Der Volksbeglücker

Part 25

Chapter 253,760 wordsPublic domain

Der richtete sich jählings auf. „Wie viele sind verwundet? Wie viele tot?“ fragte er hastig, und im Grunde seiner Augen stand das Grauen. Der Arzt zog gleichmütig die Schultern hoch. „Weiß die Zahl noch nicht!“ sagte er. „War ein heißer Tag, hat viel Arbeit gegeben. Das waren, Gott sei Dank, die letzten.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Bahre, die eben in den Krankenwagen gehoben wurde. „Ruhe brauchen Sie! Schlafen Sie sich ordentlich aus, Ihre Nerven haben’s verdammt nötig! Sonst fehlt Ihnen nichts!“ Nachlässig salutierte er und eilte zu den Fahrzeugen. Die Pferde zogen an, im Galopp ging es fort.

Dann kam der Hauptmann und bat den Besitzer der Fabrik um eine Unterredung. Und während Reinholt mit ihm sprach, trat Hellwig auf den Fahrweg hinaus, ging wie ein Schlafwandelnder weiter und weiter, zwischen rauschenden Feldern ging er und durch blühende Wiesen, und als Reinholt laut seinen Namen durch die Stille rief, da schritt er nur desto rascher vorwärts, mehrfach abbiegend, kreuz und quer, auf schmalen Rasenbändern, weiter und weiter, und er wußte nicht, wohin er ging und was ihn vorwärts stieß.

Hoch oben in der Luft trieben noch immer schnell und lautlos die silbrigen Wolken vor dem Mond, der halbrund am Himmel hing und es war, als ständen die Wolken still und jagte die weiße Luna in hastiger Flucht zwischen den ruhenden Silberflocken durch den glanzerfüllten Raum. Von den brennenden Speichern und Dächern der Fabrik kam ein roter Schein und wehte unruhig über die Fluren, und der Himmel war dort purpurn glühend und die dunklen Büsche standen davor mit allen ihren schlanken Zweigen und gerundeten Blättern scharf aus dem lohenden Glanz herausgehoben, schwarze Schattenbilder auf goldig flammendem Grund. Schön und seltsam und geheimnisvoll war die Landschaft mit ihren sanften und grellen, ruhigen und beweglich huschenden Lichtern und Farben und Schatten, und unermeßlich dehnte sie sich in einem milden Leuchten blau verdämmernd, weit, weit, bis sie mit dem Rand der hohen Himmelsglocke zusammenschmolz. Lautloses Ineinanderspielen der Farben unten, lautloses Wolkenziehen hoch darüber, glanzgesättigte Stille dazwischen: das war wie ein Prunksaal der Einsamkeit, die hier demütigstolz die Königskrone aus den Händen der Unendlichkeit entgegennahm.

Trostbringende Königin Einsamkeit.

Für den, der hier ihren Krönungssaal durchwanderte, weiter und immer weiter wanderte, mit gesenkter Stirn und schlaffen Armen, für ihn hatte sie keinen Trost, und er suchte ihn auch nicht. Er wollte nur ... Was wollte er denn eigentlich noch?

Da war ihm alles niedergebrochen. Ihm, dem Sieger, -- „Wir sind durch!“ hatte er oft und oft den Freunden gesagt, -- war alles niedergebrochen. So gründlich, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Und die ihm vertraut hatten, saßen jetzt zwischen ausgebrannten Mauern, viele brave, arbeitsame Leute, -- und konnten betteln gehen. Sein Lebenswerk. -- Und Blut war vergossen worden. Durch seine Schuld war Blut vergossen worden, rotes, warmes Menschenblut. Sein Lebenswerk. Und alles war ihm niedergebrochen. Was wollte er also noch?

Diese Gedanken, und immer nur dieselben Gedanken waren es, die ihn begleiteten, während er so durch die endlose Ebene hinschritt, stundenlang weiter und weiter schritt, bis ihn die Müdigkeit überwältigte. Seine Beine begannen zu zittern, er taumelte und mußte sich niedersetzen.

Ganz schüchtern leuchtete das Frührot auf. In klaren Kugeln hing der Tau an den Gewächsen, und faul versuchte ein Frosch seine knarrende Stimme. Ein Vogel fing zu zirpen an, zaghaft und leis, als fürchtete er sich noch vor der Dämmerung und der Stille -- dann lauter, kecker -- ein zweiter gab Antwort -- und als der junge Tag goldhell in das freudig aufschauernde Land hineinsprang, da jubilierten im vollen Chor, dem Zwang der Nacht entronnen und grüßten ihn viel hundert gefiederte Sänger.

Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen. Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.

Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern, ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo er angefangen -- vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe -- Irrsal -- Verzweiflung -- das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war, ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein Gestorbener war.

Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“

Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl, dorthin gehörst du -- sie warten auf dich. -- Nicht um deinetwillen -- ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen -- wenn auch du -- zerbrochen bist ...“

Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten Bahnstation ab.

7.

Otto Pichler las in seinem Stammcafé in den Zeitungen, daß das Unternehmen des einstigen Freundes gescheitert war. Es bewegte ihn nur wenig. _Sein_ Schifflein war geborgen.

Schon längst hatte er Grete Deming geheiratet, schon längst war er Prokurist und Stellvertreter des Direktors der chemischen Fabrik. Sein Schwiegervater hatte sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein verdienstvoller alter Herr, den man nicht hatte übergehen können, war dermalen mit der Leitung betraut. Aber sein Rücktritt konnte nicht mehr lang auf sich warten lassen, und dann war Otto der kommende Mann. Bei den Beamten war er beliebt. ‚Das Glückskind‘ nannten sie ihn und hatten recht damit. Nur wenige gab es, die so spielend mit dem Leben fertig wurden und mühelos die reifen Früchte auflesen konnten, die ihnen ohne vieles Dazutun wie von selbst in den Schoß fielen.

Seine Ehe war wie tausend andere auch weder heiß noch kalt; eine gleichmäßig laue Atmosphäre hüllte sie ein, ließ keine Stürme heran, machte den Körper feist und war dem Wohlbefinden ungemein bekömmlich.

Er ging seine Wege, Grete ging ihre Wege, mit der Treue nahmen sie es beide nicht zu genau.

Als der zukünftige Direktor den Bericht gelesen hatte, fragte er den Kellner, ob die Herren seiner täglichen Tarockpartie schon anwesend seien. Der Befrackte bejahte. Da zog Otto ein goldenes Etui aus der Brusttasche, zündete sich eine Zigarette an, und während er den Rauch erst einatmete und dann langsam in die Luft hinausschwimmen ließ, dachte er: Ist es nicht Wahnsinn und Aberwitz, Gesundheit und Kraft und Blut für wildfremde Menschen einzusetzen? Wir leben schließlich doch nur das eine Leben, und warum sollten wir uns das nicht so angenehm wie möglich machen und trachten, daß es uns sacht und unmerklich verrinne in Fröhlichkeit und heiterem Behagen?

Dann ging er ins Spielzimmer und mischte die Karten.

Sechstes Buch

1.

Mitternacht war vorüber, als Hellwig bei Kolben Einlaß heischte. Der Doktor war noch wach. Als Fritz draußen schellte, ging er ihm ins Vorzimmer entgegen. „Komm nur herein,“ sagte er, „ich hab’ dich erwartet.“

Und Fritz trat wortlos ein und hatte blasse Wangen und scheue Augen, die ohne Unterlaß den persischen Teppich am Fußboden betrachteten. Aber Kolben tat, als bemerkte er das nicht, sondern sprach zu ihm über seine Rosenkulturen im Garten, die heuer besonders reichlich blühen würden, über die vielen sonnigen Frühjahrstage, die immer wieder zu Wanderungen ins Gebirge lockten, über die letzte Premiere im Burgtheater. Über das alles und noch über viele andere Dinge sprach der Doktor unbefangen und zwanglos, als wäre Hellwig nicht an die drei Jahre, sondern kaum ebenso viele Tage fortgewesen. Und nur mitten zwischen diesen Dingen sagte er einmal ganz von ungefähr: „Deine Frau wirst du wohl jetzt nicht aufwecken wollen? Sie weiß auch noch nichts, es ist besser, du bleibst die Nacht bei mir.“

Fritz atmete schwer auf und bewegte die Lippen, aber er sprach nichts und schaute nur stumpf vor sich hin, elend und voll Schuldbewußtsein. Doch als ihm der Doktor jetzt sein Schlafzimmer überlassen wollte, -- er müsse sich ausruhen, man sehe ihm ja an, daß er total erschöpft sei, -- da lehnte er auch das stumm ab und blieb auf dem Diwan sitzen, mit halb geschlossenen Augen und ganz teilnahmslos. Kolben aber dachte bei sich, daß es besser wäre, den stolzen und harten Mann mit allen den herben Verlusten und Enttäuschungen und Vorwürfen allein sich abfinden und fertig werden zu lassen. Und er brachte Kissen und Decken, wünschte ihm gute Nacht und zog sich zurück. Und Hellwig war ihm dafür dankbar.

Er drehte die Glühlampe ab und blieb im Dunkeln sitzen und erinnerte sich, daß er unter einem Dach mit Eva sei, daß ober ihm sein Junge schlief, und das war Weh und Beruhigung, Qual und Trost zugleich. Doch schließlich wurde die Übermüdung stärker als alles andere, und auf die zerrüttelnden Aufregungen der letzten Tage reagierte der Körper endlich mit einem tiefen traumlosen Schlaf, der bis in die späten Vormittagstunden nicht von den bleischweren Lidern wich.

Über alles mögliche hatte Kolben geredet. Aber was er für den Freund getan und wie er Eva über die langen einsamen Tage und Monate und Jahre hinweggeholfen, davon hatte er geschwiegen. Mit opferwilliger Treue, ein verläßlicher Berater und Sorgenbanner, war er ihr zur Seite gestanden, und während sie anfangs nicht darauf achtete, hatte er ihr alle unangenehmen und schwierigen Geschäfte abgenommen. Auch ihr Vermögen verwaltete er, und wenn Eva sich niemals ganz verlassen fühlte und wenn ihr gar nicht recht zu Bewußtsein kam, was eigentlich Fritz ihr angetan hatte, als er sie mit dem Kinde unbesinnlich in der großen fremden Stadt mutterseelenallein gelassen, wenn sie davon nichts merkte und sich leidlich zufrieden und geborgen glaubte, so war dies ausschließlich das Verdienst des Doktors.

* * *

Als Fritz endlich wach geworden, ging er mit Kolben in den ersten Stock hinauf. Kaum ein Wort hatte er bisher geredet. Und als er im Vorzimmer seiner eigenen Wohnung stand, spürte er den ungestümen Schlag seines Herzens bis in der Kehle. Kolben aber ließ ihn draußen warten und ging allein hinein, um Eva vorzubereiten. Ruhig und launig wie alle Tage begrüßte er sie und tat, als wäre gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen oder im Anzug. Der vierjährige Hansl war mit dem Dienstmädchen spazierengegangen.

Wo war die Frohsinn blitzende Eva von früher? Ganz zu tiefst, in den verstecktesten Winkel des Herzens, mußte sich die Fröhlichkeit verkrochen haben. Keine Spur davon war mehr in den schwermütigen Augen, dem ernsten Antlitz, das deutlich die Zeichen gelittener Schmerzen eingefaltet trug. Nur in den blonden Haarspitzen leuchtete etwas, ein flink Bewegliches, Übermütiges, und war schon wieder weg. Kaum wie ein schnell vorbeihuschendes Erinnern an funkelnde Jugend und sonnige Tage war das gewesen.

Unten schritt ein Briefträger über die Straße.

„Haben Sie keine Nachricht von Fritz?“ fragte da Eva unvermittelt.

„Dasselbe wollte ich _Sie_ fragen ...“

Ein trauriges Lächeln ging um ihre Lippen.

„Mich? Seit Wochen hat er nichts hören lassen. Ich weiß schon nicht mehr, was ich mir denken soll!“

„Schreibfaul war Fritz von je.“

„Aber so lang hab’ ich noch nie warten müssen!“

„Er wird Sorgen haben. Der Streik dauert jetzt schon einen Monat ...“

„Wissen Sie denn wenigstens darüber etwas Neues? Denken Sie sich, heut’ hab’ ich schon wieder keine Zeitung bekommen. Gestern doch auch nicht. Was nur dem Austräger eingefallen ist?“

Kolben erhob sich. „Ich -- habe ihn das so geheißen, Frau Eva,“ sagte er sehr ernst.

Da stand sie auch schon dicht vor ihm und schaute angstvoll in sein ruhiges Gesicht. „Kolben! Was hat’s gegeben?“

„Nichts, was Sie bedauern müßten, Frau Eva.“

Sie rieb die Knöchel ihrer Finger gegeneinander. „So sprechen Sie doch! Rasch! Rasch!“

Zögernd gab er Antwort: „Die Führer des Streiks haben ihren Zweck erreicht. Reinholts Arbeiter haben sich dem Ausstand angeschlossen ... es hat Ausschreitungen gegeben ...“

Da schrie sie laut auf: „Fritz! Fritz! -- Doktor, was ist mit Fritz?“

„Ruhe, Frau Eva, Ruhe -- _ihm_ ist nichts geschehen. Jetzt endlich wird er heimkommen.“

Sanft legte er den Arm um die Wankende. Aber sie stieß ihn ungestüm zurück. „Jetzt, Kolben? Jetzt? Nein! Nein! Das erträgt er nicht! Doktor ... er verzweifelt ja! Wir müssen hin! Doktor ... wir kommen ja schon zu spät ...“

Kolben hielt ihr die zitternden Hände fest. „Seien Sie vernünftig, Frau Eva, ich hab’ Ihnen schon gesagt: Jetzt endlich wird er heimkommen. Vielleicht ist er schon auf dem Weg ...“

Da schaute sie ihn mit einem wilden Blick an und rief: „Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Bringt Sie denn nichts aus Ihrem Gleichmut? Und Sie wollen sein Freund sein? Schämen Sie sich! Wissen Sie denn ... ob er -- überhaupt noch lebt?“

Und ganz ruhig, ganz bescheiden antwortete der Doktor darauf: „Gewiß, Frau Eva ... Er ist ja schon heimgekommen.“

Er öffnete die Tür. Hellwig stand unter der Schwelle. Und während Kolben mit zuckendem Gesicht, -- nun er allein war, brauchte er nichts mehr zu verbergen, -- während Kolben über die Treppe hinabeilte, warf sich Eva stürmisch an die Brust ihres Mannes.

„Fritz!“ flüsterte sie in heißer Freude. „Fritz!“

„Eva!“ Das klang rauh und war wie ein Schrei.

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. „Nun bist du wiedergekommen! Nun bist du endlich wiedergekommen!“ sagte sie und wiederholte es immerfort, langte nach seinen Wangen und streichelte sie und schaute ihn mit strahlenden Augen an und hatte alles Leid vergessen. „Blaß und schmal bist du geworden! Wo sind deine roten Backen hin? Bist du müde? Komm, setz’ dich, mach’ dir’s bequem, ruh’ dich aus ...“

Und er hielt sie fest an sich gepreßt und legte ihren Kopf an seine Brust und schaute auf ihren blonden Scheitel und biß die Zähne zusammen, um nicht aufzuschluchzen. Alles Unrecht, das er ihr angetan, stand mit einem Male, nun er die Sanfte, Geduldige, Frohe wiedersah, riesengroß vor ihm auf, und er fühlte sich elend und schlecht und aller Liebe unwert.

Aus dem Vorzimmer klang das Getrappel von Kinderfüßen und Geplapper. Der kleine Hansl kam vom Spaziergang heim. Und dann ging die Tür auf, sprang der Bub über die Schwelle, auf die Mutter zu. Da sah er den großen fremden Mann, wurde kleinlaut und wagte sich nicht weiter. Eva ergriff seine Hand. „Hansl!“ sagte sie mühsam heiter. „Hansl, komm zu Vaterl!“

Halb scheu, halb zutraulich trippelte der Bub heran.

„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.

„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ -- Gott --“ Da stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“

Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und küßte ihn.

„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen holen!“

Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater nicht länger in solcher Erregung sehen.

2.

Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.

Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer -- und war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben, weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab. Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß. Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter abwärts _muß_ dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen und nicht anders! -- In tausend Jahren _muß_ die Menschheit diesen und diesen Weg gehen und keinen andern!

Wer wäre so vermessen?

Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt: den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen -- und an sich. Das frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf. Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.

Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen: „Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch unzugänglich und taub für jeden Trost.

Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang, schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich vor ihnen schuldig glaubte.

„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.

„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“

Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit, hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles durchleuchtet und durchwärmt.

Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte, erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.

Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.

Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt eigentlich anfangen?“

„Ich -- weiß es nicht ...“

„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“

„Das geht nicht!“

„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal, alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich. Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, -- und besser, als so ins Weite, Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, -- hm -- ich denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht? Und dann -- uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, -- sie hat zu viel durchmachen müssen, -- die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und ich -- jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens wieder jemanden. Und schreiben -- du wirst ja doch nichts andres tun als Bücher schreiben und für die Zeitungen -- schreiben kannst bei uns draußen auch. Was meinst?“

Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.

„Stör’ ich?“ fragte er.

„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach Neuberg!“

Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was dort?“

Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach. Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden, wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen am stützenden Pfahl festhält.

3.

Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige Wolke der Friede.