind, da ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“

Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner Seele gewuchtet hatte.